Eintritt frei für Männer - Wolfgang A. Gogolin
Literarisch interessante Realsatire - Eintritt frei für Männer - Wolfgang A. Gogolin Krimis & Thriller Bücher

Neuester Testbericht: ... was genau ist denn die Realität? Das öde Wartezimmer? Natürlich stellt Gogolin solche Fragen nicht plump in den Vordergrund, er läßt... mehr

Literarisch interessante Realsatire
Eintritt frei für Männer - Wolfgang A. Gogolin

sachzwang

Name des Mitglieds: sachzwang

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Eintritt frei für Männer - Wolfgang A. Gogolin

Datum: 22.11.08

Bewertung:

Vorteile: Humor, ungewohnte Perspektive, spannend

Nachteile: Frauen wird es vielleicht nicht so zusagen.

Wolfgang A. Gogolin will nicht Partei ergreifen im unendlichen Parteiendisput der Geschlechter. Vielmehr zielt er zunächst auf den Irr- und Widersinn mancher erstarrter fundamentalistischer Parteienargumente, indem er diese lediglich konsequent weiterführt oder auf die "andere Seite" überträgt, bis sich zuweilen ein gewisser erheiternder Effekt einstellt. Dies betreibt er mit der ihm eigenen locker-ironischen Art, und manchmal sieht man sich auch unversehens mitten in einer Realsatire.

Literarisch interessanter gestaltet , ja zeichnet Gogolin die "Bewegungsabläufe" des Protagonisten Tim. Im Gegensatz zum Tim im "Puppenkasper", dem ersten Band des (eigentlich zweiteiligen) Romans, durchläuft dieser jetzt mehrere Bewusstseinsebenen, von Imaginationen, Erinnerungssequenzen und Wunschphantasien über Träume bis hin zum Wachkoma. Dabei wechseln die Perspektiven mehrfach; z.B. wenn Tim aus einem Traum aufwacht, sich neu in der "Realität" ordnet, bis schließlich klar wird, dass diese Realität selbst wieder eine Art Traum auf einer anderen Ebene ist usw. Der Leser weiß es zwischendurch selbst nicht genau, und dies ist wohl so beabsichtigt.

Er wird durch die konkrete Sprache geschilderter Wirklichkeiten wie durch einen Sog unmerklich in Räume gezogen, in denen er spürt - und am Ende auch weiß -, wie hilflos Tim darin gefangen ist; nur Tim weiß es (noch) nicht.
Dieser versucht noch mit messerscharfem Verstand - als einziges Hilfsmittel, das ihm geblieben ist - wenigstens einige Fetzen seines ihm immer wieder entgleitenden Lebens festzuhalten. Der Leser indes weiß schließlich gewiss, dass Tim von Anfang bis Ende des Romans bewegungsunfähig in einem Krankenhausbett liegt, offensichtlich im Wachkoma. Und er weiß jetzt auch, dass hier einem Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen worden ist. Das trifft ihn, unabhängig davon, ob er ein Mann oder eine Frau ist.

Leseprobe:
"Schwarze Schrift auf strahlend weißem Grund kündete davon, welche Art von Literatur sich auf gut zwanzig Regalmetern tummelte: Frauenliteratur. "Man wird nicht als Frau geboren", "Das andere Geschlecht" und ein "Manifest zur Vernichtung der Männer" lauerten auf Käufer, vornehmlich allerdings auf Käuferinnen.
Tim Hansen verzog den Mund, denn mit solchen Büchern hatte ihn seine Mutter so regelmäßig gefüttert wie andere Eltern ihren Nachwuchs mit Cornflakes. Eine konzentriert die Fingernägel betrachtende Buchhändlerin beäugte kurz den einzigen Interessenten ihres sensiblen Kundenbereichs, nahm Witterung zum Inhaber des falschen Chromosoms auf. Ein Mann! Sie hüstelte.
Tim suchte. Er suchte ein Buch für sich selbst. Keinen Liebesroman, keinen Diätbetreuer und auch kein Frauenpowerbuch, sondern ein Männerbuch: "Das bevorzugte Geschlecht", damit war das weibliche gemeint, von Martin van Creveld sollte es sein. Schon beim Betreten des Ladens fühlte Tim sich irgendwie ... Er wusste auch nicht genau, wie, aber es hatte etwas mit Scheiße zu tun.
Er ging ein paar Mal hin und her: Die Buchhändlerin irritierte ihn, vielleicht hatte sie ihn schon als Geht-selten-in-Buchläden-Typ klassifiziert. Ohne eine Logik in der Sortierung der Bücher zu erkennen und um seine Unsicherheit zu überspielen, zog Tim schließlich mit dem Zeigefinger ein buntes Bändchen hervor. Es enthielt Tarotdeutungen speziell für starke Frauen. Er schob es wieder zurück. Wozu mochten starke Frauen einen Blick in die Karten der Zukunft brauchen?
Er schüttelte den Kopf, denn er hatte doch eine ganz normale Buchhandlung betreten und keinen Frauenbuchladen. Ein Männerbuch würde er hier nicht finden. Es gab auch nirgendwo ein Regal mit der Aufschrift "Männerliteratur". Daher kratzte er die Fragmente seines Selbstbewusstseins zusammen, unterbrach schließlich, sich entschuldigend, die fortgeschrittene Fingernagelinspektion der Verkäuferin und fragte nach dem Werk vom Creveld.
"Haben wir nicht!" antwortete ihr Mund, ohne auch nur einen Moment zu zögern. "Du patriarchalisches Männerschwein willst nur meinen Körper benutzen!" fauchten ihre Augen im gleichen Augenblick. Tim trat einen Schritt zurück. Sie setzte ihre dunkelrote Metallbrille zurecht und fuhr sich mit der Hand durchs kurz geschnittene Haar. Einem blauen Plastikschildchen an ihrem Pullover war zu entnehmen, dass hier Frau Rasmussen-Illermann bediente.
Warum eigentlich, überlegte Tim, arbeiten in so vielen Buchhandlungen richtig garstige Kampflesben? Waren die denn nicht anders unterzubringen? Es gab doch inzwischen überall gut bezahlte Jobs für Frauen, ob nun stark oder nicht, im öffentlichen Dienst und bei der Bundeswehr. Ganz einfach auf Frauenquote und ganz ohne Tarotkarten.
Erschrocken über die harsche Antwort zögerte Tim ein paar Sekunden, fragte aber doch nach, ob vielleicht eine Bestellung des Buchs möglich sei.
"Dieser Wälzer wird wohl vergriffen sein", erwiderten ihre schmalen Lippen und "Du personifizierte, penetrationswütige, alltägliche Männergewalt!" giftete ihr Blick. Dann schien gesunder Geschäftssinn über seit Jahrzehnten gefestigte Grundüberzeugungen zu siegen. Seufzend platschte sie auf ihren zerschlissenen Drehstuhl.
Computer schien es nicht zu geben, denn sie griff nach einem enorm dicken Buchkatalog, leckte am Mittelfinger und suchte ohne echtes Interesse in den hauchdünnen Seiten. Sie schob die Brille ein Stückchen nach unten, sah Tim über den Rand kurz an; zog die Mundwinkel tiefer, senkte den Blick; beschleckte erneut den Mittelfinger und blätterte mit dem Temperament einer Wanderdüne weiter. Frau Rasmussen-Illermann schien in Gedanken versunken und irgendetwas wie "Ich könnte glatt meinen Arsch verwetten" vor sich hin zu murmeln, aber so einen riesigen Wettgewinn hätte Tim im Leben nicht gewollt.
"Wir sind eigentlich eine seriöse Buchhandlung", sagte sie schließlich und bohrte sich mit dem Zeigefinger im Ohr, das offenbar stark juckte. Tim hätte sicher nicht einmal dann eine Chance bei ihr gehabt, wenn er zusätzlich ein Buch über weibliche emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz oder über Väter als Täter geordert hätte ..."

Fazit: Lesebefehl! Jedenfalls für Männer. ;-)