Wo fahren wir hin Papa? - Jean-Louis Fournier
Tabubruch allein ist zu wenig - Wo fahren wir hin Papa? - Jean-Louis Fournier Belletristik
Tabubruch allein ist zu wenig - Wo fahren wir hin Papa? - Jean-Louis Fournier Belletristik

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Kurzbeschreibung: Genre: Biografien & Erinnerungen / Jahr: 2009

 
 

Tabubruch allein ist zu wenig

Produkt:

Wo fahren wir hin Papa? - Jean-Louis Fournier

Datum: 25.10.09, geändert am 25.10.09 (126 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: neue Herangehensweise

Nachteile: sehr einseitig, sich selbst bemitleidend, abstoßend

Jean-Louis Fournier, der Autor des vorliegenden Buchs "Wo fahren wir hin, Papa?" liebt offensichtlich die Ehrlichkeit, auch wenn sie hart an der Schmerzgrenze ist und diese oft genug auch überschreitet. Warum also nicht auch eine offene Rezension schreiben?

Der Autor richtet einen Brief an seine beiden Söhne. Oder nein, das tut er nur formal. Eigentlich schreibt er einen Text an sich selbst, denn seine Söhne können ohnehin nicht lesen. Schlimmer noch: Sie werden den Inhalt nie erfassen können, egal in welcher Form er auch vermittelt wird, denn beide sind körperlich und geistig schwerst behindert. 

Das ist ein schweres Schicksal, zweifellos. Ich bin die Letzte, die das bezweifeln wird. Schließlich bin ich selbst ein "Weltuntergang", oder zumindest das, was Fournier als einen solchen bezeichnet: ein von Geburt an schwerstbehinderter Mensch (wenn auch "nur" körperlich, nicht geistig). 

Und ich gestehe: Ja, ich habe geschluckt, als ich diesen Text gelesen habe. Nicht aus demselben Grund, aus dem die meisten meiner Mitleser/innen vermutlich berührt waren. Nein, sondern weil es weh tut, dass es Menschen gibt, die ganze Menschengruppen als "Weltuntergang" bezeichnen dürfen und dafür auch noch mehr oder weniger offene Zustimmung erhalten. Nicht gerade angenehm, besonders wenn man selbst zu dieser Randgruppe dazugehört.

Aufhören zu lesen konnte ich trotzdem nicht. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich herausgefunden habe, woran das liegt: Ich habe mich mit Fournier identifiziert. Nicht deshalb, weil ich mich gerne beschimpfen und als "Weltuntergang" oder ähnliches bezeichnen lasse. Nicht weil ich es gutheiße, wenn Eltern davon träumen, ihren Nachwuchs ins Jenseits befördern zu dürfen. Gewiss nicht.

Und eigentlich sollten Eltern ihrem Kind nicht sagen, wenn sie es nicht lieben können. Zumindest nicht, wenn der Grund dafür so wenig beeinflussbar wie eben eine Behinderung ist. Das ist grausam. 

Aber so abwegig ist er nicht, der Gedanke: Behinderte Menschen sind eine Zumutung für die nicht-behinderte Bevölkerung. Das kann man nachvollziehen, weil das Leben nicht immer einfach ist. Die betroffenen behinderten Menschen wären die ersten, die es ändern würden, wenn es möglich wäre. Aber es geht nicht anders, und die meisten akzeptieren das, weil es einleuchtet. Nur manchmal wird jemand schwach und bezeichnet einen anderen Menschen als Weltuntergang. Aber der Autor macht das nicht etwa aus Menschenverachtung oder ähnlich niederen Motiven heraus - Das wird sehr, sehr deutlich -, sondern aus purer Verzweiflung. Schön ist das freilich trotzdem nicht, aber es geht wohl manchmal nicht anders. Und dann muss man das akzeptieren, obwohl der Autor damit genau das tut, was er seinen Söhnen ankreidet: dass sie es anderen Menschen nicht leicht machen, sie zu lieben. Ihn selbst zu lieben, macht mir der werte Herr Fournier mit diesem Buch wahrlich auch nicht leicht. Aber das macht nichts. Erstmal. Es haben eben alle ihre Grenzen und Einschränkungen - auch Fournier ganz offensichtlich. Aus diesem Grund kann ich mich mit ihm identifizieren. Und deshalb habe ich das Buch auch immer weiter gelesen, immer im Hinterkopf, man müsse Herrn Fournier ein gewisses Maß an Bitterkeit und seinen ganz speziellen Umgang damit zubilligen. Und in der Erwartung, ein so hoch ausgezeichnetes Buch könne nicht durchgängig so einseitig bleiben. Ich habe mich nicht getäuscht.

Das Buch ist nicht so einseitig geblieben wie am Anfang. Es ist noch einseitiger geworden. Geradezu unerträglich. Das sage ich jetzt nicht, weil ich eine Vertreterin der so viel gerügten Betroffenheitspflicht wäre. Nein, als selbst behinderter Mensch kenne ich mich etwas in der "Behindertenszene" aus und weiß um die befreiende Kraft so genannter "Behindertenwitze". Ich kenne sie, kenne ihren schwarzen Humor und schätze sie, wenn sie gut sind. Aber ich weiß auch, dass man das Publikum dafür sorgsam auswählen muss. Fournier hingegen stößt mit diesen Witzen nach eigener Aussage mit Vorliebe Leute vor den Kopf, die eben nicht damit umgehen können, und beschwert sich dann über die Betroffenheit. Das ist sehr praktisch, denn dann hat Fournier wieder Grund zu jammern. Das scheint ohnehin seine Lieblingsbeschäftigung zu sein: sich selbst leid zu tun.

Gut, ab und zu gesteht er auch seinen Söhnen zu, vom Schicksal nicht gerade verwöhnt worden zu sein, aber damit hält er sich nicht allzu lange auf. Fournier hat Wichtigeres zu tun: nicht etwa seine Söhne zu pflegen, nein, denn dafür gibt es Heime - anfangs nur werktags, aber auch fürs Wochenende zu Hause steht immerhin eine Ganztags-Pflegekraft zur Verfügung. Später gibt's dann ein Vollzeit-Heim. Das mag ich jetzt nicht per se verurteilen, in Einzelfällen mag eine solche Unterbringung sinnvoll sein. Aber der Autor kommt nach eigener Aussage manchmal wochenlang nicht zu Besuch. Warum auch, denn Fournier muss sich auf das Wesentliche im Leben konzentrieren: auf das Hadern mit dem Schicksal und das Jammern über seine "missratenen" Söhne. Und darauf, sich Pläne auszumalen, was er mit gesunden Kindern alles unternommen hätte. Dabei ist es völlig irrelevant, dass auch das gesündeste Kind diesen Erwartungen vermutlich nie hätte gerecht werden können.

Und was die ständig wiederkehrenden Mordphantasien betrifft, so finde ich diese einfach nur gestört. Aktive Sterbehilfe ist in bestimmten Situationen vielleicht kein fern liegender Gedanke, das kann ich verstehen (wenn auch nicht gutheißen), aber die Art und Weise, wie Fournier immer wieder (teils mehr, teils weniger detailiert) schildert, wie er seinen Nachwuchs ins Jenseits zu befördern wünscht, ist einfach nur ekelhaft. Und die Methoden haben nichts mit Euthanasie, sondern eher mit Abschlachten zu tun. Fournier mag das für schwarzen Humor halten, aber auch wenn es als solcher gedacht ist, muss man diesen "Witz" nicht knapp dutzendfach in den verschiedensten Varianten bringen.

Während ich den Rest des Buches schon am Rand des Zumutbaren verorten würde, so ist für mich spätestens mit diesem Aspekt die Grenze des Erträglichen eindeutig überschritten. Ich verstehe offen gestanden nicht, wie solch ein Buch auch noch einen Preis gewinnen konnte, noch dazu den "Prix Femina", obwohl die Mutter der Jungen - glaube ich - nur in einem einzigen Satz erwähnt wird. Ich persönlich vermute, dass dieses Buch hauptsächlich deshalb preisgekrönt wurde, weil Fournier darin eines zweifelsfrei meisterhaft gelingt: Schuldgefühle bei denen zu erzeugen, die seine Meinung nicht teilen. Schuldgefühle lassen sich nun mal unter anderem mit der Vergabe von Preisen beruhigen. Mit der Qualität der Literatur hat das nicht unbedingt zu tun.

Tabubruch mag spektakulär sein, manchmal sogar sinnvoll, aber hier habe ich den Eindruck, der Tabubruch sei zum Selbstzweck mutiert. Das Ergebnis wirkt auf mich schlichtweg abstoßend, auch wenn ich mir anfangs wahrlich Mühe gegeben habe, mich darauf einzulassen.

Daten:
Jean-Louis Fournier: Wo fahren wir hin, Papa?
Umfang: 160 Seiten (oft nur zur Hälfte bedruckt)
12,90 Euro
dtv-Verlag

Fazit: Das war nix!

Name des Mitglieds: Doris_