


Erhältlich in: 2 Shops
Neuester Testbericht: ... Boden im Flur seiner Wohnung. Wieder in der Bar erzählt er seinem Kollegen die Geschichte von seiner Ex-Frau und seinen Kindern, ... mehr
Love is a battlefield
Intimacy (DVD)

Name des Mitglieds: katapult
Produkt:
Intimacy (DVD)
Datum: 03.09.01, geändert am 03.09.01 (65 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: sehr intensives Schauspiel
Nachteile: manch rätselhafter Dialog
Man kann zwei Menschen lieben. Aber das ist kompliziert, und in den meisten Fällen geht dies dann schief. Davon handelt "Intimacy".
Jay und Claire wissen wenig voneinander, aber sie treffen sich Mittwochs und haben Sex. Vielleicht erleben wir die beiden zu Beginn des Films bei ihrem zweiten Treffen, ganz eindeutig ist das nicht. Auf jeden Fall wissen die beiden, was sie voneinander erwarten. Sie sprechen es nicht aus, sie reden nur das Nötigste, sie schämen sich. Und wenn sie dann miteinander schlafen, muss wenigstens nicht gesprochen werden.
Die Exposition in die Liebesgeschichte wird geradezu physisch erzählt. Die Kamera fokussiert die Körper, die Mimik der Liebenden, und wenn sie übereinander herfallen, dann sieht das ganz einfach nach Sex aus. Etwas akrobatisch und ungelenk vergraben sich die Körper, Begierde erzeugt Rötungen und seltsame Verzerrungen der Gesichtsmuskeln. Dann ist alles vorbei, Claire verlässt eilig Jays schmuddelige Wohnung, und nicht nur die beiden Protagonisten trennen sich aufgewühlt - der Zuschauer wurde ebenfalls überrumpelt.
Über Jay (Mark Rylance) erfährt man dann, dass er als Barkeeper den Chef zu spielen hat, Frau und zwei Kinder verließ und in seiner heruntergekommenen Bude ein nicht gerade erfülltes Dasein fristet. Claires (Kerry Fox) Identität wird dagegen erst später gelüftet.
Die anonyme sexuelle Beziehung, die die beiden vorhaben zu führen, unterliegt natürlich gewissen Spielregeln, und es ist kein Wunder, dass diese irgendwann gebrochen werden.
Jay packt nach weiteren Mittwochen die Neugierde, er folgt Claire durch die Straßen Londons und findet sich kurze Zeit später in einem Pub wieder, in dessen Keller Claire Theaterauftritte hat. Und weil Jay es nicht anders wollte, brechen jetzt die realen Fakten auf ihn ein. Claire ist verheiratet, hat einen Sohn, ist also in dieser Welt verankert und damit keine Tabula rasa mehr für den Traum nach der unkomplizierten Liebesbeziehung ohne störende Vi
ta.
Später sieht Claire dann unbemerkt Jay auf den Straßen, und sie strahlt vor Glück. Auch sie folgt ihm, doch er sucht ihr Kellertheater auf und bricht damit die unausgesprochenen Versprechungen.
Jetzt nimmt die Tragödie ihren Lauf, und zum Glück hat (der geniale) Lars Von Trier ("Breaking the waves", "Idioten", "Dancer in the dark") den Stoff nicht in die Hände bekommen - ansonsten würde die Story spätestens von diesem Moment an in tiefste Abgründe versinken. Chereau aber belässt es beim Elementaren. Die Frage, unter welchen Voraussetzungen zwei Menschen Glück erleben können, wenn die Voraussetzungen kompliziert sind und Entscheidungen getroffen werden müssen, führt "Intimicay" am Beispiel von Claire und Jay aus, ohne etwas zu beantworten. So funktionieren gute Popsongs, und in diesem Fall auch zwei Stunden Film.
Ganz klar - wenn ein Film in den ersten Minuten fast völlig auf Dialoge verzichtet und Sex sehr explizit darstellt, dann soll das irritieren und Sehgewohnheiten brechen. Aber "Intimacy" ist kein Skandalfilm, kein Schocker, wie einem so manche Filmkritiker verklickern wollen. Erzählt wird eine Liebesgeschichte, und die ist bigger than life. Dank der unglaublich guten und präsenten Darsteller wird eine Intensität erreicht, die man sonst nur einem Kammerspiel zutraut, und dennoch ist es Kino; dafür sorgen Kamera, Schnitt, Musik und die Settings. Und es sei auch eine Entwarnung gegeben: Ganz so ernst nimmt sich der Film nicht, es gibt einige komische Dialoge und humorvolle Szenen.
Welchem Land gehört der Film eigentlich? Wenn der Regisseur aus Frankreich stammt, seine Geschichte aber in England spielt und Englisch gesprochen wird, weil die Schauspieler nun mal Engländer sind, ist das dann ein englischer Film? Wenn der Regisseur aber doch ein Franzose ist, und sich alles um Liebe und Sexualität dreht, dann muss es sich doch eigentlich um einen primär französischen Streifen han
deln, oder wie ist das? Und da nach "Baise-moi" und "Romance" das Thema "Sex im Film" wieder diskursfähig geworden ist, muss ?Intimacy" sich natürlich Fragen gefallen lassen. Aber hier spielt Sex weder eine auf- oder erregende Rolle, noch wird hier eine These zum Thema aufgestellt. Wo "Intimität" drauf steht ist diesmal auch Intimität zu sehen, und das passt in die Geschichte und wird (un)aufgeregt verkörpert.
Auf der diesjährigen Berlinale geriet die Pressekonferenz zum Film zur großen Peinlichkeit. Sichtlich genervt musste der Regisseur Patrice Chereau ein Bombardement von Fragen über sich ergehen lassen, das einzig und allein auf das vermeintliche Thema Nr. 1 abzielte. War der Sex echt? Sie hat ihm tatsächlich einen geblasen? Wusste sie das vor Drehbeginn? Ist das nicht pornographisch? Und so ging das die ganze Zeit, und alle Versuche des Regisseurs, doch mal etwas zur erzählten Geschichte des Films gefragt zu bekommen, gingen bei den skandal- und sensationsgierigen Journalisten unter. Als dann auch noch gefragt wurde, weshalb die Darsteller eigentlich so "normale", nicht ganz so sexy Körper hätten, saß Chereaus Konter: "Schauen sie sich doch mal hier im Raum um. Wer von ihnen hat denn einen perfekten Körper?"
Fazit:
Weitere Testberichte: im Bereich DVD Video Film


