Oktoberfest in der Westbank
Produkt:
Taybeh Beer
Datum: 05.09.08, geändert am 14.09.08 (170 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: Gebraut nach Reinheitsgebot
Nachteile: hierzulande schwer und meist nur überteuert zu bekommen
In einer Region, die an religiösen Lebensmittelgesetzen reicher ist als jeder anderer Landstrich der Welt, muss man schon wagemutig sein, um sich freiwillig einem zusätzlichen Lebensmittelgesetz zu unterwerfen. Es geht um die Westbank des Jahres 1996 und das bayerische Reinheitsgebot von 1516. Taybeh ist eine der wenigen überwiegend christlich bewohnten Orte in der Westbank, und 1996 gründete der Ingenieur Nadim Khoury nach seinem Studium in den USA in seiner Heimatstadt eine kleine Brauerei, die nach dem bayerischen Reinheitsgebot arbeitet. Die Brauerei überstand alle Konflikte bisher unbeschädigt, nur einmal wäre sie beinahe Opfer der Gewalt geworden: 2005 zündeten Muslime aus dem Nachbardorf mehrere Häuser in Taybeh an. Beinahe wäre auch die Brauerei ein Raub der Flammen geworden. Motiv der Ausschreitungen war übrigens, dass eine Muslimin aus dem Nachbarort angeblich ein Verhältnis mit einem Taybeher hatte und von ihm schwanger wurde. Der Frau gab die Verwandtschaft zur Wiederherstellung der Familienehre dann den Giftbecher. In Taybeh hingegen trinkt man lieber schmachafteres Gebräu...
Das Bier wird bisher in drei Sorten angeboten:
-"Golden" Eine normales helles Vollbier von 5% Alkoholgehalt. Mir schmeckt es persönlich einer klein wenig zu säuerlich, insgesamt aber authentischer als die meisten regionalen Biere aus israelischer oder ägyptischer Herstellung.
-"Light" Eine leichtes Helles von 3,8% Alkoholgehalt. Die moderate Alkoholreduzierung wirkt sich eigentlich nur dann auf den Geschmack aus, wenn man es weiß.
-"Dark" Vom Hersteller als eine Art Starkbier in Klostertradition angepriesen, hat es dafür mit 6,0% etwas zu wenig "Drehmoment" und ist vom Alkoholgehalt und Geschmack eine Mischung zwischen einem dunklen Schankbier und einem echten Starkbier. Wer das akzeptiert, wird es mögen. Außerdem würde ein echtes Starkbier (konzipiert für den Genuss in der kalten Fastenzeit) nicht so recht zu den klimatischen Verhältnissen des Nahen Ostens passen.
2006 machte man sich unter dem Eindruck der Erfolge der islamistischen Hamas an die Entwicklung eines alkoholfreien Biers. Durch Vermittlung aus Bayern konnte ein chinesischer Absolvent der Weihenstephaner Braufakultät dabei wertvolle Hilfestellungen für den komplizierten Herstellungsprozess leisten. Dieses Bier wird insbesondere für den Export in den arabischen Markt hergestellt.
Das Bier ist selbst in der Standartsorte "Golden" in Deutschland nur in wenigen Kneipen zu bekommen, über das Internet jedoch zu beziehen. Den Preis von rund 2 EUR+Versand für 0,33 ist es dann genau genommen natürlich nicht wert. Daher der Tipp: Entweder z.B. im "Jerusalem Hotel" beim palästinensischen Busbahnhof nahe des Damaskus-Tores in Jerusalem frisch gezapft genießen (15NIS für 0,5l, also etwa 2,65EUR) oder beim Oktoberfest in Taybeh, das allerdings (aus Rücksicht auf Ramadan) meist im September stattfindet.
Meine Gesamtbewertung wäre eigentlich 4-Sterne, aber im Hinblick auf die extrem schwierigen Rahmenbedingungen gibt es dann doch den fünften.
Fazit: förderungswürdige Kleinbrauerei
Name des Mitglieds: zadik
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