
Neuester Testbericht: ... fliegt, beginnt sich die Erinnerung der Freunde wieder zu erhellen. Denn sie hatten 1987 diesen selbst gebastelten Sprengsatz in das Haus ... mehr
Ein Film, in dem ich mich teilweise wiederfinde
Was tun, wenn's brennt?

Name des Mitglieds: squarerigger
Produkt:
Was tun, wenn's brennt?
Datum: 04.02.02, geändert am 04.02.02 (107 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: Witzig gemacht
Nachteile: ---
Bereits als ich den ersten Trailer zu "Was tun, wenn's brennt?" im Kino gesehen hatte, war mir klar, daß ich mir diesen Film unbedingt anschauen mußte. Da ich selbst ja, wie jeder, der meine Meinungen aufmerksam gelesen hat, weiß, gewisse Berührungspunkte zur linken Szene habe, kamen mir gewisse Szenen des Films von Anfang an vertraut vor. Am gestrigen Sonntag hatte ich Zeit, also ging ich ins Kino.
"Was tun, wenn's brennt?" erzählt die Geschichte einer sechsköpfigen Clique aus der Berliner Hausbesetzerszene Mitte der 80er Jahre in Berlin. Flo (Doris Schretzmayer), Nele (Nadja Uhl), Maik (Sebastian Blomberg), Terror (Matthias Matschke), Hotte (Martin Feifel) und Tim (Til Schweiger) bewohnen zusammen ein besetztes Haus im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Als "Gruppe 36" (für Nicht-Insider: die 36 stand und steht für Kreuzberg, da dieser Stadtteil früher den Postzustellbezirk SO36 bildete) wollen sie mit selbstgedrehten Filmen die Welt verbessern.
Bekanntlich war eine der Grundlagen der Hausbesetzerszene die Wohnungsmarktsituation in Berlin. Erschwinglicher Wohnraum, gerade für junge Leute, war damals kaum vorhanden. Gleichzeitig standen Unmengen von Immobilien leer, weil Spekulanten hofften, die Gebäude abreißen zu dürfen, um gewinnbringende Neubauten hochzuziehen. Um die Abrißgenehmigung für die häufig denkmalgeschützen Häuser zu erhalten, ließen die Besitzer die Gebäude regelrecht vergammeln. Aber kreative junge Leute spielten nicht mit - sie "instandbesetzten" die Häuser.
Zu diesen Leuten gehören auch die sechs Freunde der "Gruppe 36". Doch ihnen geht das reine Besetzen von Häusern nicht weit genug. Sie wollen mit einem selbstgebauten Sprengsatz (Puderzucker, Salpeter, Unkraut-Ex - die "alte Sponti-Mischung", so ein Polizist) eine leerstehende Villa im Grunewald zerstören, um auf die Wohnungsnot aufmerksam zu machen. Doch glücklicherweise explodiert die Bombe nicht, weil d
er als Zeitzünder verwendete Wecker seinen Geist aufgibt...
... bis 14 Jahre später eine Immobilienmaklerin zusammen mit einem aus Bonn nach Berlin gekommenen Staatssekretär genau jene Villa besichtigen will. Die Bombe explodiert, die Villa wird in Schutt und Asche gelegt, die Maklerin und der Staatssekretär werden zum Glück nur leicht verletzt. Da Berlin zwischenzeitlich Bundeshauptstadt geworden ist, muß natürlich alles für die Innere Sicherheit getan werden. Der Polizeipräsident setzt Manowsky (Klaus Löwitsch), einen Veteranen, der in den 80ern große Erfolge gegen die linke Szene vorweisen konnte, auf die Tätersuche an. Im Rahmen einer großangelegten Durchsuchungsaktion bei Leuten aus der linken Szene wird auch das besetzte Haus in der Machnowstraße, in dem nur noch Hotte und Tim wohnen, gestürmt. Dabei werden u.a. auch die Filme der "Gruppe 36" beschlagnahmt. Da auf einem der Filme auch der Bombenbau abgelichtet ist, ist es also nur noch eine Frage der Zeit, bis die früheren Mitglieder dieser Gruppe identifiziert werden können.
Dies muß natürlich verhindert werden, also beschließen die beiden, den Rest der Gruppe noch mal zusammenzutrommeln. Doch dies ist gar nicht so einfach, da die anderen Vier zwischenzeitlich alle ein bürgerliches Leben führen. Nele ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, Terror ist Staatsanwalt, Maik Vorstandsvorsitzenden einer am neuen Markt notierten Werbeagentur und Flo eine Schicki-Micki-Tussi. Dennoch beschließen sie, gemeinsam zu verhindern, daß man ihnen den Bombenanschlag, der nicht verjähren kann, nachweisen kann. Doch dies gestaltet sich schwieriger als erwartet, wie folgender Dialog zeigen soll:
Terror: Ich werde nichts tun, was in irgendeiner Weise gegen gültige Gesetze verstößt.
Nele: Ich werde keine Gewalt anwenden.
Flo: Ich hab nur bis Freitag Zeit.
Maik: Sieht ja ganz so aus, als hätten wir eine kleine schlagkräftige Eliteeinheit beisammen.
Aber
trotz all dieser Probleme und trotz der Differenzen, die zwischen den Sechsen bestehen, nehmen sie den Kampf auf. Ich möchte hier nicht weiter auf den Inhalt eingehen, da ich Euch nicht die Spannung nehmen will. Ich kann jedoch sagen, daß der Film absolut sehenswert ist. Der Film ist gleichzeitig sehr humorvoll und dennoch ernst.
Ich selbst finde mich in diesem Film teilweise wieder - nicht gerade wenn es um das Bauen von Bomben geht, wohl aber wenn ich die Szenen sehe, in denen die Polizei gewaltsam versucht, das besetzte Haus zu räumen oder auch bei der späteren Durchsuchung des Hauses. Einem Außenstehenden mögen diese Szenen befremdlich vorkommen, wer jedoch selbst schon häufiger auf Demos war, der weiß, daß das dort gezeigte häßliche Gesicht des Staates durchaus nicht so selten ist, wie es sein sollte.
Also, schaut Euch den Film an, es wird sich lohnen - sowohl wegen der schauspielerischen Leistung (besonders Klaus Löwitsch als knallharter Bulle Manowsky, von den Hausbesetzern auch gerne "Knüppel aus dem Sack"-Manowsky genannt *g*, spielt seine Rolle total gut) als auch wegen der Handlung. Insbesondere die Szenen der Polizeieinsätze sind so realistisch, daß man kaum glauben kann, daß sie nicht aus Original-Dokumentationen stammen.
Zum Schluß möchte ich noch kurz was zum Titel des Filmes loswerden. "Was tun, wenn's brennt?" ist eigentlich der Titel einer Broschüre der Roten Hilfe e.V., in welcher Tips und Verhaltensregeln für Demos sowie für den Umgang mit der Polizei gegeben werden.
Fazit:
Weitere Testberichte: im Bereich Video Film

