
Neuester Testbericht: ... auch mit "Hamlet" gehen. Gesagt getan. Im November des Jahres 2000 war sodann Kinotime angesagt. Der große Erfolg jedoch blieb au... mehr
Es ist was faul im Staate Dänemark
Hamlet (2000)

Name des Mitglieds: Dr_Jekyll
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Hamlet (2000)
Datum: 28.11.00, geändert am 28.11.00 (70 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: Ethan Hawke überzeugt.
Nachteile: Der Rest weniger.
New York, 2000. Der Chef der "Denmark Corporation" ist tot, seine Frau Gertrude (Diane Venora) heiratet Claudius (Kyle MacLachlan), den Mann, der verdächtigt wird, den Firmenchef ermordet zu haben. Gertrudes Sohn, der Filmstudent Hamlet (Ethan Hawke), stürzt in eine tiefe Krise: Denn nicht nur dass sein Vater umgebracht wurde, er ist auch noch schwer und unglücklich in Ophelia (Julia Stiles) verliebt. Des nachts erscheint ihm der Geist des ermordeten Vaters (Sam Shepard) und trägt ihm auf, seinen Tod zu rächen. Am Rande des Wahns verstrickt sich Hamlet in ein Netz aus Intrigen und Paranoia, taucht ein in einen Strudel des Schmerzes und der Gewalt, in dem alle Beteiligten zu Grunde gehen und am Ende nichts mehr bleibt.
So weit kommt einem die Story bekannt vor. Nur dass sie eben nicht im historischen Dänemark, sondern im heutigen New York spielt, in einer Glitzer- und Konsumwelt mit Handys, Digicams und Colaautomaten, in einem Konzern, in dem gelangweilte Reiche und Schöne das Szepter in der Hand halten. Eine mutige Idee von Regisseur Michael Almereyda, den kraftvollen Shakespeare-Stoff in die heutige Zeit zu übertragen. Nur geht sie leider voll in die Hose.
Denn Almereyda, der auch das Drehbuch verfasste, bekam wohl auf halbem Wege Angst vor der eigenen Courage. Anstatt auch die Texte zu übertragen, ließ er seine Schauspieler kurzerhand Shakespeares Originaltexte sprechen.
Nichtmal den Mut hatte er, Hamlets berühmten Monolog aufs Wesentliche zu komprimieren. Ein Ansatz, nett geschnitten, mehr nicht: "Sein oder Nichtsein", immer wieder sieht sich Hamlet seine eigenen Worte auf Video an. Am Ende der
Szene hallt das Sein nach. Das wirkt stark. Und dann spricht er ihn leider doch. In einer Videothek, zwischen Actionfilmen.
Das ist nicht die einzige Groteske. Güldenstern (Dechen Thurman, Umas Bruder), Rosencrantz (Steve Zahn) und Hamlet sitzen in einer Disco, lassen sich mit Carlsberg volllaufen und wechseln hehre, edle, feile Worte ("Mein Prinz!"), während die harten Beats aus den Boxen wummern. Da passt nichts. Claudius schickt Hamlet davon: "Ein Schiff steht bereit, der Wind ist gut." Und schon sitzt Hamlet im Flugzeug. Das einzige, was noch fehlt, um den Film gänzlich ins Lächerliche zu ziehen, ist ein Punk, der in der Mülltonne sitzend Shakespeare deklamiert.
Am besten wäre es, man könnte die Sprachspur abstellen und den Film nur mit der Musik sehen. Die ist weitgehend ordentlich, wenn auch nicht immer passend und genauso unentschlossen zusammengestellt wie der Film. Neben klassischer filmischer Untermalung gibt´s da TripHop à la Morcheeba zu hören.
Dabei sind die schauspielerischen Leistungen teils durchaus beachtlich. Der 30-jährige Ethan Hawke, jüngster Film-Hamlet aller Zeiten, gibt den Denmarkprinzen als manischen, zerrissenen Bohemien in der Existenzkrise. Ausgerechnet dem hätte man´s am wenigsten zugetraut, ausgerechnet der überzeugt. Bill Murray spielt den Polonius mit augenzwinkernder Lässigkeit, wozu mit Sicherheit auch die deutsche Synchronstimme beiträgt, die er sich mit Tom Hanks teilt ("Ho!"). Laertes Liev Schreiber kann´s sowieso, der Mann hat einschlägige Shakespeare-Erfahrung.
Kyle MacLachlan wirkt als Claudius dagegen hölzern, eher Sachbearbeiter denn profitorientierter Manager. Und Julia Stiles wäre wohl besser bei "Chicago Hope" geblieben, als die Ophelia als leer glotzendes, mimikarmes Salbengesicht-Girlie zu geben.
Was Regisseur Michael Almereyda und Kameramann John de Borman (Ganz oder gar nicht, Grasgeflüster) filmtechnisch abgeliefert haben, ist
nicht mehr als ein Hochglanz-Werbefilmchen. Zu plump, zu plan, zu eindimensional die Bildersprache. Den klassischen Hamlet mit Laurence Olivier zu zitieren, lag zu nahe; den modernen Hamlet zum Rebellen wider Willen hochzustilisieren und in eine Reihe mit James Dean und Che Guevara (!) zu setzen, wirkt aufgesetzt. Vereinzelte Schnitt-Spielereien wie der harte Zeitraffer, während Hamlet schreibt und sich den Kopf zermartert, passen besser in eine zweitklassige Komödie oder ins nächste Manu-Chao-Video denn in eine moderne Hamlet-Inszenierung, die sonst eher zäh dahingleitet. Das übertrieben inszenierte Blutbad am Ende wirkt da nicht mehr fulminant, sondern nur noch wie eine leidige Blähung.
Das ist weder Fleisch- noch Fischhändler, was man hier geboten bekommt. Wie man einen Klassiker mit Originaltexten inszenieren kann, das hat Gérard Depardieu eindrucksvoll in "Cyrano de Bergerac" gezeigt. Wie´s modern geht die Steve-Martin-Interpretation des Cyrano-Stoffes,"Roxanne". Beides wirkt in sich geschlossener als dieses halbgare Möchtegern-Meisterwerk. Dann noch lieber den klassischen Hamlet mit Laurence Olivier oder das 1996 gedrehte, 4-stündige Monumental-Epos mit Kenneth Branagh. Oder die Mel-Gibson-Version von 1990. So bleibt nur eine Hoffnung: Ich wollt´ es wäre Nacht und Mel Brooks käme, um sich dieses Popanzes anzunehmen. Der holte da mehr raus, jede Wette.
Hamlet
2000
Miramax Films
Länge: 111 Minuten
deutscher Kinostart: 23.11.2000
Regie & Drehbuch: Michael Almereyda
Kamera: John de Borman
Schauspieler:
Ethan Hawke (Hamlet)
Diane Venora (Gertrude)
Kyle MacLachlan (Claudius)
Julia Stiles (Ophelia)
Bill Murray (Polonius)
Liev Schreiber (Laertes)
Sam Shepard (Geist des toten Vaters)
Steve Zahn (Rosencrantz)
Dechen Thurman (Güldenstern)
Casey Affleck (Fortinbras)
nach Angaben von Miramax ab April 2001 auf Video
Fazit:
Weitere Testberichte: im Bereich Video Film


13.01.01
Hi Doc, ich finde die Meinung wirklich gut gelungen, aber ein bisschen zu lang. *rofl* Dänische Grüsse MC PS: zu Deinem Kommentar: Das ist eine glatte Unterstellung. Bei mir kommen Politik und Kirche immer!!! an erster Stelle. Tststs, was hast Du denn für eine Meinung von mir? *lol*