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Beethoven ist zum Kotzen
Uhrwerk Orange (DVD)

Name des Mitglieds: XXLALF
Produkt:
Uhrwerk Orange (DVD)
Datum: 15.09.10
Bewertung:
Vorteile: Grandioser Film
Nachteile: Keiner
Vor nicht allzu-langer Zeit schauten wir uns mit einem sehr guten Freund zusammen, die DVD "Eyes Wide Shut" an, übrigens ein echt irrer und super toller Film, wobei mich der Anblick der Masken und vor allem die verlängerten Nasen an den Film "Uhrwerk Orange" erinnerte, dessen DVD ich mir schon des öfteren angeschaut habe. Wie bei "Eyes Wide Shut" führte auch Stanley Kubrick Regie, der es verstand das Menschenbild untrennbar mit der Grausamkeit zu verbinden, zu welchen Menschen im Stande sind. So ähnlich geht es auch im Film "Uhrwerk Orange" ab, der auch mit Gänsehaut-Momenten bespickt ist, von dessen DVD sich mein heutiger Bericht handelt.
Nun zunächst einmal zum Filminhalt
Alex DeLarge (Malcolm McDowell) ist nicht nur diktatorischer Anführer einer Bande junger Arbeitsloser, sondern auch ganz hin und weg, wenn er klassische Musik hört, wobei es ihm vor allem Beethovens Neunte angetan hat. Jedoch hat er auch ganz andere Interessen, nämlich nachts mit seinen drei "Droogs" Pete (Michael Tarn), Georgie (James Marcus) und Dim (Warren Clarke) in den Straßen von London sein Unwesen, mit Raubüberfällen, Vergewaltigungen und sadistischen Quälereien zu treiben. Und damit irgendwie ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt wird, tragen alle das gleiche Outfit, nämlich Bowlerhüte, Springerstiefel, weiße Hemden und weiße Hosen mit einem darüber geknöpften Lendenschutz. Ihr Treffpunkt ist in einer hypermodernen Milchbar, in der man sich seinen antörnenden Drink aus den Brüsten von Plastikfrauen zapft. Generell, so hat man den Verdacht, dass sich in dieser unnatürlichen und verzerrten Welt alles nur um Sex und Gewalt dreht.
Ihre Gewalt ist reine Lust an der Vernichtung, Zerstörung und Verwüstung, sodass sich die Jungs nicht lang den Kopf zu zerbrechen brauchen, was sie an diesem Abend noch so anstellen könnten. Einfach nur "Ultra-brutal" zu sein, genau darauf haben sie jetzt Bock, sodass sie zuerst einen Obdachlosen krankenhausreif prügeln, der in ihren Augen ein "schäbiger, stinkender Suffkopf" ist, der sowieso keine Existenzberechtigung hat. In einem leeren Theater schlagen sie sich mit einer anderen Bande herum, woraufhin Alex mit seiner Bande aufs Land fährt, um in den Bungalow eines Schriftstellers einzubrechen. Nicht auf Wertgegenstände haben sie es abgesehen, sondern sie vergewaltigen dort brutal dessen Frau, wobei sie ihren Mann zwingen, dabei zuzusehen. Und als das alles vorbei ist, wird der Schriftsteller noch zum Krüppel geschlagen, wobei sie dazu "I´m singing in the rain"singen. Vollends außer Rand und Band überfallen sie danach noch eine Bildhauerin, die sie "Cat-Lady" nennen, die von Alex mit einem Kunstobjekt in Form eines künstlichen, übergroßen Penis aus Plastik, der in ihrer Wohnung als Dekoration steht, den Unterleib zerfetzt bekommt.
Ja, solche brutalen Scheußlichkeiten im Film schmerzen doch sehr, wobei ich jedoch keinen Grund sehe den Fernseher deswegen ausgeschaltet, weil der Regisseur es eben verstanden hat, gerade diese Scheußlichkeiten, choreografisch, beinahe wie Ballettszenen zu inszenieren. Gerade durch die Verfremdung und der doch ungewöhnlichen Sichtweise, schafft der Regisseur Stanley Kubrick Distanz. Alex und seine "Gang" prügeln sich im Takt klassischer Musik von Purcell, Elgar, Rimski-Korsakow und eben Beethoven.
Das grausame Spiel hat schließlich ein Ende, als Alex von seinen eigenen Jungs zusammengeschlagen und liegen gelassen wird, woraufhin ihn die Polizei aufgeschnappt, und ihn zu 14 Jahre Haft verurteilt. Doch hier bekommt er wegen seines jugendlichen Alters die Möglichkeit sich der "Ludovico-Kur" zu unterziehen, einer Anti-Gewalt-Therapie, mit welcher man ihm die aggressiven Impulse austreibt, und ihn soweit emotional stimuliert, dass er seine Gräueltaten abscheulich findet, und dann als geheilt entlassen werden kann. Jedoch bevor es soweit ist, muss er mit zwanghaft aufgerissenen Augen, tagelang zuschauen, wie auf der Leinwand zu Beethovens Neunter, die widerlichsten Gewalttaten begangen werden. Alex wird es kotze-übel dabei, muss sich übergeben, als er diese Brutalitäten, die gezeigt werden, mitansehen muss. Das ist der Erfolg der Therapie, dass, wenn er auch wieder aggressiv werden sollte, ihm dann so elend wird, dass er freiwillig jeden Gedanken an Gewalt schnell wieder unterdrückt. Nicht mal Beethovens Neunte kann er mehr hören, ohne das er sich übergeben muss. Alex ist wohl geheilt, und wird als geheilt entlassen, nur er ist nicht mehr der Alex der er einmal früher war, der sich zu wehren gewusst hat. Und jetzt wird er einer Welt ausgesetzt, in welcher Gewalt an der Tagesordnung steht, wobei er seinen früheren Opfern begegnet, die es alle, dem nun wehrlosen Ex-Gewalttäter heimzahlen. Da ist zunächst einmal dieser misshandelte Obdachlose, der Alex aus Rache halb tot schlägt, wobei zwei seiner ehemaligen Bandenmitglieder zur Polizei über-gewechselt sind und ihn zunächst recht verprügeln und dann noch im Viehtrog ertränken wollen. Mit letzter Kraft flüchtet Alex ins Haus des Schriftstellers, dessen Frau mittlerweile an den Folgen der Vergewaltigung verstorben ist. Dort bekommt Alex Beethovens Neunte lautstark zu hören, woraufhin ihm so speiübel wird, dass er sich nur mehr so zu retten weiß, wenn er durch das geschlossene Fenster springt.
Alex kommt ins Krankenhaus, wo zunächst die Presse sich diesen Fall vornimmt und die Regierung beschuldigt, durch die Anti-Gewalt-Therapie auf unmenschliche Manier Alex manipuliert zu haben. Das Happyend der Geschichte ist, dass vom Ministerium die Therapie rückgängig gemacht wird, und Alex die Zusage bekommt, dass er nun wieder als freier Bürger in einem freien Land, ungestört seinen gewalttätigen Neigungen nachgehen kann. Sozusagen als lebendiger Beweis hierfür, dass diese Gesellschaft keinen Menschen manipuliert.
Nun die Meinung zum Film
Im ersten Moment hat man den Eindruck, als ob sich dieser Film gegen Gewalt aussprechen würde, wenn man zu Gesicht bekommt, was Alex in den Zweieinviertel Stunden, die der Film dauert, so alles über sich ergehen lassen muss. Im Gegensatz dazu wird in diesem Film die Gewalt dermaßen hoch gespielt und brutal dargestellt, damit der Zuschauer die Möglichkeit bekommt, am Rausch der Prügeleien und den Vergewaltigungen teilzunehmen, die Alex und seine Jungs vollführen. Einiges habe ich schon über diesen Film gelesen, wobei ich unter anderem auf eine Begründung gestoßen bin, dass der Film ein Aufruf gegen Gewalt sei, und aus dem Grund hinfällig wäre, weil das Medium "Film" nicht immer alleinig einem moralischen Anspruch gerecht werden muss.
Im Grunde sollen wir allein Kubrick´s umstrittensten Film deuten. Und da stoßen wir auf ein zweigeteiltes Echo. Die einen werfen dem Regisseur Boshaftigkeit, Ironie und Gewaltverherrlichung vor, wobei die anderen ihm vorwerfen, dass sie zum Schaulustigen sadistischer Quälereinen gemacht werden.
Okay, Gewalt ist in der Tat das Thema Nummer eins in diesem Film, jedoch Gewalt in einer skrupellosen Welt. Nicht umsonst gleichen Kubrick´s Filmaufnahmen einem London in naher Zukunft, zumal er uns verdeutlichen will, was für einer schrecklichen, brutalen, rücksichtslosen gesellschaftlichen Zukunft wir entgegen gehen.
Wenn man jetzt bedenkt, dass der Film 1971 erschienen ist, und man die Wirklichkeit unserer heutigen Gewalt-verherrlichten Welt sieht, so muss man sagen, dass Stanley Kubrick einen sehr guten Weitblick hatte. Man findet wohl keine Nachrichtensendung mehr, in welcher nicht Literweise Blut vergossen oder andere Gräueltaten zur Schau gestellt werden. Ja, so werden wir zu Voyeure, mit der Gier, nach noch grässlichere Gräueltaten.
Und immer wenn Gewalt gezeigt wird, wie z.B. Vergewaltigungen wird diese untermalt mit klassischer, sehr rhythmischer Musik, was schon triumphalen Charakter hat. So fliegen bei Rossinis Ouvertüre zur "Diebischen Elster" Körper durch den Raum, prasseln die Schläge, wobei Gewalt wiederum zur Choreographie, einer Ballettvorführung, wird. Mir ist kein Film bekannt, in welchem Gewalt so graziös, ja sogar mit Fingerspitzengefühl, dargestellt wird. Gewalt ist zu sehen und zu spüren, ohne Zweifel, als z.B. auf das wehrlose Opfer nach der Musik "Singin in the Rain" mit Fußtritten eingetreten wird. Jedoch komischerweise empfindet man diesen Film nicht mal als so brutal, wie er in Wirklichkeit ist, was ich damit zu begründen weiß, weil eben im ganzen Film kein Blut gezeigt wird.
Das Kubrick kein Blut in diesem Film zeigt, begründet der Regisseur folgendermaßen. Für ihn ist es ein Signum einer Welt, die von Gewalt lebt, die nur durch Gewalt existiert, und doch verdrängt, was sie aufrechterhält: um jeden Preis, dass sie heimgesucht wird von Visionen der Gewalt.
Gleich zu Anfang des Films, sieht man in einer Nahaufnahme Alex, der das Böse verkörpert, mit leicht gesenktem Kopf, wobei unter der Hutkrempe die recht stark geschminkten aufgerissenen Augen, den Zuschauer anstarren. Regelrecht dämonisch wirkt sein rechtes Auge, das mit einem schwarzen Wimpernkranz um-malt ist, wobei er seine Nase gelegentlich auf kuriose Weise durch einen Phallus aus Pappe verlängert. Gewalt, ja teuflische Gewalt, das sticht einem bei solch einer Fratze schon ins Auge, wobei dieses hämische grinsen dazu zu verstehen gibt, dass er, Alex, garantiert auf seine Kosten kommen wird.
Ohne Zweifel ist "Uhrwerk Orange" ein äußerst ausgefallener Film, der eine Kunstwelt schafft, in welcher die verschleierten Abgründe unserer Gesellschaft von innen nach außen gekehrt werden. Wer unter diesem Standpunkt heraus sich diesen Film ansieht, für den ist es ein wahrer Genuss. Wie schon eingangs erwähnt, gibt es nebenbei bemerkt auch Auslegung dahingehend, dass man "Uhrwerk Orange" als einen Aufruf gegen politische Manipulationsversuche gegenüber dem Individuum Mensch verstanden wissen will. Doch meiner Meinung nach ist das, wenn überhaupt, zu hoch angesetzt. Okay, man erlebt Alex als ein sehr hilfloses Individuum nach der Anti-Gewalt-Therapie, doch lässt der Film keine Bedenken aufkommen, dass Alex nach seinem Sturz aus dem Fenster voraussichtlich mit dem Morden, den Vergewaltigungen usw. nicht aufhören wird, wobei natürlich die Frage in den Raum gestellt wird, ob das Gefängnis wirklich die einzige sinnvolle Alternative ist.
Daten zum Film und der DVD
Originaltitel: A Clockwork Orange
Hauptdarsteller: Malcolm McDowell
Buch und Regie: Stanley Kubrick nach dem Roman von Anthony Burgress
Kamera: John Alcott
Musik: Wendy Carloss
Produktion: Stanley Kubrick
Produktionsland: Großbritannien 1971
Länge: 131 Min., Farbe
Komponist: Wendy Carlos, Ludwig van Beethoven, Henry Purcell, Gioacchino Rossini, Edward Elgar, et al.
Format: Dolby, PAL, Surround Sound
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1), Spanisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Kroatisch, Türkisch, Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Hebräisch, Polnisch, Finnisch, Griechisch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9 - 1.66:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Warner Home Video - DVD
Erscheinungstermin: 2001
Extras: Die DVD bietet keine nennenswerten Extras, wobei das Bild gut aufgearbeitet und auch der Ton ansprechend ist, sodass ich dieser mit gut, jedoch nicht mit ausgezeichnet werte.
In meinen Augen ist dieser Film "Uhrwerk Orange" ein wirkliches Meisterwerk des Regisseurs Stanley Kubrick, obwohl recht viel Gewalt gezeigt wird, findet diese Gewalt einen glanzvollen Auftritt, da diese choreografisch fast wie Ballettszenen gestaltet sind.
Super Film, den ich gerne mit der vollen Punktezahl werte.
Fazit: Zeigt das Antlitz des Bösen
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