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Kurzbeschreibung: Lübeck 1875 - Kilchberg bei Zürich 1955. Mann lebte meist in München, 1905 mit Katja Pringsheim, ließ sich 1933 in der Schweiz nieder, ging 1939 in die USA, lebte seit 1952 wieder in der Schweiz. Er wurde schon mit seinem ersten Roman berühmt: »Buddenbrooks« ... mehr
Thomas Mann.
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Thomas Mann
Datum: 24.10.01, geändert am 07.01.11 (226 Lesungen)
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Nachteile: s.Text.
Wenn man über ihn liest, erstaunt die Vielfalt der Meinungsäußerungen. Wurde er einerseits vom deutschen Bildungsbürgertum jahrzehntelang nahezu kultisch verehrt, weil es ihm borniert und selbstgefällig auf den Leim seiner Selbstdarstellung ging, so mochte andererseits die literarische Nachkriegsavantgarde, von seiner Pose nicht weniger angeschmiert und ihm außerdem den Erfolg neidend, kein gutes Haar an ihm lassen [1] und stellte ihn unter den vernichtenden Generalverdacht, ein künstlerischer Reaktionär gewesen zu sein.
Er selbst hat sich, darin zweifelsohne sehr erfolgreich, in der Öffentlichkeit als Nachfolger und legitimer Erbe Goethes aufgebaut, darunter tat er's nicht, wie er sich auch sonst nur selten dem Verdacht gekünstelter Bescheidenheit aussetzte. Gerechtfertigt wird er darin zunächst durch ein literarisches Werk, dessen Kunstfertigkeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland seinesgleichen lange suchen kann. Nach ihm kommt in dieser Epoche vielleicht noch Kafka, und dann erst einmal nichts mehr, so möchte man meinen, und die triumphale Aufnahme seines ersten Romans "Buddenbrooks" vor genau 100 Jahren, im Oktober 1901, war durchaus vergleichbar mit dem Erfolg von Goethes "Werther".
Es dürfte einem literarisch interessierten Leser fast unmöglich sein, unter den Romanen, Novellen und Erzählungen Thomas Manns nicht wenigstens ein Stück zu finden, das ihn beeindruckt, sei es nun der "Zauberberg", die riesige Joseph-Tetralogie, die "Buddenbrooks", der "Tod in Venedig", "Felix Krull" oder kleine Perlen wie die Idylle "Herr und Hund", das unverschämte "Wälsungenblut" oder eine der f
rühen, stilistisch ähnlichen und doch fremdartigen Erzählungen wie "Der kleine Herr Friedemann".
Ich selber hatte das große Glück, ihm in der Schullektüre nie begegnet zu sein, wofür ich meinen Deutschlehrern heute noch von Herzen danke, und mir den ersten Eindruck frei von Curriculumsgebrabbel durch nichts weniger als die Lektüre der zweitausend Seiten von "Joseph und seine Brüder" verschaffen konnte. Es übertraf alle Erwartungen. Diese "anrührende" Geschichte, die ihren Eingang in die jüdische wie islamische Mythologie gefunden hat, in solcher Breite ausgewalzt zu sehen auf das Epos von der wechselseitigen Erschaffung und Erfindung eines Gottes und seiner Menschheit, ist an sich schon fast erschlagend. Dabei gleichzeitig die "Lehr- und Wanderjahre" von Jakobs Lieblingssohn zu erleben, in dessen Erwähltheitsgetue Thomas Mann ironisch gebrochen auch Züge seines eigenen Bildes in der Öffentlichkeit verarbeitet hat, mindert diese Wirkung nicht, genausowenig wie die feine Ironie, mit der er uns "Modernen" die doch ach so fernen altägyptischen Rituale von Königstod und Thronbesteigung so vor Augen hält, daß deren Muster seltsam vertraut erscheinen. Daß er es schafft, dem Ganzen auch noch eine wunderbare Neuerzählung der vielleicht ergreifendsten Liebesgeschichte der Welt voranzustellen, der zwischen Jakob und seinem zweimal siebenjährigen Dienen um Rahel, und alles in Anlehnung an Faust auch noch mit Vor- und Zwischenspielen auf "höheren Rängen" versehen kann - es scheint fast unglaublich. Ist es nur Koketterie, wenn Mann behauptete, er habe das ursprünglich nur als kleine Novelle geplant gehabt, oder ist hier wirklich ein Künstler von seinem Stoff überwältigt worden?
Krasses Gegenbeispiel: die Erzählung "Wälsungenblut", die uns mit bodenloser Frechheit ein arrogantes Zwillingspaar aus höheren Bürgerskreisen vorführt, das nach hingebungsvollem Genuß von Wagners "Walküre" de
n dortigen Inzest zwischen Siegmund und Sieglinde auf dem Eisbärfell des elterlichen Hauses nachvollzieht - zugleich Parodie auf kitschige Opernaufführungen, überkünstelten Kunstgenuß und bürgerliche Dekadenz. Besonders unverschämt sind die Anspielungen auf die halbjüdische Abstammung der Zwillinge, die das Vorbild in Thomas Manns eigener Ehefrau Katia und ihrem Bruder erkennen lassen.
Daß er politisch in der ersten Lebenshälfte ein naiver, kaisertreuer Dummlackel war, ein "unpolitischer" Untertan, der sich nicht unterstand, die feudalabsolutistische Fehlbildung des Deutschen Kaiserreiches zu glorifizieren, mag mancher als gesühnt ansehen durch sein späteres Bekenntnis zur Weimarer Demokratie und seine klare Stellungnahme gegen Hitler und den Nationalsozialismus. Ich persönlich sehe darin weniger einen politisch Lernprozeß, sondern verdächtige ihn des permanenten Opportunismus: Das Politische erschien ihm zeitlebens eher als Hindernis für die Kunst, höchstens als Stoffangebot, und seine poltischen Bekenntnisse scheinen mir eher die Pflichtübungen einer selbsterschaffenen Repräsentationsfigur, die an der schmutzigen Politik nicht vorbeikam. Sein Wettern gegen die Nazis mag mindestens genauso auf der persönlichen Kränkung durch das aufgezwungene Exil beruhen wie auf überzeugter Ablehnung dieser "Bewegung".
In politischer Hinsicht hinkte er denn auch meistens seinem älteren Bruder Heinrich hinterher, dessen Bild vom Kaiserreich im illusionslosen "Untertan" uns heute viel klarer ausgeleuchtet erscheint als das peinliche, weichgezeichnete "Märchen" von Thomas' "Königlicher Hoheit". Das Verhältnis der beiden Brüder: ein literarischer und politischer Zwist, der jahrelang schwelte, beider Leben mit Bitterkeit vergällte und wohl ewiges Exempel für das Verhältnis zwischen Kunst und Politik sein wird. Heinrich arbeitete oft recht schludrig, kein Vergleich mit dem preußischen Arbeitsethos des Jüngeren,
dessen Vormittage sämtlich und ausschließlich dem Schreiben vorbehalten waren, und dem die manchmal billige Effekthascherei des Älteren fremd war.
Man wird kaum um die Feststellung herum kommen, daß die sprachliche und künstlerische Fertigkeit bei Heinrich Mann mit der des Bruders nie mithalten kann, vielleicht im "Professor Unrat" gerade einmal an diesen heranreicht - es sei denn, man bildet sich ein, künstlerische Werke könnten die Welt verändern oder gar den Menschen bessern statt ihn nur so kunstvoll wie möglich zu malen - dann wird man an einem Autor wie Thomas Mann eher weniger Freude haben. Aber vielleicht kann er das ja bessern.
Jemand bezeichnete seine Gestalten einmal als "prätentiös" - das mag stimmen in der positiven Bedeutung "anspruchsvoll", aber bestimmt nicht in der negativen Bedeutung "selbstgefällig". Seine Charaktere sind wie seine Texte: nie langweilig, oft anspruchsvoll, meistens tief- und hintergründig - wenn sie nicht gerade seichte Kontrastfiguren abgeben müssen wie der arme Christian Buddenbrook, und selbst dann sind sie mit unheimlicher Liebe zum Detail ausgestaltet. Manches an seinen Texten mag heute antiquiert scheinen, Relikt einer untergegangenen Epoche, aber das ist nur Patina, Edelrost. Darunter schimmert die Frage nach den Möglichkeiten menschlicher Existenz im Spannungsfeld zwischen Kunst und Realität, zwischen Wille und Vorstellung, zwischen Sein und Bewußtsein.
Eine besondere Marotte Thomas Manns ist die Angewohnheit, zu seinen Werken gleich selber die Interpretation dazuzuliefern, weil er diese Aufgabe dem Publikum und der Kritik wohl nicht so recht zutraute. Was zuerst je nach Gusto als Überheblichkeit oder amüsante Schrulle erscheint, verweist jedoch zusammen mit dem - seit der Veröffentlichung seiner Tagebücher "amtlich" gewordenen - Wissen um die lebenslang unterdrückten homosexuellen Neigungen des Autors auf die neurotische Ve
rbissenheit, mit der hier jemand um sein Bild in der Öffentlichkeit und die Wirkung seines Werkes besorgt war.
Obwohl ich Freuds mechanistischen Triebtheorien sonst nicht viel abgewinnen kann, muß ich feststellen, daß die These von der Triebsublimierung durch künstlerisches Schaffen zu einer guten Erklärung für das Phänomen Thomas Mann hinleitet. Die Dokumente und Biographien lassen nur erahnen, wie extrem sich hier ein Mensch in seine Kunst, seine Kunstwelt, seine Kunstexistenz geflüchtet haben muß, weil sein wirkliches Naturell in der realen Welt ihm niemals die so verzweifelt gesuchte Anerkennung beschert hätte. Wer Konstellationen beschreiben kann wie die zwischen dem kleinen Hanno Buddenbrook und seinem Vater, die selbst im Leid ihrer Verzweiflung nicht zueinanderfinden und in den Korsetts ihrer großbürgerlichen Rollen eingeschnürt bleiben, der weiß, wovon er schreibt. Um so erschreckender, daß Thomas Mann dies zwar in seinen Büchern beschreiben, aber im eigenen Leben nicht überwinden konnte: an ihm und der Kälte seiner Übervaterfigur müssen seine Kinder und besonders Klaus nicht wenig gelitten haben.
In "Lotte in Weimar" läßt der alte Thomas Mann dieses Dilemma durch den alten Goethe erklären: Als Dichter benötigt er Distanz zu den Menschen und den Gefühlen, die ihm zuallererst Stoff für sein Werk zu sein haben. Als Mensch leidet er eben unter dieser Distanz, die ihm zwar den Ausdruck von Gefühlen ermöglicht, aber das Ausleben verbietet, was dann von seiner Umwelt unweigerlich als Kälte empfunden wird.
Ich kenne bisher keinen anderen deutschsprachigen Prosaautor mit einer solch meisterhaften, verführerischen Sprachbeherrschung: Die ist bei Thomas Mann nicht mehr bloßes Werkzeug oder Medium. Seine Sprache umhüllt Handlung und Figuren wie ein weich fließender Seidenumhang, der sich an jede Kante anschmiegt, sie sanft umhüllt und verhüllt, nur um sie schließlich mit dieser Verkleidung erst richtig zu enthüllen.
Im "Zauberberg", der ja den Verlust des Zeitgefühls auf dem weltentrückten Bergsanatorium zum Thema hat, verführt seine Sprache den Leser so sehr, daß man beim Lesen selber das Gefühl sowohl für die erzählte als auch für die verlesene Zeit verlieren kann. In den "Buddenbrooks" benutzt er Idiome und Dialekte als Kostüme, die der Geschichte eine Aura massiger Authentizität verleihen. Im "Joseph", der ja die Entstehung und Begründung eines Mythos zum Thema hat, verkleidet er seine Sprache in altertümlich anmutende Redewendungen und gaukelt so ein Alter vor, das der Text gar nicht besitzt. Vergleicht man diese Wirkung beispielsweise mit der nicht minder kunstvoll gealterten Sprache von Golo Manns Wallenstein-Biographie, so bleibt der Eindruck, daß dieser Stil bei Golo doch eher anstrengt, während er bei Thomas fesselt und verführt. Die Sprache als Hetäre?
Es ist vielleicht gar nicht so abwegig, die Sprache als seine Geliebte (oder seinen Geliebten) zu sehen. Das Medium, das ihm die Möglichkeit bot, sich Identitäten in einer künstlichen Welt zu schaffen, während er am Dasein in der wirklichen Welt litt, muß ihm mehr als alles andere vertraut gewesen und von ihm geliebt, begehrt, umworben worden sein.
Seinen "Tonio Kröger" läßt er sagen: "Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es infolge dessen ein wenig schwer. Ihr Künstler nennt mich einen Bürger, und die Bürger sind versucht, mich zu verhaften... ich weiß nicht, was von beidem mich bitterer kränkt. Die Bürger sind dumm: ihr Anbeter der Schönheit aber, die ihr mich phlegmatisch und ohne Sehnsucht heißt, solltet bedenken, daß es ein Künstlertum gibt, so tief, so von Anbeginn und Schicksals wegen, daß keine Sehnsucht ihm süßer und empfindenswerter erscheint als die nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit."
Schließen wir damit.
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Erstveröffentlichung 24.10.2001 auf ciao.
Quellen:
[1] "Wa
s halten Sie von Thomas Mann? Achtzehn Autoren antworten." - Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki, Fischer TB 1994.
[2] "Fülle des Wohllauts - Zum 125. Geburtstag Thomas Manns" -http://www.buchjournal.de/detail.php3?id=2642
Webadressen:
Linksammlung der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf:
http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/ulb/tmswebl.htm l
Linksammlung: Auf www.libri.de unter "Links - Autoren - Deutschsprachige Autoren - M"
Kurzbiographie unter wissen.de
Text der Novelle "Tonio Kröger" unter http://www.geocities.com/Paris/5483/Tonio.htm
Volltextdatenbank seiner (und Goethes) Werke mit Suchmaschine unter http://corpus.en.kyushu-u.ac.jp/corpus/
Hiermit distanziere ich mich ausdrücklich und in aller Form von allen Inhalten aller Webseiten, auf die durch Links in meinem Text verwiesen wird.
Fazit: Ausnahmeerscheinung
Name des Mitglieds: steffenp
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik


16.01.02
Hi steffenp, der Info Service für Deine Meinungen ist von mir aktiviert worden. Gruß Peter