Eintritt frei für Männer - Wolfgang A. Gogolin
Ein etwas anderes Buch über Männer und Gefühle - Eintritt frei für Männer - Wolfgang A. Gogolin Krimis & Thriller Bücher

Neuester Testbericht: ... was genau ist denn die Realität? Das öde Wartezimmer? Natürlich stellt Gogolin solche Fragen nicht plump in den Vordergrund, er läßt... mehr

Ein etwas anderes Buch über Männer und Gefühle
Eintritt frei für Männer - Wolfgang A. Gogolin

atomphysiker

Name des Mitglieds: atomphysiker

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Eintritt frei für Männer - Wolfgang A. Gogolin

Datum: 15.01.10

Bewertung:

Vorteile: Unterhaltsam, spannend, nicht oberflächlich

Nachteile: richtet sich an Männer, ist aber eher für Frauen lesenswert

Mit den Titeln der Bestsellerlisten konnte ich mich noch nie so recht anfreunden, ich suche lieber nach Schätzen am Wegesrand. So bin ich auf "Eintritt frei für Männer" von Wolfgang A. Gogolin gestossen. Das Buch wurde ein wenig marktschreierisch als eine Art Männermanifest gegen die Frauenbewegung beworben, aber es ist eigentlich viel mehr. Auch, wenn die Emanzipationsbewegung nur noch einen Platz im lila Museum findet, bei freiem Eintritt für Männer und Kinder.

Es geht um einen jungen Mann, der im Koma liegt. Das ist ihm selbst nicht klar, denn seine Träume kommen ihm wie die echte Wirklichkeit vor und weder er selbst noch der Leser können zuweilen unterscheiden zwischen amüsanten und weniger amüsanten Trugbildern im Fieberwahn und tatsächlichem Leben. Letztlich geht es im ganzen Roman um tiefe Gefühle, um Liebe, umd Erotik und auch um Ängste.
Wenn man im Wartezimmer beim Arzt sitzt und währendderssen an den wilden Sex mit der hübschen Geliebten denkt, was ist in diesem Moment wichtig, was genau ist denn die Realität? Das öde Wartezimmer?

Natürlich stellt Gogolin solche Fragen nicht plump in den Vordergrund, er läßt den Leser zusammen mit Tim, so heisst der kranke junge Mann, durch die neue Welt stolpern. Mit den Krankenschwestern streiten, ein Bordell und eben auch ein Feminismusmuseum besuchen, das ist sehr spannend geschildert. Eine gesellschaftliche starke veränderte Welt allerdings, in der nicht mehr Zurücksetzung von Männern und Bevorzugung von Frauen an der Tagesordnung sind, sondern eine Form der Gleichberechtigung, die beide Geschlechter zufrieden sein lässt. So leisten junge Frauen z.B. zwei Jahre lang einen sozialen Dienst und dürfen erst später in Rente als Männer, um damit ihre höhere Lebenserwartung auszugleichen. Und Frauen in Spitzenpositionen müssen sich nicht mehr fragen lassen, ob sie den Posten bloß wegen der Frauenquote bekommen haben, denn solche Quoten gibt es nicht mehr.
Das alles ist ziemlich humorvoll und flüssig geschrieben, dreht sich aber letzlich nicht um den Geschlechterkampf, was ja auch langweilig wäre.
Ich will hier nicht den ganzen Inhalt verraten, aber so viel sei erlaubt: Dreh- und Angelpunkt ist die Frage, wie viel Leben wir eigentlich noch in uns haben und spüren, wenn das Leben eigentlich fast gar nicht mehr da ist und - wie wir das wohl empfinden.

Kleine Leseprobe:

'Auf welchem Weg ließ sich feststellen, dass Erinnerungen echt waren und nicht bloß ein überzeugend dargebotenes Gehirngewitter? Ein Echtheitstest wäre praktisch. Zu seinem Verdruss konnte er niemanden fragen. Und selbst, wenn das möglich gewesen wäre, hätte vermutlich kaum jemand eine brauchbare Antwort geben können. Tim fühlte sich einsam in der Welt, allein im fehlerfrei funktionierenden Universum. Wie ein virenverseuchter Computer ohne Schnittstelle zur Peripherie, die sich außerdem wie selbstverständlich ins Nichts davonmachte. Längst vergangene Lebensfragmente voller Wut und Unverständnis, die in Lichtjahren Entfernung kein Ganzes ergeben wollten und die doch eine schwarze Mauer bildeten, zogen vorbei. Zurückgefallen ins mutterlose und löchrige Selbst, mehr aus Löchern bestehend als aus Selbst.
Bei seinem letzten, rein zufälligen Spaziergang in der Nähe der Hamburger Davidwache an der Reeperbahn, er war schon vorbei gegangen an den Fachfrauen für Erziehung mit dem Rohrstock, begehrte eine nicht mehr ganz taufrische Liebesdienerin zu wissen, ob sie nicht "etwas Schönes" zusammen machen wollten.
"Danke, ich hab' schon!" hatte Tim schnell geantwortet, was mit dem Hinweis quittiert wurde, er würde doch auch nicht nach einem einzigen Bier aufhören. Woher wusste sie das? Jedenfalls brach er die sich anbahnende Diskussion ab, weil fünf Meter weiter ein goldkettchenbehängter Riesenkerl mit verfassungsfeindlichen Symbolen auf den Oberarmen für seinen Geschmack eine Spur zu finster dreinblickte ... '

Insgesamt ist "Eintritt frei für Männer" ausgesprochen lesenswert und nachdenklich machend und hätte für meinen Geschmack einen Platz in den Bestsellerlisten verdient. Aber das Buch ist eben keim Mainstream, sondern ein Mauerblümchen. Die sind oft auf den zweiten Blich sehr hübsch.
Inzwischen auch als ebook erhältlich, dann kostet es nur 1,99 Euro.

Fazit: Empfehlung, man bekommt viele Einblicke