Kontroll (DVD)
Jeder muss bezahlen - Kontroll (DVD) DVD Video Film

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Jeder muss bezahlen
Kontroll (DVD)

KleenerApfel

Name des Mitglieds: KleenerApfel

Produkt:

Kontroll (DVD)

Datum: 02.08.11, geändert am 01.02.12 (70 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: ein Meisterwerk

Nachteile: DVD Ausstattung

Sie haben den wohl beschissensten Job der Welt: Sie sind Fahrkartenkontrolleure der ungarischen Metro. Sie sind wenig erfolgreich. Sie lassen sich tagtäglich von den Passanten anpöbeln und verprügeln. Sie stehen in ständiger Konkurrenz. Sie haben einen Passanten, der ihnen jedes Mal entwischt. Sie haben ein Problem: Irgendein Scherzkeks hat es sich zur Aufgabe gemacht, wahllos Leute vor die heranstürmende U-Bahn zu schubsen.


Selten einen Film so kurz und präzise in seiner Handlung beschrieben. Jedes weitere Eingehen würde aber meiner Meinung nach dieses Meisterwerk verschandeln. Schon lange habe ich keinen Film mehr gesehen, der nur so vor Witz, Situationskomik, Liebe zum Detail, Fantasie, Absurdem und Tiefgründigkeit sprudelt. Das fängt schon bei der Auswahl unserer Fahrkahrtenkontrolleure an, die unterschiedlicher nicht sein können. Da wäre u.a. Bulcsú (Sándor Csányi), der wohl heimliche Hauptcharakter, der sich für ein Leben im Untergrund bzw. im Labyrinth der U-Bahn-Schächte entschieden hat und es aus unerklärlichen Gründen scheut, zurück ans Tageslicht zu gehen. Muki (Csaba Pindroch), der an Narkolepsie leidet, welches bei seinen sehr häufigen Wutausbrüchen zur vollen Geltung kommt. Tibi (Zsolt Nagy), ein Grünschnabel und Neuling, der noch mit den Gepflogenheiten seines neuen Jobs zu kämpfen hat. Professor (Zoltán Mucsi), der mit seiner ruhigen, aber sarkastischen Art zu überzeugen weiß und Lecsó (Sándor Badár). Alle Fünf meistern ihre Rollen mit Bravour und hauchen ihren Charakteren erst die nötige Persönlichkeit ein, die sie so liebenswert macht. Schon in den ersten Szenen stellt man sich automatisch auf die Seite dieser liebevollen Verlierer. Auch wenn in der Eröffnungsszene in der Stellungnahme der Budapester Metro gesagt wird, dass der Film nicht real, sondern symbolisch verstehen zu sei, schafft er es an vielen Stellen den Eindruck eines Dokumentarfilms zu erwecken. Welches Genre man diesem Film zuordnen kann, ist allerdings schwierig. Auf den Film aufmerksam geworden bin ich damals in der Horrorfilmecke, allerdings musste ich schnell erkennen, dass da mehr dahinter steckt. Neben dem schon erwähnten Dokumentarstil kann man im Film zahlreiche Dramen-, Krimi-, Fantasy-, Action-, Schnulzen-, Komödien-, groteske und surreale Elemente entdecken. Erst dieser Mix macht den Film zu einem Meisterwerk. Man weiß nie, welches des Elemente als nächstes bedient wird und wird von einer skurrilen Szenen zur nächsten getragen.


Auf Komik folgt Dramaturgie vom Feinsten und umgekehrt. So bietet allein eine Szene, in der die fleischlichen Einzelteile eines Opfer von den Schienen und aus dem Fahrzeug gekratzt werden genügend Stoff für vergnügliche Minuten. Während sich die Arbeiter, die die Fleischfetzen einsammeln über die Zubereitung von sehr gutem Gulasch austauschen und dabei fröhlich ihre Arbeit fortsetzen, setzt der Professor mir seinem Charakter noch ein paar flotte Zeilen drauf.
Im Gegensatz zur düsteren U-Bahn-Welt, mit ihrem rauhen Alltag und all den Anfeindungen & Attacken steht Bulcsú wohl einziger Kontakt zur Außenwelt. Szofi (Eszter Balla), ein junges Mädel in einem Bärchenkostüm, gibt ihm neue Perspektiven. Sie ist die Tochter von Bulcsús wohl einzigem Freund Onkel Bela, ein U-Bahnfahrer, der sich auch für ein Leben in den Tunnelkomplexen entschieden hat. Jeder der Charaktere scheint eine eigene kleine Geschichte zu beherbergen; keiner dieser angerissenen Handlungsstränge wird jedoch vollkommen ausgeschöpft und detailliert wiedergegeben. Das könnte einige Leute stören, mir allerdings haben diese kurzen und angeschnittenen Stränge gefallen. Wenn man sie ausführlicher bearbeitet, verliert der Film womöglich gute 50% seiner Faszination und Wirkungskraft. Auch wenn am Ende dadurch natürlich Fragen offen bleiben, animiert diese Tatsache jedoch dazu, den Film auch ein 2. und 3. Mal zu sehen. Mit jedem Mal glaubt mal, neue Geheimnisse, Stränge oder Faszinationen entdeckt zu haben.
Mit knapp 105 Minuten ist der Film minimal zu lang geraten. Das erste Sehen damals empfand ich als anstrengend, weil ich mit anderen Intentionen herangegangen bin. Ab dem 2. Mal vergeht die Zeit jedoch wie im Flug und der Film ist viel zu schnell vorbei. Man weiß, was einen erwartet und selbst die komischen Elemente beginnen nicht langweilig zu werden und entreißen mir immer wieder einen ernst gemeinten Schmunzler.


Was leider überhaupt nicht geht, ist die DVD. Ich hab meine für 3,95 Euro gebraucht beim Videofritzen um die Ecke gekauft. Mit ein wenig mehr Intelligenz und Weitsicht, hätte ich vorher im Internet geguckt. Bei Amazon gibt es da z.B. eine 2-DVDs-Edition, wobei die 2. DVD all das bietet, was man normalerweise von einer DVD erwartet. Dinge wie Making Of's oder gelöschte Szenen z.B. Witzigerweise kosten beide Fassung fast das Gleiche. Um die 7 Euro. Auf meiner einfachen DVD tummeln sich nur ein paar öde Trailer, insgesamt 6 an der Zahl. Ein Extra, das ich noch nie zu schätzen wußte, denn Trailer kann ich mir auch im Internet angucken. Mache ich aber nicht. Als Sprachen gibt es Deutsch & Ungarisch, Untertitel leider auf Deutsch, aber die ungarischen hätten mich irgendwie mehr interessiert.
Für knapp 4 Euro geht die DVD, aber bei etwa 2 Euro mehr Investition kann man schon um einiges mehr an Extras bekommen.


Alles in allem ist Kontroll ein musikalisches, inhaltliches und bildliches Meisterwerk. Die musikalischen Einschübe passen wie die Faust aufs Auge, einzig und allein ein deprimierendes und langweiliges Trompetensolo könnten einem zeitweise auf den Wecker gehen. Viele Szenen funktionieren nur aufgrund eines wunderbaren Zusammenspiels von Kameraperspektive und Musik. Schwarzer Humor und Situationskomik stehen im perfekten Gegensatz zu der tristen und brutalen Realität, mit dem jeder einzelne zu kämpfen hat. Kontroll hat nicht umsonst einige Preise eingeheimst, sondern völlig zu Recht. Lediglich die Einzel-DVD schwächelt in ihrer Ausstattung. Für knapp 4 Euro allerdings verschmerzlich.

Fazit: ... das Fazit kauft sich 'ne Fahrkarte.