Die Wolke - Gudrun Pausewang
Jetzt werden wir nicht mehr sagen können, wir hätten von nichts gewusst - Die Wolke - Gudrun Pausewang Kinderbuch / Jugendbuch

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Neuester Testbericht: ... Bruder entfliehen muss. Das Buch ist an vielen Stellen sehr traurig, weshalb man an der einen oder anderen Stelle schon mal eine träne... mehr

Jetzt werden wir nicht mehr sagen können, wir hätten von nichts gewusst
Die Wolke - Gudrun Pausewang

poesikunde

Name des Mitglieds: poesikunde

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Die Wolke - Gudrun Pausewang

Datum: 02.05.12, geändert am 22.10.12 (191 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Ein altes Thema, das immer wieder zu neuem Nachdenken anregt

Nachteile: man muss denken wollen

Atomausstieg, ein Thema, das für uns in Deutschland fast als gegessen scheint und doch immer wieder hochkocht. Denn nach der Abschaltung des letzten AKWs bleiben dennoch die stillgelegten Meiler mit ihren Brennstäben darin und in Zwischenlagern und die große Frage, wie viele Generationen werden noch in Angst leben müssen, dass nicht radioaktives Material in einem falsch gewählten Endlager dorthin strahlt, wo es nicht soll und darf? Und was passiert rund um uns herum weiter? Da werden sogar neue Atommeiler gebaut und die, die uns räumlich so fern und im Ernst- bzw. Störfall so verflucht nahe sind, was wird mit denen künftig geschehen? Wird das Risiko noch größer, weil sie im Bedarfsfall auf Höchstleistung gefahren werden, weil wir es nicht schaffen, unsere regenerativen Energien so im Land zu verteilen, dass sie bei Bedarf auch verfügbar sind und wir nicht heimlich Atomstrom bei unseren Nachbarn kaufen müssen?

Während ich darüber nachdenke, wie vergesslich Politik und auch die Menschen doch sind, erinnere ich mich an ein Buch von 1987. 24 Jahre zurück, da wurden Zeilen geschrieben, an die man sich erinnern sollte. Sie könnten von gestern sein, aber haben wir schon alles vergessen?

Ich zitiere ein paar Zeilen aus dem Vorwort, die heute mindestens so aktuell sind, wie damals:

"Die Atomwirtschaft setzt auf technische Wunderwerke,
die nicht versagen.

Aber sie haben versagt.

Mag sein, die deutschen Atomkraftwerke
sind doppelt so sicher wie die russischen.
Dann passiert es in acht Jahren statt in vier.

Und Brokdorf liegt nur 60 km von Hamburg,
Wackersdorf nur 130 km von München,
Biblis nur 50 von Frankfurt.

Wer evakuiert die Hamburger wohin?
Werden die Münchner nach Capri evakuiert?
Die Frankfurter auf die Kanarischen Inseln?

Jeder wird allein gelassen sein.
Wie schon dieses Mal.
Die Politiker werden wieder unfähig sein,
etwas zu tun.
Sie werden abwiegeln und beschwichtigen."

Ihr habt es sicher erkannt. "Die Wolke" von Gudrun Pausewang. Ganz korrekt, das Vorwort stammt von Inge Aicher-Scholl, der Schwester von Sophie und Hans Scholl, die vier Wochen nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl zusammen mit einem Freundeskreis eine aufrüttelnde Anzeige in der "Welt" veröffentlichte, der ich diese Zeilen entnahm. Für mich ein Grund, diese Rezension zu schreiben, für Gudrun Pausewang Grund genug ein Kinder- und Jugendbuch zu schreiben, das anhand einer fiktiven und dennoch sehr realitätsnahen Geschichte über einen Reaktorunfall aufrüttelt und zum Nachdenken anregt. Ein Buch, das wir unseren Kindern in unserer Zeit zu lesen geben sollten. Besser können wir ihnen das Thema nicht erklären.Wir werden dennoch genug Diskussionsstoff haben.

_____Gestern Tschernobyl, heute Fukushima, morgen eines der 93 in Europa?_____

Irgendwann in den 90er Jahren. In Grafenrheinfeld heult die Sirene vor der Schule. Komische Zeit für einen Probealarm, meint der Lehrer zur Klasse. Doch dann stellt sich heraus, es ist ernst. Alarm im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld. Eine Kernschmelze, ein Super-GAU. Eine radioaktive Wolke entweicht und zieht über das Land. Janna-Berta muss schnellstens aus der Schule nach Hause und sich um ihren kleinen Bruder Uli kümmern. Sie allein trägt die Verantwortung für ihn, denn die Eltern und die Großeltern sind nicht da. Die giftige Wolke zieht genau in ihrer Richtung und die beiden Kinder flüchten auf Ihren Fahrrädern. Doch nicht nur sie sind auf der Flucht. Tausende Menschen kennen nur noch eins, davon kommen, koste es , was es wolle. Liebe Deinen Nächsten ist auf später verschoben, jeder ist sich selbst der Nächste. Der kleine Uli verliert bei einem Unfall sein Leben und Janna-Berta wird von fremden Menschen in ihrem Auto mitgenommen. Doch die Flucht endet am Bahnhof Bad Hersfeld. Janna-Berta wird von ihren Helfern getrennt und gerät auf ihrem Rückweg zu Uli in einen radioaktiven Regen. Die Folgen sind katastrophal. Total geschwächt landet sie auf ihrem Weg nach Hamburg zu ihrer Tante in einem Hospital, wo sie erst ihre Haare verliert und dann fast ihre gesamte Familie. Zumindest erfährt sie dort davon. Doch sie ist stark und erholt sich. Ihre Tante holt sie nach Hamburg, wo sie sich nicht wohlfühlt, und nach Umwegen gelangt sie zurück nach Hause zu ihren Großeltern. Es gibt viel zu erzählen und noch mehr zu vergessen.

Das Buch schildert die beeindruckende Geschichte einer 14jährigen in einer totalen Ausnahmesituation. Es gibt zwar einige Ungereimtheiten, wie z.B. die totale Unwissenheit der Großeltern im Mallorcaurlaub, die von solch einem Wahnsinnsereignis nicht erfahren haben sollen. Aber dies erscheint mir dennoch nebensächlich. Entscheidend ist die realitätsnahe Betrachtung eines Reaktorunfalls und des Verhaltens der Menschen in einem solchen Fall. Wer da noch glaubt, dass es dafür Regeln gibt, der lebt gefährlich. Wenn es denn passiert, dann wirken Urkräfte und -instinkte. Wer sagt uns, dass es nur den Menschen außerhalb der Kernkraftwerke so geht? Wir haben in Fukushima Dinge zu hören bekommen, die uns unglaublich erscheinen. Da saßen Menschen, die für die Sicherheit verantwortlich waren und auch dafür bezahlt wurden. Sie haben nicht einmal mitbekommen, dass ihnen das Kühlwasser förmlich unter dem Hintern davon lief. Und auch heute ist jeder Tag in Fukushima ein neuer Höhepunkt an Hilflosigkeit und Notlügen. Gestern noch unbedenklicher Nahrungsmittelstandort, heute Todeszone?
Was in diesem Buch als Fiktion im Hirn der Autorin entstand, war keine Spinnerei. Es beruhte auf den Erfahrungen von Tschernobyl, wo noch mehr totgeschwiegen wurde als in Fukushima. Das Buch war schon fast Geschichte. Die Realität von Fukushima hat es eingeholt. Wann werden wir wohl die Geschichte von einer japanischen Janna-Berta und ihrer Familie zu lesen bekommen? Sicher sind ihre Namen anders, doch ihre Geschichte wird ähnlich, vielleicht noch schlimmer sein. Und es wird vermutlich viele Janna-Bertas geben.

_____Mein Fazit____

Ich war tief beeindruckt von diesem Buch, zum zweiten Mal. Sonst hätte ich mich wohl nicht daran erinnert. Wenn ich die Handlung auch etwas kurz abgerissen und auf eine lange Erläuterung des Lebens der Autorin verzichtet habe, so nicht aus Bequemlichkeit. Ich habe das Buch heute unter einem ganz anderen Blickwinkel gelesen als damals, etwa 10 Jahre nach der Wende. Da war Tschernobyl schon weit weg und Fukushima nicht zu ahnen. Heute hat uns das Leben eingeholt. Dieses Buch sollten wir unseren Kindern zu lesen geben. Es hat mehr als fünf Sterne verdient. Und wir sollten mit unseren Kindern reden, wenn wir es nicht längst getan haben. Verstehen ist die Grundlage für Handeln. Dessen sollten wir uns stets bewusst sein.

Fazit: s. oben