Die 120 Tage von Sodom
Folter*Lust*Liedenschaft*Tod - Die 120 Tage von Sodom Video Film

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Folter*Lust*Liedenscha ft*Tod
Die 120 Tage von Sodom

Kuhli82

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Die 120 Tage von Sodom

Datum: 05.11.03, geändert am 27.02.05 (7782 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Kunstwerk?, verstörend

Nachteile: pervers?, abartig?

Italien befindet sich in den letzten Zügen Mussolinis faschistischer Diktatur. Vier namenlose Männer, ein Richter, ein Bischof, ein Bankier und ein Herzog lassen durch SS-Leute und italienische Faschistischen wahllos in den Dörfern rund um den Gardasee jugendliche Jungen und Mädchen gefangen nehmen. Diese werden abtransportiert und den vier Männern vorgestellt, worauf diese sich eine kleine Gruppe aussuchen, die sie in eine nahe gelegene Villa schleppen lassen. Nach einer kleinen Einführung, der Bekanntmachung mit den Hausdamen und der Klarstellung der Machtverhältnisse geraten die Jugendlichen in die drei schlimmsten und wohl auch die drei letzen Tage ihres Lebens.
Mit einem thematisch geregelten Ablauf werden die Jugendlichen erniedrigt, gefoltert, vergewaltigt, gequält, verstümmelt, gedemütigt bis zum unausweichlichen Ende…

Eine Geschichte, die schnell erzählt werden kann, doch anders als obige Beschreibung fällt die Verteilung im Film aus. Während die Vorgeschichte bis die Jugendlichen in der Villa ankommen keine zwanzig Minuten benötigt beschäftigt sich der Rest des Films ausschließlich mit dem detaillierten Zeigen von Peinigung, Folter und Erniedrigung.
„Die 120 Tage von Sodom“ basiert auf dem bis heute nicht mehr komplett erhaltenen gleichnamigen Buch des Marquis de Sade. Dass der Sadismus nach ihm benannt wurde spricht für sich und die Abartigkeit der Geschichte.

Die Jahre zuvor beschäftigte sich der Regisseur Pier Paolo Pasolini mit seiner filmischen Trilogie des Lebens, in der er die menschliche Sexualität als etwas Wunderbares, Schöpferisches darstellte. Hier jedoch entsteht urplötzlich ein Bruch in seinem Schaffen. Die Sexualität verliert all ihr sinnliches, schöpferisches und wird ausschließlich zu einem Instrument der Macht und Folter. Die Unterwürfigkeit der Opfer wird zur einzigen Befriedigung und Sexualität der Peiniger. Er bezieht sich dabei nicht nur auf den Akt selbst, sondern auch auf alles was dem einhergeht, was man heutzutage durchaus als Fetisch abtun kann. Dabei teilt er dies frei nach Dantes Höllenkreisen ein.

Tag eins – Der Höllenkreis der Leidenschaft. Die Jugendlichen werden mit den vier Männern und den Damen in einen Raum geführt in dem ein Großteil des Filmes spielt. Eine der Damen fängt an eine erotische Geschichte zu erzählen, dadurch inspiriert nehmen sich die Männer und auch einige der jungen Wächter die Jungen und Mädchen zur Seite und befriedigen sie oder lassen sich befriedigen. Eine groteske Hochzeit wird organisiert zwei der Jugendlichen werden bereits jetzt schon durch ihren Tod erlöst.

Tag zwei – Der Höllenkreis der Scheiße. Wieder finden sich die Personen in dem Saal ein, wieder erzählt die Dame eine Geschichte. Ein Erlebnis in dem sie zum ersten Mal in den Genuss der Exkremente eines älteren Mannes kam. Diese Inspiration veranlasst die Führer ein Festmahl zu halten. Den Jugendlichen wird verboten in ihre Nachttöpfe zu machen, all ihre Exkremente werden gesammelt und beim Essen serviert und von allen verspeist. Auch weiterhin werden die Jugendlichen zudem vergewaltigt, wie Hunde gehalten und gezwungen die Männer anzupinkeln.

Tag drei – Der Höllenkreis des Blutes. Akt Drei. Das Finale. Durch ein Fernrohr beobachten die Männer abwechselnd wie auf einem Hof die Jugendlichen gefoltert, vergewaltigt und massakriert werden. Zungen werden abgeschnitten, Menschen werden aufgeschlitzt und skalpiert. Hier findet der Film durch eine erneut groteske Szene sein Ende.

Die Geschichte an sich ist verstörend genug. Die Willkürlichkeit der Demütigung, die Grundlosigkeit, die Kalkuliertheit der brutalen Inszenierung der vier hochgestellten Männer, doch was Pasolini daraus macht ist schlimmer als man es hätte je beschreiben können. Kühl bis eiskalt und absolut schonungslos inszeniert zeigt er explizit was in de Sades Kopf herum schwirrte. Dass er die Geschichte in einen noch immer aktuellen Kontext, den des europäischen Faschismus des 20. Jahrhunderts versetzte, macht den Film noch bedrückender.

Trotz der Gewaltszenen, sei es körperlich oder physisch ist der Film stark dialoglastig. Doch findet man hier kaum Dialoge im eigentlichen Sinne, wenig wird diskutiert oder unter den Jugendlichen abgesprochen, ob sie vielleicht fliehen wollen. Dies wird nie thematisiert, die Jugendlichen reden nie, sie bleiben fast austauschbare, gesichtslose Dinge, so wie die vier Männer sie sehen. Ab und zu wird der ein oder andere in den Vordergrund gezogen, aber auch hier bleiben sie stumm in ihrer Unterwürfigkeit, lediglich Schreie können von ihnen gehört werden. Auch gibt es keine Versuche von außen die Jugendlichen zu befreien, denn der Film beschäftigt sich tatsächlich fast ausschließlich mit der Aneinanderreihung der Abartigkeiten. Immer und immer wieder überbieten sich hier die Bilder und Aktionen in ihrer Perversion und Menschenverachtung. In Großaufnahme wird das „Scheiß-Festessen“ ausführlich zelebriert, einem Mädchen, dass sich wie die anderen in Hundestellung auf dem Boden bewegt wird ein mit Nägeln bestücktes Brot vor die Füße geworfen, sie isst es, dass Blut läuft aus ihrem schreienden Mund, ein Mädchen, dass sich weigert an einer Puppe die männliche Handbefriedigung zu üben wird später mit aufgeschlitzter Kehle der Gruppe vorgeführt.

Wer denkt er hätte genug Gewalt in Kino und Fernsehen konsumiert und könnte auf diesen Film gefasst sein, wird sich irren. Nicht nur die optische Darstellung der Gewalt, sondern vor allem die Art der Gewalt verstört, ohne Wimpernzucken mit einer selbstgerechten Genugtuung und Selbstverständlichkeit gehen die vier Männer aber auch der Regisseur vor. Er macht dies nicht aus Sensationsgier oder Unvermögen, sondern um eben diesen Effekt zu erzielen, dass man sich als Betrachter angewidert abwenden möchte, aber gleichzeitig eine unerklärliche Faszination entdeckt. Die Faszination für sich selbst zu entdecken, ob man als Mensch ebenfalls die verankerten Veranlagungen hat so zu handeln, wenn die Umgebung einen ungestört lassen und einen sogar dazu hin beeinflussen würde. So absurd diese Gewalt erscheinen mag, sie ist in der Menschheitsgeschichte mehr als einmal vorgekommen und auch oder vor allem wie in diesem Film in der Gesellschaftsschicht, die eigentlich durch ihre Schulbildung und daraus erschließende Intelligenz geprägt sein sollte. Intelligenz und Wissen, so Pasolinis böse Aussage, ist kein Grundgerüst für das Gute im Menschen.

Weiterhin wird die Drastik und die Banalität jedweden Fehlens eines Ansatz von Gewissen durch die exorbitante aber dennoch nicht im sarkastischen oder comichaften Sinne übertriebene Gewaltdarstellung verstärkt. In keinster Weise wird die Brutalität ironisch unterlaufen oder durch fiktive Einschübe abgeschwächt und zu einer Satire hingeleitet. Die Akteure versuchen auch nicht in ihren Rollen aufzugehen um diese einzunehmen, sie spielen sie offensichtlich, dabei versprühen sie eine abstoßende Fröhlichkeit und pervertierte Unbeschwertheit. Hinzu kommt die eher subtile Kameraarbeit, die an manchen Stellen fast dem Theater entsprungen wirkt und lediglich eine gewisse bildliche Überladung fehlt um an einen Peter Greenway zu erinnern. Doch Pasolinis Bilder sind eintönig, fast schon steril, fremd, fast unwirklich karg. Die nackten Wände und Räume der Villa beißen sich mit dem einzigen bürgerlich anmutenden, roten Geschichten- und Orgienraum. In den anderen Räumen dienen als Schmuck lediglich die entblößten Körper jugendlicher Menschen, die fast wie Einrichtungsgegenstände drapiert werden können, wenn sie nicht in einem letzten Aufschrei, oft blutend aus der stummen Reihe fallen. Sie lassen das Dingwerden über sich ergehen, denn unweigerlich folgt ihr Tod im finalen Höllenkreis. Hielt sich die Darstellung des Blutes bis dahin bis auf wenige Ausnahmen in Grenzen wird hier auf einmal durch eine eingeschränkte Fernglassicht die Nähe zu den Jugendlichen auf paradoxe Weise stärker. Die Männer entfernen sich von ihren Opfern, betrachten sie aus einer Entfernung und doch sind sie ihnen nöher als je zuvor und mit ihnen der Zuschauer. Ab hier wird aus der Erniedrigung, die bis her nicht an Grausamkeiten aber an Blut sparte, um die Qualen der Jugendlichen hinauszuzögern und nicht zu früh enden zu lassen, eine Orgie aus Sex und gewetzten Messern. Das Fernglas zeigt uns einen Jungen derssen Kopf festgehalten wird, ein Wärter holt seine Zunge mit einer Zange heraus, er setzt ein Messer an, erst als das Messer die halbe Zunge durchtrennt hat setzt der Film einen Schnitt an, doch man wird noch lange nicht erlöst, ein Mädchen wird skalpiert, die Kopfhaut löst sich, dass Blut läuft ihr in die Augen, auch kommt hier bald der scheinbar erlösende Schnitt, der weiterhin nur neue Grausamkeiten nach sich zieht, eine Vergewaltigung, peitschen, weitere Todesopfer durch blutige Einschnitte. Die Männer geilen sich daran auf, wie schon an all den anderen Folterungen, doch diese hier sind endgültig, zumindest für diese Opfer. Neue könnten längst bereitstehen und die Hollenkreise könnten von neuem beginnen, doch das zeigt uns Pasolini nicht mehr. Ein Glück.

Ähnlich wie später Stanely Kubrick in seinem Meisterwerk „Uhrwerk Orange“, dass dagegen wie ein Kinderfilm wirkt nutzt Pasolini die Schönheit in Form von klassischer Musik als bösen Kontrast zu der gezeigten Folter.

Obwohl der Film scheint sich in Perversionen zu wälzen und die Schaulust der Zuschauer zum Selbstzweck auszunutzen, trügt diese Empfindung. Menschen die hier nackte Haut sehen wollen oder sich an Blutfontänen ergötzen möchten werden an diesem Film keinen gefallen finden. Von Schaulust kann keine Rede sein, eher von einer abartigen Faszination der menschlichen Abgründe. Dennoch oder gerade deswegen hat der Film einen negativen Beigeschmack. Seine Aussage ist zu subtil, als dass man sie ohne nötiges geschichtliches Hintergrundwissen vollends verstehen kann, dadurch wirkt er schnell pervers ohne jeglichen anderen Bezug. Doch auch mit diesem Wissen möchte man den Film kein zweites Mal sehen, nicht weil er nicht im Begriff steht als Kunstwerk geltend zu sein, sondern weil er unangenehm, entfremdend und verletzend ist. Man muss ihn gesehen haben, dass steht außer Frage, in welche Sparte man ihn drängen möchte steht jedem frei, Kunstwerk oder perverse Sinnlosigkeit. Beide Richtungen sind weder abwegig noch vertretbar, so muss man ein Mittelmaß finden, was bei einem so deutlichen Film sehr schwer fällt.

Die Vorstellung dass dieser Film ein Opfer weltweiter Zensur war und ist, dürfte Niemanden verwundern. Die ungeschnittene Fassung auf die sich dieser Bericht bezieht hat eine Lauflänge von ca. 111 Minuten und lediglich das Zitat von Passolini zum Anfang des Films fehlt in dieser Version.

Fazit:
Kunstwerk oder eine Aneinanderreihung von Abartigkeiten? Eine Mischung aus Beidem, die aus dem Film ein selten gesehenes verstörendes Gesamtbild schafft, dass uns Menschen verstört, verletzt, ekelt und vielleicht sogar ein bisschen unserer Würde beraubt. Einen guten Magen vorausgesetzt ein Film, den man gesehen haben muss – einmal und nie wieder.

*Salo oder die 120 Tage von Sodom sollte Passolinis letzter Film werden. Er wurde im selben Jahr am 2. November 1975 auf mysteriöse Weise ermordet auf einem öffentlichen Bolzplatz mit zertrümmertem Schädel und überfahren von seinem eigene Auto aufgefunden worden. Ein Tot, wie er ihn schon einmal in einem seiner Filme inszeniert hat. Die Theorien über den Täter reichen von einem Stricher bis hin zu einem rechtsradikalen Hintergrund*

Fazit: