Ein kalter Strom - Val McDermid
Kalter Strom, lauwarmer Thriller - Ein kalter Strom - Val McDermid Krimis & Thriller Bücher

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Neuester Testbericht: ... berufliche Herausforderung für Carol führt sie wieder näher an Tony heran. Carol bekommt den Auftrag "undercover" als verdeckt... mehr

Kalter Strom, lauwarmer Thriller
Ein kalter Strom - Val McDermid

webbere

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Ein kalter Strom - Val McDermid

Datum: 05.08.09, geändert am 04.01.12 (388 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Bekanntes Ermittlerduo Hill/Jordan, deren Lebensweg weiter erzählt wird

Nachteile: Unglücklich gewählter Schauplatz, uninspirierte Mörderjagd, überflüssiger Handlungsstrang

Quo vadis, McDermid?

Man sagt ja landläufig, das aller guten Dinge drei sein. Nachdem ich nun bereits zwei Thriller aus der Feder von VAL MCDERMID gelesen hatte, von dem mich der erste vollkommen begeistern konnte ("Lied der Sirenen") und der zweite eher gemischte Gefühle hinterließ ("Schlußblende"), sollte der dritte Band nun Klarheit bringen. Mich hat einfach interessiert, ob der erste Band der Romanreihe um das Profiler- und Ermittlerteam um Tony Hill und Carol Jordan ein positiver Ausreißer nach oben oder der zweite, schwächere Band, ein Ausreißer nach unten war. Ich denke nun bin ich etwas schlauer, aber wirklich auch nur etwas. Denn auch der dritte Band der Reihe mit dem deutschen Titel "Ein Kalter Strom" hinterlässt einen leicht faden Nachgeschmack. Woher dieser kommt möchte ich im folgenden versuchen darzulegen. Wie immer geht es sehr subjektiv zu, es wird bestimmt der ein oder andere eine abweichende Meinung zum Buch haben.

Worum es inhaltlich geht möchte ich als erstes vorstellen. MCDERMID schreibt vorrangig Kriminalromone und Thriller. Einige ihrer Werke sind vollkommen losgelöst und handeln von unterschiedlichen Personen und Ermittlern. Der hier besprochene Roman "Ein kalter Strom" ist jedoch in eine Thriller-Reihe eingebunden, die mit "Lied der Sirenen" begann. Dies ist nun der mittlerweile dritte Band und jeder Roman der Reihe ist inhaltlich geschlossen. Man kann ihn also ohne Probleme für sich genommen lesen und verstehen. Ich empfehle jedoch unbedingt die chronologische Reihenfolge einzuhalten. Zum einen geht die Autorin immer wieder auf die vorangegangenen Fälle ein und man beraubt sich so den Lesespaß, wenn man den Täter bereits kennt. Zum anderen vollziehen die Protagonisten in den verschiedenen Romanen eine deutliche Entwicklung und gerade das Miterleben dieser Veränderungen der Charaktere macht ja einen Großteil der Attraktivität solcher Romanreihen aus.


Mitten drin, statt nur dabei

MCDERMID siedelt ihren Thriller etwa zwei Jahre nach dem vorangegangenen Band an. Die Ermittlungen im vorherigen Mordfall haben beim Profiler Dr. Anthony "Tony" Hill deutliche Spuren hinterlassen. Denn obwohl der Serienmörder gefasst wurde, war die Art und Weise der Ermittlungen danach stark in die Kritik geraten. Vielen Beobachtern war die kriminalistische Arbeit einfach zu unorthodox, so dass sich Hill mehr oder minder gezwungen fühlte seiner normalen Arbeit den Rücken zu kehren und einen Lehrauftrag an einer schottischen Universität anzunehmen. Doch auch aus einem anderen Grund kam ihm diese geographische Trennung von seiner alten Tätigkeit in Südengland mehr als gelegen. Seiner Partnerin, die Polizistin DCI Carol Jordan, brauchte er zunehmend Gefühle entgegen, die weit über das berufliche als auch freundschaftliche Maß hinaus gingen. Doch doch durch grausige Erlebnisse in ihren Vergangenheiten bedingt, schafften es beide nicht ihre Gefühle auszudrücken. Sie fanden nicht zueinander und so schien beiden die Trennung, beruflich und privat, mehr als gelegene zu kommen.

Doch eine neue berufliche Herausforderung für Carol führt sie wieder näher an Tony heran. Carol bekommt den Auftrag "undercover" als verdeckte Agentin sich in das Gangstersyndikat eines europäischen Waffen- und Drogenhändlers ein zu schleichen. Sie soll möglichst nahe an den vermeintlichen Anführer dieser kriminellen Vereinigung, Thadeusz Radecki, herankommen um diesen auch persönlich mit den kriminellen Machenschaften in Verbindung zu bringen. Dazu kommt Carol zugute, dass sie Radeckis toter Geliebter so ähnlich sieht wie eine Schwester. In Vorbereitung auf diesen gefährlichen, aber aus beruflicher Sicht auch ungemein verlockenden, Aufgabe bittet Jordan ihren alten Freund Dr. Hill um Hilfe. Dieser entwirft mit ihr ein fiktives Persönlichkeitsprofil in das Jordan schlüpfen soll um Radecki eine Gangsterbraut vorzuspielen.

Doch nicht nur Carol zieht es beruflich nach Berlin, dem vermuteten Hauptquartier von Radeckis Unterweltunternehmungen. Auch Tony wird , vermittelt durch Carol, nach Berlin gerufen. Er soll der deutschen und niederländischen Polizei bei der Erstellung eines Täterprofils helfen. In mehreren Städten in Deutschland und Holland sind brutal getötete Psychologen aufgefunden worden. Der modus operandi des Täters war jedes Mal der selbe. Die Opfer wurden nackt auf einem Tisch festgebunden, ihnen wurde mit einem Trichter Wasser gewaltsam eingeflößt, so dass sie in der Folge ertranken. Dann entfernte der Täter mit einem Skalpell die Schamhaare der Opfer, ließ die Geschlechtsorgane aber unverletzt. Besonders an dem Fall schein Tony, das es sowohl weibliche als auch männliche Opfer gab. Als er beginnt ein Täterprofil zu erstellen fällt Dr. Hill eine verbindende Komponente ein, die dabei helfen kann, den Täterkreis näher einzukreisen. Auch Carol macht erfolgreiche Fortschritte bei ihrer Undercover-Mission. Sie hat Kontakt mit Radecki aufgenommen, doch dieser scheint zu Beginn misstrauisch. Carol muss all ihr Geschick aufbieten um Radecki zu einer Zusammenarbeit zu bewegen...


Mit einer Irreführung fängt es an

Meine Kritik möchte ich mit einer "Äußerlichkeit" beginnen und zwar mit dem vollkommen irreführenden Klappentext. Dort ist lediglich die Rede von einem Psychopathen, der seine Opfer tötet und dem Profiler Tony Hill, der den Wahnsinnigen aufspüren will. Dies spiegelt jedoch ganz und gar nicht den Inhalt dieses Thrillers wieder, denn wenn dies der einzige Handlungsstrang wäre, dann wäre "Ein kalter Strom" bereits nach weniger als der Hälfte zu Ende. Das es MCDERMID schafft einen 617 Seiten starken Thriller-Wälzer vorzulegen liegt primär am zweiten, im Klappentext unerwähnten, Handlungsstrang. Dieser beschäftigt sich, wie in weiter oben bereits erläutert, mit der Undercover-Mission von Carol Jordan. Als Leser hat man lange Zeit die Hoffnung, das die Autorin beide Handlungsstränge miteinander verbindet. Bis auf eine Verwechslung bzw. ein Missverständnis gegen Ende des Romans bleiben beide Handlungen inhaltlich weitgehend getrennt. Zwar ermittelt eine deutsche Polizistin, die sowohl als Kontaktperson für Carol als auch für Tony fungiert, in beiden Fällen. Darüber hinaus gehende Gemeinsamkeiten, außer der "Tatort" Berlin bzw. Deutschland war für mich nicht zu erkennen.

So hat man bei der Lektüre immer wieder das Gefühl, dass die eigentliche "Thriller"-Handlung um die Ergreifung des Serienmörders durch eine spektakuläre Mission für Carol Jordan verwässert wird. Diese ganze Mission wirkt leider auch viel zu sehr nach amerikanischem Popcorn-Kino denn wie eine realistische Polizei-Mission in Europa bzw. Deutschland. Das eine britische Polizistin, die außer ihrem Aussehen eigentlich nicht für diesen Einsatz prädestiniert ist, auf deutschem Boden eine solchen Einsatz durchführt, erscheint auch im Zuge eines vereinten Europas ziemlich abwegig. Dem Kompetenzgerangel zwischen den einzelnen Ländern gibt die Autorin dann auch an anderer Stelle nach, nämlich wenn es um die Ergreifung eines Serienmörders geht. Nicht nur, dass es laut Angabe der Autorin keine grenzübergreifende Ermittlung bei den Morden gebe, sondern auch als sich die Indizien gegen einen Verdächtigen verdichten, greifen weder die deutschen noch die niederländischen Behörden "offiziell" ein. Diese Stelle sind meiner Meinung nach ein klares Zugeständnis an die Fiktion, die die Autorin am Ende ihres Buches auch freimütig einräumt. Auf mich wirkte es in machen Aspekten einfach unglaubwürdig.

MCDERMID schreibt spannend und gut und gerade die Darstellung des Seelenlebens ihres psychopathischen Mörders gelingt ihr ausgesprochen gut. In kurzen Kapiteln erhält der Leser Einblicke in die Vergangenheit des Serienmörders und warum er zu dem wurde, was er heute ist. Doch diese Kapitel sind einfach zu kurz, sie gehen speziell ab Mitte des Buches neben dem zweiten Handlungsstrang um Carol Jordan und ihrer Mission gegen Radecki vollkommen unter. Es erscheint nur noch wie schmückendes Beiwerk, wenn ab und an mal wieder etwas vom Mörder berichtet wird. Ebenso gerät Tonys Profilerstellung und die Ermittlung zur Nebensache, man hat den Eindruck der Fokus der Autorin liegt auf der anderen Handlung. So macht Hill zwar Fortschritte, aber die gehen meiner Meinung nach zu glatt über die Bühne oder sind arg von "Kommissar Zufall" begünstigt. Seine "eigenmächtige" Aktion am Ende des Buches, die ihn dann erst aktiv ins "Visier des Serienkillers" (Klappentext) bringt, ist zwar genretypisch, aber auch ausgesprochen dumm und unrealistisch.


Nix als Probleme

Auch gefiel mir der Handlungsort, Deutschland im allgemeinen und Berlin im speziellen, nicht sonderlich. Auch andere nordische Städte wie Bremen und Hamburg und einige holländische Städte kommen im Buch vor. Alle Impressionen, die MCDERMID dem (deutschen) Leser aus diesen Städten vermitteln möchte, bleiben aber leider wage, blass und wirken wie aus einem Reiseführer übernommen. Die Autorin geht in ihrem Schlußwort auch auf den Ort der Handlung ein und gibt zu, dass es ein Wagnis sei ihren Roman im europäischen Ausland anzusiedeln. Ein vollkommen unnötiges Wagnis in meinen Augen, das sich weder gelohnt hat noch aufgegangen ist. Warum ist die Autorin nicht in Großbritannien oder Schottland geblieben? Auf dem europäischen Festland will einfach keine rechte Atmosphäre aufkommen. Schade, denn so fehlt einer der Faktoren, die mich am Debüt "Lied der Sirenen" noch so begeistern konnten.

Mit der Ansiedlung der Handlung in Deutschland schafft sich die Autorin noch weitere Probleme, die sich einfach nicht lösen lassen. So ist es natürlich ein ebenso erstaunlicher Zufall, das Dr. Hill bestens mit der deutschen Sprache vertraut ist, jedenfalls so weit, dass er ohne Probleme auch Polizeiberichte lesen kann. Und da er deutsch jedoch nicht sonderlich gut sprechen kann, sind selbstverständlich alle Menschen um ihn herum in der Lage fast perfekt Englisch zu sprechen. Das dürfte in Deutschland nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Auch hat mich bei diesem Thriller genervt, das die Polizei anscheinend immer noch nicht im aktuellen Jahrtausend angekommen ist, was ihre Ermittlungsmethoden und Verfahren angeht. Es muss ja nicht direkt CSI sein, aber das man sich nur auf ein Täterprofil bei der Mörderjagd verlassen muss und keinerlei Spuren am Tatort findet, scheint schon einigermaßen unglaubwürdig. Ein ausgedrucktes Papier vom Mörder wird am Tatort gefunden und selbst bis zu mir hat sich herumgesprochen, dass jeder Drucker und jeder Kopierer eine Art unsichtbares Zeichen aufs Papier druckt, dass es der Polizei erlaubt Rückschlüsse auf den Drucker und eventuell auf den Besitzer zu ziehen. Doch in diese Richtung wird das Papier nicht untersucht. Auch scheint nach einem Mord in Deutschland nicht üblich zu sein, dass das gesamte Haus nach Beweisen abgesucht wird. So findet man erst durch Zufall und nach Tagen ein vom Täter extra zurückgelassenes Papier.


Schlußbetrachtung

"Ein kalter Strom" schließt sich leider nicht nur chronologisch sondern auch qualitativ an den Vorgänger-Roman "Schlußblende" an. Dieser hinterließ auch einen eher faden Nachgeschmack nach der Lektüre bei mir. An den wirklich furiosen Debüt-Thriller "Das Lied der Sirenen" kommt der vorliegende Roman um Längen nicht heran, denn in diesem Thriller fehlt meiner Meinung nach eine Zutat fast völlig: eine spannende Jagd nach dem Täter, inklusive überraschender Wendungen. Der Täter steht für den Leser bereits früh fest, auch die Polizei ist ihm ab Mitte des Buches bereits dicht auf den Fersen. Eine Verhaftung zögert die Autorin jedoch lediglich mehr schlecht als recht hinaus, wirkliche Spannung will nicht aufkommen.

Zum einen liegt das meiner Meinung nach an der zu komplexen, aufgebauschten Handlung. Die Jagd nach dem Psychopathen gerät zur Nebensache, Carol Jordans Undercover-Mission bekommt nicht nur seitenmäßig mehr Platz sondern scheint beim Schreiben auch mehr Aufmerksamkeit durch die Autorin erfahren zu haben. Sprachlich gewohnt souverän und mit ihren beiden sympathischen Protagonisten gut aufgestellt kann mich MCDERMID mit diesen teilweise arg gesteckten 617 Seiten nicht wirklich überzeugen. Die Entwicklung, die die Figuren im Roman durchmachen müssen ist interessant und dürfte der einzige Grund sein, warum ich den nachfolgenden Roman lesen werde. Denn bei aller Kritik: man will doch wissen wie es weitergeht...

Fazit: Eine qualitative Wiederholung ihres Debüts "Lied der Sirenen" gelingt der Autorin hiermit nicht.