Newcastle Brown Ale

Abgründe meiner Seele

Produkt:

Newcastle Brown Ale

Datum: 18.02.01, geändert am 15.03.01 (405 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: man kann es durchaus trinken

Nachteile: sind mir keine bekannt

Jeder von uns hat, tief in sich vergraben, in einer dunklen Ecke der Seele, Bilder, Vorlieben, Gedanken, die er nicht so unbedingt öffentlich heraushängen lässt, die er nicht unbedingt jedem sofort und ohne Gewissensbisse erzählen würde, Vorstellungen, Gedanken, die einem selbst vielleicht ein wenig unheimlich erscheinen mögen, die man nur manchmal, heimlich hervorholt, um sie ein wenig mit gemischten Gefühlen abzustauben, zu pflegen, auszuleben.

Und weil ER sich vorgenommen hat, ein wenig, nur ein kitzekleines wenig offener zu sein, nicht alles hinter einem Schwall wohlklingender Worte, wie hinter einer Nebelwand, zu verstecken und weil man gute Vorsätze nicht schon am nächsten Tag, sobald der Brummschädel ein wenig weniger hämmert und einem dämmert, was man denn da sich an Last aufgebürdet hat, was vorgenommen, das unmögliche möglich zu machen, weil man wenigstens versuchen sollte, diese guten Vorsätze mit Leben zu erfüllen, durchzuziehen, so will ich denn mit einem Geständnis beginnen.

Neben so manch seltsamer Vorliebe (die ich jetzt selbstverständlich alle schön brav für mich behalten werde, sooo weit wollen wir denn doch nicht gehen) gibt es eine unheimliche, dunkle, geheimnisvolle Seite an mir.
Auch wenn jetzt viele entsetzt aufschreien mögen, sich fürderhin mit Abscheu von mir wenden werden - ich spüre förmlich die Schutzheiligen und Patrone der Bierbrauer von Göss bis Budweis und von München bis Köln und darüber hinaus, die Braumeister und ihre Klienten, die eifrigen Tschecheranten, Humpenstemmer, Maßkrugweitwerfer, die Liebhaber von kühle Blonden, süßen, dunklen Versuchungen ungläubig den Kopf schütteln, entsetzt die Luft anhalten und mich für immer verloren geben - ......

.... ich mag ENGLISCHES BIER, um genau zu sein, natürlich nicht jedes, nicht das, was sie dort Lager nennen, jenes Gebräu, das aussieht und schmeckt, als ob das Pferd Diabetes hätte, das man bestenfalls dazu verwenden kann um damit sein Auto zu waschen,
den Garten zu gießen (mit oder ohne Nierenfiltration bleibt jedem selbst überlassen, ich würde aber - aus rein geschmacklichen Gründen zweitere Variante empfehlen), nein ich mag das uralte, traditionelle Ale, um genau zu sein Newcastle Brown Ale.

Wie alles im Leben muss auch diese geschmackliche Prägung, manche werden es als Verirrung oder noch schlimmer bezeichnen, einen Grund, eine Anlass haben, irgendetwas, irgendwo in der Vergangenheit hat sich derart mit diesem - in England übrigens durchaus beliebten - „Getränk“ verknüpft haben.......

..... schon bei meinem ersten Kontakt.
Es war der Abend des Tages, an dem die Welt von Tod des King erfahren hatte, des Tages an dem Elvis seine Gitarre für immer weggelegt hatte und an dem für viele - wieder einmal - eine Welt zusammengebrochen war. Ich saß im Abendzug von Euston Station nordwärts, hatte am Bahnsteig - entweder bei einem Kiosk oder einem „fliegenden Händler“, so genau kann ich das nicht mehr sagen, eher zufällig einige Dosen Newcastle Brown erstanden - und starrte nun hinaus in die Dunkelheit.

Elvis war mir ziemlich egal an diesem Abend, meine Welt war schon einige Tage früher zusammengebrochen. War ich doch wirklich dämlich genug gewesen, ihr bis Tübingen nachzufahren, um die - für mich klare - Sache zu einem guten Ende zu bringen und dann aus der Stadt am Neckar eine Achterbahn zu machen - halli galli auf schwäbisch. Und sie hat die Sache zu Ende gebracht - allerdings nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte - Mercie Cherie, you picked a fine time to kick me...- und dann war Achterbahn, Ringelspiel und Geisterbahn und alles gleichzeitig, abwechselnd, der Boden hob sich und die Erde sprang mir ins Gesicht und dass sie dann - statt for the good times - auch noch, soweit ich dies mir aus den bruchstückhaften Fetzen die noch mein Hirn erreichten zusammenreimte, oder von mir aus auch -dichtete, meinen Freund, Freund, was braucht man Feinde, wenn man solc
he Freunde hat und geplanten Reisebegleiter unter die Decke nahm......

Und so saß ich nun im Nachtzug nach Inverness, allein, es muss ein Bild gewesen sein, wie es die großen alten Hollywoodregisseure verwendet hätte - das Gesicht spiegelt sich in der Scheibe, über die Regentropfen laufen, wie Tränen, denn Helden, Männer, richtige Männer weinen nicht (war zumindest damals die vorherrschende Meinung, auch wenn ich damals schon und später noch viel mehr die Erfahrung gemacht habe, dass ein paar zerquetschte Tränen durchaus kein negatives Zeichen sein müssen, ja sogar helfen können bei der holden Weiblichkeit, wenn der Mutterinstinkt so plötzlich und unerwartet angesprochen wird) - und mit jedem Schluck Newcastle Brown entfernte ich mich weiter von ihr und kam einen Schritt, einen Schluck näher der Zukunft, dem Leben.

Ale
oooo

Jenes schon seit dem Mittelalter in England von den Hausfrauen gebraute Bier, dessen genaue Rezeptur - was alles außer Gerste und Wasser noch in den Topf geworfen wurde, verkocht, fermentiert... - ein von der Mutter auf die Tochter überliefertes Geheimnis war, dessen Herstellung und vor allem dessen Qualität und Wirksamkeit - neben anderen „fraulichen Qualitäten“ über die wir uns jetzt nicht auslassen wollen - ein nicht unwesentliches Kriterium für den Wert am Heiratsmarkt darstellte, ja Mädchen durften erst dann in den Stand der Ehe treten, wenn sie nachweislich in der Lage waren, ein ordentliches Ale zu brauen.

Ausgesuchte Gerste wird zum Keimen gebracht, die Keimlinge dann leicht angeröstet (daher kommt auch die braune Farbe) und mit Hopfen aufgekocht. Dann wird Zucker in welcher Form auch immer - seinerzeit eher in Form von Honig, heute als Zuckerlösung - sowie Hefe beigesetzt und dann arbeitet die Zeit und die kleinen Hefepilze.
Nach einigen Tagen wird das Gebräu dann zur Lagerung und Reifung gebracht - das heute übliche Filtern der Hefeteilchen und Schwebstoffe, die zu einem klare
n Bier führen war im Mittelalter nicht üblich - man trank es naturtrüb (eine Art, die auch heute noch durchaus ihre Anhänger hat und eine Art von Bier, die ihre Renaissance erlebt).

Newcastle Brown Ale
ooooooooooooooooooooo

gebraut, wie der Name schon sagt in Newcastle Upon Tyne in Nordostengland.
Seit 1770 gibt es in dieser Stadt eine kommerzielle Brauerei - John Barras and Company., aus der sich später die Tyne Breweries entwickelte.

1927 wurde dort erst mal das Brown Ale nach der - angeblich seit damals unveränderten Rezeptur gebraut.

Innerhalb weniger Jahre und durch Siege bei internatonalen Biervergleichswettbewerben wurde aus dem unbekannten Ale einer kleinen nordenglischen Brauerei Englands bekanntestes - und inzwischen auch meistverkauftes Bier.

Für die, die mehr über das Bier und die Stadt in der es gebraut wird, wissen wollen: http://newcastlebrown.com

Und ich, geboren keine zweihundert Meter entfernt von einer der anerkannt besten Brauereien Mitteleuropas, aufgewachsen in der Tradition einer Biermetropole, fast wäre ich geneigt zu sagen, aufgezogen mit einem der besten hellen, obergärigen Biere - ich, mag – zumindest zwischendurch - dieses braune, lauwarme, englische Zeug.

Ist das noch normal?

Bin ich pervers?

Vielleicht.
Vielleicht bin ich es wirklich, vielleicht ist mein Geschmack abartig, aber ich stehe dazu.

Und ich wünsche mir und allen, dass dies das Schlimmste und Abartigste sein möge, was uns in neuen Jahrhundert bevorstehe.

Denn dann gingen wir guten Zeiten entgegen


Diese war der Biertrilogie erster Akt - "de gustibus non est ...", der zweite teil "allegro furioso und animalisch" ist bereits gepostet und dritte Teil folgt in Kürze

Fazit:

Name des Mitglieds: ERistREIGO