Der Manegenzauberer erzählt wie er zu dem wurde was er ist...
Produkt:
Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein - André Heller
Datum: 10.08.11
Bewertung:
Vorteile: spannend, nachvollziehbar, einfühlsam geschrieben
Nachteile: eigentlich nichts, außer daß man es lesen muß
Andre Heller: Wie ich lernte bei mir selbst Kind zu sein.
Fischer Taschenbuch, 2008, 138 Seiten, 9.95 eur
Andre Heller beschreibt in diesem Büchlein ca. 2 Wochen seines Lebens. Wir hören die Ereignisse um den Tod des Vaters. Die Mitteilung, die Vorbereitung zur Beerdigung, das Begräbnis selbst und die Tage danach. Eingebettet ist das Geschehen in seine Internatszeit. Heller war im Jesuiten- Internat Kollegium Attweg in Wien untergebracht und wurde von der Mutter nach Vaters Tod dort abgeholt. Ob er später wieder hingehen musste ist in der Erzählung nicht erwähnt...
So erleben wir also zwei große Schauplätze: das Internat, das gekennzeichnet ist durch ein streng- katholisches Regime der Jesuiten und die sexualfeindliche Moral, die aber immer heimlich durchbrochen wird - von den Schülern wie auch von den Lehrern - und so eine Kultur erschafft die viel verborgene Sehnsucht erzeugt. Auch der Schüler Heller war da infiziert...
Und dann erleben wir noch die Wiener Gesellschaft zwischen den Kriegen und nach dem zweiten Weltkrieg: immer wieder sprenkelt Heller Geschichtchen in seine Geschichte ein und der radikale Bruch der Lebensumstände wird deutlich. Bruch verursacht durch das Ende der k.u.k. Monarchie und natürlich durch den Einmarsch der deutschen Horden damals. Heller entstammt einer jüdischen Familie, der Vater war ein verbitterter Despot und beherrscht mit krankhaft anmutenden Allüren die Familie und die ihn umgebenden, von ihm abhängigen Menschen. So weigert er sich etwa den Jahreswechsel anzuerkennen, verzögert ihn mit Ablenkungsmanövern und dem Verstellen der Uhr. Absurd. Aber die Familie beugt sich und macht es mit.
Mutter Heller zieht sich in eine Depression zurück, spannt aber im verborgenen ihre eigenen Fäden. Eine Familie voller Anspannung. Eindrucksvoll. Deutlich wird dies beim sehr plastisch beschriebenen Mordversuch des Vaters an der Mutter am Wolfgangsee....
Und dann die Beerdigung selbst: Heller beschreibt sie wie einen Faschingsumzug. Menschen in pittoresken Uniformen folgen einem von Pferdchen gezogenen Wagen und heucheln, je nach Teilnahmebedingung an der Veranstaltung, Betroffenheit, Freude oder einfach voyeuristisches Interesse....
Auch die ersten Verliebtheiten Hellers werden zum Thema.
Fazit: ein wunderschön erzähltes Buch. Wer Heller kennt und mag der wird hier schon den farbig erzählen könnenden Magier erkennen, den wir ja heute aus so vielen Vorstellungen, Zirkussen und Varietés kennen. Alles Kreative bei Andre Heller stammt aus dieser lebenshungrigen Sehnsucht die wir im Buch beim kleinen Heller erkennen können und ist sicherlich auch Verarbeitung des Kindheitstraumas. Immer wieder wird auch dessen Begabung deutlich bei den schrecklichen Ereignissen einen Schritt zurückzutreten und den Zauber des Verwandelns anzuwenden. Eine Gabe, die ihn zu dem macht, den wir kennen und den sehr viele von uns mögen: den großen Theatermagier der es versteht uns begeistert mitzunehmen in seine farbige Fantasiewelt.... und es wundert nicht, daß wir erfahren, daß er im Umfeld einer Bonbonfabrik aufgewachsen ist. Da ist er ja noch heute , in übertragenem Sinne, tätig....finde ich.
Fazit: eines der schönsten Bücher die ich in letzter Zeit las ( und ich lese viel!)
Name des Mitglieds: Jatue




10.08.11
schön beschrieben! Lg.Sigi