
Kurzbeschreibung: MIDDELHAUVE , 1986 , ISBN 3787692096
Guten Tag, lieber Feind!
Produkt:
Guten Tag, Lieber Feind (Pausewang, Gudrun)
Datum: 18.09.01, geändert am 05.05.12 (461 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: für Kinder sehr eindrücklich beschrieben, bietet viele Sprachanlässe
Nachteile: Abgesehen vom Preis des Bilderbuches sehe ich keine Nachteile
Der Artikel hat in diesem Moment einfach nicht mehr und eigentlich auch wieder doch gepasst.
Die Thematik des vorliegenden Bilderbuches von Gudrun Pausewang, die sehr gute Bilderbücher für die jüngeren Leser geschaffen hat, ist nicht wenig aktuell.
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Zum Buch selbst:
Auf zwei gegenüberliegenden Bergen, die durch einen Fluss getrennt sind, sitzen jeweils vier Soldaten. Die Soldaten auf der einen Seite tragen eine blaue Uniform, es steht eine Kanone auf ihrem Berg und ein General auf seinem Schimmel sitzt hinter der Kanone.
Auf dem Berg auf der anderen Seite des Flusses tragen sie eine rote Uniform. Auch sie haben eine Kanone auf ihrem Berg stehen, und hinter der Kanone sitzt ebenfalls ein General auf einem Rappen.
Die Soldaten haben etwas wesentliches gemeinsam: Sie sind alle sehr nett.
Da befiehlt der blaue General, dass die blauen Soldaten auf die Roten schießen sollen. Das können die blauen Soldaten nicht verstehen und fragen ihn, wozu das gut sein soll. Der General sagt, dass man den Berg der blauen Soldaten gut gebrauchen könne.
Auf der anderen Seite bei den roten Soldaten passiert das Gleiche. Der General befiehlt den roten Soldaten, auf die Blauen zu schießen. Auch hier muss sich der General die Frage gefallen lassen, warum man das denn tun solle, schließlich haben die Blauen keinem etwas getan.
Als der General merkt, dass dieser Befehl nicht wirkt, sagt er seinen Soldaten, dass drüben den Blauen Rüssel wüchsen und sie damit Gift spritzen können. Das erschreckt die Roten Soldaten und sie bitten um das Fernglas des Generals, um sich davon zu überzeugen, was sie da gehört hatten. Das allerdings erlaubt der General nicht. Nur Generäle sähen etwas durch ein Fernrohr.
Es veranlasst die Soldaten dann doch, eine Kugel in ihre Kanone zu laden.
Auch auf der anderen Seite bei den Blauen versucht der General, ein schlagendes Argument einzusetzen. Er erzählt den blauen Soldaten, dass den Roten Hörner auf der Stirn wüchsen, mit denen sie in der Lage seien, die Blauen zu durchbohren. Natürlich haben auch die Blauen ihre Zweifel und bitten um das Fernglas des Generals. Auch er gibt es ihnen nicht mit der Begründung, dass ein Fernglas nur etwas für einen General sei. Die Blauen sind zwar mit dem Argument nicht zufrieden, und denken nicht gerade freundlich über den General.
Aber auch sie laden jetzt eine Kugel in ihre Kanone.
Mit einem Riesenknall gehen beide Kanonen gleichzeitig los. Auf beiden Seiten werfen sich die Soldaten vor Schreck auf den Boden. Schließlich haben sie noch nie in ihrem Leben vorher geschossen. Sie werden verschont. Aber die beiden Generäle werden getroffen. Ein Ententeich im nächsten Dorf beendet den unfreiwilligen Flug des blauen Generals. Dem roten General ergeht es nicht besser. Sein Flug endet auf dem Misthaufen eines einsamen Bauernhofes.
Die Pferde der Generäle - jetzt frei - laufen den Berg hinunter und begeben sich zum Fluss. Dort treffen sie aufeinander und riechen, dass sie Hengst und Stute sind. Zärtlich gehen sie aufeinander zu. Einer der blauen Soldaten will anstelle des Generals die Herrschaft übernehmen. Die anderen lehnen das ab und sagen, dass sie keinen Bestimmer brauchen. Sie erkennen, dass sie alle gleich sind und wollen nun gemeinsam bestimmen.
Am Fluss angekommen, entledigen sich die Soldaten ihrer Uniform und wollen in den Fluss, um zu den Pferden zu gelangen. Von der anderen Seite kommen die Roten ihnen schon entgegen. Weder haben die Blauen einen Rüssel zum Giftspritzen, noch haben die Roten ein Horn auf der Stirn zum Durchbohren des Gegners. Weil keiner von ihnen Kleider trägt, kann man nicht erkennen, ob man es mit Freund oder Feind zu tun hat.
So begrüßen sie einander herzlich mit den Worten:
"Guten Tag, lieber Feind"!
Wie ist die Geschichte nun ausgegangen?
Die Soldaten klettern auf die Berge, um ihre Kanonen den Berg hinunter zu werfen. Sie landen im Fluss und können den Menschen nicht mehr schaden. Auch die Uniformen werden ins Wasser geworfen. Noch nicht einmal die Farben waren echt. Jede Uniform sieht nun anders aus. Aus den Uniformen sind einfach Jacken und Hosen geworden.
Nun, da die Soldaten keine Soldaten mehr sind, werden sie Ehemänner und Familienväter. Gemeinsam bestellen sie Haus und Hof. Für die Generalspferde fühlen sich alle verantwortlich. Weil die Stute jedes Jahr ein Fohlen bekommt, hat nach einigen Jahren jede Familie ihr eigenes Pferd.
So kommen sogar eines Tages die beiden Generäle zu den ehemaligen Soldaten und bitten um Arbeit. Sie werden als Holzhacker und Schweinehirt angestellt. Dabei stellen sie sich sogar gut an.
Nach Jahren ist aus den Höfen ein Dorf geworden. Es gibt sogar mehrere Holzhacker und Schweinehirten. Oft machen die Dörfler mit ihren Familien und Angestellten Wanderungen auf die beiden Berge. Durch ihre Fernrohre schauen sie über das Land.
Einen kleinen Unterschied gibt es.
Alle - ohne Ausnahme - dürfen durch die Fernrohre gucken.
Und wenn sie entdecken, dass in der Ferne Generäle und Soldaten heranrücken, sind sie ganz mutig und begegnen ihnen mit den Worten:
"Guten Tag, lieber Feind"!
Als ich dieses Buch zum ersten Mal in die Hand nahm, um es für eine Bücherlesung vorzubereiten, war ich begeistert von dieser Art, das Thema anzugehen. Drückt es doch aus, was viele von uns denken.
Ist jemand anders, so ist es doch nicht unbedingt schlecht. Man kann es auch als Bereicherung verstehen. Um für jüngere Kinder eine Verständnisebene zu schaffen, hat sich Gudrun Pausewang eines einfachen Mittels bedient. Sie nimmt die Farben Rot und Blau, um den Unterschied deutlich zu machen. Dennoch schafft sie es, im Verlauf des Buches festzustellen, dass trotz dieses Unterschiedes eine Harmonie möglich ist. Sie lässt die Soldaten nackt aufeinander zugehen und schafft dadurch bildlich eine Gleichheit dieser acht Menschen.
Was die Farben angeht, könnte man interpretieren, dass die Farben, - gemischt - eine neue ergeben, in diesem Fall alle andersfarbig wurden. Nach der Farbenlehre hinkt dieser Vergleich wohl etwas. Aber gehen wir davon aus, dass sich die beiden Grundfarben nicht entgegenstehen und die vielen anderen Farben dafür stehen, dass man trotz aller Unterschiedlichkeit eine Einheit bilden kann.
Auch sehr wesentlich finde ich die Passage im Buch, in dem die Soldaten auf beiden Bergen unabhängig voneinander die Generäle bitten, durch das Fernglas schauen zu dürfen, um sich von der Aussage des Generals zu überzeugen, bzw. sich selbst ein Bild von "denen da drüben" zu machen. Beide Generäle lassen diese Bitte nicht zu. Es wird also blinder Gehorsam gefordert. Nun werden auf beiden Seiten Kugeln in die Kanonen geladen, um den vermeintlichen Feind zu beschießen.
Diese Geschichte ist für Kinder geschrieben und geht für die Soldaten gut aus. Es trifft genau die Richtigen. Die Generäle werden sehr unfreiwillig aus ihrer bis dahin sicheren Stellung herauskatapultiert und landen an wenig attraktiven Stellen. Die Generäle haben ihr Ziel verfehlt und sind nachher auf die Gunst ihrer bis dahin Untergebenen angewiesen. Die ehemaligen Soldaten zahlen es ihren früheren Generälen und gleichzeitigen Vorgesetzten eben nicht mit gleicher Münze heim und schaffen es sogar, ihnen Brot und Arbeit zu geben. Die Tätigkeiten, die nun verrichtet werden sollen, sind ebenfalls wichtig und verantwortungsvoll, aber auf eine ganz andere Weise. In den Dörfern, die die Soldaten mit ihren Frauen gemeinsam errichtet haben, sind alle verantwortlich für ein friedliches Miteinander. Nur so gelingt es ihnen, dem Unfrieden anderer Gruppen mit ihren Mitteln friedlich zu begegnen.
Für Kinder ist es sehr einsichtig geschrieben. Nach meinen Erfahrungen haben sie immer wieder viele Fragen dazu. Es entwickelt sich auch immer wieder ein ähnlicher Dialog:
"Warum streiten sich die Menschen auf so eine unsinnige Weise, wenn doch eigentlich alle gleich sind?"
Diese sehr kluge Frage habe ich bisher nur so beantworten können:
"Weil eben die Menschen nicht gleich sein wollen." Was immer das auch heißen mag.
Durch die Art der Darstellung, relativ wenig, dafür aber sehr eingehender und eindrücklicher Text, sowie die sehr gekonnte Illustration von Inge Steineke hat Gudrun Pausewang ein sehr schönes und gutes Bilderbuch geschaffen, welches vielleicht gerade im Augenblick für unsere jüngeren Leser Auseinandersetzungen unterschiedlicher Menschen erklärt, aber gleichzeitig die Unsinnigkeit mancher Auseinandersetzungen durchschaubar macht.
Ich hatte dieses Buch eine Woche vor den Terroranschlägen in den USA in der Hand, weil es in meinem Schulprojekt mit ausländischen Kindern verschiedener Nationalitäten zu einigen unschönen Auseinandersetzungen gekommen war. Es bietet, abgesehen von einem sehr guten Text, durch die Illustrationen für diese Kinder, aufgrund ihrer noch sprachlichen Begrenztheit, einen guten Zugang zur dargestellten Problematik.
Nun kommen noch die Angaben für alle, die dieses Buch eventuell erwerben möchten, wobei ich nur den Preis dafür nicht nennen kann, weil ich dieses Buch bereits seit neun Jahren besitze. Zu dieser Zeit waren die Preise für Bilderbücher auch schon nicht knapp aber doch noch etwas günstiger.
Guten Tag, lieber Feind!
Erzählt von Gudrun Pausewang
Illustriert von Inge Steineke
Das Buch ist erstmalig 1986 erschienen im
Gertraud Middelhauve Verlag GmbH & Co. KG, Köln und Zürich
Printed in Germany 1991
ISBN: 3-7876-9209-6
antjeeule 9/2001
Fazit: Die Thematik des Buches ist immer wieder aktuell
Name des Mitglieds: antjeeule
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06.09.11
Wunderbar erzählt! Das kannte ich noch gar nicht. Glückwunsch zur verdienten Krone :-)) ... Da gehören Generäle auch hin: in de Ententeich und auf den Misthaufen...;- ))