
Neuester Testbericht: ... die Avenue entlang stadtauswärts führten noch vor kurzem in eher schäbige Rotlicht-Gegenden. Dieses Milieu ist weitgehend verschw... mehr
Geht es noch teurer?
Hotel Conrad (Brüssel)

Name des Mitglieds: dicorbe
Produkt:
Hotel Conrad (Brüssel)
Datum: 19.02.01, geändert am 19.02.01 (216 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: Hervorragende Ausstattung, sehr luxuriös, zuminest bei Sonderpreisen durchaus bezahlbar
Nachteile: Zum normalen Preis absurd überteuert, die Gestaltung ist eher altbacken amerikanisch
"Oho, im Conrad steigen wir ab - nobel nobel". Die hochgezogene Augenbraue meiner reisekundigen Vertrauten verrät leichte Zweifel an meinem Geisteszustand. Das Conrad in Brüssel zählt nicht bloß zu den "Leading Hotels of the World", sondern nimmt für sich in Anspruch, das beste Hotel der Hauptstadt Europas zu sein (steht so im Hausprospekt). Den Preisen nach zu urteilen muss da wohl was dran sein: Die einfachsten Zimmer ("Deluxe") kosten laut Aushang pro Nacht 16.500 Belgische Francs - das sind deutlich über 800 Mark. Bei Bedarf nach etwas mehr Ruhe und Raum sind auch mehrere Sorten Suite möglich - bis hinauf zur Präsidentensuite für etwas mehr als 6000 Mark pro Nacht.
Nein, ich leide nicht an Größenwahn und neige nur gemäßigt zur Verschwendungssucht - denn das Internet offenbart: Special Rates! Die zur Hilton-Gruppe gehörenden Conrads (es gibt insgesamt ein Dutzend weltweit) machen da keine Ausnahme. Und so reduziert sich der Preis für den "Deluxe"-Raum mal eben um mehr als zwei Drittel auf 5350 Bfr - ungefähr 260,- DM pro Nacht, inklusive Frühstück. Das ist zwar immer noch eine ganze Menge Geld, aber durch zwei geteilt hält es sich durchaus im Rahmen. Und es gibt ja auch Gegenleistungen...
Die Lage
Direkt an der Avenue Louise (Nr. 71), umgeben von allerlei teuren Boutiquen und Restaurants, fungiert das vor zehn Jahren eröffnete Conrad als wichtiger Pfeiler des Edel-Viertels Louise. Wanderungen die Avenue entlang stadtauswärts führten noch vor kurzem in eher schäbige Rotlicht-Gegenden. Dieses Milieu ist weitgehend verschwunden, dafür gibt es jetzt Firmensitze, Porsches und extrateure Möbelläden in der Umgebung. Na ja, Luxus halt.
Nein, das alte Herz Brüssels ist einige Kilometer entfernt, in dieser Gegend hier gibt es eher Jugendstilbauten und neuere Kommerz-Architektur (aber wenigstens nicht so viele von den gräßlich stumpfen Hochhäusern wie in der Gegend um den Nordbahnhof). Verkehrsgünstig is
t es auch, Straßenbahn und U-Bahn sind ganz nah (wenn's denn wirklich sein muss).
Das Aussehen
Sieben Stockwerke über der Erde, zwei darunter. Auf sechs Stockwerken Zimmer. Von außen hauptstädtische Prachtentfaltung, unbestimmbar alt wirkend. Von außen, mit schwierigen Worten gesagt: Eklektizistisch postmodern. Anders gesagt: So wie ein Ami vom Lande sich halt das beste Hotel in der Hauptstadt Europas vorstellt. Noch anders: Ziemlich peinlich, aber von der begrenzten Grundstücksgröße noch einigermaßen im Zaum gehalten.
Von innen: Unmengen Marmor, 5 cm dicke Teppiche, massenweise Messing, viel dunkelrotes Holz (wohl sogar echt). Die Zimmer sind absolut amerikanisch: Undefinierbar rosa hellbraune Möbel, allerlei dezente Blumenmuster, Kingsize-Betten.
Die Zimmer
Äußerst sauber und gepflegt, für ein Stadthotel sehr groß (ca. 35 qm) und sehr gut ausgestattet. Eine extrem leise und gut regulierbare Klimaanlage, aber auch leicht zu öffnende Fenster. Ein eigenes Fax, zwei freie Leitungen für Internet-Zugang, drei Telefone (zwei im Zimmer, eins im Bad).
Überhaupt, das Bad: Sehr groß, getrennte Bereiche für Badewanne und Dusche, beides mindestens 50% größer als normal (die Wanne ist ungefähr 1,20m breit, mit allerlei Düsen). Überall heller Marmor und güldene Armaturen (na ja, gut geputztes Messing). Sehr gute Handtücher. Gehört mit zu den besten Hotelbadezimmern, in denen ich je war.
Auch die kleinen Aufmerksamkeiten sind in Ordnung: Es gibt ein Willkommensgeschenk (250g gute Pralinen), allerlei aufwendig verpackte Snacks, kostenfreies Mineralwasser, eine Morgenzeitung und und und.
In Summe: Wirklich sehr gut (sollte ja auch bei dem regulären Preis zu erwarten sein).
Die Services
Natürlich gibt es hier 24 Stunden lang alles mögliche zu essen. Da ich aber lieber in Restaurants gehe, die nicht einem Hotel angeschlossen sind, kann ich zur Qualität der Küche wenig sagen.
Das Frühstück ist für die P
reislage allerdings nicht umwerfend. Die gleiche Auswahl an warmen Sachen wie überall (Rührei, Speck, Würstchen), nicht besonders frisch oder wohlschmeckend. Einige Sorten Aufschnitt, frisches Obst, gutes Brot. Eigentlich passt es gut zum tatsächlich bezahlten Zimmerpreis, müsste ich hier aber separat die 40 Mark bezahlen, die das Frühstücksbüffett laut Preisliste kostet, es wäre ein Ärgernis. Na ja, dafür ist das Personal ausgesucht freundlich.
Ein Fitness-Bereich erstreckt sich über zwei Stockwerke im Keller, auch und gerade offen für Einheimische. Hier ist klar zu erkennen, warum dieses Hotel sich "Leading" nennen darf. Im Gegensatz zur eher steifen "Luxus"optik des restlichen Hotels werden überall freundlich moderne Farben und Formen eingesetzt. Ein großer Pool mit unterschiedlich "schnellen" Bahnen liegt unten, weiter oben zieht sich ein Art Balustrade um den Pool. Dort stehen moderne Ertüchtigungsgeräte mit Blick auf das Treiben im Wasser. Allerlei Saunen und Massagen gehören auch noch dazu, genau wie eine sehr angenehme Lounge. Eine RICHTIGE Lounge. Großes Lob hierfür - wären da nicht die 45 Mark am Tag, die selbst Hotelgäste für die Nutzung dieser Annehmlichkeiten hinblättern sollen. Grrr.
Das Fazit
Die Leistungen dieses Hotels sind in der Summe durchaus überzeugend. Für den bezahlten Preis läßt sich derzeit nirgendwo in Brüssel auch nur annähernd so gut übernachten. Das Conrad wäre somit die beste Wahl, wäre da nicht ein ganz grundlegendes Problem: Die Gestaltung.
Bis auf den nachträglich ergänzten tollen Fitness-Bereich gehören Architektur und das sehr traditionell amerikanisch dominierte Dekor dieses "Leading Hotel" nicht mehr ins 21. Jahrhundert - und haben fast nichts mit Europa zu tun. Brüssel braucht ein deutlich moderneres und lebendigeres Luxushotel, und eines, das auch eindeutig zu dieser wunderbar wirren Stadt im Aufbruch passt. Gäbe es das dann noch zu vergleichbaren Sonderpreise
n, dann würde ich auch die Augenbrauen hochziehen, "Oho" sagen, und schnellstens wieder nach Brüssel fahren.
Fazit:
Weitere Testberichte: im Bereich Hotels international

