ägyptischer Sklaven-Gandalf-Versch nitt
Produkt:
Warlock - Wilbur Smith
Datum: 16.12.05
Bewertung:
Vorteile: -
Nachteile: -
Dieses Buch war einer der seltenen Glücksgriffe, die ich mehr oder weniger mache, wenn ich mal – was selten ist – durch die Buchabteilung eines Kaufhauses schlurfe. Normalerweise bestelle ich eher gezielt und das dort, wo es Bücher billiger gibt. Angezogen hat mich diesmal die Aufmachung des Buches und zwar der Name Wilbur Smith, welcher sich unübersehbar in Goldlettern über die halbe Titelseite zieht in Verbindung mit dem sich darunter befindlichen Auge des Horus – ein typisch altägyptisch stilisiertes Falkenauge. Smith ist ein Autor von ca. 30 Romanen, welche vorwiegend in irgendeinem Teil von Afrika (Smith wurde in Rhodesien geboren) und häufig auch in Ägypten angesiedelt sind. Einige Geschichten spielen im alten Ägypten – in anderen buddeln Forscher der Neuzeit alte Gräber aus. Mich interessieren eher die Romane aus der antiken Zeit. Smith hat nämlich eines der verschmitztesten Bücher geschrieben, welches ich je gelesen habe. Damals handelte es sich um „das Grabmal des Pharao“ aus dem Jahre 1994, welches im englischen Original unter dem Titel „the River God“ bereits ein Jahr vorher zu haben war. Damals hatte mir vor allen Dingen die Hauptfigur, der kastrierte Sklave Taita gefallen.
Dies erzähle ich jetzt nicht aus Spaß an der Freude, sondern mit Grund, denn Taita treibt nun in „Warlock“ wiederum sein „Unwesen“, wie ich beim Blättern im Kaufhaus feststellte. Diese englische Version erschien im Jahre 2001 bei Pan Macmillan und kostet € 10,80. Bei Amazon habe ich mittlerweile eine deutsche Version ausfindig gemacht, die unter dem blödsinnigen (weil nichtssagenden) Titel „die Söhne des Nils“ für € 8,90 zu haben ist. Ich jedenfalls hatte es eilig, und schlug mich mit der englischen Version herum, womit ich diesmal nicht übertrieben habe. Ich stieß zwar nicht an die Grenzen meiner Englischkenntnisse, aber das Buch war nicht ohne. Smith hat allerdings eine sehr mitreißende Erzählweise, was leider mit sich bringt, daß ich „Warlock“ kaum aus der Hand legen konnte bis ein Abenteuer zumindest überstanden war.
Das Buch ist kein wirklich historischer Roman, auch wenn Smith dem Leser einige geschichtliche Aspekte zu vermitteln weiß, dies aber nicht zwingend will. Allerdings driftet der Autor mit seiner Story in den Bereich der Fantasy, bleibt hier aber auch wieder eng an den ägyptischen Götterbildern – hier taucht kein Falke und keine Kobra auf, die nicht einen Mythos oder ein Omen symbolisiert. Gleichzeitig ist „Warlock“ aber auch ein klassischer Abenteuerroman, wo verschleppte Prinzessinnen befreit, Wagenrennen gewonnen und Fieslinge darniedergemeuchelt werden. Ein Roman des alten Ägyptens wäre natürlich ohne fette Intrigen vollkommen fehl am Platze und genau dort fühlt sich Taita wiederum wohl. „Warlock“ ist auch ohne Kenntnisse des Vorgängerromans vollkommen verständlich und
sogar nachvollziehbarer, denn ich hatte da ein Problem:
In „das Grabmal des Pharao“ war Taita der Sklave der Königin Lostris, die in den Soldaten Tanus verliebt war, aber den alten vertrockneten Pharao heiraten musste. Taita, der alte Intrigant (selbst in Lostris verknallt) wollte ihr zu ihrem Glück verhelfen und spann die ein oder andere Intrige, die unter anderem dazu führte, daß die Erbfolge des alten Pharao nicht so ganz rein blieb wie erwartet. Zumindest folgte ihm der Sohn von Tanus und Lostris auf den Thron. Dieser Sohn wurde nun von Taita verhätschelt, aufgezogen und ausgebildet bis er am Ende so ein richtig perfekter neuer Pharao wurde. Tja und Bums! Schlag ich „Warlock“ auf und dieser feine Pharao ist mir nichts dir nichts darniedergemeuchelt und wird kaum so richtig betrauert. Dafür steckt sein Sohn Nefer so richtig in der Tinte.
„Warlock“ spielt so etwa 20 Jahre nach dem ersten Teil. Taita ist mittlerweile ein freier Mann, steht aber immer noch in engen Diensten der Königsfamilie und hat nichts an seiner Genialität eingebüsst. Taita ist nämlich ein richtiges Universalgenie – ob als Bauherr, Arzt, Feldherr oder was auch immer. Was Taita nicht kann, das gibt es einfach nicht – der perfekte Berater, der Meister der Intrige und dies mit einer gewissen charmanten Schlitzohrigkeit, die einem beim Lesen immer wieder das Grinsen ins Gesicht treibt. Taita schafft es einfach die Blödheit der anderen für seine Zwecke auszunutzen und scheut sich dabei nie, sich selbst blöder darzustellen als er eigentlich ist. Über die Tatsache, daß die Figur einfach zu clever ist, um wahr zu sein, sieht man deshalb gern hinweg. Möglicherweise liegt es aber auch daran, daß das Gehirn eines Eunuchen dauerhaft durchblutet ist? Über den Lauf der Zeit ist Taita nun zum Warlock geworden und erinnert auf diese Art und Weise irgendwie an einen gewissen Gandalf, den Grauen – wobei man einen leichten Touch Obi Wan Kenobi auch nicht verleugnen kann.
Für Taita heißt es zunächst, den Sohn des verblichenen Pharao in Sicherheit zu bringen. Denn der Pharao wurde von seinem besten Freund Naja getötet, welcher selbst Ambitionen auf den Thron hat. Prinz Nefer (übrigens ist er Lostris Enkel) selbst ist nämlich leider zu jung um selbst zu regieren, wird aber noch solange als Thronplatzhalter benötigt, bis sich Naja durch Heirat mit den Schwestern des Prinzen selbst legitimiert hat – weshalb Nefer natürlich selbst auch nicht verheiratet werden darf. Vorsichtshalber wird auch Taita aus dem Dunstkreis des Prinzen entfernt, was Taita ziemlich stinkt, weiß er doch, daß Naja den Prinzen nach der Hochzeit ziemlich fix beseitigen wird. Najas engster Verbündeter Trok bringt währenddessen den anderen Teil Ägyptens ebenfalls unter seine Fuchtel, in dem er den Vater der Prinzessin Mintaka aus dem Weg schafft. Mintaka soll wiederum Trok heiraten, ist aber leider in Nefer verknallt. Taita gelingt es nun den Tod Nefers vorzutäuschen und beide verstecken sind in der Wüste. Währenddessen teilen sich Naja und Trok das Reich und spielen den doppelten Pharao. Verständlicherweise sind beide nicht begeistert, als Nefer zunächst mal seine Prinzessin Mintaka auf Troks Klauen befreit – vor allem der fiese Trok (der ist so fies, ich mag ihn!) spuckt Gift und Galle. Da Nefer aber unter Taitas „magischen“ Schutz zu stehen scheint, beschließen die beiden Pseudo-Pharaos ihm zunächst den einzige Hilfemöglichkeit von außen abzuschneiden und ziehen in den Krieg gegen Mesopotamien. Dummerweise sind die beiden aber so unbeliebt im Lande, daß es Nefer gelingt, in der Wüste eine kleine aber feine Privatarmee aufzubauen. Es ist schwierig zu beurteilen, aber meiner Ansicht nach, müsste die Geschichte hierbei so eine Spanne von sieben bis zehn Jahren abdecken, in denen der Prinz Nefer sich von einem pubertierenden Rotzbengel unter Taitas Anleitung zum richtigen Kerl mausert. Eine nahezu göttliche Unfehlbarkeit inbegriffen – aber man kann damit leben.
Die 693 Seiten dieses Buches machen nur Spaß, wenn man bereit ist, sich einfach auf die Geschichte einzulassen, was eigentlich nicht weiter schwer fällt, weil Smith den Leser unheimlich zu packen weiß. Auch wenn die Figuren vielfach zu überzeichnet und die Einteilung von Gut und Böse zu eindeutig ist, so macht das Lesen trotzdem Spaß. Die Charaktere werden sehr lebendig dargestellt. Etwas ins Hintertreffen gerät lediglich die Figur von Lord Naja, den eigentlichen Initiator allen Übels – der eher den eleganten, feinsinnigen Fiesling spielt. Da aber Nefer ihm die Braut praktisch aus dem Bett klaut, wird Najas Verwandter Trok zum wirklichen Ekelpaket – und dieser hat das volle Programm drauf...ich sag es mal so: mit Dschingis Khan oder Attila hätte er sich glänzend verstanden! Da Trok eher der grobschlächtige Typ ist, steht ihm der Magier Ishtar gezwungenermaßen zur Seite. Leider wurde hier kein würdiger Gegner für Taita gefunden. Ishtar ist eher so ein Vogel, wie Schlangenzunge aus Herr der Ringe. Da wäre sicher mehr zu machen gewesen.
Fazit: -
Name des Mitglieds: Vampire-Lady
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