


Erhältlich in: 9 Shops
Neuester Testbericht: ... Harry gar das er sich nicht mehr anders zu helfen wisse, als nur noch mit einem Messer auf die Straße zu gehen. Nachdem die mutmaßl... mehr
Angry Harry
Harry Brown (DVD)

Name des Mitglieds: atrachte
Produkt:
Harry Brown (DVD)
Datum: 25.09.10
Bewertung:
Vorteile: siehe Bericht,
Nachteile: siehe Bericht,
Im Vereinten Königreich wird schon seit einiger Zeit vom "Broken Britain" geredet, ein Begriff der in erster Linie vor allem die katastrophale Verschuldung, sowie die leeren Kassen des Staates und der Privathaushalte umschreibt. Doch steht das in den britischen Medien heiß diskutierte Thema auch für eine Generation, in der die Mittelschicht immer weiter abbricht und sich mittlerweile eine solch riesige Unterschicht gebildet hat, das kaum noch jemand ernsthaft an eine baldige Besserung zu glauben scheint. Die Folgen dieser Situation sind aber nicht nur eine immense Arbeitslosigkeit und Verzweiflung bei den Menschen, sondern auch eine extreme Gewalt, deren Ausübung, vor allem durch Jugendliche, mittlerweile zur britischen Realität gehört. In eben dieses sozial mehr als angespannte Klima ist auch Daniel Barbers ("The Tonto Woman" ) Film "Harry Brown" angesiedelt, ein Film der sich ganz im Stile der momentan florierenden Selbstjustiz-Filme präsentiert, aber in den wirklich brisanten Fragen eher auf der Strecke bleibt.
Erst vor kurzem ist Harry Brown (Michael Caine) durch den Tod seiner Frau zum Witwer geworden, da ereilt ihn kurz darauf der nächste Schicksalsschlag, denn sein bester und wohl auch einziger Freund Leonard (David Bradley) wurde von einer jugendlichen Gang aufs brutalste getötet. Dabei sah Leonard dies bereits kommen, hatte er doch schon zuvor Probleme mit den Jugendlichen und eröffnete Harry gar das er sich nicht mehr anders zu helfen wisse, als nur noch mit einem Messer auf die Straße zu gehen. Nachdem die mutmaßlichen Mörder von Leonard jedoch kurz nach ihrer Verhaftung wieder in die Freiheit entlassen werden, entschließt sich Harry in seiner Verzweiflung über das nicht funktionierende Rechtssystem die Dinge selbst zu regeln...
"Harry Brown" findet sich zur Zeit in durchaus guter Gesellschaft wieder, scheinen Selbstjustiz-Thriller momentan doch ein ziemlich großes Publikum anzusprechen. Und tatsächlich gibt es nicht wenige Parallelen zu Filmen wie "Death Sentence" (2007), "Gesetz der Rache" (2008) und "96 Hours" (2008), die sich in Daniel Barbers ersten Spielfilm wiederfinden lassen. Leider hat der Brite aber auch gleich das aus meiner Sicht größte Manko all dieser Filme gleich übernommen, ist es ihm doch nicht gelungen seinen Film von den doch sehr faden Beigeschmack zu befreien, das Selbstjustiz letzten Endes als gerechte Lösung herhält sobald der Staat und seine Institutionen versagen. Ein Problem, das bisher eigentlich nur Clint Eastwood in seinem sehr ähnlich angelegten Film "Gran Torino" (2008) auf sehr intelligente Art und Weise zu lösen wusste. So war sein Charakter Walt Kowalski nicht nur bis zur Unkenntlichkeit überzeichnet, auch war seine Selbstjustiz letzten Endes nie mehr als die bloße Andeutung dieser. Seine Ziele, nämlich eine gerechte Bestrafung der eigentlichen Täter, hat Eastwoods Figur trotzdem erhalten.
Auch Michael Caines ("Gottes Werk und Teufels Beitrag", "Get Carter") Harry Brown bekommt letztlich seine Rache, hat allerdings, trotz ziemlich gewaltsamer Ausübung, keinerlei Folgen zu tragen. Auch das seine Figur bitter-ernst und ohne jegliche Selbstironie daher kommt, ist ein weiteres sich letztlich bestätigendes Indiz dafür, das man mit dem Thema Selbstjustiz viel zu unkritisch umgeht und es viel zu unkommentiert lässt. Dabei muss sich Caine selbst keinen Vorwurf machen, ist seine Darstellung des verzweifelten Witwers doch sehr gut gelungen, wobei man auch ehrlich sagen muss, das die Stärken des Britens vor allem in den ruhigen Momenten liegen, in denen er mit seinem auf Körpersprache ausgelegtem Spiel viele feine Nuancen schafft, die dem Zuschauer letztlich sehr viel Empathie abgewinnen. Aber auch die etwas härteren Szenen, von denen es in "Harry Brown" einige gibt, meistert der mittlerweile 77-Jährige solide. Dabei ist der Film natürlich vor allem auf seinen Hauptdarsteller zugeschnitten worden, weshalb der restliche Cast insgesamt eher blass bleibt und keine wirklichen Akzente zu setzen weiß, obwohl mit Emily Mortimer ("Match Point", "Transiberian") und David Bardley ("Harry Potter und der Halbblutprinz", " Hott Fuzz") durchaus Darsteller mit dabei sind, die mehr können.
Inszenatorisch leistet sich "Harry Brown" ebenfalls einige unnötige Schnitzer, etwa hätte man gut und gerne auf die sehr billig wirkenden CGI-Effekte verzichten können, auch wirkt die Geschichte Dramaturgisch sehr überfrachtet (erst verliert Brown seine Frau, dann seinen besten Freund, dann kommen die Mörder seines Freundes frei, er sieht wie diese weiter ungestraft dealen und andere überfallen et cetera), was man aber insofern verschmerzen kann da ein solcher Film anders natürlich nur schwer in die Gänge kommt.
Das alles mag nun ein eher negatives Bild von "Harry Brown" vermitteln, doch schlecht ist der Film im Grunde nun wirklich nicht. So ist gerade die erste halbe Stunde extrem stark, was aber vor allem an dem gut aufgelegten Hauptdarsteller liegt, die rohen Action-Szenen sind prinzipiell sehr gut gemacht, die kalte Fotografie passt zur düsteren Grundstimmung des Filmes und kurzweilig ist das Werk auch. Insofern ist Daniel Barbers Debütfilm gewiss kein Schuss in den Ofen, schafft er es doch ein authentisches Bild der Randgebiet britischer Großstädte zu skizzieren. So fehlt es den Film eigentlich nur an cineastischen Feinheiten und, viel wichtiger noch, einer bis zum Ende überlegten Handlung, die so, wie sie ist, stark an der Grenze torkelt zur reißerischen Selbstjustiz-Befürwortung.
Daten zum Film:
Originaltitel: Harry Brown (UK, 2009)
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: Ab 16 Jahren
Regie: Daniel Barber
Darsteller: Michael Caine (Harry Brown), Emily Mortimer (D.I. Alice Frampton), Charlie Creed-Miles (D.S. Terry Hicock), David Bradley (Leonard Attwell), Sean Harris (Stretch), Ben Drew (Noel Winters)...
6/10
Fazit: Ok
Weitere Testberichte: im Bereich DVD Video Film

