Die Einsamkeit der Krokodile
Wer sind die einsamen Krokodile? - Die Einsamkeit der Krokodile Video Film

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Wer sind die einsamen Krokodile?
Die Einsamkeit der Krokodile

+Posdole

Autor-Name: Posdole

Produkt:

Die Einsamkeit der Krokodile

Datum: 28.05.01, geändert am 18.03.05 (77 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: sensibel gedreht, eindrückliche Studie über Outsider

Nachteile: keine

Günther (Thomas Schmauser) wächst als Sohn einer Metzgerfamilie auf und verbringt schon als kleines Kind die meiste Zeit an der Arbeitsstätte seines Vaters. Günther ist hoch intelligent, und seine Eltern wollen, das aus ihm einmal etwas besseres wird. Wenn er nicht Geige spielt – zwischen geschlachteten Schweinen und Blut – lernt er Vokabeln, und er legt das beste Abitur seines Jahrgangs ab. Er studiert Philosophie. Doch dann findet man ihn tot, Überdosis Tabletten. Selbstmord.

Cousin Elias (Janek Rieke) glaubt nicht an Selbstmord. Und so macht er sich auf den Weg in das kleine westfälische Dorf, um zu recherchieren – sein erster, selbst gewählter Fall als angehender Journalist. In Günthers Dorf jedoch trifft er fast ausschließlich auf Ablehnung, ja Hass. Weder die Eltern, noch Günthers Schulkameraden wollen Elias irgend etwas über Günthers Leben erzählen. Nur Günthers einziger Freund, der etwas »zurückgebliebene« Knecht eines dorfansässigen Bauern, rückt nach und nach mit Einzelheiten über Günther heraus. Und dann ist da noch die (von Rosemarie Fendel hervorragend gespielte) Bekannte der Familie, die Elias in stundenlangen auf Tonband aufgenommenen Interviews aus Günthers Leben erzählt.

Der Film ist eine sehr eindrückliche Studie über das Leben von Outsidern, von Menschen, die – ohne dass sie gegen irgendwelche Gesetze verstoßen – anders leben bzw. leben wollen, als die überwiegende Mehrheit. Günther hat nur einen Freund, und der ist selber Outsider, als Dorftrottel abgestempelt. Günthers Schulkollegen lassen ihn ihren ganzen Hass spüren, beschmieren ihn mit Blut, hängen ihm Würste um den Körper und schmeißen ihn in diesem erbärmlichen Zustand auf die Toilette. Die Frage bleibt offen, ob sich Günther in seine eigene Welt flüchtet oder ob er diese eigene Welt bewusst sucht – wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.

Doch auch sein Cousin Elias ist ein Outsider. Zurückhaltend, schüchtern, die letzten Worte
seines jeweiligen Gesprächspartners immer wiederholend, findet er nur bei der Wirtin des kleinen Gasthauses, in dem er untergekommen ist, Verständnis und Liebe. Alle erkennen gewisse charakterliche Ähnlichkeiten zwischen ihm und Günther, und beginnen, den »Schnüffler« ebenso zu verachten, wie sie Günther hassten. Doch Elias lässt sich nicht unterkriegen und ermittelt weiter.

Der Psychiater der Anstalt, in der Günther ein Zeitlang von seinen Eltern untergebracht worden war, bringt es auf den Punkt. Auf die Frage von Elias, wo bei ihm Normalität aufhöre, und warum man Günther habe nicht so leben lassen, wie er es gewollt habe, antwortet der Arzt: Sicher könne jeder so leben, wie er wolle, innerhalb der Grenzen der Normalität, die von der überwiegenden Mehrheit gesetzt worden seien; das sei schließlich Demokratie. Wer diese Grenzen überschreite, müsse als nicht normal gelten.

Jobst Oetzmanns Film trieb mir an manchen Stellen Tränen in die Augen – vor Traurigkeit und Wut zugleich über die Ignoranz und (oftmals auch anerzogene) Engstirnigkeit von Menschen gegenüber einsamen Wölfen, eigensinnigen Lebenskünstlern aller Art und Outsidern allgemein. Sie tun niemandem etwas, aber sie begehen das Verbrechen, das ach so selbstsichere Gefühl einer Mehrheit von Menschen über die Richtigkeit und Ehrenhaftigkeit ihrer (nie hinterfragten) eigenen Lebensweise zu verletzen. Welche Krokodile sind hier einsam? Sind es Günter und Elias? Oder ist es die manchmal menschenfressende Mehrheit, die ihre Außenseiter vertilgt?

Fazit: