Beyond Reach - Karin Slaughter
Ein letzter Besuch in Grant County? - Beyond Reach - Karin Slaughter Krimis & Thriller Bücher

Ein letzter Besuch in Grant County?
Beyond Reach - Karin Slaughter

+Siebente

Autor-Name: Siebente

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Beyond Reach - Karin Slaughter

Datum: 10.04.08, geändert am 24.01.11 (5701 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: realistische Figuren mit Stärken und Schwächen, Grant-County-Geschichte wird fortgesetzt

Nachteile: was ich nicht verraten will

Anfangs war ich skeptisch, dann begeistert von Karin Slaughter und ihren Romanen aus der Grant County Reihe. Es handelt sich um eine Serie von Krimis/Thrillern, die in den USA spielen und in denen immer wieder die drei selben Hauptfiguren auftauchen. Slaughters Stil, ihre Geschichten, ihre Fälle zu beschreiben, ist bislang (fast) immer fesselnd. Es sind Bücher, die man kaum aus der Hand legen mag. Ob das auch auf den neuesten Roman - der im Englischen unter zwei unterschiedlichen Titeln (Beyond Reach (USA) (würde direkt soviel wie "außer Reichweite" heißen) und Skin Privillege (internationaler Titel)) erschienen ist - zutrifft, dazu nun mehr. In Deutschland wurde/wird das Buch unter dem Namen "Unantastbar" veröffentlicht. Dieser deutsche Titel ist sowohl eine ganz gute Entsprechung von "Beyond Reach" als auch inhaltlich recht treffend für die Geschichte.


Inhaltsverzeichnis
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1. Die Autorin: Karin Slaughter
2. Ort und Zeit der Handlung
3. Die Figuren
***a) Sara Linton
***b) Jeffrey Tolliver
***c) Lena Adams
4. Was zuvor geschah
5. Die Geschichte
6. Themen
***a) Rollenwechsel: Vom Helfer zum Täter
***b) Medizinische Fehler
***c) Für andere da sein
***d) Sara und Lena
***e) Drogensucht
***f) Skin Privillege
***g) Familiengeheimnisse
7. Erzählweise
8. Lesbarkeit der englischen Fassung
9. Zielgruppe
10. Daten zum Buch
11. Pro & Contra
12. Fazit


1. Die Autorin: Karin Slaughter
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Karin Slaughter ist eine Amerikanerin, geboren 1971 (ich hätte sie älter geschätzt). Sie stammt aus dem Bundesstaat Georgia - und dort finden auch ihre Geschichten (vorwiegend) statt. Slaughters Bücher haben es auf die internationalen Bestsellerlisten geschafft. Ihre Bücher wurden in 15 Sprachen übersetzt. Sechs Bücher (Unantastbar/Beyond Reach/Skin Privillege ist der letzte davon) haben wegen des Schauplatzes den Titel Grant-County-Reihe. Darüber hinaus hat sie noch den ebenfalls sehr packenden Thriller "Triptych" (auch dazu gibt es einen Bericht von mir) verfasst.


2. Ort und Zeit der Handlung
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Unantastbar/Beyond Reach/Skin Privillege ist 2007 erschienen. Eine genaue Zeit der Handlung gibt Slaughter zwar nicht an. Aber da die Hauptfiguren mit Handy und Navigationsgerät umgehen, ist davon auszugehen, dass die Geschichte in etwa 2006/2007 erschienen ist. Als zeitlichen Rahmen nennt die Autorin selber nur Wochentage - die Handlung findet also innerhalb relativ kurzer Zeit statt. Es gibt aber auch Rückblenden, allerdings sind die nur sehr kurz, in einer Form, wie man selber vielleicht mal an ein früheres Ereignis denkt. Auf diese Weise gibt die Autorin Karin Slaughter Erklärungen für Zusammenhänge, zum Beispiel über die Familienverhältnisse der Figur Lena Adams.
Interessant ist: Während der Handlungsstrang von Sara und Jeffrey lange Zeit in der direkten Gegenwart verläuft, ist der von Lena zunächst der einer Rückblende (auch wenn einem das beim Lesen nicht immer bewusst ist).
Ein Schauplatz, das habe ich ja schon angedeutet, ist wieder einmal Grant-County, ein Verwaltungsbezirk im US-Bundesstaat Gerogia, bestehend aus drei kleineren Städten, Grady ist die wichtigste in der Geschichte. Außerdem findet ein anderer, der großes Teil der Handlung in Reese/Georgias statt, einem sehr kleinen, verschlafenen Südstaatenort. Hier spielt die Mentalität der Menschen eine Rolle, eine ganz eigene, strenge Sicht der Dinge, vor allem der Moral.


3. Die Figuren
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Ein großes Plus der Figuren in Karin Slaughters Romanen ist: Sie haben Stärken und Schwächen - dadurch wirken sie realistisch. Wie jeder Leser auch haben sie glückliche Zeiten erlebt und auch sehr schwere Momente, man kann sich dadurch leichter in sie hinein versetzen und mit ihnen fühlen.

***a) Sara Linton
Auf den ersten Blick ist sie eine Frau, der es gut geht, zu der man aufschauen kann - die man vielleicht sogar ein wenig beneiden könnte. Sara stammt aus einer liebevollen Familie, ihre Eltern sind im Prinzip immer für sie da, und auch mit ihrer Schwester versteht sie sich gut. Selber hat Sara es als eine der wenigen Jungen Frauen wirklich geschafft, Karriere zu machen. Sie studierte Medizin, schloss als sechstbeste ihres Jahrgangs ab und hatte auch entsprechend tolle Jobangebote. Doch letztlich entschied sie sich, in ihre Heimat zurück zu kehren, dort als Ärztin für die Menschen zu sorgen und somit auch den Mädchen von Grant County ein Vorbild zu sein, dass auch sie es schaffen können, sich eine eigene gute Berufslaufbahn zu wählen und diese zu verfolgen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten (Skepsis gegenüber einer Frau im Arztkittel) leitet sie erfolgreich eine Art kleine Kinderklinik. Außerdem arbeitet sie als Gerichtsmedizinerin. Zusätzlich zu dem beruflichen Erfolg ist sie glücklich verheiratet mit dem Sherrif des Countys, mit Jeffrey Tolliver. Was also will sie mehr?
Die Brüche, die ich erwähnt habe, geben diesem perfekt scheinenden Bild dann Risse: Als junge Ärztin wurde Sara nämlich brutalst vergewaltigt, ein Trauma, über das sie immer noch nicht hinweg ist. Für sie hatte dieser Tag aber noch in anderer Hinsicht Konsequenzen: Sara kann keine eigenen Kinder mehr bekommen - obwohl sie sich das wünschen würde. Darum hat sie nun schon verzweifelt mit Jeffrey eine Adoption versucht. Auch ihre Liebe lief so gar nicht auf graden Bahnen. Nach einem Seitensprung ihres Mannes kam zunächst die Trennung, dann die Scheidung, und erst danach wieder die langsame Annäherung der beiden.
Last but not least um die Liste von Saras Schwierigkeiten noch zu ergänzen: Eine Familie verklagt sie nun wegen medizinischer Fehler - sie sei Schuld daran, dass der Sohn der Familie gestorben sei. Der Prozess, den sie zu durchstehen hat, bringt mit sich, dass nun auch andere Patienten Sara nicht mehr vertrauen.
Insgesamt finde ich Sara Linton einen sympathischen Charakter, gerade auch wegen der Schwierigkeiten, mit denen sie fertig werden muss.

***b) Jeffrey Tolliver
Saras Mann, der Sherrif von Grant County, ist mir dagegen nicht ganz so angenehm, er wirkt mir ein wenig zu glatt (obwohl ich andererseits im wahren Leben auch kein Fan von "bösen Männern" bin). Jeffrey ist ein guter Cop, tut alles, um die Verbrechen in seinem Zuständigkeitsbereich zu bekämpfen, ist andererseits aber auch loyal seinen Mitarbeitern und anderen Menschen, die ihm wichtig sind, gegenüber. Für diese Menschen (wie zum Beispiel für Lena Adams) lässt er im Notfall auch mal Fünfe grade sein. So schlägt er einen anderen Sherrif (dieser hat allerdings als erster ausgeholt) oder ist grundsätzlich bereit, Lena (die festgenommen wurde) zur Flucht zu verhelfen.
Auch Jeffreys Vergangenheit, sein Weg, ist nicht immer grade verlaufen. Er hatte in seiner Jugend große Schwierigkeiten, sein Vater war Alkoholiker. Mit etwas Glück und viel Anstrengung hat er es geschafft, die schiefe Bahn zu vermeiden und als Polizist erfolgreich zu werden. Und privat? Durch einen Seitensprung hatte er seine Ehe mit Sara zum Scheitern gebracht, nun versucht er alles, um ihr zu zeigen, dass er jederzeit für sie da ist und auch sie braucht.

***c) Lena Adams
Einerseits finden sich vielleicht manche ein Stück weit in Lena Adams weiter, andererseits bemerken wahrscheinlich auch viele Leser Charakterzüge an der jungen Polizistin, die nicht sehr sympathisch scheinen. Jeffrey hat sie zur ersten Frau im Polizeiteam von Grant County auserkoren, hat sie vor fünfzehn Jahren direkt von der Polizeischule angeworben. Immer wenn sie in Schwierigkeiten war, hat er sich für sie eingesetzt und andererseits auch von ihren Instinkten bei den Ermittlungen profitiert.
Doch Lena ist nicht nur eine gute Polizistin, sie ist oft auch sehr impulsiv, kann explodieren. Und genau das ist der eher unsympathische Charakterzug, bei dem viele sicherlich skeptisch werden. Auch in Beyond Reach bringt sie diese Art in Schwierigkeiten.
Der Hintergrund dafür ist möglicherweise auch die Tatsache, dass Lena eine sehr schwere Kindheit hatte. Ihr Vater, ebenfalls ein Polizist, wurde Monate vor ihrer Geburt erschossen, auch die Mutter starb früh. Bislang dachte Lena, dass die Mutter bei ihrer Geburt ums Leben gekommen war. Doch nun hört sie eine neue Version, die sie beunruhigt. Lena und ihre Zwillingsschwester Sibyl wuchsen beim drogensüchtigen Onkel Hank auf - auch keine glückliche Kindheit. Sibyl machte Karriere, wurde Professorin, auch Lena war als Polizistin erfolgreich. Doch sie hatte immer wieder schlechte Freunde, Sibyl wurde extrem brutal ermordet, Lena vergewaltigt. Danach hatte sie eine Beziehung mit einem deutlich jüngeren Mann, mit Ethan, der sie manipulierte und misshandelte. Sie fiel in Depressionen.


4. Was zuvor geschah
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Man kann "Beyond Reach" einzeln lesen - sollte es aber nicht unbedingt tun, finde ich. Denn es fließen immer wieder Momente ein, die sich auf die vorigen Romane, auf die Geschichte der Charaktere beziehen. Wer die anderen Romane noch lesen möchte, sollte sich im Moment um diesen Part nicht kümmern.
Man hat da zum einen die Geschichte von Sara und Jeffrey. Anfangs ist sie gar nicht gut auf ihn zu sprechen. Beide sind nach einem Seitensprung von Jeffrey getrennt und schließlich geschieden. Der Apotheker der Stadt interessiert sich für Sara, sie mag ihn als Freund, ist aber nicht in ihn verliebt - worüber sie letztendlich froh ist, weil er sich als Vergewaltiger und Mörder heraus stellt - er ist es unter anderem, der Sibyl Adams (Lenas Schwester) tötet und auch Lena vergewaltigt. Nach Sibyls Tod tritt Onkel Hank wieder in Lenas Leben. Einerseits ist er ihr Bezugspunkt, andererseits empfindet sie für ihn auch Abscheu, da sie mit ihm ihre unglückliche Kindheit verbindet und seine Drogen- und Alkoholsucht. Sie selber verfällt, wie schon erwähnt, in Depressionen. Obwohl Lena eigentlich eine kluge Frau ist, sucht sie sich mit Ethan einen Mann, bei dem sie das Opfer ist, der sie schlägt.
Im Laufe der Zeit kommen sich Sara und Jeffrey wieder näher. Sara und Lena dagegen können - obwohl beide als vergewaltigte Frauen eine Gemeinsamkeit haben - nicht so recht eine gemeinsame Basis finden.
Sara ist eine sehr engagierte Ärztin. Auch für den jungen Jimmy opfert sie ihre Zeit - ohne sie seine Eltern in Rechnung zu stellen. Sie mag ihren kleinen Patienten, ahnt aber auch, dass die Chancen, ihn zu heilen, sehr, sehr gering sind. Jimmys Eltern scheinen Sara zu schätzen, zu respektieren. Doch in Beyond Reach zeigt sich, dass diese Hochachtung nicht sehr weit geht.


5. Die Geschichte
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Manache haben vielleicht den Verdacht, dass ich zu viel verrate. Doch ich verspreche, das ist nicht mal der Inhalt eines Drittels des Buches, es ist nur der Beginn der Geschichte. Auch Leute, die den Roman noch selber lesen wollen, werden also bei mir noch keine späteren Einzelheiten erfahren.
Beyond Reach fängt einigermaßen dramatisch an. Die sonst meist selbstsichere Sara sitzt als Angeklagte in einem stickigen kleinen Gerichtsraum. Jimmy, ihr junger Patient, ist tot. Die Eltern wollen Sara zur Rechenschaft ziehen, sie werfen ihr vor, ihn falsch behandelt zu haben bzw. zu spät de Diagnose mitgeteilt zu haben. Dadurch sei es nicht mehr möglich gewesen, Jimmy zu heilen. Die Anwältin der Kläger ist wortgewandt und treibt Sara in die Enge. Sie bringt auch ihre Vergewaltigung und ihre Beziehung zu Jeffrey ins Spiel - hebt also die an sich berufliche Problematik einer Falschbehandlung auf eine sehr persönliche Ebene, die Sara zusätzlich verletzt.
Doch sie hat kaum Gelegenheit, über ihr eigenes Unglück nachzudenken. Denn Jeffrey erhält einen Anruf von einem Sherrif-Kollegen. Jake Valentine hat Lena festgenommen. Sie liegt im Krankenhaus. Jeffrey bittet seine Frau, ihn zu begleiten. In Lenas Heimat ist ein Auto ausgebrannt. Darin war eine Leiche, die durch das Feuer völlig unkenntlich wurde. Der Sherrif hatte Lena in der Nähe des Wagens vorgefunden - mit Verletzungen im Gesicht. Da sie nicht reden wollte, schien sie ihm verdächtig, er rief schließlich Jeffrey hinzu, in der Hoffnung, dass er Lena als ihr Vorgesetzter zum Reden bringen würde. Tatsächlich spricht die 35-jährige Polizistin. Doch statt zu den Geschehnissen und zu dem verbrannten Menschen im Auto etwas zu sagen, beschimpft sie Sara aufs Übelste. Die bittet um ein Gespräch unter vier Augen mit Lena. Als Jeffrey und Jake wieder in den Raum kommen, glaubt Sara Lena in der Toilette. Doch die Polizistin hat Sara ausgetrickst: Sie bat die Ärztin, sie vom Bett loszuschnallen und zur Toilette zu bringen. Von dort aus ist Lena durch einen Deckenschacht geflohen.
Zwischen Jake und Jeffrey kommt es zu Handgreiflichkeiten. Jeffrey und Sara bleiben dennoch noch, in der Hoffnung, Lena zu finden und ihr zu helfen. Und die versucht, Licht in ihre Familiengeschichte zu bringen. Bei Hank hat sie einen dubiosen Mann gesehen, offenbar Hanks Dealer. Als sie nach ihm fragte, meinte Hank, dieser Mann habe auch ihre Mutter ermordet. Doch diese Geschichte stimmte nicht mit dem überein, was Hank Lena und Sibyl früher erzählt hatte, nämlich, dass ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben sei. In der Bücherei versucht sie anhand alter Zeitungen der Wahrheit auf die Spur zu kommen.


5. Themen
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***a) Rollenwechsel: Vom Helfer zum Täter
Sowohl Sara also auch Lena haben mit einem Rollenwechsel vom Helfer zum Täter zu kämpfen. Für Sara ist die neue Rolle noch ungewohnter als für Lena, die immer wieder schon als Sündenbock herhalten musste bzw. sich selber in diese Position gebracht hat.
Lena, die Polizistin wird selber festgenommen. Da sie zur Situation, zu dem ausgebrannten Wagen und ihren eigenen Verletzungen, nichts sagen will, macht sie sich selber auch verdächtig. Dennoch ist die Tatsache, dass sie selber in Polizeigewahrsam genommen und ein Haftbefehl gegen sie entlassen wird, ungewohnt.
Genauso erstaunlich ist es für Sara, die alles für ihren jungen Patienten Jimmy getan und sogar auf ihr Honorar verzichtet hat, auf der Anklagebank zu sitzen. Man kann gut mit ihr mitfühlen, wenn die gegnerische Anwältin sie mit persönlichen Frage (unter anderem zu ihrer Vergewaltigung) löchert und so jeden einzelnen Baustein gegen Sara zu verwenden versucht.
Für Sara - so hat man den Eindruck - ist daher der Rollenwechsel schlimmer als es bei Lena der Fall ist.

***b) Medizinische Fehler
Jeder kennt es aus dem eigenen Job (oder auch aus Schule, Studium oder Haushalt): Wenn man etwas macht und wenn man es auch noch so sorgfältig tut: Zwangsläufig passieren irgendwann Fehler. Bei den meisten von uns mag das ärgerlich sein: Doch die Konsequenzen sind in der Regel nicht wirklich hochdramatisch. Anders bei Ärzten. Wenn sie ihre Patienten falsch behandeln, kann das zu großen Schmerzen führen und im schlimmsten Fall zum Tod. Bei meinem Großvater ist das geschehen. Er war zwar schon 82, dennoch ist es sehr traurig, dass er sterben musste weil ein (wie sich nachher rausstellte) drogensüchtiger Arzt im das falsche Medikament bzw. eine falsche Spritze verabreicht hat. Der Arzt hatte sich anschließend schnell nach Holland abgesetzt, die Geschichte selber blieb für ihn offenbar ohne Konsequenzen. Ähnlich schwierig ist es in Deutschland, wenn man ansonsten Opfer eines Behandlungsfehlers wird. So hatte ich monatelang massive Zahnschmerzen, weil ein eiliger Arzt mich parallel mit anderen Patienten behandelt und einen falschen Wurzelkanal gebohrt hat. Ich musste eine Kiefer-OP über mich ergehen lassen - die ebenfalls keine Besserung brachte. Dabei verabreichte er mir eine Knochfüllung, über die er mich auch nicht pflichtgemäß informierte - ich hätte sie nämlich abgelehnt, da es sich um Rinderknochenmaterial handelte, das auch umstritten ist. Lange Rede kurzer Sinn: Eine Krähe scheint in Deutschland der anderen kein Auge auszuhacken. Als Patient ohne Rechtschutzversicherung hat man selbst bei offensichtlichen Ärztefehlern kaum Möglichkeiten, zu seinem Recht zu kommen.
In den USA dagegen gibt es hohe Geldstrafen, ein Arzt kann schnell durch eine Unachtsamkeit nicht nur seinen guten Ruf sondern auch sein Geld, seine Existenz verlieren. In so eine Lage scheint Sara geraten zu sein. Eigentlich hat sie nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Und wenn man es ganz genau nimmt, hat sie keinen persönlichen Fehler begangen. Sie hat die Eltern ihres Patienten nicht sofort über dessen Gesundheitszustand informiert, da der Befund so dramatisch (und somit die Vorhersage, dass ihr Patient sterben würden müsste) so dramatisch war, dass sie der Familie nicht den Urlaub verderben wollte, die letzten unbeschwerten Tage mit dem Sohn. Die Eltern jedoch sehen es anders - sie werfen Sara in ihrer Trauer vor, sie habe wichtige Zeit verstreichen lassen, um Jimmy zu retten. Das kann zwei Gründe haben: Zum einen wollen sie, dass jemand für den Tod des Kindes büßen soll. Zum anderen - so vermutet Sara selber - brauchen sie Geld, mit dem sie die teuren Arztrechnungen, die sie aus eigener Tasche begleichen müssen, zahlen können. "Dank" des amerikanischen Rechtssystems droht der Arzt damit die Gefahr, ihre Zulassung zu verlieren und enorme Geldsumme als Strafe zahlen zu müssen - sie wäre damit beruflich und finanziell ruiniert.

***c) Für andere da sein
Wenn man die Berufe eines Polizisten und eines Arzte idealistisch betrachtet, so könnte man von beiden Gruppen erwarten, dass sie ihren Mitmenschen helfen. Viele derjenigen, die einen der beiden Berufe ausüben, werden möglicherweise auch alles versuchen, um für andere da zu sein. Im Fall von Sara und Jeffrey trifft das zu. Er ist vor allem Sherrif, um tatsächlich für "das Gute" zu sorgen, für Recht, für Gerechtigkeit - auch wenn beides wie im Fall der Vorwürfe gegen Lena nicht unbedingt vereinbar ist. Denn rechtlich gesehen ist sie die Gefangene von Valentine. Jeffreys Gerechtigkeitsgefühl sagt ihm aber, dass Lena eigentlich ein guter Mensch, eine gute Polizistin ist, eine Frau, der er vertrauen kann (ohne in sie verliebt zu sein). Daher war er in der Vergangenheit wiederholt für sie da - auch wenn er dabei die Gesetzesgrenzen zumindest ansatzweise überschreiten musste. Und er ist es auch in diesem Fall.
Auch Sara versucht über die Maßen für andere etwas zu tun. Das gilt zum einen für die Patienten. Sie hat genau aus diesem Grunde Grady gewählt und sich gegen viel besser bezahlte und möglicherweise auch aus beruflicher Sicht interessantere Jobs entschieden. Sie weiß, dass sie in Grant County gebraucht wird - als Ärztin und als Vorbild für die Mädchen des Bezirks, die an ihrem Beispiel sehen können und sollen, dass auch sie als weibliche Wesen studieren und einen guten Beruf ergreifen können
Als Ärztin ist Sara auch in anderer Hinsicht über das Notwendige hinaus für andere da - indem sie beispielsweise bei Jimmys Eltern auf ihr Honorar verzichtet, da sie ahnt, dass die Eltern das Geld für weitere teure Behandlungen brauchen werden.
Und Sara ist auch für Lena da. Die beiden Frauen verbindet zwar eine gegenseitige Abneigung. Dennoch hat Sara das Gefühl, Lena helfen zu müssen - und das nicht nur, weil sie eine Kollegin von Jeffrey ist.

***d) Sara und Lena
Die Spannungen zwischen den beiden weiblichen Hauptfiguren sind auch ein weiterer Punkt, der diese Geschichte interessant macht. Wie schon erwähnt haben beide Gemeinsamkeiten: Beide wurden vergewaltigt, kennen das Gefühl, Opfer zu sein und die extreme Schwierigkeiten, damit fertig zu werden und auch ein nur ansatzweise normales Leben zu führen. Für beide ist Jeffrey ein wichtiger Mann in ihrem Leben - doch sie konkurrieren nicht um ihn. Denn Lena ist nicht sein Typ - und sie scheint auch nicht an ihrem Chef interessiert zu sein.
Wahrscheinlich, so ist mein Gefühl, rühren die Spannungen zwischen den beiden Frauen vor allem in Lenas Charakter: Sie will unabhängig sein, sie ist extrem dickköpfig und lehnt daher Hilfe von Sara und Sara als Person weitgehend ab.

***e) Drogensucht
Die Drogensucht spielt ebenfalls auf zweifache Weise eine Rolle. Unmittelbar ist Lenas Onkel Hank Norton betroffen. Im gelang es zwar zeitweise, von der Sucht fort zu kommen - als er für seine beiden Nichten sorgen musste. Doch offenbar gab es Gründe, aus denen Hank wieder zur Nadel griff.
Auf anderer Ebene geht es um die grundsätzliche Situation in Städten wie Reese. Kriminelle Gruppierungen nehmen dort eine wichtige Rolle ein, sie handeln mit Drogen, durch die diese Städte wiederum den Bach runter gehen. Kriminalität ist eine der Folgen. In diesem Umfeld findet dann die Geschichte statt, dieses Umfeld ist Teil der Atmosphäre und gleichzeitig ein (Hinter-)Grund für die Geschehnisse.

***f) Skin Privillege
Wie schon erwähnt ist der internationale (englischsprachige) Titel für den Roman Skin Privillege - ein Ausdruck, der mir bislang nicht viel gesagt hat. Doch nachdem ich den Roman gelesen habe, weiß ich dann doch, was damit gemeint ist: Das Privileg der Haut(farbe).
Es gab mal eine Zeit, in der ich ziemlich fasziniert war von den USA. Doch dann habe ich auch ein paar Dinge erlebt, die mich skeptisch gemacht haben. Dazu gehörte einerseits die Ignoranz vieler Amerikaner dem Ausland gegenüber. Da die USA so groß sind, bietet das Land zahllose Möglichkeiten, Urlaub zu machen, man muss nicht in andere Länder reisen, um andere Landschaften, Klimazonen etc. zu erleben. So war ich auf einer Party von Uniabsolventen, alle aus recht gutem Elternhaus - von mehr als 20 Leuten waren nur zwei je im Urlaub. Ihr Wissen über Deutschland war ebenso mager, lief auf Klischees hinaus wie Lederhose und Sauerkraut. Etwas anderes, was so manche Amerikaner immer noch mit Deutschland verbinden, ist der Zweite Weltkrieg, sind Nazis.
Während man auf die Geschichte (zu recht) einen kritischen Blick wirft, stellt sich aber raus, dass auch so manche Amerikaner selbst nicht frei von Vorurteilen geben. Die Heirat eines Schwarzen mit einer Weißen werden mit Skepsis betrachtet.
Im Roman könnten sich theoretisch Rassenvorurteile auch gegen Lena und ihre mexikanischen Wurzeln wenden. Doch das ist nicht der Fall. Mehrere Figuren, so stellt sich heraus, gehören zwar zu Neonazi-Gruppen und haben auch entsprechende Tatoos. Der Aspekt, den man auf diese Weise vielleicht nicht unbedingt mit den USA in Verbindung bringen würde, wird von Karin Slaughter aber erstaunlicherweise nicht so sehr ausgespielt. Man verspürt zwar bei den Figuren (z.B. Lena und Sara) ein beklemmtes Gefühl. Sie wissen, dass die Männer zu allem fähig sind. Doch Slaughter führt den Gedankengang nicht wirklich weiter. Die Tätowierten könnten genauso gut in einer anderen Art von negativem Bund vereint sein.

***g) Familiengeheimnisse
Ein anderer Aspekt, der der Geschichte Dramatik verleiht, ist der der Familiengeheimnisse. Lena hat kaum noch Familie, nur noch ihren Onkel Hank, mit dem sie eine Hassliebe verbindet, da er nicht die Art von Ersatzvater war, den sie sich gewünscht hätte. Er trank, er nahm Drogen. Doch Lena erfährt, dass einige andere Dinge nicht so waren, wie sie es gedacht hätte, mit ihren Eltern, ein Stück weit auch mit ihrer Schwester. Gerade diese Tatsache und Lenas Charakter - sie will einerseits mit dem Kopf durch die Wand, hat aber vielleicht dennoch auch Angst - sorgen für Spannung.


7. Erzählweise
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Karin Slaughter erzählt die Geschichte aus der Perspektive der verschiedenen Figuren, das heißt, sie welchselt die Handlungsstränge. Mal ist man an der Seite von Sara, mal bei Jeffrey, mal bei Lena. Es ist gut, dass sich Slaughter auf diese drei wichtigsten Charaktere konzentriert und nicht in ganz vielen einzelnen Handlungssträngen verzettelt. Andererseits erzählt Slaughter in der dritten Person - man ist also an den Figuren weniger dicht dran als beispielsweise bei Kathy Reichs, die ihre Tempe-Brennan-Romane aus der Sicht der Hauptfigur schildert - in der Ich-Erzähler-Form.


8. Lesbarkeit der englischen Fassung
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Immer wieder bekomme ich Kommentare dazu, dass ich Bücher vorwiegend auf Englisch lese. Viele meinen, sie würden das nicht schaffen. Ich denke, dass es eine Frage der Übung ist. Man sollte sich ruhig trauen, aber sollte auch nicht den Anspruch haben, jedes einzelne Wort zu verstehen - auch mir ergeht das so! Slaughter ist grundsätzlich im englischsprachigen Original lesbar, sie hat aber durchaus einen Wortschatz, der nicht in jedem Detail super verständlich ist. Ich würde daher also sagen: Wer ein wenig Übung in englischsprachigen Romanen hat, dem kann ich auch bei Beyond Reach zum Original raten.


9. Zielgruppe
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Zielgruppe für diesen wie für alle Romane der Grant County Reihe ist jeder, der Thriller mag. "Beyond Reach" ist von den Beschreibungen der Taten nicht sehr brutal sondern viel mehr auf der persönlichen und psychologischen Ebene angesiedelt. Da sowohl Frauen als auch Männer wichtige Rollen in der Geschichte spielen, ist der Roman sowohl etwas für männliche als auch für weibliche Leser.


10. Daten zum Buch
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Karin Slaughter, Beyond Reach, Ersterscheinung 2007, Delacorte Press Book/Division of Random House, New York, ISBN 978-0-386-33947-6, 401 Seiten
Weitere Titel der selben Geschichte: Skin Privillege (internationaler Markt), Unantastbar (deutsche Version).


11. Pro & Contra
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Pro:
- realistische Figuren mit Stärken und Schwächen
- Grant-County-Geschichte wird fortgesetzt
- psychologische Momente

Contra:
- etwas, das ich nicht verraten will


12. Fazit
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Ich habe eine Schwäche, wenn ich Bücher lese: Ich schaue meistens schon früh ins Ende hinein. Dieses Ende wird hier aber nicht verraten, auch jetzt nicht! Für mich war Beyond Reach eine spannende, eine sehr interessante Lektüre. Zu den Pluspunkten zählen die realistischen Figuren, die Stärken und Schwächen haben. Mir persönlich hat auch sehr gut gefallen, dass Karin Slaughter Fäden aus ihren früheren Romanen wieder aufnimmt und sie weiter spinnt. Dadurch wird es natürlich sinnvoll, zunächst die anderen Bücher aus der Reihe zu lesen. Während einige dieser früheren Grant-County-Romane eher brutale Verbrechen zum Thema hatten, geht Slaughter bei Beyond Reach/Unantastbar stärker auf die psychologische Ebene - auch das ist aus meiner Sicht eine Stärke! Es gibt höchstens einen Nachteil an der Geschichte - doch den nenne ich hier nicht. Ich vergebe für dieses Buch fünf Sterne und damit natürlich auch eine Empfehlung

24.01.2011 - Zwangsupdate: Der Inhalt des Buches und meine Erfahrungen damit sind immer noch die selben. Diese Aktualisierung ist einzig und allein den "Spielregeln" von Dooyoo geschuldet. Für mich ist "Beyond Reach" weiterhin eines der spannendsten Bücher von Karin Slaughter. Im Juni 2010 erscheint der neueste Slaughter Roman auf Englisch.

Fazit: Ein Muss für alle Leser von Slaughters Grant-County-Reihe, ein spannender Roman für alle anderen.