Albanien
Neues Leben aus Ruinen? - Albanien Reiseziele international

Neuester Testbericht: ... in Zusammenhang gebracht. Natürlich ist das ein Vorurteil, das sich bei einer Reise nach Albanien am leichtesten widerlegen läs... mehr

Neues Leben aus Ruinen?
Albanien

herbb

Name des Mitglieds: herbb

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Albanien

Datum: 05.07.02, geändert am 05.07.02 (2570 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: große Kulturschätze

Nachteile: rückständigstes Land in Europa


Wer noch seinen Karl May in Erinnerung hat, kennt vielleicht den Roman "Durch das Land der Skipetaren": fern, exotisch und aufregend habe ich die Abenteuer Kara ben Nemsis und des Hadschi Halef als Kind empfunden, der Balkan gehörte demnach schon zum Orient. Man sagt zwar in Wien, dass der Balkan am Rennweg (führt von der Inneren Stadt in östliche Richtung) beginne, das hören aber die Bewohner des dritten und elften Bezirkes nicht so gern ;-)

Jedenfalls blieb das heutige Albanien, der Schauplatz dieses Romans, über Jahrzehnte hinweg ein unerreichbar abgeschottetes Land, in den Nachkriegsjahren versuchte man sich im Tito-Kommunismus, überwarf sich aber bald mit dem eigenwilligen Jugoslawen. Es folgte eine Phase der Zuwendung zu den Russen, aber auch die waren Enver Hodschas Gefolge nicht grün. Ein letzter Versuch mit der chinesischen Spielform des Kommunismus dauerte bis 1978, wonach man erneut frustriert die totale selbstauferlegte Isolation wählte. Erst nach den ersten demokratischen Wahlen 1991 gab es eine zaghafte Öffnung dieses nach wie vor ärmsten Landes Europas.

Anlässlich meines jüngsten Korfu-Besuchs entdeckte ich die Möglichkeit eines Tagesausflugs per Schiff nach Saranda mit einer Option auf einen Besuch der Ausgrabungen in Butrint.
Der Preis für dieses Angebot von EUR 71 setzte sich aus drei Posten zusammen: EUR 34 für Transfers vom Hotel zum Hafen von Korfu und die Überfahrt, EUR 18 für albanische Hafengebühren und EUR 19 für die Exkursion nach Butrint, die einen Lunch inkludierte.
Visagebühren wurden für diese spezielle Tour keine verlangt, notwendig war aber ein Reisepass, etliche Mitreisende mit Personalausweis wurden erst nach umständlichen Verhandlungen des Reiseleiters mit den Zöllnern eingelassen.

Unser lokaler Reiseleiter namens Spiridon war ein griechisch-stämmiger Albaner, er empfing uns im Hafen und brachte uns zu einem nahen Hotel, wo es die Möglichkeit gab, Euro gegen den heimischen Lek zu
wechseln, zufällig übernahm seine Frau diesen Job und lukrierte erstmals heftig an diesem Tag, da wir nicht die offizielle Rate von 142 Lek für 1 EUR erhielten, sondern bloß 130, dafür gab es eine Rückwechselgarantie für nicht verbrauchte Lek vor der Rückfahrt nach Korfu. Ich will nicht wissen, wie viele Mitreisende die erhaltenen Scheine nachzählten, ich tat es und im Nu tauchte die Tochter dieses reizenden Familienunternehmens mit unschuldigem Augenaufschlag auf, um mir einen fehlenden 200er "nach" zu reichen...

Die nächste Überraschung gab es beim Zahlen der konsumierten Getränke, wobei die Rechnung Lek 250 ausmachte, ich mangels anderer Scheine mit zwei 200ern zahlen wollte, worauf der Kellner beteuerte, er könne nicht heraus geben, erst eine Intervention beim Geschäftsführer brachte doch noch das Wechselgeld auf den Tisch.

