Canyoning
Ich verstehe nicht, warum die Gefahren so unterschätzt werden... - Canyoning Camping international

Neuester Testbericht: ... und keiner unterhielt sich mit dem anderen. Die Spannung auf den Höhepunkt dieser Canyoning-Tour war einfach zu groß. Die Tour dauerte ... mehr

Ich verstehe nicht, warum die Gefahren so unterschätzt werden...
Canyoning

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Name des Mitglieds: PunktZwölf

Produkt:

Canyoning

Datum: 01.10.02, geändert am 01.10.02 (3060 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: ein anderer Sport mit Kick

Nachteile: Gefährlich, man ist leicht überfordert, hohe Unfallrate

Ich habe Canyoning wohl etwas anders erlebt, als die anderen Leute hier. Und Canyoning kann auch sehr gefährlich sein, was mir passiert ist, könnt ihr hier lesen und dann selbst entscheiden, ob Canyoning wirklich nur ein Fun-Sport ist!

Erläuterung Canyoning:

Ausgestattet mit Neoprenanzug, Schutzhelm und Klettergurt wandert man unter fachkundiger Führung und vorhergehender Einweisung einen Bachlauf hinunter. Dieser Gebirgsbach hat sich in Jahrtausenden tief in den Fels eingeschnitten und kleine Becken, Wasserfälle und Wasserrutschen gebildet. Dem Bachlauf folgend werden einzelne Passagen überwunden. Natürliche Felsverblockungen werden umklettert, in die oft bis zu einigen Meter tiefen Becken abgeseilt oder gesprungen.
(Übernommen von canyoningguide)


Oktober 1994 - Mallorca

Eine Gruppe von Reisebüroexpedienten (Mitarbeiterinnen) darf auf Kosten von Hetzel Reisen nach Mallorca. Dort schauten sich alle 20 Teilnehmerinnen und 1 Teilnehmer neben Hetzelreiseleitung viele Hotels aus dem Hetzel-Mallorca-Katalog an, um diese Hotels empfehlen zu können oder besser einstufen zu können. Natürlich war auch viel Party angesagt und ein Test für den Unterveranstalter von Hetzel :Mike Sports. Dieser bestand am 5. Tag in einer Canyoning-Tour, so erfuhren wir schon vor der Reise. Wir besichtigten also hundemüde Hotels, machten am Abend Party und hatten viel Spass.

4.Tag:

Am Abend kamen Ernst und Marc, beides wirklich richtige Schneckchen (sehr hübsche Typen), unsere Canyoningführer. Wir waren natürlich hin und weg und hörten den Erläuterungen gebannt zu. Wir würden Neoprenanzüge erhalten, sollten wasserfeste Schuhe anziehen, ein kleines bisschen sportliches Geschick wäre nicht schlecht und dann würden wir am nächsten Tag eine Menge Spass haben. Ein Teilnehmerin fiel aus, da sie Knieschmerzen hatte und der Rest freute sich riesig auf den abwechslungsreichen Tag!
Am Abend ging es natürlich unvernünftiger Weise wieder nac
h El Arenal und so krabbelten wir recht fertig um 3 Uhr ins Bett.

5.Tag:

Frühstück um 8. Uhr und dann bei Ernst und Marc in die Neoprenanzüge. Nachdem ich mich wie eine Wurst fühlte, würde mir noch mein Achter gegeben, mein Schulterungsseil und eine wasserfeste Plastiktonne. So ging es dann zum Bus der uns zum Es Cuba Stausee transportierte. Dort kamen wir gegen 10 Uhr an und wanderten ca. 1 Stunde einen mega anstrengenden Marsch zum Eingang vom Canyon. Es war super heiss, wir hatten alle Tonnen und die Seile auf dem Rücken, die Neoprenanzüge an und es ging immer nur steil bergauf.

Angekommen am Canyon übten wir das "Abseilen" an zwei Bäumen. Ihr müsst Euch das so vorstellen, ihr habt einen Gurt der zwischen beiden Beinen festgemacht wird und dann um den Bauch und die Schultern geht. An dem Karabinerverschluss wird ein Achter angebracht, durch den das Seil läuft. Die Tampeseile werden in die im Fels festgemachten Ösen, vor dem Abseilen in den Wasserfällen, festgemacht. Ihr hängt dann im V-Schritt mit dem Rücken zum Wasser und dem Gesicht zum/im Wasserfall oder Fels. Dann stosst ihr euch ab, lasst dabei immer ein bisschen Seil und springt nach unten.

Im Trockenen machte das auch noch einen riesen Spass und wir lachten uns schief. Vielleicht sollte ich vorher noch sagen, dass unsere beiden Führer uns erklärten , diese Tour wäre ein Kinderspiel, für 60- jährige Personen sowie sogar Nichtschwimmer geeignet, was sich als fataler Fehler erweisen sollte.

Einstieg in den Canyon:

Das erste Abseilen gestaltete sich schon recht schwierig. Die Landung erfolgt nach 7 m im Wasserloch, der Wasserfall platschte dabei ordentlich auf den Kopf, stehen konnte man nicht, also musste man fast unter Wasser versuchen schnellstmöglich das Seil vom Achter zu lösen. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass wir eine Nichtschwimmerin dabeihatten, die jetzt den ersten (verständlicher Weise) Panikanfall hatte. Ich werde euch jetzt ni
cht alle Wasserfälle erläutern, aber irgendwie wurde es immer schwieriger und vor allem wurde der Wasserlauf immer tiefer. Nach dem 5. Wasserfall war uns allen sehr kalt (10 C kaltes Wasser), wir hatten keine Lust mehr, hatten wir doch nur Turnschuhe ohne Strümpfe, keine Helme an, so dass auch unsere Köpfe schon ein paar Mal gegen die Felsen geknallt waren.

Unterdessen wurden unsere Führer immer unruhiger. Anscheindend brauchten wir viel zu lange. Es kam eine Profigruppe mit 6 Personen vorbei, die deutsch sprach und uns fragte, was wir zur Hölle in dem schwersten Canyon auf Mallorca zu suchen hätten als blutige Anfänger. Unsere Führer drucksten rum. Ob man Hilfe holen solle - nein nicht notwendig. Dann kam ein Punkt an dem wir zum ersten und letzten Mal aus dem Canyon rausgekommen wären, hier führte ein kleiner Weg zwischen den sonst 100-200 m hohen Felswänden raus. Doch wir sollten weiter, wir tapferen Mädels, denn in einer Stunde wären wir ja schon am Bus. Es kam wie es kommen musste, der erste schwere Unfall. Es kam ein riesen Stein im Wasser. Da ich und Rene die Grössten waren, hievten wir die anderen die fast 2 m irgendwie hoch. Ich verlor den Halt und stürzte runter in den Wasserlauf. Leider fiel eine Bekannte mit und knallte mit dem Ellenbogen auf. Grosses Geschrei, in dem Moment platze mein Trommelfell, da ich mit dem Ohr in einen Strauch gefallen war. Aber es half ja nichts, wir mussten weiter.

Der nächste Wasserfall war ca. 70 m hoch, wir hatten zwar fast alle Angst, aber wir mussten ja runter um zum Bus zu kommen. Das Highlight stand uns aber noch bevor. Unsere Führer die eh die ganze Zeit am Ende der Gruppe mit der Nichtschwimmerin und allen sonstigen Verletzten rumkrebsten, informierten uns an einem Punkt wo es nicht weiter ging, jetzt käme die Härteprüfung. Man hätte uns das vorher nicht sagen wollen, aber nun müssten wir uns sozusagen im freien Fall abseilen, da hier nur ein Felsvorsprung sei und es dann ca. 50 m so in die Tiefe gehe
. Dann sollten wir uns links in eine Höhle schwingen und in der Luft möglichst schon abseilen und versuchen ins Wasser zu fallen.... WAS? Ja das haben wir auch gedacht, da ja alles so koordiniert war, wurde Verena vorgeschickt. Sie war guten Mutes, hatte das ja schon mal gemacht und sollte uns dann unten in Empfang nehmen.

Was wir aber oben nicht mehr hörten, war, dass das Seil viel zu kurz war. Marc und Ernst konnten das durch das Rauschen des Wasserfalls und den Felsvorsprung auch nicht sehen oder hören und so begann das Drama. Die beiden Mädels vor mir hatten wohl ähnliche Panik wie ich und seilten sich weinend ab. Als ich dran war und merkte dass das Seil zu kurz ist, lies ich mich einfach fallen. Dabei hab ich mir 2 Rippen gebrochen, aber nichts mehr gemerkt, weil Tanja und Pina einen Nervenzusammenbruch hatten und ich mich um die beiden gekümmert habe. Ich habe mich super fertig und ausgekühlt mit den beiden auf einen Fels gelegt und von unten verfolgt was die nächsten Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit passierte. Das Seil riss, einer unserer Führer wäre beinahe in den sicheren Tod gestürzt, andere verhakten sich, das Seil lief ein mal durch aus der Öse, andere fielen mit dem Kinn in die Höhle usw.Alle schrien, alle weinten. Eine Teilnehmerin hing 1 Stunde im Wasserfall direkt unter dem Felsvorsprung fest. Unsere Führer schrien nur noch, zu uns, zu den anderen die noch oben waren, sich gegenseitig an. Diesmal aber so laut, dass selbst der Wasserfall das Geschrei nicht übertönen konnte. Mittlerweile düsten Hubschrauber über unseren Köpfen, die uns wohl suchten und uns retten wollten. Doch leider hatten die wohl keine 100 m langen Strickleitern dabei, unsere Führer kein Funkgerät und keine Taschenlampen und so mussten wir die nächsten beiden Wasserfälle am Ende unserer Kräfte bewältigen.

Die Aktion hat bis morgens um 6 Uhr gedauert. Wir waren zwischendrin noch in einem Wasserloch, wo mir wohl Rene das Leben gerettet hat, denn ich war zwisc
henzeitlich bewusstlos und wir schwammen dort ungefähr 3 Stunden, da kein Boden zum stehen war und unsere Führer sich noch oben am Felsvorsprung mit 3 anderen Teilnehmern befanden. Ich weiss nur noch, dass wir Weihnachtslieder sangen, keiner von uns glaubte wir würden das lebend schaffen und dass wir uns am Ende von Canyon noch ungefähr 1 km durch einen reissenden Gebirgsbach quälten bevor wir in Krankenwagen verfrachtet wurden.

Heimreise:

Ich kam hier gleich ins Krankenhaus und lag ein paar Tage im künstlichen Koma. Danach hatte ich verständlicher Weise eine Wasserphobie und Panikattaken. Nebem einem geplatzen Trommelfell und gebrochenen Rippen hatte ich etliche Prellungen und Schürfwunden und eine dicke Unterkühlung.

Fazit:

Canyoning ist ungeheuer gefährlich! Die Kräfte konnen schwinden, eine Flutwelle kann unerwartet kommen. Man überschätzt sich vorher leicht und bekommt dann doch Höhenangst. Die Führer versagen, die Ausrüstung ist unvollständig, man kann schlecht üben und noch vieles mehr. Wir haben Hetzel Reisen verklagt, obwohl ich das von meinem Ausbildungsplatz im Reisebüro her nicht durfte. Das kostete mich dann auch diesen Platz, ich habe in ein anderes Reisebüro gewechselt. Hetztel Reisen ging ein halbes Jahr später in Konkurs. Am Flughafen Frankfurt empfing man uns übrigens mit: Ihr tapferen Mädels, sind wir froh, dass ihr noch lebt. Wir laden Euch ins Hetzel Hotel Hochschwarzwald ein (die Anreise dürft ihr aber selbst zahlen und dann sind wir auch nicht mehr regresspflichtig wurde übrigens nicht erwähnt).

Ich danke allen, die diesen ewig langen Bericht gelesen haben. Es kommt vermutlich noch nicht mal halb durch, wie furchtbar diese ganze Zeit war. Macht nicht jeden Trendsport mit und lasst Euch nicht so schnell wie ich überzeugen, dass wäre kikileicht!

Fazit: