Leviathan (Hobbes, Thomas)
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Neuester Testbericht: ... aus dem Nuturzustand und dem Gesellschaftszustand. Der Naturzustand bildet bei Hobbes einen idealtypisch geformten Gegensatz zum Ge... mehr

Wölfe sind nicht böse
Leviathan (Hobbes, Thomas)

menelik79

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Leviathan (Hobbes, Thomas)

Datum: 19.07.01, geändert am 28.07.01 (238 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: eines der bedeutendsten Werke politischer Philosophie, ansprechend geschrieben , hochinteressant

Nachteile: stark vereinfachte Theorie

Der 1588, im Jahr des Angriffs der spanischen Armada auf England, geborene Thomas Hobbes of Malmesbury ist zweifellos einer der meistgelesenen, umstrittensten und am häufigsten mißverstandenen und mißbrauchten Philosophen in der Geschichte der politischen Theorie. Bereits während seiner 91 Lebensjahre erfuhr er mit seinen Theorien ein ständiges Auf und Ab zwischen Bewunderung und Verfolgung.
Seine Lehre von Naturzustand, Gesellschaftsvertrag und „Leviathan“ im hier zu beschreibenden gleichnamigen Buch – seinem zweifellos wichtigsten Werk – diente ebenso zur Rechtfertigung absolutistischer und diktatorischer Regime wie als Grundlage von Volkssouveränität und Demokratie.
Da ich dieses Werk für eines der wichtigsten der politischen Philosophie überhaupt halte, habe ich mich entschlossen hier die gekürzte und leicht geänderte Fassung meiner Hausarbeit, in der ich besonders versucht habe mit dem Vorurteil vom „bösen Menschen“ aufzuräumen, zum Thema zu veröffentlichen.
Ich warne also vor einer echten Monster-Meinung, an deren Ende ihr aber hoffentlich ganz gut beurteilen könnt, ob ihr euch mit dem „Leviathan“ näher beschäftigen wollt, was sich meiner Meinung nach mehr als lohnt.

INHALT:

Menschenbild:

Als eindeutiges Kind einer Zeit in der auf naturwissenschaftlichem Gebiet beträchtliche Fortschritte erzielt wurden suchte Hobbes, von der Lektüre seiner Vorgänger in der politischen Philosophie von Aristoteles bis zu den mittelalterlichen Denkern ob ihrer Verallgemeinerungen, Erfahrungsferne, Moralisierung und Widersprüche enttäuscht, nach einer Methode die rationale Logik, die Methoden von Mathematik und Geometrie auf die Philosophie zu übertragen, um so zu endgültigen, nicht angreifbaren Erkenntnissen über die menschliche Natur zu gelangen.
Dabei interessierte er sich allerdings nicht für Mathematik und Geometrie selbst, sondern lediglich für ihre Methoden, mit denen er hoffte eine T
heorie entwickeln zu können, die – anders als die seiner Vorgänger – gegenüber menschlichen Leidenschaften und Affekte Bestand haben sollte. Dazu, so Hobbes Ansicht, müßten diese Leidenschaften und Affekte Teil der wissenschaftlichen Untersuchung sein und der Mensch rational und logisch – realistisch – betrachtet werden, und nicht mehr ideell und vergeistigt, wie bisher.
Wenn man den Menschen betrachtete wie eine Maschine und dessen Leidenschaften und Affekte ganz normale Funktionen dieser Maschine wären, so könne man auch naturwissenschaftliche, ja mechanische, Aussagen über die menschliche Natur treffen, die nicht durch ideelle und moralisierende Vorstellungen verzerrt würden.

Um die menschliche Natur auf diese Weise untersuchen und die zahllosen Unterschiede in menschlichem Verhalten und Handeln systematisch unterbringen zu können nahm Hobbes wesentliche Vereinfachungen der menschlichen Natur vor.
Zunächst mußte er die menschliche Willensfreiheit völlig verneinen. Alles menschliche Handeln führt Hobbes auf mechanische Prozesse zurück, die von verschiedenen Einflüssen ausgelöst werden. Der Mensch ist also in seinem Handeln voll und ganz determiniert von unkontrollierbaren inneren und äußeren Einflüssen.
Die stärkste Macht haben dabei die inneren Einflüsse, namentlich seine Triebe, über ihn.
Damit vollzieht Hobbes die erste theoretische Vereinfachung, nämlich die Reduktion aller menschlichen Handlungsmotivation auf die zielgerichtete Befriedigung seiner Triebe, insbesondere auf „appetite, desire, love, aversion, hate, joy and grief“, die aber in den verschiedensten Varianten auftreten.

Der wichtigste, grundlegendste Trieb aber, der erste und wichtigste Auslöser für menschliches Handeln, ist der Selbsterhaltungstrieb, alle anderen Triebe sind im Grunde nur Derivate dieses einen.
Damit sind wir bei der zweiten theoretischen Vereinfachung, die Hobbes für den Bestand seiner Theorie braucht. De
r bereits triebgesteuerte Mensch wird in seiner Handlungsmotivation noch einmal reduziert auf das alleinige Streben nach Selbsterhaltung
ohne irgendein anderes Ziel, und genau besehen auch ohne eine Ursache dafür.
Das ist ein mehr als interessanter Punkt in Hobbes Theorie, da er sich hier sehr deutlich von all seinen Vorgängern entfernt.
Bei Aristoteles gibt es ein „summum bonum“, ein höchstes Gut, das der Mensch zu seinen Lebzeiten erreichen kann, wenn er sein Leben richtig ausrichtet.
Auch – und ganz besonders – im Christentum gibt es ein solches „summum bonum“, welches in der Erringung des unendlichen Lebens im Paradies besteht und durch eine im christlichen Sinne gute Lebensführung erreicht werden kann.
Für Hobbes dagegen gibt es so etwas nicht, jedes erreichbare Ziel dient seiner Meinung nach nur der Erringung eines weiteren Zieles.
Ein gutes Beispiel für diese Philosophie gibt die Unabhängigkeitserklärung, der USA, in der – ganz im Sinne Hobbes – das menschliche Recht zum „pursuit of happiness“ postuliert wird.
Zu beachten ist hier das Wort „pursuit“, also Verfolgung, nicht etwa „attainment“, also Erlangung. Das Glück ist also ein unendlicher Prozeß, bei dem das Erreichen des einen Zieles nur Grundlage für das Erreichen des nächsten ist.
Für Hobbes gibt es folglich nur ein „summum malum“, welches in der eigenen Vernichtung besteht, den Sinn des Lebens würde er in einer Negativdefinition umschreiben: Der Sinn des Lebens ist, nicht zu sterben, selbst das Leben der Nachkommen ist nicht so wichtig wie das eigene.
Das diese Vorstellung in ihrer Verneinung eines Zieles, das nach dem Tode zu erreichen wäre, mehr als atheistisch ist, hat nicht gerade zu Hobbes Beliebtheit und Ansehen als Philosoph zu seinen Lebzeiten beigetragen.

Das die Menschen alle in gleicher Weise eine Chance haben ihrem Selbsterhaltungstrieb nachzukommen,
verdanken sie einzig ihrer völligen Gleichheit.
Sowohl körperlich wie geistig sind die Menschen für Hobbes absolut gleichwertig, da auch schwächere sich verbünden können um stärkere zu besiegen und die wahre Klugheit nichts als Erfahrung ist, die die Zeit gleichmäßig auf alle verteilt.
Unterschiede könnte es nur im subjektiven Konzept von eigener Weisheit geben. Die gibt es aber auch nicht, weil jeder von sich behauptet, weiser als alle anderen zu sein. Und welche Form von Verteilung könnte gerechter sein, als die, in der jeder mit seinem Teil mehr als zufrieden ist?

Da nun alle die selben Grundvoraussetzungen haben, haben auch alle die gleiche Chance und die selbe Hoffnung, die Dinge zu bekommen die sie haben möchten.
Wenn jetzt aber zwei Menschen das selbe Gut besitzen möchten, das sie nicht gleichzeitig haben können, so werden sie unweigerlich zu Feinden und es kommt zu Konkurrenz, der ersten von Hobbes genannten Hauptkonfliktursachen der Menschen.
Bei der Konkurrenz um Güter ist allerdings ein wichtiger Unterschied zu beachten, nämlich der zwischen kollektiven Gütern, die von allen ohne Einschränkung genutzt werden können und somit kein Konfliktpotential beinhalten ( wie beispielsweise die Atemluft) und privaten Gütern, um die, weil sie immer nur von einem oder wenigen genutzt werden können ( wie ein Apfel) Konflikt entsteht.
Doch es muß nicht einmal eine wirkliche Konkurrenz bestehen, um Konflikt auszulösen.
Dafür sorgt die zweite den Konflikt fördernde menschliche Eigenschaft, namentlich das Mißtrauen.
A muß B überhaupt nicht töten wollen, damit es zum Konflikt zwischen den beiden kommt. Es genügt völlig, wenn B denkt, A wolle ihn töten. Denn sobald B zu dieser Meinung gelangt ist, wird er in logischer Konsequenz A töten, um sein Überleben zu sichern.

Womit wir wieder beim Thema des Überlebenstriebes angelangt wären. Egal was das momentane Ziel eines Menschen ist, obenan steht immer die Selbsterhaltung.
Sie
ist Grundvoraussetzung zur Erfüllung aller anderen Wünsche, und sie ist der Zweck zu dem die meisten anderen Ziele die Mittel sind.
Um das eigene Überleben zu sichern, das ja durch die Wünsche der anderen bedroht sein könnte, braucht der Mensch zuerst und vor allem Macht. Sehr viel Macht.
Genaugenommen kann er überhaupt niemals genügend Macht besitzen, da ja diese Macht immer nur relativ zu der Macht der Konkurrenten ist und verschwinden würde, wenn deren Macht anwächst. Doch wie definiert Hobbes diese Macht?
„The power of a man ( to take it universally,) is his present means, to obtain some future apparent good. And is either original or instrumental.”
Machtmittel sind also solche, die dazu dienen ein wie auch immer geartetes zukünftiges Gut zu erreichen, wobei die Selbsterhaltung natürlich wie immer an erster Stelle steht.
Machtmittel können sowohl die eigene Stärke und Schläue sein ( original), wie auch eine Waffe, eine Armee oder auch Reichtümer ( instrumental).
Auch der Ruf mächtig zu sein, bedeutet bereits Macht, da es völlig ausreicht, wenn B denkt, A könnte ihn ohne weiteres besiegen, um von einem Angriff abzusehen. Außerdem bewirkt dieser Ruf die Loyalität von Schutzbedürftigen.
Da der Ruhm eine solche Machtquelle ist, ist natürlich auch die Ruhmsucht eine der – die dritte – Konflikt fördernden menschlichen Eigenschaften.
Laut Hobbes kann menschliches Vergnügen sogar überhaupt nur im Vergleich mit anderen bestehen, da der Mensch dort seine größere Macht erkennen kann.

„Homo homini lupus“, so lautet der wohl meist zitierte und bekannteste Satz aus Hobbes Werk.
Er bietet sozusagen in einem Satz eine Zusammenfassung des menschlichen Handelns und der Beziehungen der Menschen untereinander. Nirgendwo als in diesem Satz wird deutlicher, wie sehr sich Hobbes von der aristotelischen Staatsphilosophie abgrenzt.
Der Hobbes´sche Mensch ist alles andere als ein aristotelisches „
zoon politikon“, er ist kein Gesellschaftstier. Er denkt primär an sich und fühlt sich in Gesellschaft unwohl, weil er ja von seinen Mitmenschen ständig zu erwarten hätte, daß sie ihm etwas wegnehmen um sich selbst zu helfen, sei es ein Wertgegenstand oder gar das Leben.
Jedoch ist dieser Satz auch der, der am häufigsten zu polemischen Fehlinterpretationen des Hobbes´schen Menschenbildes geführt hat.
„Der Mensch ist des Menschen Wolf“. Dieser Satz bedeutet zwar, daß alle Menschen in einer dauernden Konkurrenz zueinander stehen, auf keinen Fall aber, daß alle Menschen böse, unberechenbare Tiere sind, auch Hobbes selbst stellt – entgegen der gängigen Polemik – diese Behauptung an keiner Stelle des Leviathan auf.
Im Gegenteil sagt er: „For these words of good, evil and contemptible, are ever used with relation to the person that useth them: there being nothing simply and absolutely so; nor any common rule of good and evil, to be taken from the nature of the objects themselves.”
Vorstellungen von Gut und Böse sind nach Hobbes also ohnehin subjektiv. Eine Vorstellung von Gut und Böse ist im Naturzustand an keinem gemeinsamen höheren Grundsatz festgemacht, es kann also auch keine wirkliche Vorstellung von Gut und Böse geben.

Natürlich legt die Vorstellung von den Menschen, die in dauerndem Kampf und Konkurrenz untereinander stehen die Vorstellung nahe, daß diese Menschen alle böse und schlecht sein müssen, tatsächlich muß aber für das Funktionieren von Hobbes Theorie kein einziger Mensch wirklich selbst schlecht sein. Es genügt völlig die menschliche Eigenschaft des Mißtrauens, die dafür sorgt, daß jeder alle seine Mitmenschen für potentiell gefährlich hält.
Wenn A und B beide im Grunde das wären, was man aus unserem heutigen Standpunkt „gute Menschen“ nennt, so würde A dennoch B töten, wenn er glaubt B hätte das selbe mit ihm vor. Das funktioniert natürlich umgekehrt ebenso.
An an
derer Stelle schreibt Hobbes:
„But neither of us accuse man´s nature in it. The desires, and other passions of man, are in themselves no sin. No more are the actions, that proceed from those passions, till they know a
law that forbids them: which till laws be made they cannot know: nor can any law be made, till they have agreed upon the person that shall make it.”
Wo es keine höhere Instanz – egal ob in Form einer Regierung, einer gemeinsamen größeren Idee oder etwas ganz anderem – gibt, die moralische Regeln festlegt kann es auch keine Vorstellung von gut und böse geben.
Wenn wir also von unserer modernen Warte aus sagen, der Hobbes´sche Mensch ist böse, so ist das vom Blickpunkt heutiger Moralvorstellungen aus vielleicht richtig. Allerdings legen wir damit zum einen unrechtmäßig Hobbes Worte in den Mund, die er nie gebraucht hätte, und maßen uns zum andern ein ungerechtfertigtes Urteil über den Menschen an, indem wir ihm Moralvorstellungen aufzwängen, die er in dieser Form in Hobbes Vorstellung überhaupt nicht kannte. Wir verstoßen in dieser Verurteilung sogar gegen einen unserer eigenen heutigen Rechtsgrundsätze, der da heißt „nulla poena sine lege“ – keine Strafe ohne Gesetz. So erfreulich es ist, wenn der heutige Mensch den Mensch aus Hobbes Theorie als böse bezeichnet, so falsch ist es auch diese Ansicht direkt auf Hobbes und seine Theorie zu übertragen.
Außerdem sollte sich jeder darüber klar sein, daß er sich dieses Urteil in gewissem Maße auch gleichzeitig selbst ausstellt. Denn wer könnte schon von sich behaupten, daß sein Verhalten niemals dem des Hobbes´schen Menschen entspricht oder wenigstens ähnelt?


Der Naturzustand

Doch warum müssen wir heute nicht auch in ständiger Furcht um unser Leben existieren?
Weil wir in einem Staat leben, in dem es eine höhere Instanz gibt, die Streitfragen regelt und die Einhaltung vorher festgelegter Verhaltensregeln überwacht ̵
; und ihre Nichteinhaltung ahndet.
Hobbes aber stellte im Leviathan die damals revolutionäre Überlegung an, wie der Mensch gelebt haben könnte, bevor es eine staatlich organisierte Gesellschaft gab.
Um darauf eine Antwort zu geben stellte er das völlig fiktive Konstrukt eines Naturzustandes – ohne jeden Anspruch auf historische Wahrhaftigkeit – auf, in welchem die Menschen völlig ohne Ordnung und staatliche Kontrollinstanzen in totaler Anarchie lebten, so etwas wie das Gedankenspiel eines anarchischen „Anti-Paradieses“ also, in dem keinerlei Zusammenleben möglich ist.

Der Mensch, wie Hobbes ihn sah, lebt in diesem Naturzustand in einem ständigen Krieg aller gegen alle, der dadurch definiert ist, daß jeder jederzeit mit seinem gewaltsamen Tod rechnen muß.
In diesem Zustand ohne jede Sicherheiten kann der Mensch sich in keiner Weise weiterentwickeln, da er nur für sich und ihn den Tag leben kann, ständig auf der Hut vor anderen, die ihm nach dem Leben trachten.
Er hat keine Motivation seßhaft zu werden und Ackerbau zu betreiben, sich ein Haus zu bauen oder sonstigen Besitz anzusammeln, da die Wahrscheinlichkeit zu groß ist, daß ihm ohnehin alles wieder weggenommen würde und Besitz ihn so sogar gefährden könnte.
Es gibt in Hobbes Naturzustand keine Kunst, keine Wissenschaft, keine Gesellschaft.
Nichts lohnt sich aufzubauen, da es innerhalb kürzester Zeit von jemand anderem weggenommen oder zerstört würde.
Der Mensch lebt in ständiger Angst vor gewaltsamem Tod und sein Leben ist „solitary, poor, nasty, brutish, and short.“
Denen, die sich die Realität eines solchen Zustands nicht vorstellen können, rät Hobbes sich die Tatsache vor Augen zu führen, daß auch sie – in einer Welt in der es Gesetze und Polizei gibt – ihre Häuser abschließen, und manche sogar Schränke und Schubladen um sich vor den eigenen Mitbewohnern zu schützen. Zwar tragen heute nur wenige Leute Waffen mit sich heru
m, um sich zu schützen, doch viele haben eine Sprühdose Pfefferspray in ihren Taschen wenn sie abends auf die Straße gehen und Selbstverteidigungskurse werden überall angeboten.
Er zeigt damit, daß die von ihm erkannte menschliche Natur auch in der modernen staatlichen Gesellschaft weiter besteht.
Als Beweis für die menschliche Natur, wie er sie sieht, und die Realität des Naturzustandes auf anderer Ebene als seiner fiktionalen des weltweiten Kampfes Mensch gegen Mensch, führt er unter anderem das Beispiel des internationalen Systems an, wo der Naturzustand immer Realität war.
Hier herrscht laut Hobbes – und den heutigen Vertretern der realistischen Theorie, wie Samuel Huntington oder Kenneth Waltz – genau die Anarchie und der Kampf aller gegen aller, den er im Naturzustand beschreibt. Einziger Unterschied ist, daß die Akteure hier nicht Privatpersonen sondern „kings, and persons of sovereign authority“, also im heutigen Sinne Staaten, sind. Diese Staaten leben wie die Menschen im Naturzustand nebeneinander her ohne eine höhere Instanz, die ihre Beziehungen regeln könnte. Sie müssen in ständiger Furcht davor leben, daß ein anderer Staat sie angreift und ihr Territorium erobert, was ja gleichbedeutend mit ihrem Tod als Staat wäre.

Der einzige Unterschied zwischen diesem Naturzustand und der Gesellschaft in der wir heute leben, ist das Vorhandensein, respektive Nichtvorhandensein, von Regeln, Normen und Gesetzen, die wir sowohl durch staatliche als auch religiöse und kulturelle Vorgaben erhalten.
Ein großer Teil dieser Regeln, verbunden mit einem Gefühl von Moral und Gerechtigkeit und einer Vorstellung von Gut und Böse, wird uns bereits in der Erziehung mitgegeben und geht uns schon in frühester Kindheit in Fleisch und Blut über, andere Gesetze lernen wir erst später kennen, wie zum Beispiel die Regeln im Straßenverkehr.
In jedem Fall aber gibt es in unserer Gesellschaft für fast alle Bereiche des sozialen Zusammen
lebens Vorgaben und Vorschriften irgendwelcher Art, egal ob rechtlich bindende Gesetze oder einfach nur soziale Konventionen und Normen, die man vielleicht als „gute Sitten“ bezeichnen würde.

In Hobbes Vorstellung eines Naturzustandes gibt es keinerlei solche Gesetze und Normen.
Es existiert nur ein einziges Recht a priori, und zwar das Naturrecht.
Dieses Naturrecht besagt schlicht und einfach, daß jeder ein Anrecht darauf hat, alles zu tun was er für sein Überleben für nötig erachtet. Jeder hat ein Recht auf alles, das nur durch seine Fähigkeit beschränkt ist, es sich zu nehmen.
Es gibt kein Konzept von „Mein und Dein“ und auch kein Eigentum. Es gibt nur Besitz, und den nur solange, bis jemand anderes einem diesen abnimmt.
Es gibt kein Unrecht, denn für Unrecht bedarf es des Gesetzes, und wo kein gemeinsamer Gesetzgeber ist, da gibt es auch keine Gesetze.

Auch ein bloßes Gefühl für Gerechtigkeit ( auch ohne positives Recht) kann der Mensch nicht entwickeln, da dies nur in der Gesellschaft, nicht aber in der Einsamkeit möglich ist, in der sich alle Menschen – paradoxerweise – zusammen befinden.
Wie bereits in dem Abschnitt über die Macht erläutert, ist das Hauptinteresse, das der Mensch verfolgt, in diesem Zustand also die Akkumulation von immer mehr Macht, da diese das einzige ist, das ihn befähigt, von seinem einzigen Recht Gebrauch zu machen und sein Überleben zu schützen, zu welchem Preis auch immer.

Zwar gibt das Naturrecht dem Menschen freie Hand, alles zu tun was er für richtig befindet, um sein Leben zu bewahren, doch selbstverständlich hat dieses Recht zwei Seiten.
Es hat sogar so viele Seiten wie es Menschen gibt, denn es gilt ja für jeden einzelnen.
Das bedeutet, das Naturrecht gibt zwar A das Recht B zu erschlagen, wenn es seinem Überleben dient, bringt aber A auch in Gefahr von B oder irgend jemand anderem erschlagen zu werden, wenn es deren Überleben dient. Sol
ange also das Naturrecht besteht, gibt es keine Möglichkeit die oberste Maxime des Überlebens aller zu gewährleisten.
Das Bewußtsein über diese Tatsache löst im Menschen den Trieb der Todesangst aus, der ihn, in Verbindung mit dem Wunsch nach einem bequemen Leben und der Vernunft, zum Frieden treibt und ihn dazu bringt einige Gesetze – die Naturgesetze – aufzustellen, denen alle zustimmen können und die den Frieden bewirken.
Während das Naturrecht auf der Freiheit beruht, und den Menschen etwas erlaubt, schränkt das Gesetz den Menschen ein und bindet ihn ( „...law, and right, differ as much, as obligation, and liberty”).
Die Naturgesetze sind Regeln, die mit Hilfe der Vernunft aufgestellt wurden und jedem Menschen verbieten, das zu tun, was ihm schadet, oder ihm die Mittel nimmt sein Leben zu bewahren, ihn verpflichten, alles in seiner Macht stehende zu tun, um den Frieden zu wahren ( verteidigen darf er sich aber noch), auf sein Recht auf alles zu verzichten und sich nur soviel zu nehmen, wie er denn anderen auch zugesteht.
Halten sich die Menschen an diese Gesetze, so ist der Bann des Naturrechts gebrochen.
Nur wenn tatsächlich jeder auf sein Recht auf alles verzichtet ist der Ausgang aus dem Kriegszustand denkbar. Denn nur dann müßte keiner mehr ständig um sein Leben und seinen Besitz fürchten, wenn die anderen auch nicht mehr darum fürchten müssen.
Erklären sich nur einige wenige bereit, ihr Recht auf alles aufzugeben, würden sie sich und all ihren Besitz nur den übrigen als leichte Beute darbieten.

Und hier liegt ein zentrales Problem der Hobbes´schen Utopie. Wenn die den Menschen hauptsächlich antreibenden Eigenschaften der Selbsterhaltungstrieb und das Mißtrauen sind, welcher Mensch würde dann wohl freiwillig den ersten Schritt machen und als erster auf sein Recht auf alles verzichten? Würden sich genügend andere Menschen finden, die diese Position der Schwäche mit dem eigenen Verzicht auf ihr Recht h
onorieren, anstatt diesen ersten in seiner Schwäche auszunutzen?
Wohl kaum.
Viel wahrscheinlicher wäre, daß sich keiner traut den ersten Schritt zu machen, aus Angst von den anderen hintergangen zu werden.
Dieses Problem zieht sich auch weiter durch das Hobbes´sche Theorem, wenn die Menschen ihre aufgegebene Freiheit an einen Souverän, den Leviathan, abgeben, um sich von ihm regieren zu lassen.
Auch hier würde sich niemand finden, der als erster einen Teil seiner Freiheit zum Wohle aller aufgibt, vielmehr bedürfte es des Leviathan bereits vor der ersten Vertragsschließung, also bevor auch nur die Naturgesetze aufgestellt werden könnten. Man bräuchte ihn schon dort als übergeordnete Instanz, welche die allseitige Einhaltung der Abmachungen überwacht und Übertretungen ahndet.
Zwar nennt Hobbes als eines seiner Naturgesetze auch die Pflicht zur Einhaltung von Verträgen doch auch dieses Gesetz ist ja bereits ein Vertrag, dessen Einhaltung in einem Naturzustand durch mehr gesichert sein müßte als durch inexistente Moralvorstellungen.
So wie Hobbes sie beschreibt verpflichten die Naturgesetze den Menschen nur vor sich selbst, und vielleicht noch vor seiner Vernunft.
Ein Gesetz ist nun einmal immer nur so stark, wie diejenige Instanz, die es durchsetzt.
Die Naturgesetze können aber von niemandem durchgesetzt werden, weil niemand da ist, der die nötige Macht hätte. Sie ziehen ihre ganze Stärke nur aus sich selbst, nicht aus einem exekutiven Unterbau.
Solange die Gesetze niemand überwacht – und das tut ja im Naturzustand niemand – birgt ihre Einhaltung für den einzelnen Menschen mehr Gefahren als Nutzen, da er sich niemals sicher sei kann, daß andere sie ebenfalls einhalten.
Folglich müßte der Leviathan, der, von den Menschen eingesetzt, die Einhaltung von Verträgen überwacht und die Beziehungen der Menschen regeln und kontrollieren soll, bereits existieren, um seine Erschaffung überhaupt zu ermöglichen – wenn er sic
h nicht selbst erschafft, dann tut es niemand.

FAZIT:

Beschäftigt man sich näher mit Hobbes Theorie, so wird schnell klar, weswegen über seine Theorien auch heute noch überall wo man sich mit Philosophie und politischer Theorie beschäftigt heftig diskutiert wird.
Zum einen liegt das mit Sicherheit an seiner pessimistischen ( oder, wie er selbst sagen würde, realistischen) Sichtweise der menschlichen Natur.
Auch wenn die weitverbreitete Meinung, der Hobbes´sche Mensch sei böse, extrem vereinfacht ist und mit Hobbes eigener Theorie nichts zu tun hat, sehen sich die Menschen doch nicht gerne als von Trieben gesteuerte Wesen, deren oberstes Ziel ein fast animalisches Prinzip der Selbsterhaltung ist, und nicht ein so hehres wie das der Erringung der Glückseligkeit, Erleuchtung oder des ewigen Lebens.
Die Vorstellung eines ständigen Existenzkampfes an dessen Ende niemals etwas anderes als der endgültige Tod steht gefällt wohl den wenigsten Menschen, und die meisten sehen sich wohl lieber als vernunftbegabte, denkende Menschen, denn als von Leidenschaften getriebene Tiere.
Selbstverständlich sind die Menschen auch tatsächlich mehr als die Summe ihrer Triebe und ihr Handeln wird von wesentlich mehr bestimmt als von Leidenschaften.
Nur ist das menschliche Denken und Handeln eben so komplex, daß es mit einer einzigen Aussage nicht greifbar ist. Wollte man eine Theorie entwickeln, die das menschliche Wesen in seiner Gänze beschreibt, so wäre diese Theorie ebenso komplex wie das menschliche Wesen selbst und somit nutzlos. Vergleichbar wäre dieses Unterfangen mit dem Versuch einen Globus im Maßstab 1:1 herzustellen.
So deckt also die Hobbes´sche Vorstellung des menschlichen Wesens auch nur einen Teilbereich desselben ab. Und zwar einen Teilbereich, der zweifellos auch in jedem von uns steckt. In den Menschen steckt sowohl der edle Geist, der sich selbstlos für seine Mitmenschen aufopfert, wie das egoistische, triebgesteuerte Säugetier
und vieles, vieles mehr.
Schließlich hat Hobbes nicht unrecht, wenn er uns darauf hinweist, daß auch wir uns gegen unsere Mitmenschen wappnen indem wir beispielsweise Türen abschließen, obwohl wir eigentlich in durch Recht und Gesetz gesicherten Verhältnissen leben.

Auf dem Boden dieser Tatsache müssen auch die erheblichen Vereinfachungen verstanden werden, die Hobbes in seiner Theorie vornimmt. Man darf sie nicht als allgemeingültige Schablone über alles menschliche Handeln legen, denn sie würde nicht passen.
In gewissen Fällen jedoch passt sie besser als jede andere.

Auch das Konzept des Naturzustandes an sich hat viel Diskussion ausgelöst.
Das liegt wohl daran, das wir in unserer geregelten Gesellschaft Schwierigkeiten haben, uns eine solche Welt vorzustellen in der buchstäblich NICHTS regiert oder kontrolliert.
Wir können uns keine Welt ohne Kontrollinstanzen, die unser Zusammenleben regeln vorstellen. Noch wichtiger, wir können uns keine Welt ohne ein Zusammenleben vorstellen, und nichts anderes ist ja der Naturzustand.
Jeder Mensch lebt dort für sich allein und nicht mit, sondern gegen die anderen.
Genau darin liegt allerdings auch ein weiteres Problem der Utopie Hobbes.
Eine solche Welt ist für uns nicht vorstellbar, weil sie eigentlich nicht möglich ist.
Sie ist schon deshalb unmöglich, weil sie sich in der absoluten Basis allen Lebens, der Fortpflanzung, selbst vernichten würde.
Darum ist es wichtig, den Naturzustand auch nur als das zu begreifen, was er auch ist, nämlich reine Fiktion, ein theoretisches Konstrukt, das zur Verdeutlichung der Sichtweise Hobbes dient. Es bleibt jedoch das Problem, daß Hobbes seinen Kritikern mit diesem Konzept eine große Angriffsfläche bietet. Seine Theorie auf einer Fiktion aufzubauen ist insofern mutig, als eine solche natürliche keinen Halt in der Realität hat.
Man kann diese Fiktion für sich annehmen und sich auf das Gedankenspiel einlassen, oder man kann sie mi
t dem Verweis auf ihre Realitätsferne leicht verwerfen.
Ähnliche Probleme macht sich Hobbes mit der Fortführung des Gedankenspiels zum Ausgang aus dem Naturzustand durch Aufstellung der Naturgesetze und Einsetzung des Leviathan, wie ja schon beschrieben.
Läßt man sich jedoch auf diese Unstimmigkeiten, Fiktionen und Vereinfachungen ein, so erhält man im „Leviathan“ ein relativ rundes Bild von wenigstens einem Teilaspekt des menschlichen Wesens.

Einen bedeutenden verändernden Einfluß hatte Hobbes in jedem Fall aber bei der Betrachtung des Menschen im Bezug zur Gemeinschaft. Hatte die antike und christliche Tradition den Menschen immer nur als Gemeinschaftswesen gesehen, so zeigte sich in Hobbes Theorie eine radikale Abkehr von dieser Sichtweise.
Erstmals wurde dem Menschen eine Individualität außerhalb seiner Rolle als Bürger und Teil einer Gemeinschaft zugesprochen. Verbunden damit sind auch Rechte, die Naturrechte, die der Mensch schon von Natur aus hat und die keiner staatlichen Zustimmung unterworfen sind, und auch durch den Staat nicht einfach so angreifbar sind.
Damit legte Hobbes, der große Pessimist, einen wichtigen Grundstein für die Bewegung der Aufklärung und des Liberalismus, die dem Menschen schließlich das große Maß an Freiheit verschaffen sollte, die er heute genießt.

Die Beschäftigung mit dem „Leviathan“ ist also heute so interessant wie eh und je, so daß jeder der sich mit Philosophie – insbesondere mit Staatsphilosophie – beschäftigt am Leviathan kaum vorbeikommt. Sprachlich ist Hobbes hoch anzurechnen, daß sein Werk in gut verständlicher, sogar ansprechender Sprache verfasst ist und er sich nicht in unnötige Schachtelsätze versteigt, so daß das Buch auch für Nicht-Philosophen verständlich bleibt.
Unbedingt anschaffen!


Gekürzte und geänderte Fassung meiner Hausarbeit zum Thema.
Alle Rechte bleiben beim Autor.

Fazit: