Stimmen aus der Vergangenheit (Raleigh, Michael)
D a s nennt man nachtragend! - Stimmen aus der Vergangenheit (Raleigh, Michael) Belletristik

Kurzbeschreibung: Taschenbuch - 238 Seiten (1999) Scherz, Mchn.; ISBN: 3502517053

 
 

D a s nennt man nachtragend!

Produkt:

Stimmen aus der Vergangenheit (Raleigh, Michael)

Datum: 21.03.01, geändert am 21.03.01 (18 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Story, Figuren, Atmosphäre - hier stimmt einfach alles!

Nachteile: (Zu) unscheinbare Aufmachung.

Chicago 1946: Auf dem Gelände des Riverview-Vergnügungsparks trifft der Matrose Ray Dudek einen alten"Freund, mit dem er vor dem Krieg ein krummes Ding gedreht hat und von dem er dann um seinen Anteil geprellt wurde. Nun fordert er sein Geld - und endet wenig später mit ein paar Messerstichen in der Brust hinter einem Kirmesstand ...

39 Jahre später findet die Polizei von Chicago am Strand des Atlantiks vor den Toren der Stadt erneut eine Leiche. Der alte Michael Minogue wurde mit ein paar Schüssen regelrecht hingerichtet. Da dies in dieser Stadt nicht gerade selten geschieht und Minogue weder reich und berühmt noch für die Medien interessant ist, geht die Polizei recht gemächlich an den Fall heran, doch man sollte sich nicht täuschen: Detective Bauman hasst es, wenn in "seinem" Bezirk ein Kapitalverbrechen geschieht, und so beginnt er mit der für ihn typischen brachialen Tüchtigkeit zu ermitteln.

Zu diesem Zeitpunkt sieht Niemand einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden. Dieser wird erst später von Paul Whelan, dem schwarzen Privatdetektiv mit dem irischen Namen, erkannt, nachdem er einen merkwürdigen Auftrag übernommen hat: Für seine Klientin Margaret O'Mara soll er ihren Bruder suchen, der vor dreißig Jahren spurlos verschwunden ist. Joseph Colleran war einst ein enger Freund des ermordeten Michael Minogue, dessen Namen die Schwester in der Zeitung gelesen hat, was in ihr den Wunsch entfachte, den Bruder wiederzusehen.

Den Mord an Minogue betrachtet Whelan als beste und wohl auch einzige Chance, die längst erkaltete Spur Collerans aufnehmen zu können. Die Suche ist mühsam und lässt den Ex-Cop Whelan immer wieder mit dem beharrlichen Bauman aneinander geraten, aber der Detektiv findet trotzdem Merkwürdiges heraus: Joe Colleran gehörte einst zu einer Clique verschworener Freunde, die vor dem Zweiten Weltkrieg recht erfolgreich einige Raubüberfälle unternahmen. Doch dann gelang ihnen ein lukrativer Fischzug, den sie
besser unterlassen hätten, denn ihr Opfer, ein notorischer Verbrecher schwor ihnen bittere Rache. In den nächsten Jahrzehnten kamen unverhältnismäßig viele der Freunde bei seltsamen "Unfällen" ums Leben. Auch Colleran ist längst tot.

Das mörderische Spiel, vor langer Zeit begonnen, scheint sogar noch immer in vollem Gange zu sein. Whelan, der die Freunde von einst nach und nach aufspürt, findet nur noch Leichen. Aber nicht die Rache eines übervorteilten Verbrechers, sondern die Wut einer Frau steckt hinter der Mordserie: Ellen Gaynor, eine der Frauen aus dem Kreis um Colleran, Minogue und Dudek, wurde von Letzterem geschwängert, aber im Stich gelassen. Dasselbe taten die anderen Freunde. Um der Schande zu entgehen, heiratete Ellen einen Mann, den sie nicht liebte. Das ständige Grübeln darüber, was hätte sein können, hat sie allmählich wahnsinnig werden lassen. Immer dann, wenn einer der alten Freunde wieder in ihr Blickfeld geriet, hat sie ihn umgebracht. Whelan hat das mörderische Karussell unbeabsichtigt beschleunigt, denn er hat durch seine Ermittlungen Ellen auf die Spur ihrer Feinde gebracht. Als der Detektiv Ellen mit seinen Vorwürfen konfrontiert, versucht sie auch ihn zu töten. Mit letzter Kraft schafft Whelan es, sich der Rasenden zu erwehren; sie wird ihre Tage wohl in einer psychatrischen Anstalt beschließen.

Aber auch Margaret O'Mara hat Whelan betrogen. Sie wusste längst vom Tod des Bruders. Da die Polizei die Akte geschlossen hatte, sollte der Detektiv Joseph Collerans Ende als Mord aufdecken und den oder die Täter ausfindig machen.

Am Ende gibt es für Paul Whelan wenig Honorar, viele blaue Flecken und noch mehr Ärger mit der Polizei, aber immerhin doch ein kleines Happy-End, als seine lang vermisste Freundin zu ihm zurückkehrt.


Ein Detektiv nimmt einen alten Fall wieder auf und bringt dabei viele unschöne, längst begraben geglaubte Dinge wieder ans Tageslicht - das ist der geradezu klassische Plo
t des vorliegenden Romans - des fünften der Paul Whelan-Reihe.

Autor Michael Raleigh wandelt auf den Spuren großer Vorbilder. Vor allem Ross Macdonalds Lew Archer kommt einem in den Sinn, dessen "Spezialität" es war, uralte Familientragödien aufzudecken. Doch Macdonald ist tiefgründiger, und während Archer trotz aller zur Schau gestellten zynischen Abgeklärtheit bei jedem Fall an Leib und Seele litt, ist Paul Whelan ein Privatdetektiv des späten 20. Jahrhunderts, der die Schlechtigkeit der Welt voraussetzt und mit dieser Haltung ganz gut fährt. Was sich hinter dem schützenden Panzer aus Lässigkeit und Sarkasmus abspielt, verrät uns Raleigh, der zwar Whelans geistiger Vater ist, ihn aber die Geschichte nicht selbst erzählen lässt, nur selten. Immerhin erfahren wir, dass Whelan in einer komplizierten Beziehungskiste steckt, die ihm weitaus wichtiger ist als seiner Partnerin, was ihn in einige Seelenpein stürzt.

Um so mehr erfährt der Leser aber über die Stadt Chicago, die hier die heimliche Hauptrolle spielt. Michael Raleighs Chicago ist nicht die Stadt, wie sie sich ihren Besuchern gern präsentiert. Auch die "Gangsterstadt", die wir aus Film und Fernsehen zu kennen glauben, wird man in den Paul Whelan-Romanen vergeblich suchen. Den Detektiv verschlägt es eher in die weniger feinen, anonymen Viertel; dorthin, wo die Arbeiter, die Alten und die weniger vom Schicksal Begünstigten leben. Dort entwickelt der Autor mit auch dem "Auswärtigen" deutlicher Ortskenntnis und viel Gespür für Lokalkolorit eine Chicago-Chronik "von unten". Im amerikanischen Original deuten dies bereits die Titel der Whelan-Romane an, in denen immer bestimmte Stadtviertel oder Straßen auftauchen.

Wer Schießereien, Gewalt und Verfolgungsjagden liebt, wird in "Stimmen der Vergangenheit" nicht auf seine Kosten kommen. Paul Whelan verfolgt - wiederum ganz klassisch - als Detektiv eine Spur; geduldig, methodisch und oft in die I
rre laufend. Dabei gerät er durchaus in brenzlige Situationen, doch der eigentliche Reiz dieses Romans liegt in seiner geradlinigen Story, den gut gezeichneten Figuren, der stimmigen Atmosphäre und vor allem auch im knochentrockenen Humor, der seit Raymond Chandler zu einem "richtigen" Privatschnüffler gehört. Mit dem Talent für echte Pointen sind indes nur wenige Autoren begabt; Michael Raleigh gehört eindeutig zu ihnen.

Bleibt zum Schluss nur das übliche Klagelied über die wirre Veröffentlichungspraxis, die in Deutschland die Paul Whelan-Reihe (wie so viele andere Thrillerserien) über sich ergehen lassen muss. Gestartet wurde ausgerechnet mit dem fünften Teil, weiter ging es mit dem Debut. Die Fälle zwei bis vier fehlen noch ganz, werden aber hoffentlich allmählich nachgeschoben.

Ansonsten ist an "Stimmen aus der Vergangenheit" höchstens die Scherz-übliche reizlose Aufmachung zu kritisieren. Zwischen den Buchdeckeln stimmt aber Alles: Die Übersetzung ist vorzüglich. So gibt es für den Krimifreund viele gute Gründe, Paul Whelan einige Stunden bei seiner Arbeit zu begleiten.


Die Paul Whelan-Romane (Stand: März 2001):

1. Tod in Uptown (Death in Uptown, 1991) - Scherz Krimi 1745
2. A Body in Belmont Harbor (1993) [noch nicht in Deutschland erschienen]
3. The Maxwell Street Blues (1994) [noch nicht in Deutschland erschienen]
4. Killer on Argyle Street (1995) [noch nicht in Deutschland erschienen]
5. Stimmen aus der Vergangenheit (The Riverview Murders, 1997)

Originaltitel: The Riverview Murders (1997)
Übersetzt von Philipp Thüring
Scherz Krimi Nr. 1705
Deutsche Erstveröffentlichung 1999
238 Seiten
ISBN 3-502-51705-3


(Copyright 15.03./20.03.2001/Dr. Michael Drewniok)

Fazit:

Name des Mitglieds: m_drewniok