Diese beiden Erfahrungen nach nur wenigen Minuten im Land der Skipetaren, das die höchste Alt-Mercedes-Dichte in Europa zu haben scheint, ließ für den weiteren Ablauf ja noch Einiges befürchten, wobei ich bis zu einem gewissen Grad verstehe, dass in Anwesenheit von "reichen" Westeuropäern allgemein eine gewisse Goldgräberstimmung aufkommen muss, die wirtschaftliche Lage und die extrem hohe Arbeitslosigkeit lassen da jede(n) ohne Gewissensbisse unverschämt werden.

Schließlich wurden wir mit dem Bus auf holprigsten und engen Straßen nach Butrint gekarrt, auffallend dabei waren neben den zahllosen Betonbunkern die unzähligen Rohbauten offenbar privater Hotels und einige Ruinen von ehemaligen Ferienheimen der Hodscha-Ära, die die Küstenlinie verschandelten. Da passt es, dass die dazugehörigen Strände, an denen sich an diesem Samstag Nachmittag die Einheimischen tummelten, derart von Müll und Unrat übersät waren, dass einem schier grausen konnte, die Locals schien das aber nicht zu stören...

Butrint, das antike Buthroton, soll nach Vergils Aeneis von trojanischen Flüchtlingen gegründet worde
n sein, es ist seit 1997 UNESCO Weltkulturerbe. Im 2. Jhdt. vor Christus gelangte es unter römischen Einfluss, Augustus siedelte Veteranen zur Romanisierung des Hinterlandes an, danach wechselten sich Byzantiner, Slawen, Venezianer und Moslems als Herrscher ab. Die Stadt versank und wurde erst in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts von italienischen Archäologen systematisch ausgegraben. Britisch-albanische Kollegen setzten das Werk fort, dennoch liegt ein großer Teil der Stadt noch unter der Erde.

Hervorragend erhalten sind u.a. ein Amphitheater mit 1500 Plätzen, mehrere Bäder mit Hypokaustenheizung, eine Taufkapelle mit wunderschönem Mosaik, das sich leider nur im Katalog bewundern lässt, da es zum Schutz vor Erosion mit einer Lage Sand bedeckt ist, weiters gibt es ein Nymphäum, eine Basilika mit Malteserkreuz aus dem 6. Jhdt, ein Löwentor nicht unähnlich dem von Mykene und aus dem 14. Jhdt thront eine venezianische Akropolis auf dem Burgberg. Von da oben hat man einen wunderbaren Ausblick auf den Butrint-See, den Vivari-Kanal und eine muslimische Festungsruine an der Mündung zum Ionischen Meer.

Auf der Rückfahrt nach Saranda erfahren wir noch Details zur gegenwärtigen albanischen Lage, auffällig ist, dass der Reiseleiter die Quantität seiner Ausführungen nach der Kopfzahl der Reisenden bemisst: während er dem (überwiegend) Englisch sprechenden Teil umfassend Informationen liefert, beschränkt er sich bei der deutschen Fassung auf das Allernotwendigste.

In Saranda gibt es nach dem Lunch, den wir von einem trockenen einheimischen Riesling begleiten lassen, noch einen "Stadtbummel", wo wir in der prallen Hitze zu einem Andenkenladen geschleift werden, der offenbar ebenfalls ein Erfolgshonorar an unseren Spiro abzuliefern hat. Das mickrige Angebot beschränkt sich auf albanische Nationalflaggen, Holzschnitzereien, Fächer und ein paar Musikkasetten.

Anstatt wahrscheinlich mit Verlust zurück zu wechseln, schenke ich mein
em Kollegen Raucher die verbliebenen Lek, der bei einem Kiosk wohlfeil seine L&M Zigaretten ersteht, die Schachtel zu Lek 150, satte 100 Lek billiger als in Spiros "Reich".

Schließlich kriegen wir noch einen Ausreisestempel in den Pass gedrückt und verlassen mit gemischten Gefühlen Shqiperia Richtung Korfu.









Fazit: