Verblendung - Stieg Larsson
Hab ich was übersehen? - Verblendung - Stieg Larsson Belletristik
Hab ich was übersehen? - Verblendung - Stieg Larsson Belletristik

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Kurzbeschreibung: Broschiert / Autor(en): Stieg Larsson, Wibke Kuhn / erschien am Juni 2007 bei Heyne

 
 

Hab ich was übersehen?

Produkt:

Verblendung - Stieg Larsson

Datum: 22.11.08, geändert am 29.06.09 (605 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Siehe Rezension

Nachteile: Siehe Rezension

Verblendung ist sicherlich ein ganz passabler und solider Krimi, in den ich mich nach herben Anlaufschwierigkeiten dann nach und nach doch noch eingelesen habe. Aber ich muss es ganz ehrlich sagen: dieses Außergewöhnliche, Hammermäßige, ganz Eigene, das diesem Buch von etlichen (teils von mir sehr geschätzten) Rezensenten zugeschrieben wird, ist mir irgendwie gänzlich verschlossen geblieben. Ich weiß nicht, was alle an diesem Buch finden. Wie gesagt: passabel und gewiss nicht schlecht unterm Strich. Aber ich habe nichts im positiven Sinne Außergewöhnliches, Herausragendes oder Besonderes daran entdecken können. Nach vielen Rezensionen und fast ausschließlich Lobeshymnen dachte ich wunder sonstwas mich da erwarten würde.

In der Hand hielt ich schließlich einen stinknormalen Krimi, bei dem die eigentliche Kernhandlung ewig nicht in die Gänge kommt und bei dem auf Seite 359 (von 687!) erstmals sowas wie leise Spannung aufkam, um sich dann auch sehr bald wieder zu verflüchtigen. Das ist schon mal schlecht, ich war mehrmals kurz davor, das Buch wegzulegen, einzig die hohe Erwartungshaltung hat mich bei der Stange gehalten.
Larsson verwendet viel Zeit, sehr viel Zeit, zu viel Zeit darauf, Personen und Nebenhandlungen zu skizzieren. Ich bin zwar großer Fan von plastisch und lebendig gezeichneten Romancharakteren, und Larsson hat sich auch wirklich viele Gedanken gemacht, speziell um die Hauptfiguren Mikael Blomquist und Lisbeth Salander. Leider waren mir beide nur mäßig bis gar nicht sympathisch, und speziell die "Ermittlerin" Lisbeth fand ich teilweise regelrecht nervtötend und abstoßend.
Obwohl ich schon kapiert habe, dass Lisbeth offenbar so ganz gegen jede Norm und jedes Klischee "aufgebaut" werden sollte, fand ich den Charakter doch sehr klischeehaft. Zusammengefasst: Lisbeth ist eine gepiercte und tättowierte Punkerin Mitte 20 mit anorektischer Figur, einer offenbar schwierigen Kindheit und einem wie auch immer gearteten psychischen Knacks, der sie wohl den Großteil ihrer Kindheit und Jugend in psychiatrischen Anstalten verbringen ließ. Aus nicht näher erläuterten Gründen hat sie einen Anwalt als "Betreuer" bzw. Vormund und stellt sich ganz generell gerne mal blöder als sie (angeblich) ist. Dennoch oder gerade deswegen ist sie mit besonderen Fähigkeiten wie einem fotografischen Gedächtnis und profunden Computerkenntnissen gesegnet, welche sie in ihrem Job als "Ermittlerin" für eine Sicherheitsfirma (?) zu nutzen weiß. Larsson ist sich für kein Klischee zu schade: Die oben genannten Eigenschaften werden dadurch abgerundet, dass Lisbeth sozial komlett inkompetent ist, emotional und sozial verkrüppelt. Vertrauen hat sie zu niemandem, pflegt aber offenbar ein recht ausschweifendes Sexleben, und wenn ihr irgendjemand blöd kommt, dann hat sie direkt Mordgelüste.
Ich bin ihr überhaupt nicht nahe gekommen, sie wirkte auf mich auch so distanziert und unsympathisch, emotionslos und gleichzeitig boshaft, dass ich irgendann auch keine Lust mehr hatte, mich auf das ewige angedeutete Geschwafel von ihrer schlimmen Kindheit und ihre Sexualität einzulassen. Ihre teils respektlose Art hat mir den Rest gegeben - ich fand Lisbeth nicht nur unsympathisch, sondern auch manchmal nicht ganz stimmig als Charakter.

Mikael ist da schon schlüssiger konstruiert, war mir deshalb aber nicht sympathischer: Er ist zu sehr der leuchtende und über allem stehende Gutmensch, dessen einzige Schwäche offenbar darin besteht, dass er mit jeder Dahergelaufenen ins Bett steigt. Aber er kann ja schließlich nix dafür, dass alle ihn so toll finden. *gähn*
Mikael ist Wirtschaftsjournalist (und mItherausgeber) bei dem Anarchoblättchen Millennium, was dem Leser diese verschwurbelte und plattgewalzten Nebenstory um einen kriminellen Großindustriellen und Blomquists persönlichen Intimfeind einbringt. Diese Nebenstory nimmt vor allem am Anfang des Buches sehr viel Raum ein und hat mich furchtbar gelangweilt. Ich habe auch bis zum Schluss leider ganz nicht kapiert, welchen Sinn sie für die eigentliche Story hatte. Oder sagen wir so: Sie wäre verzichtbar gewesen.
Der einzige Sinn bestand offenbar darin, am Ende nochmal einen triumphalen Showdown von Gut (Mikael) gegen Böse (der Industrielle) auffahren zu können. Dieser spielt sich nach der Lösung des eigentlichen und nicht mit dem Wirtschaftskram in Verbindung stehenden Fall ab und nimmt somit am Schluss des Buches nochmal sagenhafte 100 Seiten in Anspruch, die ich dann ehrlich gesagt nur noch überflogen habe. Mir war das zu amerikanisch-pathetisch. Ich fand es auch sehr ermüdend, und ich verstehe nicht, wie man einen Krimi nach aufgelöstem Fall nochmal derart in die Länge ziehen kann.

Überhaupt, gutes Stichwort! In diesem Buch wäre vieles verzichtbar gewesen und hätte ordentlich gestrafft werden können. Wie schon oben erwähnt, kommt die zentrale Geschichte um das Jahrzenhte zurückliegende rätselhafte Verschwinden des Mädchens Harriet Vanger, das Mikael und Lisbeth nun im Auftrag von Harriets Onkel Henrik erneut aufzuklären versuchen, nur sehr schwerfällig in die Gänge. Es ist schon OK, wenn am Anfang einer solchen Story erstmal alle im Dunkeln tappen. Für mich ist es dagegen nicht OK, wenn ich mich während dieser Zeit durch über 300 Seiten schleppend vorangehende Nebenhandlung quälen muss.
Die Sache mit der vor zig Jahren spurlos verschwundenen Harriet ist wirklich spannend, und es werden mit der Zeit wider Erwarten noch einige sehr interessante Fakten zutage gefördert, die schließlich auch zur Lösung des Falles führen.
Interessant, aber nicht unbedingt neu oder innovativ sind die Abgründe der Familie Vanger, die sich nach und nach auftun. Auch die Motive des Täters... nun, irgendwie kam mir das alles so verdächtig bekannt und schon mal dagewesen vor. Bei der Klärung des Falles gabs dann leider noch einige logische Fehler und deutlich zu viele glückliche Zufälle, als dass ich damit zufrieden sein könnte.
Was mich auch noch gestört hat: Es kommen entliche Verdächtige in Betracht, und aus irgendeinem mir nicht ersichtlichen Grund muss der Täter, der Harriets Verschwinden zu verschulden hat, aus der Familie Vanger stammen. Dieser Clan ist weit verzweigt, und man lernt alle Mitglieder ein bisschen kennen, aber keinen so richtig (von der Problematik, sich Namen und Zusammenhänge zu merken, mal ganz zu schweigen). Im Grunde stolpert man nur so in die Lösung des Falles, aber ich zumindest war bis dahin schon so ermüdet von der ganzen Familiengeschichte und genervt von Lisbeths Zickigkeit, dass mich die schon recht ungewöhnliche Wendung nicht mehr so wirklich vom Hocker gerissen hat.

Um auch mal was Positives über das Buch zu sagen: Erzählen kann er, der Herr Larsson! Das Buch ist sehr flüssig zu lesen, der Erzählstil ist sehr plastisch und detailreich. Man wird als Leser durch die Handlung getragen und scheint oft mittendrin zu stehen. Lästig ist dagegen die penetrante Schleichwerbung für Apple- und Caononprodukte. Es hätte gereicht einmalig "Sponsored by Apple!" auf das Cover zu kleben, dann hätte nicht ständig erwähnt werden müssen, dass Mikael sein IBOOK hochfährt und Lisbeth ihren POWERMAC G4 Dingsbums. Also echt mal, was sollte das denn?

Summa summarum: Kein wirklich schlechtes Buch, aber auch kein überragend gutes. Mir hat sich wirklich nicht erschlossen, warum es als "Hammer" oder "Buchereignis des Jahres" bezeichnet wird - für mich wirklich nur Durchschnitt, der aber wesentlich besser hätte sein können, wenn man am Anfang 200 und am Schluss 100 Seiten weggelasen hätte. Mich überzeugten weder die Motive, noch die Art und Weise der Fallaufklärung, noch die Charaktere, sondern einzig und allein die erzählerische Leistung.


Technische Daten
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688 Seiten
Heyne Verlag (Taschenbuch, 30. Oktober 2008)
ISBN-10: 3453432452
Preis: 9, 95 Euro

Fazit: Ein solider Krimi, aber sicherlich kein "Hammer"

Name des Mitglieds: Bibliomanie