Tote Wasser - Ann Cleeves
Die versöhnliche Fortsetzung - Tote Wasser - Ann Cleeves Romane & Erzählungen

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Die versöhnliche Fortsetzung
Tote Wasser - Ann Cleeves

dik1609

Name des Mitglieds: dik1609

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Tote Wasser - Ann Cleeves

Datum: 12.01.16, geändert am 04.07.16 (70 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Atmosphärisch perfekt

Nachteile: Keine entdeckt

Mit großem Interesse und teilweise auch Begeisterung hatte ich eine Romanreihe der britischen Autorin Ann Cleeves gelesen, die ein Quartett von Kriminalromanen, die allesamt auf den nördlich von Schottland gelegenen Shetland-Inseln spielen, veröffentlicht hatte. Stets war ich davon ausgegangen, dass nach dem Erscheinen des kaum mit einem Happy End abgeschlossenen vierten Buches diese Reihe abgeschlossen sei - doch dann entdeckte ich zu meiner Überraschung einen fünften Roman - offenbar soll es von Cleeves ein zweites Shetland-Quartett geben, was ich natürlich nur begrüße. Und natürlich war klar, dass ich die Fortsetzung der Romane rund um Ermittler Jimmy Perez würde lesen müssen. Inzwischen ist das geschehen, entsprechend kann nun über "Tote Wasser" berichtet werden.

Der Kauf
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Entdeckt wurde das 2013 bei rororo erschienene Taschenbuch bei meinem Stamm-Buchhändler im Internet, buecher.de. Fällig waren für das Werk mit 425 Gramm Gewicht und 432 Seiten genau 9,99 Euro - als Belohnung für den Kauf indes gab es einige Webmiles. Geliefert wurde nur wenige Tage nach der Bestellung per DHL, zusätzliche Versandkosten waren nicht zu zahlen.

Das Aussehen
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Das Buch im Format 19 mal 12 Zentimeter hat einen Titel, der den Namen des Romans und seiner Autorin nennt. Unterlegt ist das mit einem passenden Bild dazu, denn es zeigt eine Küstenszene, wobei dunkle Wolken am Himmel, hoch aufspritzendes Wasser und die dunklen Farben das nicht gerade schön wirken lassen. Auf der Rückseite gibt es eine kurze Inhaltsangabe.

Der Inhalt (Buchrücken)
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Als in einem Fischerboot die Leiche des Journalisten Jerry Markham entdeckt wird, ruft man Hilfe vom Festland: Anstelle von Jimmy Perez, der noch unter dem Tod seiner Verlobten leidet, soll die junge Willow Reeves auf den Shetlands ermitteln. Trotz seiner Apathie regt sich Widerstand in dem Detective. Die junge Kollegin ist ihm entschieden zu forsch.
Das ungleiche Paar begibt sich auf Spurensuche: Markham, Sohn aus reichem Haus, war als Frauenheld bekannt. Er hatte die Inseln nach einem Skandal verlassen müssen. Warum also war er zurückgekehrt? Die Spur führt zu den Ölfeldern in der Bucht Sullum Voe, über die der Tote einen Artikel schreiben wollte ...

Die Autorin
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Ann Cleeves wuchs im ländlichen Norden Englands, in Herefordshire und North Devon auf. Ihr Vater war Grundschullehrer. Nach dem Abbruch ihrer Universitätsausbildung übte sie vorübergehend verschiedene Jobs als Erzieherin in der Kinderbetreuung, Leiterin eines Frauenhauses, Helferin bei der Küstenwache oder Köchin auf einer Vogelwarte aus. Danach setzte Cleeves ihre universitäre Ausbildung zur Bewährungshelferin fort. Zwanzigjährig verbrachte sie einen zweijährigen Job als Köchin auf der Vogelwarte der Insel Fair Isle, die zu den Shetlandinseln gehört. Dort lernte sie den Ornithologen und späteren Mann Tim kennen. Kurz nach ihrer Heirat wurde dieser zum Aufseher des Naturreservats Hilbre Island im nordwestlichen Grenzbereich zwischen England und Wales berufen. Hier entstand Cleeves' erste Romanserie um den Naturforscher George Palmer-Jones, die nicht in deutscher Sprache erschienen ist. Ann und Tim Cleeves leben in West Yorkshire; sie haben zwei Töchter.
Cleeves ist Mitglied des "Murder Squad", eines illustren Krimizirkels. Für "Die Nacht der Raben", den ersten Band ihrer erfolgreichen auf den Shetland-Inseln spielenden Krimireihe, erhielt sie die weltweit wichtigste Auszeichnung der Kriminalliteratur, den "Duncan Lawrie Dagger Award".

Leseprobe (1. Kapitel)
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Jimmy Perez blieb stehen, um Atem zu holen, und sah aufs Meer hinaus. Es war ein ruhiger, windstiller Tag, hohe Wolken filterten das Licht, und das Wasser glänzte hellgrau, wie Metall. Am Horizont waberte eine Nebelbank. In den tiefen Taschen der langen Öljacke, die einst seinem Großvater gehört hatte, lagen hühnereigroße Kieselsteine. Sie waren rund und glatt und so schwer, dass er spüren konnte, wie ihr Gewicht an seinen Schultern zerrte. Er hatte die Steine am Strand von Ravenswick aufgesammelt, hatte sie sorgfältig ausgewählt: nur die ganz runden, die so weiß waren wie Knochen. In einiger Entfernung, ein Stückchen vom Ufer weg, ragte ein Fels empor, der an ein zur Seite geneigtes Kreuz erinnerte. Das ruhige Wasser schlug kaum daran an.
Perez ging weiter, zählte im Kopf die Schritte. Seit Frans Tod beging er an den meisten Tagen das gleiche Ritual: Er sammelte Kieselsteine am Strand in der Nähe ihres Hauses und brachte sie dann hierher, an ihren Lieblingsplatz auf den Shetlands. Teils war es Buße, teils Pilgergang. Teils die Besessenheit eines Wahnsinnigen. Er rieb mit dem Daumen über die Steine, und die Berührung verschaffte ihm einen eigentümlichen Trost.
Auf dem Hügel grasten ein paar Mutterschafe mit ihren Lämmern, die noch sehr wacklig auf den Beinen waren. Hier oben im Norden lammten die Schafe spät, nicht vor April. Neues Leben. Die Nebelbank kam näher, doch in der Ferne, auf dem höchsten Punkt der Landspitze, konnte er den kleinen Hügel sehen, den er mit seinen in Ravenswick gesammelten Steinen errichtet hatte. Eine Gedenkstätte für die Frau, die er geliebt hatte und deren
Tod noch immer auf seinem Gewissen lastete, ihn noch immer niederdrückte.

Meine Meinung
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Die Romane des eigentlichen Shetland-Quartetts erschienen zwischen den Jahren 2006 und 2010. Sie waren enorm erfolgreich, wurden auch verfilmt. Möglicherweise hat Ann Cleeves das dazu animiert, es nicht bei vor Büchern zu belassen, 2013 folgte der hier vorzustellende Krimi, der allerdings vorab bei mir Fragen aufwirft, denn im Buch selbst ist die Rede davon, dass dieses der Abschluss der Reihe um Detective Jimmy Perez sein soll; Wikipedia dagegen behauptet, dass es sich dabei um den ersten Teil eines zweiten Shetland-Quartetts handelt. Ganz aktuell aber habe ich entdeckt, dass "Das Geistermädchen" gerade erschienen ist - der sechste Shetland-Roman. Ganz klar: Auch den werde ich lesen.

Doch nun zu "Tote Wasser". Für alle potenziellen Leser sei gleich eingangs gesagt, dass es sich dabei natürlich um einen abgeschlossenen Roman handelt, den ein Jeder ohne Vorwissen verstehen wird. Und dennoch würde ich davon abraten, ihn einfach so zu lesen, denn viele Kleinigkeiten und Anspielingen bauen darauf auf, was in den vier Romanen zuvor passiert ist. Und die Kenntnis davon macht das Lesen nicht nur einfacher, sondern gestaltet es auch genussreicher.

Im vierten (und eigentlich abschließenden) Roman der Shetland-Reihe war die Verlobte des Protagonisten ermordet worden. Und genau daran knüpft die Autorin nun an, wobei die Stimmungen und Gefühle des Jimmy Perez beinahe dem Leser noch brillanter näher gebracht werden als der eigentliche Kriminalfall. Ann Cleeves kennt offenbar Menschen, ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte. Und sie lässt gerade diese Gefühle nicht stillstehen, sondern sich entwickeln - zur Überraschung des Fühlenden selbst übrigens, der versucht, sich Teile davon selbst zu verbieten. Aber ist das überhaupt möglich? Die Autorin schildert all das nur von außen - und bietet dennoch eine tiefen Blick in die Seele einer Romanfigur an, die so immer realer scheint. Jimmy Perez ist kein strahlender Held, er ist vor allem ein Mensch. Ein Mensch, der Polizist ist und nicht weiß, ob er das auch bleiben möchte - bis der instinktgleiche Ehrgeiz ihn dann doch ergreift. Das ist schon wirklich gut gemacht.

Die Handlung des Romans ist seiner Örtlichkeit angepasst, denn "Tote Wasser" könnte tatsächlich nicht in einen anderen Landstrich verlegt werden. Vieles dreht sich um diese von mir inzwischen so lieb gewonnenen und bereits zweimal besuchten Shetland-Inseln, die Einsamkeit hoch im Norden Europas, aber auch um die industrieller Entwicklung dank Öl- und Gas-Vorkommen in der umgebenden Nordsee sowie Widerstände gegen die weitere Industrialisierung des Archipels. Ja, die Handlung ist dem Rahmen angepasst - und nicht etwa anders herum. Und natürlich verwendet Cleeves nur reale Orte, die ein jeder Besucher der Inseln aufsuchen kann, um festzustellen, dass auch die Orts- und Landschafts-Schilderungen der Autorin perfekt sind und eine Hommage in die Wildheit der Inselgruppe darstellen.

Möglicherweise kann auch die Lösung des Mordfalls nur auf dieser Inselgruppe beheimatet sein. Einerseits steht da wie erwähnt deren Industrialisierung, andererseits haben traditionelle Werte noch ein hohe Bedeutung. Und so ist dies auch ein Buch, das von Liebe in verschiedensten Facetten, von Ängsten, von Sorgen, von Leidenschaft und von Ehre erzählt - und das alles wiederum auf eine sehr menschliche, nachvollziehbare Art und Weise. Ann Cleeves hat selbst zwei Jahre lang auf einer der Shetland-Inseln gelebt. Sie hat ganz offenbar in dieser Zeit ein Gespür für diesen besonderen Landstrich und die hier beheimateten ganz besonderen Menschen bekommen, was durchaus noch als normal zu bezeichnen ist. Dass sie es aber schafft, dieses Gespür auch auf den Leser zu übertragen, darf als große Kunst angesehen werden. Dabei wirkt ihr Schreibstil niemals zu trivial, andererseits ist er flüssig genug, um dem Genre Kriminalroman zu entsprechen und den Leser keinesfalls zu überfordern.

Die Auflösung des Kriminalfalls ist überraschend. Das aber erwarte ich ohnehin von einem guten Krimi. Wie es Ann Cleeves allerdings schafft, Atmosphäre nur mit Worten zu transportieren, das ist einfach phantastisch. Ich liebe diese Roman-Reihe. Und ich denke, dass dieser fünfte Band der bislang beste daraus ist. Nun bin ich gespannt, ob die Autorin bei Nummer sechs noch eine Steigerung schafft - eigentlich ist das ja gar nicht mehr möglich. Vorher aber werde ich mal wieder die Shetland-Inseln besuchen. Und vielleicht auch ein paar der Orte, in denen "Tote Wasser" ihren Höhepunkt erleben.

Fazit: Der beste Band aus der Shetland-Reihe