Das neue Feindbild!?
My Name Is Khan (DVD)

Name des Mitglieds: atrachte
Produkt:
My Name Is Khan (DVD)
Datum: 04.09.10
Bewertung:
Vorteile: siehe Bericht,
Nachteile: siehe Bericht,
Menschen werden auf der Straße angepöbelt, beleidigt und bedroht, Ladenbesitzer müssen mit ansehen wie wütende Passanten ihre Geschäftsräume zerstören ohne das die Polizei eingreift, Kinder werden in der Schule gemobbt und ausgeschlossen. Szenen, die in ihrer Beschreibung durchaus wie ein Augenzeugenbericht aus dem Deutschland des Jahres 1938 stammen könnten, doch der Tatort ist diesmal ein ganz anderer. Denn wir schreiben das Jahr 2001, kurz nach den Septemberattentaten.
Eine schwierige Zeit bricht für Moslems an, denn nach den Attentaten auf das World Trade Center und dem Pentagon werden sie in den USA immer mehr unter Generalverdacht gestellt und allesamt in das radikale Boot gezerrt. Auch Rizwan Khan (Shahrukh Khan), seine Frau Mandira (Kajol) und ihr Sohn Sam (Yuvaan Makaar) bekommen die Wut vieler nach dem 11. September immer deutlicher zu spüren. Nicht nur verliert Mandira, die eigentlich keine Muslima sondern eine Hindi ist, schon bald ihren Job in einem Friseur-Saloon auch wird Sam in der Schule Opfer von Androhungen und Mobbing. Das ganze geht gar so weit, das sich selbst sein bester Freund Tim (Shane Harper) von ihm distanziert. Doch die aus Indien in die USA emigrierte Familie hält zusammen und versucht mit der Situation umzugehen, bis es schließlich zu dem Tag kommt, an welchem Sam, zuvor von Mitschülern gelyncht, Tod auf einem Sportplatz gefunden wird. Mandira bricht zusammen, während Rizwan, der unter dem Asperger-Syndrom, einer leichten Form von Autismus leidet, die Situation zunächst kaum begreifen kann. In ihrer ganzen Wut und Verzweiflung macht Mandira ihrem Mann schließlich den Vorwurf für den Tod ihres Sohnes verantwortlich zu sein, schließlich ist er Moslem und und hat den Namen Khan in die Familie getragen. Auf die Frage hin, wie er das Geschehene wieder gut machen könne, antwortet Mandira in ihrer Ausweglosigkeit dass Rizwan zum Präsidenten gehen solle um diesen zu sagen, das er kein Terrorist sei. Rizwan nimmt dies wörtlich...
Was folgt ist ein Film, der seinen brillant gespielten Hauptakteur durch dessen Odyssee durch die USA begleitet und dabei nicht nur ein sehr feinfühliges Charakterbild entwirft, sondern auch mit genauem Blick auf die amerikanische, und damit eben auch auf die westliche, Gesellschaft schaut und versucht diese zu verstehen, vor allem in Hinblick auf den Umgang mit Menschen nicht-christlichen Glaubens und wie nicht zuletzt Medien und Politik diese zum Spielball ihrer eigenen Interessen machen. Dabei ist der Film ganz klar in zwei Hälften zu unterteilen: während die erste Stunde des Filmes vor allem genutzt wird um die Figuren einzuführen, ihnen ein Profil zu verleihen und den Draht zum Zuschauer herzustellen, sowie die Liebesgeschichte zwischen Rizwan und Mandira zu erzählen, nutzt die zweite Hälfte die aufgebaute empathische Tragkraft und begleitet Rizwan beinahe alleine auf seinen Weg zum Präsidenten, der selbstredend mit allerhand Stolpersteinen gepflastert ist. In seinen besten Momenten vermag "My Name Is Khan" gar die qualitative Tragweite eines "Forrest Gump" (1994) zu erreichen, dessen Thematik und Hauptcharakter sich in einigen Beziehungen sehr ähneln.
Insgesamt betrachtet ist das Werk von Regisseur Karan Johar ("Bis dass das Glück uns scheidet", "Und ganz plötzlich ist es Liebe") ein untypisch typischer Film für eine Bollywood-Produktion. Typisch, da es zwar viele Elemente des indischen Kinos in den Film geschafft haben, wie etwa das Spiel mit vielen bunten Farben, untypisch aber auch, da die entsprechenden Versatzstücke stets einen anderen Touch erhalten. Im Falle des kräftigen Farbspieles wird diesem etwa durch die Verwendung eines Eismeerblauen Farbfilters fast etwas schon kühles abgewonnen. Trotzdem ist "My Name Is Khan" kein Film geworden, der sich selbst zwingt möglichst Westlich zu erscheinen, sondern lediglich, und gleichzeitig sehr geschickt, Elemente beider Film-Welten aufeinander prallen lässt, welche in dieser Inszenierung fast immer gut funktionieren.
Natürlich wandelt das ganze dabei gerade zum Ende hin Metertief im Kitsch und bedient sich einer "guten Welt" Rhetorik und unglaublichen Naivität, in der letztlich alle glücklich sind. Doch irgendwie kann man dem Film seine positive Weltanschauung nicht ganz übel nehmen, schafft er es doch trotzdem sehr gut Drama und Botschaft zu kombinieren, sodass ein Film heraus kommt der die Kraft besitzt auch nach dem Abspann noch im Gedächtnis zu verweilen und die ein oder andere Frage an den Zuschauer selbst zu richten.
Das der Film im großen und ganzen so überraschend wohlwollend funktioniert ist nicht zuletzt der Verdienst von Hauptdarsteller Shahrukh Khan ("Liebe für die Ewigkeit", "Bis dass das Glück uns scheidet"), welcher wohl erstmals in seiner durchaus beachtenswerten Karriere beweist, das er auch richtige Charakterrollen mit Überzeugung spielen kann. Denn sein Rizwan ist in Hinblick auf die restliche Filmografie des indischen Superstars eine äußerst aus dem Rahmen fallende Figur, ist Khan aufgrund seiner Behinderung doch nicht in der Lage seine Gefühle so zu zeigen, das andere Menschen ihn verstehen. Gleichzeitig gelingt es Shahrukh Khan jedoch das ihm so oft zugesprochene Charisma von der ersten Minute an heraus zu holen und seiner Figur etwas sehr Liebenswertes zu geben. Es steht dabei außer Frage das der Film dabei einmal mehr auf seinen Hauptdarsteller zugeschnitten wurde, der hier aber eine wahrlich bravuröse Leistung abliefert, sodass man nur inständig hoffen kann, dass das indische Kino seinem großen Namen in der Zukunft häufiger Charakterrollen bereit stellt.
"My Name Is Khan" ist ein außergewöhnlicher Film, der dem Kitsch-Image, welches das Bollywood-Kino in westlichen Breitengraden ja nicht ganz zu unrecht besitzt, durchaus gelungen entgegen steuert und sich insgesamt als sehr ernstes Drama präsentiert, das seine Herkunft trotzdem nicht verleugnet. Vor allem die Tatsache, dass das Werk als erster prominenter Film die Frage in den Raum wirft inwieweit die westliche Gesellschaft durch die Post 9/11 Propaganda zum Brutkasten wahnwitziger Angstschürungen geworden und wie weit bereits der Anti-Islamismus in die Köpfe der Menschen vorgedrungen ist, lässt sich als mutig und überaus gelungen unterstreichen. So ist "My Name Is Khan" eben nicht nur ein Liebesfilm und ein Familiendrama, sondern auch eine gesellschaftliche, in feinen Zügen gar politische, Abhandlung .
Daten zum Film:
Originaltitel: My Name Is Khan (Indien/USA, 2010)
Laufzeit: ca. 128 Minuten
FSK: Ab 12 Jahren
Regie: Karan Johar
Darsteller: Shahrukh Khan (Rizwan Khan), Kajol (Mandira), Steffany Huckaby (Kathy Baker), Jennifer Echols (Mama Jenny), Sam (Yuvaan Makaar), Shane Harper (Tim)...
7/10
Fazit: Gut
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