Elly Griffiths - Totenpfad
Produkt:
Totenpfad - Elly Griffiths
Datum: 20.09.10, geändert am 20.09.10 (83 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: Ein ruhiger Kriminalroman mit guter Landschaftsbeschreibung und viel Atmosphäre.
Nachteile: Wird etwas unpassend als Thriller deklariert; relativ teueres Hardcover, mit relativ wenig Umfang.
Allgemein:
ISBN: 978-3-8052-0874-1
Verlag: Wunderlich
Format: gebunden
Seiten: 320
Preis: 19,90 Euro
Die Autorin: Elly Griffiths - lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Brighton/England. Die Idee zur Figur von Ruth Galloway hatte sie, als ihr Mann seinen Job als Banker aufgab, um Archäologe zu werden. Dazu kamen die Mythen und Legenden, die ihre in Norfolk lebende Tante früher immer erzählte.
Über das Buch:
Ruth Galloway, eine in Norfolk lebende Dozentin für forensische Archäologie an der dortigen Universität, wird zu einem Knochenfund am Salzmeer gerufen, sie soll der örtlichen Polizei helfend unter die Arme greifen, um das Alter eines Kinderskelettes zu bestimmen - die Polizei erhofft sich Informationen über ein vor 10 Jahren spurlos verschwundenes Mädchen. Die Polizei erhält seit dem Verschwinden des Kindes rätselhafte Briefe, die die Polizei anscheinend verhöhnen und unverständliche Hinweise zu geben scheinen. Ruth, eine eigenbrötlerisch lebende, fast 40 jährige, etwas pummelige Frau freundet sich mit dem, auf den ersten Blick etwas muffeligen Chef Inspektor Harry Nelson an, der ihr, nachdem sie das Alter des gefundenen Skelettes auf die Eisenzeit datiert, die Briefe über das verschwundene Kind zeigt und ihre Ideen zu den rätselhaften Schriften mit in die Ermittlungen einfließen lässt, als wieder, auf die gleiche Weise ein Mädchen verschwindet...
Meine Meinung:
"Totenpfad" ist der erste Roman aus der Feder von Elly Griffiths und der Auftakt zu einer Serie von Büchern um Harry Nelson und seine archäologisch-forensische Unterstützung Ruth Galloway. Das Buch ist ein gelungener Einstieg für die folgenden Bücher, lässt aber durchaus, für die Folgebände noch etwas Spielraum nach oben frei. Die beiden Hauptfiguren wurden gut eingeführt, der Leser lernt hauptsächlich Ruth und ihr (herrlich unkompliziertes und unaufgeregtes) Leben kennen, ich denke für Harrys Lebensgeschichte wird es noch genügend Platz in den Folgebänden geben. Ruth ist eine sympathische Frau mit einer gesunden Portion Selbstironie und als Leser habe ich sie gerne kennengelernt. Harry bedient einige Klischees, aber in einem Rahmen mit dem man als Leser leben kann und beide zusammen ergeben ein wirklich nettes Gespann, welches mir in dieser Art noch in keinem Buch begegnet ist.
Das Buch punktet bei mir vor allem durch die Atmosphäre und den Schauplatz. Ich bin ein großer Fan der britischen Inseln und Elli Griffiths versteht es sehr gut, die einsame, unwirtliche Gegend Norfolks, geprägt durch die menschenleere Küste und das nebelverhangene Salzmoor, für den Leser spürbar werden zu lassen. Das Buch bietet sehr viel düstere englische Küstenatmosphäre, viel Nebel und Regen, ist auf eigenständige Weise düster, aber nicht "hoffnungslos" und kopiert dabei aber auch nicht den "nordischen Stil". Trotz der ganzen düsteren Beschreibungen nimmt man als Leser das Salzmoor vor der Küste Norfolks zwar durchaus als gefährlich, doch auch als wunderbare, rauhe Landschaft wahr, die auch einige Geheimnisse der Vergangenheit unter sich begraben hält und die schon vor Urzeiten Menschen beeindruckte und inspirierte und sie zu einem Teil ihrer Mythologie werden ließ.
Die Idee Archäologie und Krimielemente zu mischen hat mir gut gefallen. Auch die Mischung der Geschichte im hier und jetzt mit Fakten aus der Eisenzeit, der Henge im Salzmoor, das tote Mädchen, das eventuell seinerzeit geopfert wurde, die damaligen Druiden, Rituale und Mystik und Menschen, die sich heute (wieder) mit den damaligen heidnischen Kulten identifizieren können, ist ungewöhnlich, und erzeugt ein wenig Grusel-Stimmung (ohne allerdings jemals wirklich blutig zu werden, also ein Buch, dass auch für zartere Gemüter geeignet ist), ohne ins Reißerische abzugleiten.
Das Buch ist angenehm zu lesen, die Geschichte ist (anfangs etwas gewöhnungsbedürftig) im Präsens geschrieben. Meist folgt der Leser Ruth oder Harry, zudem gibt es einige Zwischensequenzen aus der Sicht einer Gefangenen. Der Prolog ist ebenfalls gut gemacht (aber auch noch mit Potenzial nach oben, für das nächste Buch), Ruth und Harry werden zu einem Leichenfund gebracht (den man erst einmal nicht zuordnen kann), danach lernt der Leser erst einmal die Hauptprotagonisten kennen. Gefallen haben mir auch die beiden Karten vom Salzmoor, auf den ersten und letzten Seiten des Buches, welche ausgezeichnet verhindern, dass sich der Leser im Salzmoor "verirrt". Auch die Umschlaggestaltung fand ich sehr gelungen, sie spiegelt wunderbar die düstere und unheimliche Stimmung an einem wolkenverhangenen Tag im Salzmoor.
Es gibt sicherlich spannendere oder actionreichere Thriller (wobei ich hier wieder mit der Genrewahl nicht ganz zufrieden bin, das Buch wird als Thriller angepriesen, ich fände das Buch wäre Kriminalroman passender beschrieben), aber das Buch wurde für mich an keiner Stelle langweilig, die ruhigere Gangart überwiegt zwar, es passt meiner Meinung nach aber auch gut zu den Charakteren und der Umgebung. Sehr ausführlich wird vor allem Ruths Leben beschrieben, was mich durchaus manchmal stört, wenn zuviel Privates ausgebreitet wird, war hier irgendwie stimmig und passend. Der Leser sollte auch etwas geschichtliches/archäologisches Interesse mitbringen, was für mich ein großer Pluspunkt des Buches war, kann für jemanden, der dahingehend nicht interessiert ist natürlich komplett daneben sein. Die ganze Geschichte beschreibt insgesamt relativ wenige Personen (welche auch zum Teil etwas mehr Tiefe hätten vertragen können, aber die Autorin hat sich in punkto Ausführlichkeit fast vollständig auf die beiden Hauptprotagonisten konzentriert), was natürlich die Täterauswahl recht schmal ausfallen lässt, vor allem weil man als Leser schon beim "Schnuppern" im Klappentext erfährt, dass der Täter Ruth näher steht, als man denkt (schon wieder ein Klappentext mit (halbem) Spoiler - ärgerlich). Das Motiv und die Zusammenhänge dagegen bleiben bis zum Schluss im Dunkeln.
Der Schluss hat mir persönlich nicht ganz so gut gefallen, ein kleiner "privater" Cliffhanger zum nächsten Buch, der Ruth und Harry betrifft, ok, ist zwar nicht unbedingt, das was ich mag aber fand ich persönlich nicht zu störend. Aber die Auflösung des Falles hat mir nicht gefallen, zu viele der (eigentlich wenigen) Personen, die im Buch beschrieben werden, sind involviert, alles ist ein wenig zu viel und wirkt, im Gegensatz zu den Geschehnissen und Beschreibungen davor im Buch, nicht mehr elegant sondern etwas "wie der Elefant im Porzellanladen".
Mein Fazit:
Wäre ich nicht von der Landschaft und der Thematik so angetan, würde ich das Buch etwas weniger gut beurteilen, also objektiv gesehen, ist "Totenpfad" ein spannender Roman (meiner Meinung nach wohl eher für Leserinnen geeignet), eher kein Thriller, mehr ein (ruhiger) Kriminalroman, der mir persönlich gut gefallen hat, aber für einen Leser, der weder England sonderlich mag, noch ein Faible für Geschichte oder Archäologie hat, wahrscheinlich nicht mehr als durchschnittlich ist - aber für ein Debüt, meiner Meinung nach, doch recht beachtlich. Ich für meinen Teil freue mich auch schon auf den Nachfolgeband ("The Janus Stone"), der in englischer Sprache bereits erschienen ist.
Fazit: Ein ruhiger Krimi für Leser mit Interesse an Archäologie und England.
Name des Mitglieds: stahlfixx
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik




21.09.10
So viel Tod...