Wenn die Nacht verstummt - Linda Castillo
Spannend - und sogar lehrreich - Wenn die Nacht verstummt - Linda Castillo Krimis & Thriller Bücher

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Spannend - und sogar lehrreich
Wenn die Nacht verstummt - Linda Castillo

dik1609

Name des Mitglieds: dik1609

Produkt:

Wenn die Nacht verstummt - Linda Castillo

Datum: 08.08.17

Bewertung:

Vorteile: Leicht zu lesen, spannend und aktuell gestaltet

Nachteile: Keines entdeckt.

Irgendwie gibt es zu viele Reihen von Kriminalromanen, die mir gefallen - da komme ich mit dem Lesen gar nicht mehr so recht hinterher. Und weil es derartig viele interessante Krimi-Reihen gibt, dauert es bei mir zumeist eine ganze Weile, bis ein neues entsprechendes Werk gelesen wird. So ist das auch bei Linda Castillo, die ihre Ermittlerin Kate Burkholder im Amish-Milieu arbeiten lässt. Zwei Romane aus dieser Reihe ("Die Zahlen der Toten" und "Blutige Stille") hatte ich in der Vergangenheit schon gelesen, nun war Nummer drei an der Reihe. Und darüber kann entsprechend jetzt berichtet werden.

Der Kauf
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Das 2012 im Fischer-Taschenbuchverlag erschienene Werk mit 336 Seiten erwarb ich als gebrauchtes Exemplar bei Momox.de und hatte dafür lediglich 97 Cent (plus 3 Euro für Versandkosten) zu bezahlen. Im Normalfall allerdings werden für das Buch 9,99 Euro berechnet.

Das Aussehen
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Das Taschenbuch im Format 19 mal 13 Zentimeter zeigt auf seinem Cover eine etwas düster wirkende Szene, auf der ein Pferdewagen, drei Bäume ohne Laub und ein Vogelschwarm zu erkennen sind. Genannt werden zudem in weißer Schrift der Name des Romans und in roten Lettern der der Autorin. Auf der Rückseite gibt es eine kurze Inhaltsangabe sowie eine (natürlich positiv ausfallende) Pressestimme.

Die Autorin
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Linda Castillo wurde in Dayton/Ohio geboren und arbeitete lange Jahre als Finanzmanagerin, bevor sie mit dem Schreiben anfing. Ihre Thriller, die in einer Amisch-Gemeinde in Ohio spielen, sind internationale Bestseller, die immer auch auf der Spiegel-Bestenliste zu finden sind. Die Autorin lebt mit ihrem Mann auf einer Ranch in Texas.

Der Inhalt (buecher.de)
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Sie leben wie vor hundert Jahren. Sie sind gottesfürchtig und rechtschaffen. Doch auch sie trifft der Hass.
Der dritte Band der Bestseller-Serie über die Amisch-Gemeinde in Painters Mill.
Die Eltern waren rechtschaffene Leute, gottesfürchtig und in der Amisch-Gemeinde von Painters Mill sehr angesehen. Doch nun liegen sie tot in der Güllegrube. Warum wollte der Mörder die Familie zerstören und die vier Kinder zu Waisen machen? Oder stehen diese Morde in einem Zusammenhang mit den Tätlichkeiten gegen Amische, die in letzter Zeit immer häufiger vorgekommen sind? Für Polizeichefin Kate Burkholder hat dieser Fall höchste Priorität und gemeinsam mit ihrem Freund John Tomasetti kommt sie einem dunklen Geheimnis auf die Spur, das die Idylle der kleinen Amisch-Gemeinde in Painters Mill für immer zerstören wird.

Leseprobe (1. Kapitel)
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Um Mitternacht begann es zu regnen. Kurz darauf riss der einsetzende Wind die letzten Blätter von den Ahornbäumen und Platanen und fegte sie wie kopflose Krebse über die Main Street. In nur einer Stunde war die Temperatur um fünf Grad gefallen, ein Vorbote der Kaltfront aus dem Norden. Morgen früh würde es schneien.
"Scheißwetter." Roland "Pickles" Shumaker schwang seinen vierundsiebzig Jahre alten Körper in den Streifenwagen und zog etwas zu heftig die Tür zu. Wie ein Anfänger hatte er sich die Nachtschicht aufs Auge drücken lassen, dabei wurde er auch nicht jünger. Aber der verfluchte Skidmore hatte sich krank gemeldet, und die Chefin hatte ihn gebeten, für seinen Kollegen einzuspringen. In dem Moment war die Vorstellung, um vier Uhr morgens in Painters Mill rumzufahren, noch ganz nett gewesen, doch jetzt zweifelte er an seinem Verstand.
Früher war das anders gewesen, da hatte er die Nachtschicht geliebt. Denn wenn es dunkel war, kamen die Unruhestifter aus ihren Löchern gekrochen wie Vampire auf der Suche nach Blut. Fünfzig Jahre lang hatte er auf den nicht ganz so gefährlichen Straßen dieser Stadt patrouilliert, wobei sein Polizistenherz stets hoffte, dass irgendein Depp wenigstens ein bisschen das Gesetz übertrat und er aktiv werden konnte.
Doch in letzter Zeit brachte er kaum noch eine Acht-Stunden-Schicht hinter sich, ohne von seinem Körper daran erinnert zu werden, dass er nicht mehr vierundzwanzig war. Entweder schmerzte der Rücken, der Nacken, oder die verdammten Beine taten weh. Herr im Himmel, alt werden war ein Fluch.
Beim Blick in den Spiegel starrte ihm ein schrumpliger Mann mit blödem Gesichtsausdruck entgegen, und jedes Mal dachte er: Wie zum Teufel ist das denn passiert? Er hatte nicht die leiseste Ahnung. Nur in einem war er sich sicher, nämlich dass die Zeit ein hinterlistiger Mistkerl war.
Er bog gerade in die Dogleg Road ab, als das Funkgerät knisternd zum Leben erwachte. "Pickles, bist du da?"
Es war Mona Kurtz, die nachts in der Telefonzentrale arbeitete. Mona war eine quirlige junge Frau mit roten Ringellocken. Sie trug Kleider, die der Chefin bestimmt Albträume bereiteten und hatte das Temperament eines überdrehten Cola-Freaks. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wollte sie Polizistin werden. Pickles hatte noch nie eine Polizistin mit schwarzen Strümpfen und Stöckelschuhen gesehen - höchstens vielleicht als verdeckte Ermittlerin. Er bezweifelte, dass Mona für die Polizeiarbeit geschaffen war, sie schien ihm zu jung und zu wild und zu sehr mit dem Kopf in den Wolken. Er hatte sowieso eine eigene Meinung, was Polizistinnen betraf, doch die war nicht gerade populär, und so hielt er lieber den Mund.

Meine Meinung
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Als ich mit der Lektüre dieses Romans begann, kannte ich schon Kate Burkholder und auch das Amish-Umfeld, in dem die Polizeichefin ermittelt. Vorausgeschickt sei aber an dieser Stelle, dass es auch kein Problem gewesen wäre, wenn ich die beiden voraus gegangenen Bücher aus dieser Reihe nicht gekannt hätte, denn jeder Roman ist in sich abgeschlossen und erklärt das Wichtigste aus dem Leben der Protagonistin noch einmal, wobei sich natürlich private Entwicklungen ergeben, die nicht entscheidend für das Verständnis des Roman-Inhalts sind, aber eben auch einer chronologischen Reihenfolge unterliegen, so dass ich grundsätzlich schon empfehle, mit dem ersten Buch der Reihe zu beginnen.

Grundsätzlich ist es natürlich spannend, einen Kriminalroman in einem ungewöhnlichen Umfeld handeln zu lassen. Wer von uns weiß denn wirklich etwas über das Leben der Amish-People? Ich wusste darüber so gut wie nichts, habe aber dank Linda Castillo viel dazu gelernt. Und die Autorin schafft es nicht nur, das Leben dieser Menschen transparent zu machen, sondern sogar so etwas wie Verständnis dafür beim Leser zu erwecken. Zugleich ist der Inhalt des hier vorzustellenden Romans aktueller denn je, denn die Amish-People leiden unter Hass-Aktionen - so wie es sie auch in Europa gegenüber Minderheiten gibt, vor allem gegenüber Minderheiten, deren Leben und Lebensansichten die Mehrheit einfach nicht versteht und auch gar nicht verstehen will.

Grundsätzlich besteht bei dieser Kriminalreihe natürlich die Gefahr der Wiederholung, denn nun schon zum dritten Mal hat die Protagonistin, die selbst als Amishe aufwuchs, die Gemeinde aber verließ, in ihrem ehemaligen Umfeld zu ermitteln. Da droht Langeweile. Linda Castillo aber schafft es, stets völlig neue Aspekte in ihre Werke einzubauen und entgeht damit der geschilderten Gefahr. Sie versteht es zudem wunderbar, einen klassischen Spannungsbogen aufzubauen und den Leser nicht nur auf die Suche nach den Tätern zu führen, sondern ihn auch nach dem Warum fragen zu lassen und zugleich für Empörung bei ihm zu sorgen. Und dann kommen die klassischen Elemente eines Krimis dazu, denn die Autorin schafft es wunderbar, den mitdenkenden Leser immer wieder auf falsche Fährten zu leiten, um ihm beim durchaus nachvollziehbaren Ende staunend zurück zu lassen. Das Ganze wird mit einem flüssigen Schreibstil gekoppelt, der dafür sorgt, dass die Lektüre des Buches trotz der inhaltlichen Komplexität überraschend einfach fällt. Das wiederum hat auch damit zu tun, dass es nur wenige Perspektivwechsel und im Grunde genommen auch nur einen Handlungsstrang gibt: Der Leser weiß stets genau so viel oder wenig wie die Ermittlerin. Zugleich lernt er viel über Menschen kennen, denn der Autorin glücken die Charakterisierungen ihrer Hauptpersonen hervorragend.

Eingeteilt ist der Roman in Prolog und 21 Kapitel, wobei das Ende eines Kapitels stets auch das Ende eines Handlungsteils bedeutet, also logisch gesetzt ist.. Hier bieten sich auch Lesepausen an, von denen ich gezwungenermaßen einige einlegen musste - aber niemals hatte ich Probleme, wieder in die Handlung hinein zu finden, wenn ich das Buch erneut zur Hand nahm. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Zahl der beteiligten Charaktere überschaubar bleibt und nicht immer neue Handelnde dazu kommen.

In der Summe also habe ich einen spannenden Krimi gelesen, der sich nicht vor deutlichen Worten - auch im Bereich der Gewalttätigkeiten - scheut. Hervorragende Charakterisierungen und das Näherbringen des Lebens einer Minderheiten-Gruppe ergänzten den Lesegenuss, so dass ich sogar bei vergleichsweise leichter Kost noch etwas dazu gelernt habe. In der Summe bedeutet das, dass Kate Burkholder in meinem Haushalt weiter wird ermitteln dürfen, denn inzwischen sind bereits vier weitere Bände aus der Reihe erschienen. Aber bis zum nächsten Fall werde ich der Polizeichefin etwas Zeit geben - die Amish-People also müssen darauf warten, dass ich mich weiter über ihr Leben informiere, weil es ja auch noch andere interessante Kriminalromane und -reihen gibt.

Fazit: Mir hat's gefallen