
Neuester Testbericht: ... ich die Schilderungen des damaligen Hollywoods, das seine Stars in einer Form schützte, die heute nicht mehr denkbar ist. Maria Riva schi... mehr
"Meine Mutter Marlene": Eine Diva durch's Schlüsselloch...
Meine Mutter Marlene - Maria Riva

Name des Mitglieds: MiGos
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Meine Mutter Marlene - Maria Riva
Datum: 13.04.00, geändert am 13.04.00 (415 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: Spannend, spannend, spannend...
Nachteile: ...aber hart, hart, hart!!!
Was wir noch nie über die Dietrich wissen wollten und uns auch gar nicht zu fragen wagten, in der von ihrer Tochter Maria Riva verfaßten Dietrich-Biografie "Meine Mutter Marlene" erfahren wir alles. Ja, wirklich alles...
Wer hätte gedacht, was da alles an schmutziger, schmuddeliger und wenig sauberer Wäsche über Marlenes Sarg ausgekübelt würde...
Wußten Sie zum Beispiel, daß die gute noch auf dem Internat von ihrem Geigenlehrer auf einem Sofa, das am zarten Popo der späteren Diva kratzte, defloriert wurde, während das hochgeschobene Kleidchen ihr Gesicht bedeckte, so daß sie ihr erstes Mal nicht wirklich visuell würdigen konnte? Nein? Na, dann wissen Sie es jetzt.
Und sie haben sich schon immer gefragt, ob, wie oft und wann Marlene eher ein oraler Typ war, es von vorn oder hinten liebte oder welche Essigmarke sie für ihre nachverkehrlichen Verhütungsspülungen nutzte? Nein? Dann sollten sie unbedingt dieses Buch lesen, Sie werden nicht enttäuscht werden...
Mit klinischer Präzision, die beinahe an's Schmerzhafte grenzt, seziert die Autorin das Leben ihrer berühmten Mutter, angefangen bei den Ehevorbereitungen der Eltern des Filmstar - wir erfahren, daß der Vater, nein, wer hätt'es geahnt, als schlimmer Hallodri in allen züchtigen und vor allem weniger züchtigen Berliner Haushalten berüchtigt und eher selten am heimischen Herde zu finden war - bis zum letztlichen Dahinsiechen im Alkoholsumpf ihrer Pariser Wohnung, an's Bett gefesselt und nur noch durch das Telefon mit der Außenwelt verbunden - letztes pikantes Detail: die Dietrich verschickt an wildfremde Verehrer, mit denen sie sich trotz fortgeschrittenen Alters und des ganzen Restes noch gar köstlich per Telefon auf fleischliche Art verlustiert, mit intimen Odeurs behaftete Luxusunterhöschen...
Hier wird scheinbar ein seltener Käfer unter dem Mikroskop in seine Einzelteile zerlegt. Was der Betrachter hierbei erfährt, ist zwar meist wenig appetitlich, dafür tr
eibt ihn die Neugierde immer weiter in seinem schändlichen Tun.
Allein die Metapher funktioniert im vorliegenden Fall nicht ganz, denn letztlich ist der Käfer gar nicht tot und wird auch nicht auf den Kompost geworfen - nein, zu früh gefreut auf einen bösen Verriß...
Der Mythos lebt und wird ewig weiterleben, daran wird auch das Buch Frau Rivas nichts ändern, will auch nichts ändern und kann auch nichts ändern!
Bei aller Kritik, die berechtigterweise gegen diese Buch vorgebracht werden könnte. Es funktioniert: Marlene durch's Schlüsselloch läßt einen innerlich zerrissen zurück in atemloser Spannung, was wohl die nächsten Seiten noch bringen können.
Fast wird man von Abscheu über sich selbst erfüllt, woher kommt bloß diese plötzliche Gier nach intimen Details, die einen doch eigentlich vor Scham erröten lassen sollten???
Es ist die böse Biographie über die Dietrich. Ja, die böse, die die mein Freund Bert aus der Toskana meinte, als er mich auf meine Erzählung hin, daß ich gerade die Biografie von Marlene Dietrich lese, fragte:
Welche, die gute oder die böse?
Tonnenweise erfahren wir die Namen von ehemaligen Liebhabern und Liebhaberinnen, ihre Vorlieben, Nachteile und Vorzüge - die Hälfte aller bekannten klassischen Filmstars dürfte ziemlich berührt gewesen sein, als er seine Erwähnung in diesem Buch entdeckte, die andere hat sich wahrscheinlich im Grabe umgedreht ob der Tatsachen, die hier an's Licht kommen.
Es ist schon erstaunlich, mit welch' Genauigkeit sich die Autorin, die den größten Teil ihres Lebens an der Seite ihrer berühmten Mutter zugebracht hat, auch noch an die letzten Details von Begebenheiten, Affären und Filmen der Dietrich erinnert, obwohl sie doch nun selbst schon lange Urgroßmutter ist...
Man fragt sich des öfteren, wie kann das sein, kein Mensch kann so viele Einzelheiten im Gedächtnis behalten, es ist unmöglich - allein, man muß es glauben, es klingt zu wahr, um ausged
acht zu sein:
Maria Riva kann, eine wandelnde Festplatte gefüllt mit allen Daten aus dem Leben der Dietrich. Sie erzählt Geschichten aus einem Alter, indem wir normalen Menschen noch damit beschäftigt sind, uns selbsttätig den Po zu säubern, mit scheinbarer Präzision, so daß man glaubt, man sei zugegen gewesen. Sie beschreibt die Herstellung der berühmten Filmkostüme ihrer Mutter mit einer Genauigkeit, wie es nur jemand kann, der dabeigewesen ist, ständig bereit, jedes noch so kleine Detail in sich aufzusaugen.
Und endlich, endlich kurz vor dem Tod ihrer Mutter entschließt sich der Schwamm sein aufgespeichertes Wissen abzugeben und der staunenden Öffentlichkeit zu präsentieren. Nicht nur die intimen Details, nein, auch die Hintergrundinformationen zur offiziellen Biografie, zur Meinung der Dietrich über sich selbst, ihre Arbeit, über andere in ihrer Umgebung, ihre zahlreichen Fans, einfach zu allem. Wir lernen technische Details über die Produktion der Filme ebenso wie über das Innere des Familienlebens der Dietrich mit Mann, aktuellem Liebhaber, Liebhaberin des Mannes und Tochter.
Letztlich scheint kaum eine Frage offen zu bleiben. Ernsthaftes und Banales - es wird beides in gleicher Tiefe behandelt. Wer hätte gedacht, daß sich hinter der unnahbaren Leinwandgöttin ein häusliches, für ihre männlichen Filmpartner Kraftbrühe kochendes, Leberwurstbrot essendes Wesen verbarg, dessen Biederheit so gar nicht zu ihrem Ruf zu passen scheint.
Auf wirklich alles scheint Maria Riva die Antwort zu kennen - und scheint bereit, ihr Wissen mit uns zu teilen, und das mit großem Vergnügen.
Ja, es gibt wohl Tausende von Biografien über die Dietrich, doch ist wohl keine so aufschlußreich wie die ihrer Tochter. Ursprünglich mit Billigung der Diva selbst für die Zeit nach deren Tode geplant, konnte Frau Riva, böse Zungen behaupten, von ihren Gläubigern bedrängt, nicht mehr länger an sich halten, so daß die Voranzeigen für die Veröffentlichung bereits vor de
m Tod der Mutter erschienen. Und prompt drohte diese daraufhin mit einer Klage gegen die Tochter, um das Erscheinen zu verhindern.
Nun, wo die Dietrich nach einem langen, erfüllten, leider vielleicht nicht ganz glücklichen Leben von uns gegangen ist, hat auch diese Biografie ihre Berechtigung.
Sie bringt uns eine Person näher, die normalerweise nur aus der Ferne bewundert und auf einen Sockel gestellt angebetet wurde.
Sie zeigt uns die menschliche Seite einer Göttin, wie es sie in der heutigen Zeit des inflationären "Startums", kaum noch einmal geben wird. Marlene war trotz ihrer Fehler eine große Frau und auch ihre Tochter scheint sie nicht wirklich zu hassen...
...vielmehr erzählt sie die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung mit allen Höhen und Tiefen des Lebens auf trotz allem beinahe anrührende Weise.
Wir können Maria Riva eigentlich nicht böse sein, daß sie uns all diese Dinge über ihre Mutter erzählt hat, eher sollten wir die Geschichte der Dietrich als lehrsames Beispiel für das Lebens sehen, uns über seine schönen Seiten freuen, die schlechten zur Kenntnis nehmen und aus seinen Fehlern lernen.
Was bleibt, ist das Werk der tausendfach überhöhten Kunstfigur Marlene.
Ob sie selbst es mit künstlerischem Anspruch schuf oder nur ihre Arbeit tat, ohne über tieferen Sinn und Bedeutung nachzudenken, sollte uns letztlich egal sein.
Das große Dietrich-Poster, das in unserem Flur hängt, hängt hier auch noch, nachdem ich das Buch gelesen habe, noch immer genieße ich ihre wunderschönen Lieder und bewundere ihre Filme - allein, ich möchte auch dieses Buch nicht missen...
Fazit:


