Viel Licht, wenig Schatten: Sherlock-Holmes-Storie s
Produkt:
Sherlock Holmes - Das Geheimnis des Geigers - Alisha Bionda
Datum: 30.07.10
Bewertung:
Vorteile: spannend, unterhaltsam, abwechslungsreich, Urheberinfos, illustriert
Nachteile: mehrere Ausfälle, Druck-, Stil- und Sachfehler, limitierte Auflag
Diese Anthologie mit Sherlock-Holmes-Pastichen bietet dem Fan und Sammler nicht weniger als sechzehn neue Stories zu ihrem Lieblingsdetektiv. Darunter findet sich auch Andreas Grubers Novelle "Glauben Sie mir, mein Name ist Dr. Watson!", die mit dem Deutschen Phantastik Preis 2006 ausgezeichnet wurde. Die Geschichten wurde illustriert von Andreas Gerdes, der die ganze Reihe "Sherlock Holmes Criminal Bibliothek" betreut.
Die Herausgeberin
°°°°°°°°°°°°°
Die Autorin und Herausgeberin Alisha Bionda lebt auf Mallorca, hat mit Wolfgang Hohlbein die Edition Märchenmond bei Ueberreuter gegrundet und schreibt seit 2005 unter Herausgaber von Hohlbein ihre eigene Vampirserie "Schattenchronik" um die Vampirin Dilara.
Die Erzählungen
=============
1.) Christian v. Aster: Das Renardi-Komplott
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Dr. Watson möchte seinem Freund Holmes endlich mal eine gelungene Geburtstags-Überraschung bereiten. Nachdem er zufällig dessen Geburtsdatum herausgefunden hat, setzt er in der verbleibdenden Zeit einen Plan in Gang, der a) Holmes von zu Hause fernhalten b) das passende Geschenk besorgen helfen soll. Beides gelingt in zufriedenstellendem Maße, wobei Inspektor Lestrade, Irene Adler und sogar Prof. Moriarty mithelfen. Sogar eine seltene alte Violine hat Watson auftreiben können. Alles bestens also!
Doch dann kommt der Moment, in dem das Geburtskind selbst erscheinen soll. Sherlock jedoch hat sich etwas Ungewöhnliches einfallen lassen, das die Vorfreude Watsons und seiner Helfer trübt...
Mein Eindruck
Nun ja, man muss schon sehr gutgläubig sein, um annehmen zu können, dass Prof. Moriarty und Inspektor Lestrade in einem Raum zusammentreffen wollen - noch dazu mit Sherlock Holmes. Aber die Pointe mit Sherlocks Gegenangriff ist nicht von der Hand zu weisen, selbst wenn sie Watson den ganzen Spaß verdirbt - sehr zu unserer eigenen Schadenfreude.
2.) Christian Endres: Der Henker
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Holmes und Watson werden von Inspektor Lestrade zu einem Tatort im Hafen gerufen, einem Lagerhaus für Tee. Holmes ist mieser Laune: Er soll den Job der Polizei erledigen, sowas! Im Lagerhaus bietet sich Watson eine grausige Szene: Ein vermummter Mann hängt leblos vom Gebälk der Decke. Offenbar ein Ritualmord, vermutet Watson. Unter der Leiche hat die Polizei die Brieftasche eines Anwalts aus Knightsbridge gefunden. Somit ist dessen Identität geklärt.
Holmes nimmt den Knoten des Seils ebenso in Augenschein wie die Balken darum herum und will gerade seine Schlussfolgerung mitteilen, als ein Cop hereineilt mit der Nachricht, man habe den mutmaßlichen Mörder gefasst! Na dann ist der Fall ja wohl gelöst, oder etwa nicht?
Mein Eindruck
Natürlich nicht, denn wieder einmal bekimmt Holmes Gelegenheit, einen Unschuldigen vor dem Galgen zu bewahren. Außerdem stellt er seine Beobachtungsgabe und Watson seinen Stumpfsinn unter Beweis. Am Schluss sind alle erleichtert, außer Holmes, der sich als Polizist missbraucht sieht. Eine nette 08/15-Story.
3.) Andreas Gruber: Glauben Sie mir, mein Name ist Dr. Watson!
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Holmes und Watson sind im Jahr 1916 ziemlich auf den Hund gekommen, zumindest körperlich. Watson ist ein Fettwanst, der unten Blähungen leidet, und Holmes deliriert in Opium- und Morphiumräuschen. Watson wünscht sich dringend ein Abenteuer, das sie beide auf Trab bringt, aber ein solches hätte er nicht gewollt.
Ausnahmsweise rafft sich Holmes dazu auf, die Einladung eines Erfinders namens Allan Wale wahrzunehmen, der im Puckwise Theatre eine neue Maschine vorführen will, die beweisen soll, dass Zeit relativ ist. Die Vorführung ist wirklich gut besucht. Drei Gentlemen finden Watsons Beachtung: ein junger Gentleman namens Edwin Drood aus Cloisterham, der amerikanische Reporter Humphrey Van Weyden und ein Südstaatler mit dem schottischen Namen Peyton Farquhar.
Auf eine Art elektrischen Stuhl ist ein junger Polizeikonstabler geschnallt. Nach ein paar einleitenden Worten zu seinem Experiment legt Allan Wale etliche elektrische Hebel um, und eine Unmenge Energie beginnt zu fließen. Der Proband beginnt zu schreien, ein roter Blitz breitet sich aus, das Licht geht aus, und allgemeiner Aufruhr entsteht. Das ist aber noch nichts gegen die Panik, die ausbricht, als das grausige Ergebnis des "Experiments" auf dem Boden der Bühne sichtbar wird... Und von Edwin Drood, Peyton Farquhar sowie Van Weyden keine Spur!
Doch dies ist nur der Beginn noch seltsamerer Begebenheiten. Denn auf Holmes' Fenstersims liegt ein Päckchen aus dem Jahr 1914, indem sich das letzte Buch eines gewissen Ambrose Bierce befindet, des Erfinders einer literarischen Figur namens Peyton Farquhar...
Mein Eindruck
Diese Erzählung ist eine interessante Metafiction. Das bedeutet, dass die Fiktion über sich selber reflektiert. Daraus lässt sich ein ahrliches vergnügtes und interessantes Spiel spinnen, diesmal aber wird's recht gruselig. Denn die "Persönlichkeit" der uns als erdichtete Figuren bekannte Leute wie Edwin Drood finden sich die Dimensiosnverschiebung des Wale-Experiments plötzlich in den Körpern ihrer Erfinder - und umgekehrt.
Selbstverständlich kommt es dadurch zu dem Wahnsinn ähnlichen Zuständen, und, wie Holmes herausfindet, die Opfer enden in London regelmäßig in der Irrenanstalt. Etwas actionmäßig ist dabei die Befreiung eines der Opfer aus der Anstalt geschildert, aber ich werde mich hüten, den Namen zu verraten. Jedenfalls kennen wir Drood als Figur in Charles Dickens' letztem Romanfragment (aktuell von Dan Simmons behandelt), Humphrey Van Weyden als Figur aus Jack Londos "Seewolf" und Peyton Farquhar in Ambrose Bierces genialer Erzählung "An Incident at Owl Creek", die die letzten Gedanken in der letzten Lebensminute eines Hingerichteten überliefert. Wie aber konnte Peyton diesmal überleben?
Wie man sieht, ist dieses Abenteuer im Grunde eine Science-Fiction-Geschichte. Der Autor macht seine Sache dennoch erstaunlich gut und führt alle Fäden, so absurd sie auch anmuten könnten, zusammen, bis ein spannendes Herzschlagfinale den Höhepunkt bildet. Aber überzeugt uns Conan Doyles Bitte wirklich, der von uns verlangt zu glauben, "ich bin Doktor Watson!"?
4.) Hermann Agis: Der Vorfall
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Im Jahr 1888, als Jack the Ripper sein Unwesen treibt, gibt es offenbar ein Zerwürfnis zwischen Holmes und Watson. An dieser Missstimmung ist nach Watsons Ansicht eine gewisse Dame schuld, die er leider nur flüchtig wahrnehmen kann: ihr Parfum, ein erhaschter Blick auf ihr sündhaft rotes Kleid. Unterhält sie ein Verhältnis mit seinem Freund?! Ist Holmes deshalb neuerdings bester Laune? Alarmierend, in der Tat. Watson ist eifersüchtig.
Verfolgungen durch Londons Straßen und Gassen sind zwecklos - Holmes merkt immer, dass Watson ihm folgt. Nachdem er dies aufgegeben hat, liest er lieber Zeitung. Der neueste Artikel über den Schlitzer ist angetan, einem das Blut in den Adern gefrieren zu lassen: Es gibt jetzt eine Konkurrentin, die in einem roten Kleid auftritt - ganz wie eine Bordsteinschwalbe. Nur dass diese einem zudringlichen Freier die Kehle durchgeschnitten haben soll.
Hinterlistig hat Watson ein Loch in die Dielenbretter seiner Wohnung gebohrt, um in die darunter liegende Wohnung von Holmes spähen zu können. Als er diesmal jenen Duft schnuppert und eine weibliche Stimme von dort vernimmt, linst er hinab: das rot gewandete Weib! Und es tut unaussprechliche Dinge, die die Moral des Beobachters tief erschüttern...
Mein Eindruck
Zunächst las sich die Story recht belanglos, doch allmählich schälte sich ein buchstäblich roter Faden daraus hervor. Die Erzählung gipfelt in jener Szene reinsten Voyeurismus, als Watson Zeuge sexueller Handlungen wird, die sich für eine Dame nicht gehören. Aber was hat dies alles mit Holmes und dem Ripper zu tun, mag sich der Leser fragen. Keine Bange, er sollte bedenken, welche große Fertigkeit der Meisterdetektiv in Sachen Verkleidung bereits an den Tag gelegt hat.
5.) Linda Budinger: Der schwarze Joe
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Eines Tages kommt der Junge Wiggins, Chef des Sherlock Holmes Freikorps' (siehe "Im Zeichen der Vier"), verzweifelt zu Holmes und Watson. Er macht sich große Sorgen um ein neues Mitglied namens Schwarzer Joe, das verschwunden ist. Immerhin weiß er noch, wo der Junge angeblich arbeitet: Seymour Street 22. Doch als er dort fragte, sagte ihm das Personal, es gäbe hier keinen Jungen namens Joe.
Was tun? Holmes schätzt sein Freikorps sehr, hat es ihm doch zuweilen unschätzbare Dienste erwiesen. Wiggins soll sich keine Sorgen mehr machen müssen. Glückwilcherweise steht in der Zeitung vom vorvergangenen Tag etwas über den Bewohner von Seymour St. 22: Mr. Brooke ist aus Indien zurückgekehrt und will Miss Sherman, die Erbin eines Millionenvermögens, heiraten. Okay, aber was hat das mit einem Jungen zu tun, wundert sich Watson.
Holmes stellt ein paar verdeckte Nachforschungen an, bestellt eine Kopfbedeckung und begibt sich mit Watson zur besagten Adresse. Statt eines Jungen finden sie eine schöne junge Dame vor. Als jedoch Wiggins mit der bestellten Kopfbedeckung eintrifft und die Dame diese aufsetzt, fällt es allen wie Schuppen von den Augen...
Mein Eindruck
Einfach wunderbar, diese nette Pointe. Und die Autorin stellt die junge Dame in eine Reihe mit jenen patenten Damen, denen Holmes so wehmütig nachseufzt, insbesondere eine gewisse Irene Adler (aus "Ein Skandal in Böhmen"). Ihre These lautet, dass energische Frauen selbst unter den widrigen viktorianischen Bedingungen große Taten begehen konnten.
Mich hat neben diesem Humor auch die herausragende Sachkenntnis der Autorin beeindruckt. Sie weiß, wie die Großwildjäger in Indien hießen und wie oft im Jahr 1890 die Post in London pro Tag ausgetragen wurden (6-12 Mal!). Dass sie sämtliche Holmes-Erzählungen kennt, darf man natürlich voraussetzen.
6.) Matthias Heyen: Das Geheimnis des Geigers
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Holmes ist entzückt, als ihm Watson zwei Karten für das einzige Konzert entgegenhält, die der Holmes' Ansicht nach geniale russische Geiger und Komponist Leinad (= Daniel) Alexandrow in England geben will. Sie finden sich rechtzeitig in der St. James Hall ein, nehmen ihre Plätze in der Mitte der ersten Reihe ein und harren ungeduldig der ersten Töne des Maestros.
Der begleitende Pianist stößt jedoch beim Setzen so unglücklich an den Konzertflügel, dass dessen Abdeckung den Halt verliert und auf den Korpus herniederknallt, als wäre ein Schuss gefallen. Der Geiger bricht wie getroffen zusammen. Die Vorfreude von Holmes und Watson verwandelt sich schlagartig in Überraschung und dann Bestürzung. Sie hasten zusammen zu dem Bewusstlosen. Watson, der Arzt, stellt dessen Zustand fest und lässt Alexandrow in seine Garderobe bringen.
Holmes bringt die wertvolle Geige des Maestros zu ihm zurück und zupft kurz über die Saiten. Er bemerkt, dass sie nicht gestimmt sind. Er drückt dem wieder zur Besinnung Gekommenen beide Hände und stellt dabei noch etwas Merkwürdiges fest. Dann verabschieden sich er und Watson. Das Konzert wird verschoben.
"Watson, wir werden bald wiederkommen müssen", meint Holmes und Watson fragt nach dem Grund. "Weil wir heute Zeugen eines Verbrechens geworden sind..."
Mein Eindruck
Ich habe bereits einen Hinweis verraten, noch einen werde ich nicht preisgeben. Aber der scharfsinnige Krimikenner kann sich bereits einen Reim auf die Ungereimtheiten machen: Alexandrow ist zweifelsohne nicht er selbst. Es ist eine klassische, kleine Whodunit-Story, die wieder einmal auf Holmes' Fertigkeiten auf der Geige anspielt.
7.) Stefanie Hübner-Raddatz: Der Tote von Belgrave Manor
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Auf Belgrave Manor im abgeschiedenen Dartmoor hat sich ein Todesfall zugetragen: Gregory Belgrave, einer der beiden Söhne des Hausherrn, wurde von einem stumpfen Gegenstand erschlagen. Allerdings war dies am Ufer des nahen Sees und die Stelle ist völlig zertrampelt. Dennoch verdächtigt Scotland Yards Inspektor Gregory den Bruder des Toten des Mordes.
Dieser Ich-Erzähler wendet sich per Telegramm an Dr. Watson, den er noch aus Afghanistan kennt, wo ihm Mr. Belgrave als Sanitätsassistent half. Weil er zunächst von Holmes eine Ablehnung erhält, macht sich Belgrave stante pede sofort auf den Weg zur Baker St. 221B, ohne Inspektor Gregory zu unterrichten. Das macht ihn nur noch verdächtiger. Zum Glück hat Holmes gerade eine Studie über Fingerabdrücke abgeschlossen, dass er endlich Zeit für Belgrave hat.
Kaum hat dieser seinen Fall geschildert, machen sich Holmes, Watson und er auf den Weg zum Tatort. In der Tat ist die Stelle am Seeufer, an der Gregory Belgrave auf rätselhafte Weise zu Tode kam, sehr schwer zu lesen. Doch wenn man alles andere ausgeschlossen hat, muss das, was übrigbleibt, die Wahrheit sein, auch wenn sie noch so unwahrscheinlich erscheint. Und diese Wahrheit beruht auf den Abdrücken von Vierkanthölzern am Rand des Pfades, der zum Seeufer führt...
Mein Eindruck
Ein "starkes" Stück! Wer jemals wie ich die Verfilmung der Episode "Das Rätsel von Boscombe Valley" mit Jeremy Brett (Staffel 3, Folge 4) gesehen hat, wird unangenehm berührt sein von den fatalen Parallelen, die "Der Tote von Belgrave Manor" mit jenem klassischen Fall aufweist. Zumindest alles, was den Tatort anbelangt. Der Rest der Handlung verläuft anders, auch wenn es schon wieder um ein illegitim verliebtes Pärchen und einen unschuldig angeklagten jungen Mann geht. Diese Ähnlichkeiten lassen aber noch nicht auf ein Plagiat schließen. Die Wege der "Inspiration" (oder Transpiration?) sind unerforschlich - es sei denn, sie landen vor Gericht.
Und was nun die Plausibilität des Grundes für den Totschlag oder Unfall des unglückseligen gregory Belgrave angeht, so muss man sich schon sehr anstrengen, um sie nicht einfach banal und lächerlich zu finden. Die Szene könnte in einem Comic über Donald Duck vorkommen, das den Titel "Ermittlung in Entenhausen" trägt.
8.) Dominik Irtenkauf: Holmes und das Abenteuer um den Tintenklecks
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°° °°°
Holmes erhält seltsame Drohbriefe: zwei Zettelchen, auf denen ein "Männchen" ihn warnt, er solle seine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten stecken. Wenig später sind Holmes und Watson gerade in einem Laden im Stadtzentrum, als vor der Tür eine Bombe explodiert, die ein Giftgas freisetzt. Das Gas ist klebrig, schlägt sich am Schaufensterglas nieder und zersetzt die darauf sitzenden Fliegen. Die beiden Freunde sind dem Anschlag durch Holmes' Geistesgegenwart entgangen.
Mehr ereignet sich nicht.
Mein Eindruck
Tja, wieder mal eine der enttäuschenden Holmes-Geschichten von Irtenkauf, die weder Hand noch Fuß haben, sondern lediglich in die Irre führen, genau wie "Holmes und das Elfenfoto". Kein Geheimnis, kein Abenteuer, keine Ermittlung und keine Lösung erfreuen den Leser - Enttäuschung auf ganzer Linie. Es könnte sich allenfalls um ein psychologisches Porträt der Titelfigur handeln, vorgenommen durch seinen Biographen Watson, der kein gutes Haar an ihm lässt. Watson wäre wohl selber gerne Holmes. Und Holmes? Tja, der wäre gerne wieder Holmes und nicht ein Abziehbild, das Watson entworfen hat.
Kaum gelesen, schon vergessen. Schwamm drüber.
9.) Markus Kastenholz: Die brennende Leiche
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Watson liebt es, in der Bäckerei von Mrs. Jammin Brot und dergleichen einzukaufen. Doch als er an diesem Morgen den Laden betritt, hört er nur wilde Schreie des Entsetzens. Sie kommen von Miss Jammins, der ledigen Tochter der Inhaberin. Er eilt nach hinten in die Backstube, um ihr zu helfen. Der Gestank warnt ihn vor. Doch angesichts des grauenhaften Anblicks, der ihn erwartet, bleibt er wie erstarrt stehen: Eine verkohlte Leiche liegt vor dem Backofen, sogar ohne Schädel. Miss Jammin ringt um Fassung und sagt nur: "Mom." Es handelt sich um ihre Mutter.
Watson ruft die Cops und Holmes herbei, denn er geht von einem heimtückischen Verbrechen aus. Der Detektiv betrachtet den Tatort ebenso eingehend wie der bereits anwesende Polizoist, der allerdings keine Ahnung hat, was er tun soll. Holmes hat dafür umso mehr Ahnung. Doch der Schluss, zu dem er nach einer Weile kommt, überrascht Dr. Watson ebenso wie Miss Jammin, die er von jedwedem Verdacht entlastet...
Mein Eindruck
Die in Briefform mitgeteilte Handlung ist kurz und knapp auf zwei Szenen reduziert. Der Autor beweist Sinn für das Wesentliche. Doch dann tischt er uns eine Legende auf, nämlich die von der spontanen Selbstentzündung des menschlichen Körpers, kurz SHC (für Spontaneous Human Combustion), von der seit dem 18. Jahrhundert gemunkelt wird. Sie soll auch Gegenstand medizinischer Untersuchungen und Versuche gewesen sein, die ein Prof. Blauschmidt an der Uni Wien vornahm.
Wie auch immer: Diesen Fall kann Holmes nicht lösen.
10.) Stephan Peters: Ein Fall von Nekrophilie
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Anno 1904. Watson warnt den Leser vor dem Wahnsinn des Falles, den er mit dem jungen Bankangestellten Ozias Midwinter und Holmes erlebte: Holmes erschoss eigenhändig eine Frau! Die Frage ist allerdings, ob sie nicht bereits tot war...
Ozias Midwinter, der Holmes um Hilfe bittet, ist verheiratet, doch als er die bettlägerige Susan auf Anratens des Arztes für einen Aufenthalt im Seebad Brighton verließ, lernte er eine junge Schönheit kennen und lieben. Sie verführte ihn, obwohl ihre Haut kalt war, doch mit ihr genoss er Leidenschaft etc. pp. - auch auf ihrem Grab. "Ein ungewöhnlicher Urlaubsflirt", meint Holmes gelangweilt. Schon, gibt Midwinter zu, aber Nona, wie er die Schönheit nannte, tauchte auch in seiner Londoner Wohnung auf - und ihre schönen blonden Haare auf dem Ehebett forderten Susans Drohung mit Scheidung heraus. Frist: drei Wochen. Diese sind fast um.
Worauf noch warten, fragt Holmes, wir müssen hin! Denn ein Name hat ihn förmlich elektrisiert: Nona ist die Schwester seines Jugendfreundes Victor Trevor aus Norfolk, und er lernte sie vor . Was verschweigt der Detektiv, fragt sich Watson. Doch zusammen mit ihn und Midwinter eilen sie in dessen angeblich leere Wohnung. Doch dort rekelt sich unter den Laken eine nackte junge Frau. Watson kann nicht entscheiden, ob sie lebt oder tot ist: Sie atmet, doch ihr Herz schlägt nicht.
Da zieht Holmes seinen Revolver und feuert auf sie...
Mein Eindruck
Eine wahre Räuberpistole, könnte man sagen. Allerdings mit einem gehörigen Schuss dämonischer Totenliebe. Nona, die Schöne aus dem Totenreich, ist keine Vampirin, sonst würde sie ihren Geliebten Ozias ebenfalls unsterblich machen. Sie ist aber auch kein Sukkubus, denn dann müsste sie ein geisterhafter Dämon sein. "Zombie" scheidet ebenfalls als, denn es gibt keinen, der sie herbeibeschwört - sie kam von selbst.
Dadurch wird sie zu einem interessanten Rätsel. Allerdings passt die Totengeliebte hervorragend in die morbide viktorianische Literaturlandschaft, die der BLITZ-Verlag in der zweibändigen Anthologie "Als ich tot war" dokumentiert hat. Ich hatte schon die Idee, dass "Stephan Peters" das Pseudonym der Herausgeberin sein könnte, aber diesen Autor gibt es offenbar wirklich, wie seine Biografie bezeugt.
11.) Martin Barkawitz: Der ägyptische Gnom
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Ein britischer Ägyptologe wendet sich an Holmes um Hilfe: Sein Kollege wurde ermordet, doch Inspektor Lestrade will es partout für Selbstmord halten. Kann man ja auch verstehen: Der Kollege starb in einem von innen verschlossenen Raum. Ein Locked-Room-Mystery! Holmes ist begeistert und trabt gleich mit Watson im Schlepptau los.
Der Raum im Britischen Museum ist in der Tat wie ebschrieben von innen abgeschlossen, aber irgendjemand hat vergessen, das Oberlicht zu erwähnen, das sich drei Meter über dem Boden befindet. Der Meisterdetektiv nimmt die Leiche des fesselten Ägyptologen in Augenschein, ebenso den Tatort ringsherum. Was er findet, steckt er unauffällig ein.
Dann verkündet: "Der Mann ist ertrunken." Als wäre dies noch nicht genug der Überraschung, meint er, der Täter werde ganz sicher zurückkehren. Angespannt legt man sich auf die Lauer. Und tatsächlich erscheint um Mitternacht der Täter am Oberlicht...
Mein Eindruck
Der Autor ist offensichtlich ein routinierter Profi, denn ohne Umschweife kommt er gleich zur Sache. Dabei hält er den Leser mit verblüffenden Wendungen und Enthüllungen in Atem, dass man neugierig die Seiten umwendet. Feine Sache, das. Wenn die Story nur nicht so kurz wäre!
12.) Christian Schönwetter: Der Fall, den S.H. nicht lösen konnte
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Dylan McHale, heute Chefinspektor bei Scotland Yard, blickt auf jene Zeit zurück, als er vierzehn war und sich, als Kind armer Eltern, gezwungen sah, Botendienste auszuführen. Einer davon war der als Hilfsdetektiv für den berühmten Sherlock Holmes. Der gab ihm einen Auftrag, der eigentlich ganz normal und ziemlich langweilig erschien, sich aber als bemerkenswert erwies. Dylan sollte das Haus von Lord Rathfarnham beobachten, weiter nichts. Und sich vor allem nicht einmischen. Das erweist sich als schwierig.
Dylan legt sich zunächst auf die Lauer und beobachtet. Der junge Lord scheint sehr um seine junge Frau Eleanor besorgt, die in einem Rollstuhl zu sitzen scheint. Diese Beobachtung widerspricht der Information, wonach Lady Eleanor bereits verstorben sei. Neugierig geworden begibt sich Dylan in die Bibliothek, die der Lord und sein Butler soeben verlassen haben. Aber wo ist die Lady?
Zwei Radspuren führen direkt zu einer Bücherwand. Den Öffnungsmechanismus zu finden, ist für einen cleveren Burschen wie Dylan nicht schwer, und im Zimmer hinter den Bücherregalen findet er die Gesuchte. Sie ist seltsam still und reagiert nicht. Als er ihren Schleier herunterzieht, entdeckt er das Gesicht einer Toten.
Leider wird er aber selbst entdeckt, und zwar vom Butler, der mit einem Schürhaken auf ihn losgeht. Da ertönt ein Schrei: Der Lord hat die Wahrheit über seine tote Lady entdeckt. Wer weiß, welche Folgen dies hat...
Mein Eindruck
Es ist sicherlich selten, dass sich ein Oberinspektor der Polizei mit Freude und Zufriedenheit an die Zusammenarbeit mit dem "Beratenden Detektiv" Sherlock Holmes erinnert. Normalerweise herrscht eine gewisse Animosität, besonders auf Seiten von Inspektor Lestrade, der dem Detektiv keinen Triumph gönnt. Aber Dylan McHale hat gut lachen, denn schließlich gibt Holmes selbst zu, dass nicht er den Fall gelöst hat, sondern Dylan. Holmes selbst hätte wegen seiner Anweisung zur Nichteinmischung den Fall nie gelöst. Daher der Titel dieser Geschichte.
Zunächst ist der Text nicht einfach zu lesen, weil es mehrere Seiten lang keinen Dialog gibt, sondern nur Beschreibungen. Ich gebe zu, Dylans Deskription von Holmes einfach überblättert zu haben. Aber der Rest lohnt sich dann.
13.) Klaus-Peter Walter: Sherlock Holmes und der Tote vom Sewer
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Dass sich Inspektor Lestrade in diesem Zustand überhaupt in das Haus Baker Street 221 B traut! Mrs Hudson rümpft die Nase, und Watson und Holmes erst recht. Es ist unüberriechbar, dass sich der Polizist in den untersten Kanälen der großen und stolzen Metropole herumgetrieben hat. Und nicht nur das, stellt Holmes fest: Er stinkt auch nach Brandgeruch. Er gibt Lestrade den Rat, so bald wie möglich alle Kleider, die er am Leibe trägt, zu verbrennen.
Doch was verschafte Lestrade dieses zweifelhafte Vergnügen? Die Zeitung in seiner Jackentasche gibt den Hinweis: "Der Tote im Feuer", steht da. Besagter Toter war der Wärter des Reservoirs, ein einfacher, aber hochgewachsener Bursche, der unter Akromegalie, also Knochenverwachsungen, litt. Lestrade ist hier, um Holmes um Hilfe zu bitte, warum sonst - diesmal droht er eine Wette zu verlieren und bietet dem Detektiv die Hälfte der Wettsumme: stattliche 2,5 Pfund. Holmes ist einverstanden.
Der Tatort ist zertrampelt und gibt nichts her. Die Obduktion des verbrannten Mannes hingegen ist aufschlussreich: Die Knochen sind weiß statt dunkel. Anhand eines Experiments mit Hühnern kann Holmes die Bedeutung dieses Umstandes seinem Freund ohne weiteres erklären: Der Tote wurde vor seiner Ermordung seines Blutes beraubt. Watson staunt: "Vampire in London?"
Mein Eindruck
Der Autor ist bereits als Romanautor von Holmes-Pastiches hervorgetreten und verfügt über gehöriges Selbstbewusstsein. Nicht nur spult er routiniert das fabulöse Garn ab, er erlaubt sich am Schluss sogar kesse Verweise auf einen Roman namens "Der Werwolf von London" und die Entschuldigung, nach 15 Manuskriptseiten müsse die Geschichte nun enden. Obwohl der Mörder noch nicht einmal ermittelt, geschweige denn gestellt ist.
Watson vermutet als Hintergrund einen religiös motivierten Ritualmord, und als erste Verdächtige kommen die Juden infrage. Diese müssen alle Tiere, die sie töten, auch schächten, also ausbluten lassen. Und dies ist ja auch beim Toten vom Sewer der Fall. Aber Holmes weist diese Möglichkeit zurück: Dann müssten die Zeitungen voll von Horrormeldungen über jüdische Untaten sein, was aber nicht der Fall ist. Warum aber ausgerechnet eine Frau dahinterstecken soll, verrät uns der Detektiv nicht. Wie man sieht, verrät die Geschichte eine Menge Humor, ohne jedoch den ernsten Hintergrund - Verdacht gegen Juden - zu überdecken.
14.) Kurt Mühle: Kandelaber-Dessous
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Der Immobilienmakler Barrow liegt erschlagen in der Eingangshalle seiner Villa, die leblosen Augen auf den pompösen Kandelbar gerichtet - oder doch eher auf die zwei weiblichen Dessous, die an dem Lüster hängen? Seine Gattin jedenfalls hat von den Unterstellungen des impertinenten Inspektor Hicks genug und lässt Holmes rufen.
Als Holmes und Watson eintreffen, ist auch der Kompagnon Barrows, ein Mr. Booth, zugegen, denn der wollte ihn sprechen. Die Geschäfte laufen prächtig. Warum also das vorzeitige Ende des armen Mr Barrow? Mrs Barrow dementiert, dass die Dessous ihr gehören. Nein, Miriam, das Hausmädchen, müsse die Besitzerin sein. Doch als das schmächtige Wesen erscheint, ist völlig klar, dass sie die Körbchen nicht im entferntesten ausfüllen könnte. Dafür scheint sie die einzige zu sein, die um den Verblichenen Tränen vergießt.
Doch als man die Tatwaffe, eine Sektflasche, findet, ist auch bald, ein paar Versuchen, der wahre Täter gefunden.
Mein Eindruck
Auch diese Story unterhält und fesselt durch ihre zielstrebige Erzählweise wie auch durch ihren trockenen Humor. Wunderbar sind natürlich die Dessous im Kandelaber, und es wird auch erklärt, wie sie dorthin kamen, aber der Grund dafür - die Ablenkung des Verdachts - will mich nicht so recht überzeugen. Die Dessous wirken wie ein Showeffekt. Nunja, auch ein Schriftsteller muss sich den Applaus seines Publikums verdienen.
15.) Arthur Gordon Wolf: Die blaue Taube
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Jahre der geschäftigen Tätigkeit sind für Holmes endlich vorüber, und Watson denkt, sein Freund würde jetzt endlich mal ausspannen. Doch wie sieht diese Entspannung bei Homes aus? Er jagt Morphium und Kokainlösung in die Venen, um seinen stets nach Aktivität hungernden Geist ruhen lassen zu können. So vergehen der September und der Oktober des Jahres 1901, dem Todesjahr der Königin, in Lethargie. Watson fürchtet, dass dies das Ende für Holmes bedeuten könnte.
Was für ein Glück, dass am 24. Oktober eine neue Archäologieausstellung im Nbritischen Museum eröffnet, die Holmes sofort wieder auf die Beine bringt. Doch bevor er danach wieder ins Loch der Melancholie fallen kann, bittet der Maler- und Stukkateurmeister Joseph Duxberry ihn um seine Hilfe. Der Mann soll in aller Eile das Stadthaus des Kaufmanns William Staplehurst neu streichen. Allerdings gab es kürzlich einen Unfall: Einer der Arbeiter fiel vom Gerüst. Weil aber dessen Leiche nicht auffindbar war, lehne es Scotland Yard ab, sich darum zu kümmern. Inzwischen seien ihm zudem die abergläubischen Arbeiter weggelaufen.
Ein höchst interessanter Fall, der Holmes gleich wieder auf die Beine bringt. Die Inspektion des mutmaßlichen Tatorts fördert mehrere Botschaften zutage: "DIE BLAUE TAUBE FLIEGT IN 2 TAGEN", lautet die eine. Und damit ist in der Gaunersprache offenbar das Bleidach des Hauses gemeint, auf das es die Gauner, die sich in Duxberrys Team eingeschlichen haben, offenbar abgesehen haben. Denn weil sich im Haus Kunstschätze befinden, sind alle Fenster vergittert, außer bei zwei Erkern.
Als sich Holmes bei seiner Hinweissuche auf die Eingangstreppen legt, sieht er aus wie ein betrunkener Penner. Aber sein Ausruf "Holla!" lässt ihn höchst wach und intelligent wirken. Er hat eine zweite Botschaft gefunden, eingeritzt in die Stufen der Treppe. Doch es handelt sich um einen Code, ähnlich wie im Porlock-Brief ("Das Tal der Furcht") oder im Fall der "Tanzenden Männchen". Nur dass dieser Code weitaus verzwickter ist.
Endlich hat Holmes wieder zu tun, freut sich Watson. Zusammen mit den Cops legen sie sich auf die Lauer, um die "blaue Taube" fliegen zu sehen...
Mein Eindruck
Neben Andreas Grubers Erzählung ist diese Novelle die vollendetste in dieser Auswahl. Nicht nur erhalten wir ein Bild von Holmes in seiner größten Depression, sondern im Grunde auch ein Paket aus gleich drei Fällen: der verschwundene Arbeiter, die unbekannten Gauner, die es auf Staplehursts Dach und Kunstschätze abgesehen haben sowie einen Fall, der hier nicht verraten werden darf, um die Pointe nicht zu verderben.
Am technisch eindrucksvollsten ist sicherlich die Entschlüsselung des Codes auf den Treppenstufen. Es handelt sich nicht um die altbekannten Chiffren wie etwa den von Julius Caesar oder um ein Palindrom, nein, dieser Code beruht auf einem Schlüsselwort. Aber wie lautet es, lautet die entscheidende Frage. Da liefert ausgerechnet Watson die geniale Lösung!
16.) Berndt Rieger: Der Dolch
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Es ist der 12. September (1888), als der Bruder von Dr. John Watson, der Ich-Erzähler, abends in seinem Londoner Klub von Voodoo Holmes, dem jüngeren Bruder Sherlocks, um Hilfe in einem mysteriösen Fall gebeten wird. Die Zeitungen haben das Gerücht gemeldet, die österreichische Kaiserin Elisabeth sei am Genfer See ermordet worden und demzufolge sei ganz Wien in totalem Aufruhr. Merkwürdigerweise fand zu etwa der gleichen Tatzeit ein Anschlag auf Sissis Wachsfigurenebenbild bei Madame Tussaud's in London statt: Ein Stilett, ein schmaler Dolch, steckt in der Brust der Figur, genau an jener Stelle wie bei der echten Kaiserin.
Zunächst engagiert Inspektor Maddox natürlich Sherlock, aber dessen Schlussfolgerungen erweisen sich als nicht stichhaltig. Voodoo Holmes jedoch kommt zu wesentlich sinvolleren Zusammenhängen, und Watson ist Augenzeuge. So entdeckt man nicht nur ein Loch im Fenster des Austellungsraum, sondern auch eines im Vorhang vor der Figur. Aus der Verbindungslinie dieser drei Objekte lässt sich das Fenster eruieren, aus dem das fragliche Projektil, das Stilett, abgeschossen wurde.
Aber wie kam dann die arme Sissi zu Tode, fragt sich natürlich jedermann? Doch die entsprechende Theorie gibt Voodoo Holmes nur hinter den Türen des Shay Clubs zum besten und macht dabei seinem Vornamen alle Ehre...
Mein Eindruck
Nun, ich habe schon schlimmere Holmes-Pastichen gelesen, und diese ist wenigstens einigermaßen originell aufgebaut und erzählt. Das Jahr 1888 hatte es offenbar in sich: Nicht nur starb am Genfer See Kaiserin Sissi, sondern in London trieb auch Jack the Ripper sein Unwesen. Diese Ereignisse mit Holmes zu verknüpfen, ist mal leicht, mal schwer, in jedem Fall aber reizvoll. Von Voodoo kann man natürlich halten, was man will.
Die Textform: Schwächen und Fehler
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Im Text finden neben Druck- auch Stil- und Sachfehler. Letztere sind allerdings den Autoren anzulasten. So findet sich auf Seite 14 der Name "Guillermo Renardi". Renardi ist italienisch, keine Frage, aber Guillermo ist spanisch und will nicht so recht zur italienischen Familie Renardi passen. Das italienische Pendant hieße Guglielmo.
Seite 74: "Gemüht" statt "Gemüt".
Seite 84: "White Chapell" statt Whitechapel (verrufenes Viertel von London, um 1888)
Seite 104: "notwenig" statt "notwendig"
Seite 135: Was ist das Präteritum des Verbs "verleiden"? Der Autor meint, es wäre "verlitt", ich meine, es sei "verleidete". Der DUDEN erteilt keine Antwort.
Seite 168: Fataler Rechenfehler in den Lebensdaten einer Figur. Man schreibt das Jahr 1904. Eine Figur sei 1854 gestorben, "also vor etwas über 30 Jahren". Kann ja wohl nicht stimmen.
Seite 171: Selbst ein Shakespeare-Zitat erweist sich als zu schwierig: "vains" statt "veins".
Seite 204: (Fehler des Autors) "Agromegalie" statt "Akromegalie", laut DUDEN Fremdwörterbuch.
Seite 226: "Bethlehem" sei eine "Irrenanstalt im Süden Londons". Das mag ja stimmen, doch allgemein bekannt ist diese Anstalt als Bedlam.
Unterm Strich
°°°°°°°°°°°°°
Für Sherlock-Fans und -Sammler bietet diese Auswahl zumeist professionell gestaltete Fälle, und ich finde die zwei längsten davon sogar ausgezeichnet gelungen. Während "Die blaue Taube" eine erstaunliche Komplexität aufbaut und bewältigt, überrumpelt hingegen Andreas Grubers "Glauben Sie mir, mein Name ist Dr. Watson!" durch seine unerwarteten Wendungen und sein kühnes Grundkonzept. Denkt man ein klein wenig mehr darüber nach, dass Watson im Körper seines Schöpfers steckt, so könnte man dies für eine wunderbare Ironie halten. Denn tatsächlich entsprang ja Watson Doyles Kopf wie weiland Athene ihrem Vater Zeus.
Allerdings gibt es auch ein paar schwächere Beiträge. Der schwächste ist sicherlich der von Dominik Irtenkauf, der nicht nur inhaltlich auf halber Strecke schlappmacht, sondern auch sprachlich durch seine Unsicherheiten verrät, dass ihm dieses historisierende Idiom fremd ist. Fast ebenso schwach fand ich "Der Vorfall", das sich psychologisierend einer abstoßenden Seite des Meisterdetektivs nähert, indem es Holmes sexuellen Narzissmus unterstellt.
Die Herausgeberin hätte die Sach- und Stilfehler der Autoren - siehe oben - korrigieren sollen. Dass sie dies nicht konnte - vielleicht aus Zeitknappheit - ist zum Nachteil des Textes ausgefallen. Wenigstens kostet das Buch nicht exorbitant viel, sondern ist mit knapp zehn Euronen durchaus erschwinglich - sofern man es aufgrund der limitierten Auflage von nur 999 Exemplaren noch findet.
Fazit: vier von fünf Sternen.
Michael Matzer © 2010ff
Info: BLITZ, 2006, Windeck; 302 Seiten; Preis: 9,95 EU; ISBN 978-3-89840-214-2
Fazit: siehe Bericht
Name des Mitglieds: mmatzer
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik




08.08.10
Wow