Sokrates - Christopher C. W. Taylor
Ich weiß, dass ich nichts weiß! - Sokrates - Christopher C. W. Taylor Wissenschaft, Sprach- & Schulbücher

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Ich weiß, dass ich nichts weiß!
Sokrates - Christopher C. W. Taylor

Lukrezia13

Name des Mitglieds: Lukrezia13

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Sokrates - Christopher C. W. Taylor

Datum: 12.05.09, geändert am 12.10.12 (143 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: durchgehend Quellenhinweise, fundiert

Nachteile: nichts

Vielleicht kennen einige von euch die Reihe "Meisterdenker" vom Herder-Verlag. Dort gibt es zu den wichtigsten Philosophen preisgünstige Einführungswerke, die von ausgewiesenen Spezialisten verfasst wurden. Eines davon, dasjenige über Sokrates stelle ich euch heute vor.


~~~~~~Daten~~~~~~

Autor: Christopher C.W. Taylor
Titel: Sokrates
Verlag: Herder
Erscheinungsjahr: 2005
ISBN: 3 926642 39 4
Seitenzahl: 140
Taschenbuch: ja
Preis: 2,95 Euro


~~~~~~Der Autor~~~~~~

Christopher C. W. Taylor ist Professor am renommierten Corpus Christi College in Oxford. Außerdem lehrt er Philosophie an der Oxford University. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Plato: Protagoras und als Co-Autor The Greeks on Pleasure. Außerdem ist er Herausgeber der Routledge History of Philosophy, Band 1: From the beginning to Plato.


~~~~~~Kurze Biographie von Sokrates~~~~~~

Sokrates wurde 469 v. Chr. in Athen geboren. Er war der Sohn eines Steinmetz und (wahrscheinlich) einer Hebamme. Seine politisches Engagement beschränkte sich auf einen Militäreinsatz sowie die Ratsherrnschaft im legendären Arginusen-Prozess, in dem er sich gegen die Gesetze der Stadt und für eine moralische Herangehensweise ausgesprochen hatte. Verheiratet war er mit Xanthippe, die zum Inbegriff des zänkischen Weibs geworden ist. Angeblich soll er mit ihr drei Kinder gehabt haben, was aber schwer zu belegen ist.

In Komödien, allen vor in den "Wolken" des Aristophanes taucht Sokrates schon in den 30 Jahren des 5. vorchristlichen Jahrhunderts als Spottfigur auf. Seine Lebensweise, also sein Herumziehen und philosophieren auf der Agora muss also schon zu diesem Zeitpunkt stadtbekannt gewesen sein. Im Jahre 399 v. Chr. findet gegen ihn ein Prozess wegen Nichtachtung der Götter und Verderbens der Jugend statt und Sokrates wird zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt.


~~~~~~Der Inhalt~~~~~~

Das Buch beginnt mit einer Biographie und einer Darstellung des Gerichtsverfahrens und der Hinrichtung. Weiter geht es mit dem "Sokratischen Problem", also der Tatsache, dass wir von Sokrates selbst keine Quellen haben. Kenntnisse über ihn sind uns in erster Linie von seinen beiden Schülern, Xenophon und Platon überliefert. Erstgenannter schildert uns in seiner Memorabilia den Prozess gegen ihn, wobei selbstredend auch Teile seiner philosophischen Ansichten angeschnitten werden. Ein weitaus breitgefächertes Bild ist uns von Platon überliefert, der Sokrates in fast allen seinen Dialogen auftreten lässt. Dabei sind es vor allem die frühen Dialoge, die uns wohl das originärste Bild von Sokrates überliefern; in seinen späten Dialogen fungiert Sokrates lediglich noch als Sprachrohr für die Philosophie Platons. Welch wichtige Rolle Platon trotzdem zusteht, sieht man unter anderem daran, dass Taylor als Kenner der Materie in erster Linie Platon heranzieht, um uns das Sokrates´ Denken näherzubringen. Doch auch die anderen antiken Autoren, die uns ein Bild von Sokrates zeichnen, erhalten ein eigenes Kapitel, so dass sich der Leser ausgezeichnet über die Quellenlage informieren kann.

Kernpunkte des sokratischen Denkes bilden das Abstreiten jeglicher Weisheit, die Ethik und das Verhältnis des Sokrates zu den Sophisten. Zum Abstreiten der Weisheit brauchen nicht viele Worte verloren zu werden, denn dass das Orakel von Delphi Sokrates den weisesten Mann nannte, eben weil er wusste, dass er die Gänze des Wissens nicht erfassen konnte, ist eine bekannte historische Anekdote. Seine Ethik ist den meisten von uns weniger vertraut, obwohl sie für ihre Zeit bahnbrechen war. Während im demokratischen Athen Gesetze über Gesetze entworfen wurden, um allgemeine Normen zu schaffen, war es ein innerer "daimonion", dem Sokrates vertraute. Diesen Begriff, der wörtlich "das Göttliche" heißt, mit Gewissen übersetzen zu wollen, kommt dem heutigen Verständnis wohl am nächsten. Sokrates selbst nannte es eine göttliche Stimme, die ihm zuflüsterte, was Recht und was Unrecht sei.

Sokrates und die Sophisten sind eigentlich wie Feuer und Eis. Trotzdem wurde Sokrates unterstellt, er sei einer von ihnen. Quellen: Erstens wurde er in den "Wolken" des Aristophanes als solcher dargestellt und zweitens wird ihm laut der Apologie des Sokrates von Platon dieser Vorwurf während des Gerichtsverfahrens gemacht.

Nach dem heutigen Forschungsstand ist das eine reine Unterstellung, denn im Gegensatz zu den Sophisten nahm Sokrates kein Geld für seine "Lehrtätigkeit" und zweitens versuchte er seine Gesprächspartner nicht zu überzeugen, wie es die Sophisten als Wanderlehrer mit gekonnten rhetorischen Manövern versuchten, sondern er hinterließ sich meistens noch ratloser, als sie zuvor waren.

Abschließend wirft Taylor noch einen Blick auf die Wirkung, die Sokrates auf die Antiker und die moderne Philosophie hatte. Nicht von ungefähr kommt es, dass sämtliche Philosophen vor ihm "Vorsokratiker" genannt werden. Er war es nämlich, der den Fokus weg von der Natur, hin auf den Menschen richtete und damit die praktische Philosophie begründete.


~~~~~~Meine Meinung~~~~~~

Es ist ein weiteres hervorragendes Buch aus der Reihe "Meisterdenker". Überragend ist das Preis-Leistungs-Verhältnis, denn für nicht mal 3 Euro bekommt man einen wissenschaftlich fundierten Überblick über das Denken und den Forschungsstand. Da ich Philosophie studiere, habe ich mir fast die ganze Reihe gesichert, denn so hervorragende Fachliteratur zu dem Preis ist fast geschenkt.

Die Kapiteleinteilung gefällt mir ausgesprochen gut. Schön finde ich auch, dass das "Sokratischem Problem" nicht nur auf die dafür vorgesehenen Kapitel beschränkt bleibt, sondern sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht, so dass eine kritische Bewertung der Quellenlage auch dann möglich ist, wenn man sich nur gezielt einzelne Kapitel herausgreift. Was mich auch besonders beeindruckt hat, ist, dass Taylor an keiner Stelle darauf verzichtet, die Fundstelle in den antiken Quellen anzugeben. So sind sämtliche seiner Aussagen überprüfbar und sollte es einen nach ausführlicheren Informationen dursten, kann man ohne Probleme im entsprechenden Dialog von Platon oder in anderen Quelleneditionen nachblättern.

Der Sprachstil ist durchweg sachlich, ohne dabei einschläfernd zu wirken. Taylor wird dem interessanten Thema durch eine lebendige und anschauliche Darstellung gerecht.

Deshalb empfehle ich den Band ohne Bedenken allen, die sich näher mit der Person des Sokrates beschäftigen wollen und vergebe die volle Sternzahl

Fazit: lesen schadet nicht!