Sehr geehrter Herr Maggi (Sprenzinger, Jürgen)
Weicher Stuhlgang mit Alete - Sehr geehrter Herr Maggi (Sprenzinger, Jürgen) Belletristik

Erhältlich in: 1 Shop

Kurzbeschreibung: Droemer Knaur, Erscheinungsdatum: 1996; ISBN: 3426730510

 
 

Weicher Stuhlgang mit Alete

Produkt:

Sehr geehrter Herr Maggi (Sprenzinger, Jürgen)

Datum: 04.11.01, geändert am 04.11.01 (1085 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: humorvoll geschrieben, kurzweilige Unterhaltung

Nachteile: nüscht

Vor ein paar Tagen habe ich einen Beitrag gelesen in dem es darum ging, daß der Autor sich eine Tütensuppe zubereitet hat und nicht die versprochenen 2 Teller im Beutel vorfand. Das hat ihn sehr geärgert, schließlich dachte er, daß der Suppe quasi Gratis-Geschirr beiliegt.
Das war von dem Autor natürlich nicht ganz ernst gemeint, aber der Schreibstil erinnerte mich an ein Buch, das ich vor etlichen Jahren zu Weihnachten geschenkt bekommen habe.

Eigentlich ist es kein wirkliches Buch sondern mehr eine Sammlung von Briefen, die der Autor Jürgen Sprenzinger geschrieben hat. Die Adressaten sind Behörden, Politiker, Vereine, Industrie und Prominenz. Die Inhalte zielen auf Aussagen und Versprechen der genannten Empfänger ab und sind in einer naiven und bierernsten Art geschrieben. Er hat diese Briefe verfasst um zu testen, wie beispielsweise Behörden und Industrie auf die Unbedarftheit eines von Werbespots und aktuellen Ereignissen geprügelten Konsumenten reagieren. Die Briefe sind allesamt formell aufgesetzt und beinhalten neben akkurat geschriebenen Briefkopf und handschriftlicher Signatur auf den ersten Blick alles, um von der Seriosität des Inhalts und Verfassers zu überzeugen. Wenn man dann aber die ersten Zeilen oder sogar die Anrede liest wird man schnell stutzig. Da schreibt er Herrn Haribo oder Herrn Pfanni an, um ihnen seine Probleme mit ihren Produkten zu schildern. Zum Beispiel schreibt er den Machern von Red Bull, daß er sich bei einem Sprung aus dem zweiten Stock eines Hauses den Arm gebrochen hat, obwohl er vorher fleißig Red Bull getrunken hat.

Oder er bedankt sich bei dem Herrn Alete, weil seine „Williams Christ Birne“ im Glas für einen schönen weichen Stuhlgang sorgt. Aber auch Politiker müssen dran glauben, und so bittet er 1994 den damaligen Finanzminister Theo Waigel um Rat als es darum geht, seine in jahrelanger Kleinstarbeit zusammengesparten 11845 DM möglichst so gewinnbringend anzulegen, daß mehr als nur 2 oder
3 Prozent Zinsen dabei herausspringen.(Nekromant)Jürgen Sprenzinger fragt bei Bübchen nach, ob ihr Babyöl für die Zubereitung eines Kartoffelsalats geeignet ist; beschwert sich bei Pillsbury, daß seine „Knack und Back“ Brötchen mitsamt der Verpackung im Backofen explodiert seien und in der Küche einen Gesamtschaden von 24 000 DM hinterlassen hätten und schrieb 1996 der französischen Botschaft, sie können seinen Garten für Atombombentests nutzen weil sich die Welt ja so darüber aufregen würde, daß man das Muroroa-Atoll dafür nutzt, sein Garten aber schön nach hinten rausginge und somit für feindliche Spionageflugzeuge nicht einsehbar wäre.

Die Briefe sind herrlich naiv geschrieben, der Satzbau ist grundfalsch und hier und da hat der Autor kleine Rechtschreibfehler eingebaut, die den Lesefluß aber nicht beeinträchtigen. Sprenzinger schweift gerne ab und leitet seine Briefe häufig mit erfundenen familiären Geschichten wie beispielsweise seiner in ständig prügelnden Ehefrau ein. Als Leser weiß man natürlich, daß die geschilderten Probleme an den Haaren herbeigezogen und ausgedacht sind, aber teilweise kommt man schon ins Grübeln und überlegt, ob sich nicht tatsächlich mal jemand gefragt hat, warum Kukident im Mund gelutscht nicht den gewünschten Erfolg erzielt. Dementsprechend sind auch die Antwortschreiben, die teilweise hintersinnig und humorvoll sind, aber manchmal auch erschreckend ernst auf die Beschwerdebriefe und Lobhudeleien Sprenzingers eingehen und somit einige Rückschlüsse auf die Firmenpolitik und die Menschen hinter dem Konzern oder der Behörde zulassen.

Der aufgesetzte Brief und das dazugehörige originale Antwortschreiben sind jeweils gegenüberliegend abgedruckt. Wenn es mal keine Antwort gab, hat der Autor einen eigenen Kommentar verfasst und darüber spekuliert, warum er auf sein Schreiben keine Resonanz bekommen hat. Zwischen den Seiten findet man außerdem Illustrationen von Kurt Klamert, die recht gut zu den Briefen pass
en. Mittlerweile hat der Autor noch einen draufgesetzt und mit „Lieber Meister Proper“ einen Nachfolgeband herausgebracht, der aber bei Weitem nicht so lustig wie das Original ist. Ich habe beim ersten Mal lesen sehr gelacht und kann das Buch jedem ans Herz legen, der sich zuweilen auch von der Werbung oder Politik verschaukelt fühlt. Es war zwar ein Geschenk und somit dürfte ich den Preis eigentlich nicht wissen, aber bei amazon bekommt man den 400 Seiten starken Band mittlerweile für knackige 19,90 DM.

Fazit:

Name des Mitglieds: Nekromant