Sex, Drogen und Video: Mr. Spenser goes to Washington
Produkt:
The Widening Gyre - Robert B. Parker
Datum: 10.05.11
Bewertung:
Vorteile: stellenweise spannend, etwas Action, etwas sinnlich, Psychologie, schon übersetzt
Nachteile: zuwenig Action, in der Mitte langweilig, ohne Biss
Mit Politikern hat Spenser, Bostons bester Privatdetektiv, normalerweise wenig im Sinn. Zu korrupt und zu verlogen sind ihm die sogenannten Volksvertreter. Dennoch läßt er sich breitschlagen, als ihn der Kongreßabgeordnete Meade Alexander um seine Dienste als Leibwächter während des Wahlkampfes bittet. Und prompt gerät der Detektiv ins Schußfeld.
Der Titel der dt. Übersetzung lautet: "Spenser und der Kandidat" (1984 bei Ullstein).
Der Originaltitel bezieht sich wie schon "Ceremony" auf das umfangreiche Gedicht "The Second Coming" des irischen Dichters William Butler Yeats.
Das Zitat: "Turning and turning in the widening gyre / The falcon cannot hear the falconer / Things fall apart; the center cannot hold..." Der letzte Vers ist mittlerweile geradezu zu einer Redensart geworden, wenn etwas mit dem Staat nicht in Ordnung zu sein scheint.
Der Autor
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Der US-Autor Robert B. Parker, geboren 1932, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren - er hat bis zum seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 50 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der Spenser-Reihe wohl seine etwa acht Jesse-Stone-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wird gerade vom ZDF gezeigt. Der ehemalige Professor für Amerikanische Literatur Robert B. Parker lebte mit seiner Frau Joan in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen viele seiner Krimis.
Jesse-Stone-Krimis:
1) Night Passage (1997)
2) Trouble in Paradise (1998)
3) Death in Paradise
4) Stone Cold (2003)
5) Stranger in Paradise (2008)
6) Sea Change
7) High Profile
Die Sunny-Randall-Reihe:
1) Family Honor
2) Perish Twice
3) Shrink Rap
4) Melancholy (2004)
5) Blue Screen (2006)
6) Spare Change (2007)
Die Spenser-Reihe (die bei weitem umfangreichste)
1) Widow's Walk
2) Potshot
3) Hugger Mugger
4) Walking Shadow
Und viele weitere.
Außerdem schrieb Parker ein Sequel zu Raymond Chandlers verfilmtem Klassiker "The Big Sleep" (mit Bogart und Bacall) und mit "Poodle Springs" einen unvollendeten Chandler-Krimi zu Ende. "Gunman's Rhapsody" ist seine Nacherzählung der Schießerei am O.K. Corral mit Wyatt Earp und Doc Holliday, ein klassischer Western.
Handlung
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Im Wahlkampf um den Kongressposten von Massachusetts heuert der republikanische Kandidat Meade Alexander Privatdetektiv Spenser als Sicherheitschef und Bodyguard an. Die aushilfsweise arbeitenden Cops reichen ihm nicht mehr aus, sagt M Alexanders Manager Fix Farrell, seit der Gegenkandidat Robert Browne Drohungen ausgestoßen hat, Alexander fertigzumachen. Fraser nimmt die Drohungen deshalb ernst, weil Browne Verbindungen zum organisierten Verbrechen hat, dem Mob. Dass Alexander ein ultrarechter Fundamentalchrist ist, stört Spenser vorerst nicht.
Auf Alexanders Veranstaltungen passiert nichts, aber zwei schräge Typen schlagen studentische Wahlkämpfer zusammen. Als Spenser sich beiden mit seinen Fäusten annimmt, haben sie keine Chance. Sie sagen, sie wurden von einem Unbekannten angeheuert. Fraser und Alexander tippen auf Brownes Leute - oder den Mob.
Spenser ahnt, dass mehr dahintersteckt. Bei einem Mittagessen in einem deutschen Restaurant - Spenser schätzt deutsches Bier sehr - rückt Alexander unter Tränen mit der Sprache heraus: Er wird mit einem Video erpresst, das seine attraktive Frau Ronnie beim Sex mit einem unbekannten jungen Mann zeigt. Ronnie Meade hat ein Alkoholproblem. Alexander hat ihr noch nichts von der Erpressung gesagt und will es auch dabei belassen. Spenser verspricht, sich darum zu kümmern.
Von einem Redakteur des "Boston Globe" bekommt er einen dicken Umschlag mit Dokumaterial über Browne. Nach stundenlanger Lektüre stößt Spenser endlich auf ein bekanntes Gesicht: Vinnie Morris, der Henkersknecht des Gangsterbosses Joe Broz. Na, prächtig: eine feine Gesellschaft für einen Kongressabgeordneten.
Es ist Spenser, dass er nun dieser Spur folgen muss. Sie führt nach Washington, D.C., und somit sowohl zu den Alexanders und zufällig auch zu Susan Silverman. Und es in der Hauptstadt, wo ihm endlich der Zusammenhang dieser ganzen Geschichte auffällt. Sie nämlich nämlich Joe Broz überhaupt nicht ähnlich...
Mein Eindruck
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Sex, Politik und Drogen - welche Zutaten könnten besser geeignet sein, um einen explosiven Thriller zu schreiben? Entgegen dieser Erwartung liefert Parker mit "The Widening Gyre" einen allzu ruhigen Krimi ab, in dem die Privatsphäre von Kongresskandidaten eine geradezu sakrosante Bedeutung annimmt. Das wirkt doch in einem Washington, das von Drogen Sex und Politik bestimmt wird, geradezu antiquiert und fast schon absurd.
Der edle Ritter?
Doch auf dieser Entwicklungsstufe betrachtet es Spenser noch nicht als seine Aufgabe, das Privatleben anderer Leute zu zerstören. Das sieht nach ein paar Jahren Praxis doch schon ganz anders aus. Nach einem Knaller wie "Pale Kings and Princes" etwa, in dem fast eine ganze Familie draufgeht, müsste er sich eigentlich zu einem Zyniker entwickeln.
Der einzige Wesenszug, der ihn davon abhält, ist seine weiterhin romantisch geprägte Liebe zu Susan Silverman, die er zunehmend als Liebe seines Lebens betrachtet. In Washington habe sie einen ruhigen Disput über ihre auseinandergehenden Ansichten über die Liebe im allgemeinen - sie ist ja Psychotherapeutin - und ihre Beziehung im speziellen.
Washington der 80er
Ich habe mich gewundert, wie zivilisiert es in dem Washington zugeht, das Parker in der zweiten Hälfte seines Krimis porträtiert. Natürlich spielen noch keine Attentate auf das Pentagon oder das World Trade Center eine Rolle, und die großen Demos der sechziger Jahre (Martin Luther King u.a.) sind längst Geschichte. Wenn es also Verbrecher gibt in der Hauptstadt, so agieren sie hinter Einwegspiegeln wie derjenige, der Mrs. Alexander filmte, oder wie der Kongressabgeordnete, der sich von Joe Broz schmieren lässt.
Action
Der Actionfreund kommt hier keineswegs auf seine Kosten. Am Anfang gibt es einen hübschen Faustkampf mit den beiden Schlägern, die Alexanders Wahlkämpfer bedrängen. Und etwa 30 Seiten vor Schluss gibt es eine kurze Schießerei, die unseren Helden schwerverwundet zurücklässt. Mit Joe Broz legt man sich eben nicht ungestraft an.
Unterm Strich
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Verglichen mit den Spenser-Krimis der siebziger Jahre ist dieser Band ziemlich schwach. Wenn ich da an "The Godwulf Manuscript" (1973) und "The Judas Goat" (1975) denke, fällt dieser Krimi aus dem Jahr 1983 doch ziemlich ab. Aber "A Savage Place" von 1981 war auch nicht viel besser als "The Widening Gyre".
Das Problem damit ist, dass sich der Charakter von Spenser ändert, seit er Susan Silverman und Paul Giacomin (der hier wieder auftritt) 1974 respektive 1982 in sein Herz gelassen hat. Er ist nicht mehr der autonome Held, der aufräumt, wie er es für richtig hält. Dieser Umstand wird mehrfach thematisiert. Jetzt ist er eine fähiger Ermittler und Kämpfer, der sich mit seinem eigenen team - Hawk, Quirk und Susan - gegen die Verbrecherszene verbündet, um zu viel weitreichenderen Resultatetn zu gelangen, als es allein mit Gewalt möglich wäre. Dies geht schon in Richtung des Social Engineerings, das wir ab 1997 bei Jesse Stone und Sunny Randall sehen.
Dass Spenser zunehmend Gewalt zu vermeiden sucht, führt natürlich dazu, dass viel mehr gequatscht statt geschossen und gekämpft wird. Was jetzt noch als wichtigste Zutat fehlt, sind psychologische Gespräche, wie sie bei Stone und Randall gang und gäbe sind, beim frühen Spenser aber noch nicht. Durch die psychologischen Einsichten Susan Silvermans gelingt es Spenser später (etwa ab "Pale Kings and Princes" aus dem Jahr 1987) einen komplizierten Fall auf mehreren Ebenen zu lösen. Das ist weitaus befriedigender als langes Herumlavieren. Als Politikkritik greift der Krimi ebenfalls zu kurz.
Vielleicht lag es aber auch an der beschränkten Länge von rund 180 Seiten, die es Parker nicht ermöglichte, einen komplexen Plot aufzubauen. Das gelingt ihm erst, als er Bücher mit 300 Seiten schreiben darf - ab dem Jahr 1985, als "A Catskill Eagle" erschien, ein Roman, der in vielerlei Hinsicht einen Wendepunkt in der Spenser-Reihe darstellt. Ich will es in Kürze hier vorstellen.
Fazit: drei von fünf Sternen.
Michael Matzer © 2011ff
Info: 1983; Dell, New York City, 12/1987; 183 Seiten, Preis: 7,99 $; ISBN 0-440-19535-7
Fazit: empfehlenswert für Krimifreunde
Name des Mitglieds: mmatzer
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik




11.05.11
krönchen, lg