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Schöne Yvi (25) von Porno-Mafia entführt? - Bild Zeitung

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Neuester Testbericht: ... Das sind dann die, diese Zeitung heimlich lesen, damit es keiner sieht. Ich mag diese Zeitung, meine "Bild" und ich stehe dazu ... mehr

Schöne Yvi (25) von Porno-Mafia entführt?
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George.Bailey

Name des Mitglieds: George.Bailey

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Datum: 02.11.01, geändert am 02.11.01 (2851 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: schnelle Information möglich, spannende Aufbereitung von Ereignissen

Nachteile: hier steht die UNterhaltung im Vordergrund

Hoffentlich geneigte dooyooisti, an dieser Stelle scheint mir ein erklärendes Wort zur Chronologie der Ereignisse angezeigt:

Mittlerweile ist die schöne Yvette niedergekommen - und hat einer gesunden Quappe das Leben geschenkt. Dies ist geschehen, nachdem wir Yvette aus den Klauen einer unheimlichen Macht haben befreien können. Dies soll, zu Euer aller Beruhigung, vorweggenommen sein. Wie es dazu kam, dass Gisela, Günther und George den Entführer der Yvette stellen konnten - welche Rolle Kurt, der Seemann, dabei spielte sowie eine Reihe von anderen, höchst erstaunlichen Begebenheiten ... sollen in der Folge geschildert werden. Aber - schön der Reihe nach ... hier also ein kurzer Bericht über das, was sich in den finsteren Tunneln unter der Stadt zugetragen hat, in die Gisela, Günther und George hinabgestiegen waren - und zwar so, wie es im darauffolgenden Tag in der "Bild am Sonntag" zu lesen war:

Schwangere gekidnappt:
War es die Porno-Mafia?

Sie wollte nur ihren Nachbarn besuchen - und wurde gekidnappt: Als die schöne Yvette P., 25 (Typ: Laetitia Casta), gestern um die Mittagszeit bei ihrem Nachbarn George B. (33, Wissenschaftler) klingelt, ist die Welt noch in Ordnung. Minuten später dann das Unfassbare: Am helllichten Tag wird das Mädchen vor den Augen seiner Mutter von Unbekannten verschleppt!

Steinwurf-Attacke

Erst fliegen Steine durchs Fenster - einer trifft Gisela P. am Kopf: bewusstlos bricht die Frau zusammen. Zufall - oder teuflischer Plan? Günther W., Postbote, hat alles mit angesehen - kann aber nicht helfen: "Plötzlich spüre ich einen Schlag - danach wird alles schwarz." Ex-Matrose W. geht zu Boden - der einzige, der jetzt noch helfen könnte: George B. - doch der ist abgelenkt. "Ich habe das Fenster gesichert - dabei muss es dann passiert sein." Ein Schrei - plötzlich ist das Mädchen wie vom Erdboden verschluckt. Die einzige Spur: ein offener Kanaldeckel. Die Mutter - ver
zweifelt: "Yvi ist schwanger - ich mache mir solche Sorgen - wer tut so was Schreckliches?" George B. nimmt die Jagd auf Mister X selbst in die Hand, steigt mit Gisela P. und Günther W. in die stinkende Kloake: "Das war wie im Film 'Der Dritte Mann'"

Zocker entführte Yvi

Nach filmreifer Jagd im Untergrund dann die erste heiße Spur: das Trio macht einen geheimnisvollen Unbekannten dingfest. E., 28, Börsenzocker, nach seiner Festnahme: "Ja, ich habe sie entführt - aber alles sollte nur ein Scherz sein." Auf der Wache dann das ganze Geständnis: E. verschleppte Yvi im Auftrag eines Unbekannten - das Kopfgeld: 1000 Mark in kleinen Scheinen. E.: "Ich hab' die Torte in einem aufblasbaren Schiffchen zu einem vereinbarten Treffpunkt geschippert." Dort übergab der skrupellose E. das hilflose Mädchen einem maskierten Dunkelmann: "Keine Ahnung, wer das war." Die Polizei: "Wir ermitteln in alle Richtungen." Wurde die schöne Yvi womöglich Opfer eines international agierenden Porno-Ringes? Willi Bongartz von der SOKO "Yvette P.": "Wir ziehen keine voreiligen Schlüsse - aber, ja: die Möglichkeit besteht natürlich."

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DIE "BILD"
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Entgegen einer noch häufig anzutreffenden Ansicht schreiben die Redakteure der Zeitung "Bild" keineswegs wissentlich die Unwahrheit - die "Bild" "lügt" ebenso wenig "wie gedruckt", wie dies andere Boulevardzeitungen tun. Was sie sehr wohl tut: Sie bereitet die Geschehnisse, über die berichtet wird, in einer Optik und Sprache auf, die bestimmten Erwartungen ihrer Leserinnen und Leser entgegenkommen - das aber tun andere Zeitungen nicht minder.

Dazu gehört das oft kopierte, Bild-typische Layout mit großformatigen Bildern und einer Typographie, die selbst auf von Spionagesatelliten stammenden Aufnahmen noch gut lesbar sein dürfte: In der "
Bild" nimmt eine Überschrift oft mehr Platz in Anspruch, als es der dazugehörige Artikel tut. Und, was immer Studienräte landauf, landab, in ihrem Deutschunterricht auch lehrplangemäß verkünden mögen: Das Thema "Bild"-Zeitung verdient einen kritischen Umgang - bei dem auch die Verdienste, die die "Bild"-Zeitung für sich durchaus in Anspruch nehmen kann, nicht zu kurz kommen sollten.

Eine meiner ehemaligen Deutschlehrerinnen wetterte stets ganz fürchterlich gegen die "Bild" - und betrieb dabei paradoxer Weise doch genau das, was sie der "Bild"-Zeitung vorwarf: Stimmungsmache. Oder, anders gesagt: Manipulation.

Im Gegensatz zu anderen Zeitungen stellen Boulevardzeitungen wie die "Bild" für gewöhnlich den "human interest"-Aspekt (sprich: das "Menschelnde") einer Story in den Vordergrund - ein Bericht, der in einer anderen Zeitung als kleine Meldung und allenfalls unter "Vermischtes" erscheinen würde, kann bei der "Bild" auch schon mal der Aufmacher sein: Yvettes Entführung ist so eine Geschichte, die selbstredend auf den Titel gehört.

Die Sprache, die die "Bild"-Zeitung verwendet ist dabei kurz, knapp und zupackend - und scheut auch vor umgangssprachlichen Wendungen und im besten Sinne "bildhaften" Formulierungen nicht zurück. Die Überschriften bestehen zuweilen aus (rhetorischen) Fragen ("BSE - was sollen meine Kinder essen?"), setzen oft gewisse Sachverhalte bzw. Personen als bekannt voraus ("Frank Fussbroich: Ist er nicht ganz normal?") und nehmen häufig sehr starken Bezug auf Ereignisse, die lediglich in einer bestimmten Region von Interesse sind ("Ich bin Willy sein Mallörche" - beim fraglichen "Willy" handelte es sich natürlich [!] um den seligen Willy Millowitsch; "Mallörche", dies habe ich seinerzeit nach der dritten Tasse des Morgenkaffees begriffen, hat nichts mit "
Mallorca" zu tun, wie Euer von Hause aus etwas begriffsstutziger George zunächst vermutet hatte, sondern ist der kölsche Diminutiv eines ganz speziellen "Malheurs" - gemeint ist hier: der quicklebendige Beweis für ein außereheliches Schäferstündchen).

Während andere Zeitungen das sprachliche Pendant des dreiteiligen Anzugs wählen, kommt die "Bild" gewissermaßen im Blaumann daher, krempelt die Ärmel hoch und haut dem geneigten Leser krachend auf die Schulter: "Ich spreche Deine Sprache", scheint sie dem Leser sagen zu wollen - und versteht sich folgerichtig auch oft genug als "Volkes Stimme": Distanz ist ihre Sache nicht, Überschriften wie "Steuerterror: Hans - es reicht!" (von mir ad hoc frei erfunden, wie ich zugebe) dagegen schon sehr viel mehr. So uninformativ solche Überschriften auch streng genommen sind (Wer ist "Hans"? Was "reicht" denn da? Wem reicht's? Und mit welchem Recht macht er daraus eine Aussage, die wir unmittelbar als "Es reicht uns allen" interpretieren?) - auf ihre Weise sind sie doch sehr prägnant: Wie immer, wenn eine Aussage im "Telegrammstil" getroffen wird, ist es am Leser, das zu ergänzen, was nicht gesagt oder als bekannt vorausgesetzt wird. Mit ein bisschen Kombinieren dürfen wir also vermuten, dass es sich beim fraglichen "Hans" um Finanzminister Eichel handelt, der Ausdruck "Steuerterror" lässt vermuten, dass da irgendwelche Steuern nicht abgeschafft oder gesenkt wurden, sondern neue geschaffen oder bestehende erhöht wurden - und wenn wir ganz ehrlich sind, dann bringt "Es reicht!" unsere Einstellung dazu, dass demnächst netto wieder ein wenig auf der Gehaltsabrechnung steht, ganz prima auf den Punkt. Mit anderen Worten: Solche Überschriften zu texten, wie sie in der "Bild" an der Tagesordnung sind, ist eine Kunst für sich - die nur der beherrscht, der mit Sprache umzugehen versteht (meine D
eutschlehrerin Frau S. aus D. unterstellte den Redakteuren der "Bild" das genaue Gegenteil - das sei doch alles "schlechtes Deutsch").

Was mit den Überschriften beginnt, setzt sich in den Artikeln fort: Hier dominieren kurze, oft sogar elliptisch formulierte ("Die Mutter - verzweifelt") Hauptsätze und eine Sprache, die holzschnittartige Bilder verwendet. Klischees in der Story von Yvettes Entführung sind z.B.: "die schöne Yvette" (Tut es etwas zur Sache, dass Yvette "schön" ist? Wer befindet darüber, ob Yvette wirklich "schön" ist?), "Mister X" oder auch die Tatsache, dass es sich bei George um einen "Wissenschaftler", bei Yvettes Entführer E. dagegen (!) um einen "Börsenzocker" handelt. Der Eindruck, den wir hier gewinnen: Hier werden Personen einander gegenübergestellt - und diese Gegenüberstellung geht auch gleich mit einer Wertung einher. "Wissenschaftler" - das klingt ebenso seriös wie der "Zocker" unseriös klingt. Ob George nicht vielleicht auch an der Börse spekuliert - erfahren wir nicht. Ob E. ebenfalls Akademiker ist - erfahren wir auch nicht. Einem (Hoch)Schulabschluss wird vielmehr eine "Freizeitbeschäftigung" gegenübergestellt - es bleibt der Eindruck: in der Person des George begegnen wir einem "seriösen" Akademiker, bei E. handelt es sich um einen "unseriösen" Glücksspieler. Beide Informationen besitzen keine Relevanz für das, was da eigentlich geschildert wird - genau so wenig wie die Tatsache, dass es sich bei Yvette um ein gutaussehendes, "hilfloses Mädchen" handelt. Was sich hier vor unseren Augen abspielt, ist ein Melodrama - mit der für ein Melodrama typischen Rollenverteilung von Gut und Böse.

Auch dass Yvette möglicher Weise von einer Gruppe, die der Organisierten Kriminalität zugerechnet werden darf (verkürzt kann das nur heißen: "Mafia"), entführt wurde, ist natürlic
h reine Spekulation - und dass es sich dabei um Menschen- bzw. Mädchenhändler handelt ("international agierender Porno-Ring"), kann man ja, solange der Beweis des Gegenteils noch aussteht ("Die Möglichkeit besteht natürlich"), einfach mal annehmen - schließlich ist Yvette eine Hübsche; dass man das arme Kind in irgendein Rotlichtviertel, in ein namenloses Frontbordell oder ein Hinterzimmer verschleppt hat, in dem fiese Schmuddelfilmchen gedreht werden, würde also in das "Bild" passen, das wir uns von der Angelegenheit ohnehin gemacht haben.

Also doch alles Lüge, Desinformation und Augenwischerei?

Nein - die "Bild" berichtet, genauso wie das andere Zeitungen auch tun, aus einem bestimmten Blickwinkel. Sie stellt Ereignisse scherenschnittartig da - und das hat auch Vorteile: Schneller als durch die Lektüre einer Boulevardzeitung wie der "Bild" kann man sich sicherlich keinen Überblick davon verschaffen, "was in der Welt gerade los ist". Dass die Sprache der "Bild" so einfach wie möglich ist, ist da nur von Vorteil. Dass die Sprache dabei sehr emotional ist, sorgt dafür, dass die Lektüre unterhaltsam ist (man mag der "Bild" vieles vorwerfen - dass sie langweilig oder dröge ist, gehört sicherlich nicht dazu). Und dass die "Bild" nicht "die Wahrheit schreibt", sondern Geschehnisse in einer bestimmten Art und Weise schildert - das unterscheidet sie nicht etwa von anderen Zeitungen, sondern ist etwas, das sie mit anderen Zeitungen gemeinsam hat. Die berichten in der Regel ausführlicher als die "Bild", bieten Feuilleton und andere Rubriken, die man in der "Bild" vergebens sucht - müssen aber "per se" deshalb nicht schon seriöser als die "Bild" sein. Fazit: "Holzauge, sei wachsam!"

Fazit: