Was lebst Du? - Aysegül Acevit
Da hab' ich aber geguckt! - Was lebst Du? - Aysegül Acevit Belletristik
Da hab' ich aber geguckt! - Was lebst Du? - Aysegül Acevit Belletristik

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Kurzbeschreibung: Genre: Belletristik / Erscheinungsjahr: 2005 / Sie sind Deutsche mit türkischen Eltern? Halbtürken? In Deutschland geborene Türken? Um Identität und Wurzeln, um Liebe und Karriere und natürlich um Heimat geht es in den rund 50 Texten türkischstämmiger ... mehr

Was lebst Du? - Aysegül Acevit ... Menschen. Dabei heraus kommt leider eine verkopfte Ansammlung von teils schulaufsatzhaften Dokumenten, die so bemüht sind zu zeigen, dass türkischstämmige Menschen eben auch human sind, dass sie damit schon fast wieder rassistisch sind.

 
 

Da hab' ich aber geguckt!

Produkt:

Was lebst Du? - Aysegül Acevit

Datum: 09.04.07, geändert am 09.04.07 (251 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Vielschichtigkeit; Offenheit; Erzählstil

Nachteile: fragmentierter Gesamteindruck

Rezension zu:

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WAS LEBST DU?
(Aysegül Acevit)

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"Da hab' ich aber geguckt!"


An ungehobeltes Rumgeprolle denke ich, als ich einen Blick auf das jüngst erschienene Buch mit dem roten Umschlag werfe. Ein protziges Goldkettchen verkündet Was lebst Du?, darunter pappt die obligatorische Sichel mit dem Stern. „Och nee, was guckst Du auch auf solch ein Buch!“, werfe ich mir vor und muss unwillkürlich an Kaya Yanar denken. Doch da ist etwas, was mir diesen Band dann doch noch schmackhaft macht. Es kann nur am schlichten Nachsatz Jung, deutsch, türkisch – Geschichten aus Almanya liegen, dass ich das Buch nicht aus den Händen lege. Und dann lese ich ... und lese ... und lese. Und schäme mich für meinen Verdacht, es müsse sich um ein Comedy-Buch handeln.
Es geht darin nämlich um etwas ganz anderes - es geht um das Zurechtfinden von jungen Deutsch-Türken in diesem Land. Die Herausgeber Aysegül Acevit und Birand Bingül, selbst türkischstämmige Deutschländer, haben 41 Aufsätze verschiedener Autoren, die teilweise schon woanders veröffentlicht wurden, zu einem vielschichtigen, farbenfrohen Passepartout angeordnet. Hiermit wird dem Leser ein tiefer Einblick in das (Gefühls)Leben der Schreiber gewährt. Neben den Herausgebern kommen Studenten und Prominente zu Wort. Sie alle berichten von ihren mehr oder minder großen Problemen, den Spagat zwischen türkisch-orientalischer Kultur und deutsch-biederer Realität zu bewältigen.
Zu Beginn erzählen sie von ihren Wurzeln. Aysegül Acevit deutet in einem poetischen Naturrundgang die Schönheit des Bahnhofs ihrer türkischen Geburtstadt an, während sich Schauspieler Erdogan Atalay als Deutscher fühlt und sich freuen würde, wenn das auch die deutschen Behörden akzeptierten. Ganz anders ist es bei Django Asül: Der Komiker werde auf Lebenszeit die Beantragung eines deutschen Passes verweigern – gleichzeitig auch den türkischen Wehrdienst. Er sei Niederbayer, und das bedeute schließlich nicht, Deutscher zu sein. In seinem bayrischen Domizil sei er glücklich – ein für ihn erfreulicher Zustand. Denn nicht jeder Deutsch-Türke kann es sich in Deutschland heimelig machen. Bei Fatih Cevikkollu sind es die Eltern, die immer wieder ankündigen, in die Türkei zurück zu wollen und sich deshalb erst gar nicht häuslich einrichten. Eines Tages brechen sie tatsächlich zur Umsiedlung auf, kehren einige Wochen später aber doch wieder nach Deutschland zurück.
Andersherum haben manche Deutsch-Türken es schwer, wenn sie in das Land ihrer Väter reisen, wie es etwa Birand Bingül unter Was ich erlebe schildert. Nicht jeder heiße ihn dort willkommen, weil er einer jener sei, die es in Deutschland besser haben.
Dass es für sie als türkischstämmige Lesbe auch in Deutschland kein Zuckerschlecken sei, davon kann Ipek Ipekcioglu im Kapitel Wie ich liebe ein Lied singen. Zuletzt findet sie nur bei ihren Großeltern in Anatolien Verständnis für ihr Bedürfnis, ihre Kultur in Harmonie mit ihrer Sexualität frei auszuleben.
Tragisch ist die Geschichte von Gül unter Wie ich Karriere mache: Das begabte Mädchen wurde kurz vor der Einschulung in ein deutsches Gymnasium von ihren Eltern gezwungen, mit ihnen in die Türkei zurückzukehren. Ein damaliger Freund von Gül macht sich heute Gedanken darüber, was aus dem Mädchen geworden ist.
Ob Gül wohl auch an den religiösen Zeremonien teilnimmt, in die man unter Wie ich glaube einen tiefen Einblick erhält?
Wenn das Buch mit dem Kapitel Wer ich bin langsam zum Ende kommt, wird klar, dass sich viele der Autoren als nicht näher definierbare Symbiose ansehen, als bunte Mischung, die sich nicht kategorisieren lässt.

Ich habe etwa fünf Stunden benötigt, um das Buch zu lesen. Und ich las schnell, weil ich mich in es verliebt hatte. Ich wollte unbedingt erfahren, wer was wie empfindet - und erhielt Einblick in Mythen. Was wir Deutschen gern als 'Knoblauch-und-Kümmel-Rituale' verschreien, sind schöne Familienfeste, bei denen mit Speisen nicht geknausert wird. Was wir missbilligend als 'Karnickelfamilien' betrachten, sind enge Verbünde, in denen warmer, gegenseitiger Respekt und vor allem ewige Loyalität herrschen. Und der wohl größte Mythos von allen, die Religion, entpuppt sich als interessante Lehre, die voll von eindrucksvollen Parabeln und stimmungsvollen Feiern ist.
Was das Buch neben seinen Inhalten auszeichnet, ist seine Sprache. Während manche Autoren ihre Geschichten poetisch-verträumt verschachteln, erzählen andere in kurzen präzisen Sätzen. Vor allem Yildiz Deniz besticht mit ihren pointenreichen Satirekünsten, die sie in Die türkischen Momente des Lebens zur Beseitigung des Vorurteils von schlampig-minderwertigen Türken in Deutschland einsetzt.
Nein, geprollt wird in diesem Buch wirklich nicht! Es waren meine eigenen unbewussten Vorurteile, die mich zu meinem Ersteindruck führten – Vorurteile, die das Buch zerschlagen hat. Schaue ich jetzt noch einmal auf den Umschlag, so erscheint der Titel gar nicht mehr abstoßend. Stolz glänzt das Kettchen und wirkt auf dem schönen roten Farbverlauf wie ein Markenzeichen der deutsch-türkischen Selbstironie. Gut, dass ich geguckt hab'!

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(c) Divalein / Eminencia, 2005 / 2007

Fazit: Lesenswert!

Name des Mitglieds: Eminencia