Aldi - Einfach billig - Andreas Straub
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Aldi - einfach billig - Ein ehemaliger Manager packt aus!
Aldi - Einfach billig - Andreas Straub

oexel

Name des Mitglieds: oexel

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Aldi - Einfach billig - Andreas Straub

Datum: 17.07.12

Bewertung:

Vorteile: lesenswert, praktische Alltags-Beispiele, regt zum Nachdenken an

Nachteile: keine

System Aldi - Hochachtung vor dem Mut des Buch-Autoren

Ziemlich hoher Arbeitsdruck, unbezahlte Überstunden, Einschüchterungen und eine Personalpolitik, die auf Kontrollen und Entlassungen basiert - das neue Buch "Aldi - einfach billig. Ein ehemaliger Manager packt aus" verlangt mir Hochachtung vor dem Autoren ab. Geschrieben hat es Andreas Straub, der fünf Jahre lang als Manager bei Aldi Süd gearbeitet hat. Und zwar auf Bezirksebene. Eingestiegen in den Konzern war er als Nachwuchskraft und hat so das System Aldi nahezu von Grund auf kennengelernt. In seinem Buch zeichnet er das Bild eines Arbeitgebers, der ein gestörtes Verhältnis zu Arbeitsbedingungen und Mitarbeitern hat. Erschienen ist das Buch im Rowohlt Taschenbuch Verlag im April 2012. Es hat 336 Seiten und kostet 8,90 Euro.


Arbeitsalltag von tausenden von Menschen

All das, was Straub in dem Buch beschreibt, ist der Arbeitsalltag von tausenden von Mitarbeitern. Menschen, denen wir an der Kasse oder beim Einräumen der Regale immer wieder begegnen, wenn wir bei Aldi einkaufen. Menschen, die oftmals unter diesen Arbeitsbedingungen leiden, die aber meistens keine andere Wahl haben. Sie müssen arbeiten und zum Familieneinkommen beitragen. Der Autor hat einen Großteil des Buches leicht verständlich geschrieben. Trotz der vielen negativen Erlebnisse, die er schildert, bleibt er zumeist sachlich und belegt viele seiner Erlebnisse mit - teilweise sogar humorvollen - Anekdoten. Das Buch wird dadurch lebendig und gibt dem System Aldi menschliche Züge - wobei vielerorts die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Hier ein paar Beispiele aus dem Aldi-Mitarbeiter-Alltag
* Vor und nach der offiziellen Arbeitszeit geht es nicht ohne unbezahlte Überstunden ab. Vor Ladenöffnung müssen das Brot, das Obst und Gemüse und die Zeitschriften gepackt sein, dafür muss man um 7 Uhr anfangen, sonst ist es nicht zu schaffen, aber aufgeschrieben wird erst ab 7:30. (Wobei sich das demnächst im Norden ändern wird, wenn erst die Brotbackautomaten in Betrieb genommen werden).
Wenn um 20 Uhr der letzte Kunde den Laden verlässt, dann muss noch aufgeräumt und sauber gemacht werden. Dann beginnen bereits die Vorbereitungen für den nächsten Tag. Das dauert oft mehr als eine halbe (unbezahlte) Überstunde.

* Kontrollen unangemeldet. Ab und zu kommen Testeinkäufer in die Läden und verstecken Waren in Weinkartons, die sie vermeintlich einkaufen wollen, oder legen flache Gegenstände unter Getränke-Flaschengebinde, um zu sehen, ob die oder der Kassierer/in das auch entdeckt. Wenn nicht: Er- und Abmahnung
* Ausruhen an der Kasse ist nicht drin. Herrscht mal kein Andrang an den Kassen, müssen die Mitarbeiter Regale einräumen. Da bleibt oft keine Zeit für Pausen - auch nicht für die, die nach dem Arbeitszeitgesetz vorgeschrieben sind.

* Bezirksleiter verdienen nach einigen Jahren entsprechend ihrer Leistungen ganz gut. Doch viele erreichen offensichtlich bessere Verdienstbedingungen nicht, weil sie vorher gehen müssen (oder gegangen werden).
* Aldi spricht von übertariflicher Bezahlung. Und in der Tat gibt es für die Mitarbeiter einen Umsatz abhängigen Bonus, der im Monat schon mal 150 bis 170 Euro (brutto) erreichen kann - das ist von Umsatz und verplanten Stunden und Anzahl der Mitarbeiter abhängig und natürlich davon, wie viel Prozent man arbeitet.. Doch dafür wird von den Mitarbeitern verlangt, dass sie pro Stunde 5 Minuten Zusatzzeit ohne Bezahlung einbringen müssen. Macht bei einem Acht-Stunden-Tag 40 unbezahlte Minuten, also pro Woche 200 Minuten und pro Monat über 800 Minuten, was umgerechnet über 13 Stunden sind. Wer diese unbezahlte Zeit dem möglichen Bonus gegenüberstellt, der kann sich leicht errechnen, dass der angebliche Übertarif schlecht bezahlte Arbeitszeit ist.

* Einsatzzeiten an den Arbeitstagen variieren oft. Zudem werden Mitarbeiter auch mal in diesem und dann wieder in jenem Markt des Bezirkes eingesetzt. Und von vier Samstagen hat man in der Regel nur einen frei.
* Der Kunde ist König, egal welche dummen Sprüche er auf Lager hat, wie lange er seine Cent zusammen zählt, oder welche Ausreden er findet, weshalb sein Sprößling schon wieder mal das Eis gegessen hat, bevor es an der Kasse abkassiert wurde.

Hoher Arbeitsdruck

Das Buch schildert einen hohen Arbeitsdruck. Der soll auch dadurch zustande kommen, dass Bezirksleiter immer mal wieder angewiesen werden, den benötigten Stundenschnitt möglichst niedrig zu halten. So gebe es Tage, an denen zeitweise nur zwei Mitarbeiter im Laden arbeiten dürften - und die haben dann alle Hände voll zu tun und könnten gar nicht all das schaffen, was man von ihnen verlange. In einigen Kapiteln des Buches habe ich beim Lesen richtig den Druck gespürt, den z.B. ein Bezirksleiter von oben bekommen hat und den er nach unten weitergeben muss.

Einschüchterungen
In vielen Läden werde, so der Autor, die Belegschaft grundsätzlich für alles verantwortlich gemacht, was schief läuft und die Inventuren nicht stimmen. Das schlage sich natürlich auf die Stimmung nieder. So würden Bezirksleiter angehalten, Abmahnungen zu schreiben und die Vorgesetzten über mögliche Schwächen von Beschäftigten zu informieren. Straub schildert glaubhaft, das er in einigen Fällen sogar gezwungen war, Mitarbeiter schlecht zu machen. Offenbar auch, um dann seine eigene Haut zu retten. Geschildert werden Falschaussagen, Mobbing und üble Nachrede. Andere Aldi-Mitarbeiter berichten, dass er natürlich auch Führungskräfte gibt, die menschlich sind und z.B. den Mitarbeitern bei ihrem Wunsch nach freien Tagen entgegen kommen. Doch das System Aldi belohne derartige Mitarbeiter-Motivation nicht. Im Gegenteil: Diese Führungskräfte hätten bei Aldi keine Chance, sie müssten über kurz oder lang gehen...


Langes Vorwort von Wallraff

Was mich an dem Buch stört, ist das mit 20 Seiten doch recht lange Vorwort von Günter Wallraff, der sich als Undercover-Aufdecker einen Namen gemacht hat. Sicher, Wallraff passt gut als Vorwort-Autor. Doch hätten nicht auch zwei, drei oder vier Seiten gereicht? Wahrscheinlich aber war der bisher unbekannte Autor und Ex-Aldi-Mitarbeiter Andreas Straub froh, einen so bekannten Vorwort-Schreiber gefunden zu haben.

Ist Aldi nun schlechter als Lidl, Netto und Co?

Nein, ich glaube nicht. Aldi steht, so meine ich, negativ beispielhaft für ein weit verbreitetes System bei Discountern. Ich erinnere da an den Überwachungs-Skandal bei Lidl oder die Billiglöhne bei Schlecker. Beim letztgenannten Drogeristen haben es die Verbraucher geschafft, diesen durch massive Umsatzeinbußen zu Fall zu bringen. Was letztlich aber auch den Verlust von tausenden von Arbeitsplätzen bedeutet. Sollte man nun Aldi boykottieren, um Änderungen herbei zu führen? Ich meine NEIN, denn erstens würden wir es als Kunden nicht schaffen. Zu viele Menschen sind inzwischen auf Niedrigpreise bei Discountern angewiesen, um günstig Nahrungsmittel kaufen zu können. Zweitens haben Aldi & Co inzwischen eine Macht auf dem Markt erreicht, die wir als Verbraucher nur schwer brechen können. Was wir tun können, ist jedoch, das Geschehen aufmerksam zu beobachten, immer wieder mahnend eingreifen, wo es uns möglich ist (z.B. mit diesen Zeilen hier bei Ciao) und dort, wo wir Einfluss haben, positiv auf Arbeitsbedingungen einzuwirken.

Hat "Billig seinen Preis"?
Vielleicht liest diese Zeilen ja auch ein Bezirksleiter hier und ein Abteilungsleiter da, der sich ermutigt fühlen sollte, seine Mitarbeiter menschlich zu behandeln und positiv zu motivieren. Denn ein gut gestimmter und motivierter Mitarbeiter leistet mehr als jemand, dem man eine vermeintlich gut tarifliche Bezahlung vorrechnet, die aber dem Nachrechnen nicht Stand hält. Nur jemand, dem man auch mal einen Freizeit-Wunsch gewährt, ist dann auch bereit, einzuspringen, wenn Not am Mann ist. Und nr jemand, der im System (Aldi) menschlich behandelt wird, kann diese Menschlichkeit auch glaubhaft auf die Kunden übertragen.

Und vielleicht liest es ja auch mal der Kunde, der meistens vor mir in der Schlange steht, sich vorgedrängelt hat und aufdringlich in Richtung Kassiererin fragt: "Fräulein, wann öffnet denn endlich die zweite Kasse?" Oder der, wenn er eine andere Angestellte beim Einräumen des Kühlregals sieht, anmerkt: "Was kann es jetzt Wichtigeres geben, als mich abzukassieren?"

Und nun raten sie mal, wo ich lieber einkaufe:
1. Dort, wo ich ein aufgesetztes Lächeln und immer wieder stereotype Floskeln wie "Haben Sie auch alles gefunden, was Sie suchten" und "Ein schönes Wochenende" (schon ab Freitag Mittag) höre oder

2. dort, wo ich normale Mitarbeiter antreffe, die neben vielen guten auch ruhig mal einen schlechten Tag haben dürfen und die meisten dieser Floskeln vermeiden.

Fazit: das Buch sollte man lesen ... und dann ab und zu mal handeln