Schwester Mond (Harrison, Sue)
Ein Frauenschicksal ohne Happy End - Schwester Mond (Harrison, Sue) Belletristik

Neuester Testbericht: ... sie als einziger Mann ihres Stammes beachtet. Als sie endlich nach Jahren des Wartens doch noch zur Frau wird, veranstaltet man ein Fest... mehr

Ein Frauenschicksal ohne Happy End
Schwester Mond (Harrison, Sue)

catmother

Name des Mitglieds: catmother

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Schwester Mond (Harrison, Sue)

Datum: 17.01.05, geändert am 18.01.05 (48 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: gut recherchierte Geschichte, berührende Geschichte, lebendiges Gemälde der Zeit

Nachteile: manchmal deprimierend und grausam

Nachdem ich nun schon den ersten Teil vorgestellt und auch mal überarbeitet habe, möchte ich mich auch dieser Fortsetzung der Geschichte mal widmen und sie in eine ordentliche Form bringen, denn das Buch hat es immerhin verdient.
Mal schauen, wie viel ich davon noch zusammenkriege.


** Die Geschichte **
Die Geschichte beginnt mit dem Ende des ersten Teiles, als Chagak mit ihrem Sohn Samiq und ihrem neuen Mann Kayugh und dessen Sohn Amgigh eine neue Küste gefunden und ein neues Dorf gebaut haben. Ein anderes Paar des Stammes, Grauer Vogel und Blaue Muschel, bekam gerade ihr erstes Kind, eine Tochter. Traditionsgemäß kann der Vater einem Mädchen das Leben verweigern, damit schon bald der wichtigere Sohn geboren werden kann. Doch Kayugh verhindert die Tötung des Kindes, indem er die Kleine für seinen Sohn Amgigh zur Frau fordert.

Jahre später ist aus dem Kind ein verstörtes, schüchternes Mädchen geworden, vom Vater Grauer Vogel und vom spät geborenen Bruder mißhandelt und gedemütigt, und bei jeder Gelegenheit an angereiste Gäste verkauft.
Dem Glauben ihres Volkes nach hat sie keine Seele, denn ihr Vater gab ihr nach der Geburt keinen Namen. Sie spricht nicht, und auch ihre Blutung, das Zeichen für das Frausein, ist nie aufgetreten. Zudem hat sie sich in Samiq verliebt, den sensiblen jungen Jäger, der sie als einziger Mann ihres Stammes beachtet.

Als sie endlich nach Jahren des Wartens doch noch zur Frau wird, veranstaltet man ein Fest, gibt ihr den Namen Niin und sie wird wie versprochen Amgighs Frau.
Dessen Bruder ist darüber sehr betroffen, denn auch er empfand viel für das Mädchen. Doch soll er sowieso zu den Waljägern gehen, um bei den Vorfahren seiner Mutter die Jagd auf Großtiere zu lernen.

Als Niin in den Ulaq von Samgighs Familie zieht und damit den Mißhandlungen ihres Vaters entzogen ist, wird sie selbstbewußter, mutiger, beginnt zu sprechen und schließlich auch ihren Mann zu lieben.
Doch ihr schwächlicher und fauler Bruder Quakan, der sich vom Verkauf des Mädchens an den Meistbietenden gute Einnahmen erhofft hat, überwältigt sie beim Fischfang, zerstört ihr Boot, um ihren Tod vorzutäuschen, vergewaltigt sie und begibt sich mit der jungen Frau auf die Reise zu den Walroßmenschen, wo er sie gegen Waren eintauschen wird.


** Buchkritik **
Dies ist die Fortsetzung des Romans "Vater Himmel, Mutter Erde", den ich schon vor diesem hier besprochen habe.
Ebenso wie der erste aus der Reihe, die noch von einem dritten Teil "Bruder Wind" beendet wird, ist auch dieser hier ebenso gut recherchiert, aber in der Schilderung dieses Frauenschicksals noch deprimierender.
Das harte Los und die unsäglichen Qualen der jungen Heldin der Geschichte im Alaska vor fast 9000 Jahren ist so einfühlsam, eindringlich und bewegend geschrieben, daß man sich nur wünschen kann, unsere weiblichen Vorfahren mögen es in Wirklichkeit einfacher gehabt haben.

Wir erfahren hier viel Interessantes über die Mythen, den Glauben sowie den Alltag der Bewohner der Aleuten. Einem Alltag, in dem es bespielsweise normal ist, daß Frauen als Zeichen der Gastfreundschaft dem Fremden für die Nacht angeboten wird, daß neugeborene Mädchen nichts bedeuten und meist nach der Geburt getötet werden, weil sonst kostbare drei Jahre der jungen Mutter verschwendet werden, in der sie ja Söhne gebären könnte. Beim Lesen dachte ich manchmal, gottseidank bin ich in einer anderen Zeit geboren. Dabei ist es ja aber auch nachvollziehbar, was da so ablief, denn in der Zeit hieß es einfach, fressen oder gefressen werden. Denn nur einer kann überleben, wenn nicht genug Nahrung vorhanden ist oder die Nachkommenschaft gesichert werden muß. Das verursachte eben Mord und Totschlag, um die Art oder den Stamm zu erhalten.
Was die Heldin angesichts ihrer Jugend da an Not, Entbehrung, Überlebenskampf und Schmerzen erleiden muß, geht manchmal schon an die Substanz des Lesers.

Aber die Autorin folgt konsequent der vermutlichen Realität dieser Zeit und das bedeutet, daß es für Frauen kein Happy End gibt. Und doch hatte ich am Ende das Gefühl, dass Niin ihren schweren Weg auf eigene Weise gehen wird.

Dazu bedient sich die Autorin, die für diese Trilogie ganze neun Jahre recherchierte, auch einer sehr detailreichen Sprache, vieler Bilder und Beschreibungen, so daß vor des Lesers Auge die alte Welt und ihre Widrigkeiten tatsächlich auferstehen.

Dem Buch ist übrigens eine Karte der geographischen Gegebenheiten vorangestellt, an der man sich beim Lesen der vielen Namen und Orte orientieren kann. Außerdem gibt es einen Anhang, in dem Fremdworte, Götternamen, Pflanzen oder Gebrauchsgegenstände erklärt werden, deren Namen im Roman auftauchen.


** Mein Fazit **
Dieser historisch angehauchte Abenteuerroman ist ein bildhaftes Geschichtsbuch über die Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner, sehr fesselnd geschrieben, recht spannend, aber vielleicht eher etwas für Frauen


** Die Autorin **
" Harrison hat englische Literatur und die Sprachen der Ureinwohner Amerikas studiert. Auf deutsch sind bereits erschienen: Vater Himmel, Mutter Erde (1993), Schwester Mond (1995), Bruder Wind (1996), Der Gesang des Flusses (1997) und Der Schrei des Windes (1999)." (bol.de)


** Daten **
Verlag Lübbe
erschienen 1996
Taschenbuch 477 Seiten
Preis: DM 14,90 (heute nur noch gebraucht erhältlich)
ISBN 3-4041-2533-9




Fazit: