Schöne neue Welt (Huxley, Aldous)
BIOLOGIE, PSYCHOLOGIE und SEX sind die Instrumente - Stabilität ist das Ziel - Schöne neue Welt (Huxley, Aldous) Belletristik

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Kurzbeschreibung: Fischer Taschenbuch Verlag

 
 

BIOLOGIE, PSYCHOLOGIE und SEX sind die Instrumente - Stabilität ist das Ziel

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Schöne neue Welt (Huxley, Aldous)

Datum: 20.09.00, geändert am 06.11.01 (6791 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Erweitert den geistigen Horizont

Nachteile: Falscher Ort der Handlung

BIOLOGIE, PSYCHOLOGIE UND SEX SIND DIE INSTRUMENTE – STABILITÄT IST DAS ZIEL


„Gebt mir ein Dutzend gesunde Kinder und ich mache aus ihnen, was ich will!“ (Watson, behavioristischer Psychologe, USA)



1. GLIEDERUNG DER MEINUNG


1. Gliederung der Meinung

2. Über den Autor

3. Das Buch

4. Vorbemerkung

5. Die „Klassische Konditionierung“ (KK) – Eine kurze Einführung

6. Die „Klassische Konditionierung“ (KK) – Das Verfahren

7. Kleines Lexikon zu „Schöne neue Welt“

8. Utopia – Die schöne neue Welt: Gemeinschaftlichkeit – Einheitlichkeit - Beständigkeit

9. Schlußbemerkung

10.Weiterführende Literatur



2. ÜBER DEN AUTOR

Aldous Leonhard Huxley wurde am 26.07.1894 als Sohn einer angesehenen Gelehrtenfamilie in Goldalming/Surrey geboren. Sein Großvater, Thomas Henry Huxley (1825 – 1895), war ein Vorkämpfer der Evolutionslehre und verfaßte wissenschaftliche Bücher. Aldous‘ Bruder Sir Julian Sorell Huxley arbeitete als anerkannter Zoologe und wirkte ebenfalls als Schriftsteller („Zur Theorie der natürlichen Auslese“).

A.L. Huxley studierte in Eton und Oxford zuerst Medizin. Aufgrund einer schweren Augenkrankheit mußte er dieses Studium abbrechen und studierte dann Literatur. Später wurde er Dozent für englische Literatur in Oxford. Nach dem 1. Weltkrieg arbeitete er bis 1921 als Journalist und Kunstkritiker. 1931 schrieb er den Roman „Schöne neue Welt“, welcher schon 1932 in die deutsche Sprache übersetzt wurde; 1938 verlegte er seinen Wohnsitz nach Kalifornien.

In Hollywood geriet er unter den Einfluß des Mönchs Suami Prabhavananda vom Ramakrischna-Orden und gründete einen hinduistischen Kreis, dem später unter anderem auch Charlie Chaplin und Greta Garbo angehörten.

H. war ein entschiedener A
ntikommunist, Antifaschist und Antikapitalist; auch lehnte er die Psychoanalyse (Freud) ab. Von den Schriftstellern verlangte er fundierte naturwissenschaftliche Grundkenntnisse, einen Anspruch, dem er selbst folgte, nicht zuletzt mit „Schöne neue Welt“.

Die Ergebnisse seiner Selbstversuche mit Drogen (wie Ernst Jünger) hat er in zwei Büchern niedergeschrieben:
- „Die Pforten der Wahrnehmung“, hier beschreibt er die indianische Droge Meskalin
- „Himmel und Hölle“, hier äußert er sich zu Hypnose und Drogen

Ein weiteres utopisches Werk aus der Feder von Huxley ist der Roman „Affe und Wesen“ („Ape and Essence“), der eine Restmenscheit im Jahre 2100 nach einem Atomkrieg beschreibt. Darüber hinaus hat er sich in vielen Büchern und Abhandlungen mit religiösen Fragen beschäftigt.

Aldous Leonhard Huxley starb am 22.11.1963 in Hollywood.



3. DAS BUCH

Das hier besprochene Buch (258 Seiten, 18 Kapitel) erschien im Mai 1994, 1601. – 1640. tausendste Auflage, ungekürzt, in der Übersetzung von Herberth E. Herlitschka, beim Fischer Taschenbuch Verlag GmbH; ISBN: 3-596-20026-1

Als Besonderheit zu dieser deutschen Ausgabe ist zu bemerken, daß der Übersetzer die Handlung von England nach Deutschland verlegt hat. Ebenfalls sind hier andere Namen als im engl. Original zu finden (z.B. Sigmund statt Bernhard, Päppler statt Foster). Zur Begründung führt H.E.H. an, bei einem utopischen Roman sei die Handlung ortsungebunden.

So ganz bin ich damit nicht einverstanden. Huxley war für seine beißende Kritik, die zwischen Satire und Häme schwankte, an der englischen Oberschicht bekannt. Insbesondere deren Dekadenz und „Pseudokultur“ erregten seinen Widerspruch. Diese Distanz zum Verhalten der britischen Schicki-Micki-Szene spiegelt sich auch in „Schöne neue Welt“ wieder, wenn Huxley das dortige (dekadente) Sexualleben schildert
und die oberflächliche Kultur beschreibt. Dem Gesamtverständnis des Werkes ist meines Erachtens demnach die Verlegung an einen anderen Schauplatz nicht dienlich.



4. VORBEMERKUNGEN

Huxley prophezeite der Menschheit entweder „eine Anzahl nationaler...Totalitarismen...oder ein(en) übernationale(n) Totalitarismus, hervorgerufen durch das soziale Chaos...und (der) sich aus dem Bedürfnis nach...Stabilität zur Wohlfahrtstyrannei Utopias entwickeln wird.“

Geht er zur Zeit der Entstehung des Romans, 1932, von einer Zeitspanne von ca. 600 Jahren aus bis dieses Stadium erreicht wird, hat er 1946 hierfür maximal noch 100 Jahre (= 2046) angesetzt. Die Ursache für diese Entwicklung sah er in den zwangsläufigen Vorgängen „in einer Wirtschaft der Massenproduktion und (bei) einer vorwiegend besitzlosen Bevölkerung“, die stets gesellschaftliche Unordnung bewirkten. Damit diese Gefahr der sozialen Unruhe (aus der Sicht der Machthaber) kontrolliert werden kann, „muß es zu Zentralisierung und verstärkter Kontrolle durch die Regierungen (Herrschenden) kommen". Eine Verhinderung dieser Entwicklung sah er nur in einer weitgehenden Dezentralisierung von Macht und Wirtschaft, die dadurch wieder unter die Kontrolle der Menschen gelangten.

Seine Schreckensvision erkannte eine neue, nicht brutale oder mit plumpen Unterdrückungsmechanismen arbeitende Form der (zukünftigen) Diktatur. Nicht mehr Verfolgungen oder Repressalien herkömmlicher Art würden bei sozialen Unruhen und „Reibungen“ eingesetzt.

Vielmehr würde das Problem, „wie man Menschen dahin bringt, ihr Sklaventum zu lieben“ und das Problem, „wie politische Machthaber und ihre Manager eine Bevölkerung...(so) beherrsch(t)en“, daß diese „zu gar nichts mehr gezwungen zu werden braucht, weil sie ihre Sklaverei lieben“ mit völlig neuen Methoden erreicht. Diese Liebe zum System wird ihnen von „Zeitungsre
dakteuren und Schullehrern“ beigebracht, unter anderem durch Suggestion „und Konditionieren“.



5. DIE „KLASSISCHE KONDITIONIERUNG“ (KK) – EINE KURZE EINFÜHRUNG

In „Schöne neue Welt“ werden von Huxley sachkundig und ausreichend die biologischen Methoden zur Menschennormierung beschrieben. Deren Folgen auf den menschlichen Organismus sind bekannt und bedürfen keiner weiteren Erläuterung.

Die KK wird im Roman, obwohl eine der wesentlichen Grundlagen gesellschaftlicher Stabilität in Utopia, nur gestreift, umfassende oder auch nur hinreichende Beschreibungen finden sich dort nicht. Hierbei muß man berücksichtigen, daß die KK sich damals erst in der wissenschaftlichen Aufbauphase befand, wenngleich auch einige bis heute gültigen Versuchsreihen bereits durchgeführt waren. Die eigentliche Verbreitung dieser Psychologieschule erfolgte mit dem Aufkommen subtiler Propaganda und marktstrategisch angelegter Werbefeldzügen unserer Tage.

Warum wird Propaganda/Werbung gemacht? – Weil sie wirkt. Welches ist die wirkungsvollste Propaganda/Werbung? – Solche, die nicht als Propaganda/Werbung erkannt wird. Warum wird diese Art von Propaganda/Werbung nicht erkannt? – Nun, weil die Adressaten dieser Propaganda/Werbung, seien das nun Einzelpersonen, ausgesuchte Zielgruppen oder ganze Völker, u.a. über die psychologische Methode der KK manipuliert wurden.

Die Klassische Konditionierung ist nur eine von vielen (psychologischen) Möglichkeiten zur Steuerung menschlichen Verhaltens. Sie ist jedoch die hinterhältigste und zugleich wirkungsvollste, weil sie die Menschen über angeborene Verhaltensweisen steuert. Über die KK kann man mit einfachsten Mitteln das Verhalten ändern, ohne auf die Mitwirkung der Zielperson/der Zielgruppe angewiesen zu sein. Oder anders gesagt: Der Mensch wird von seinen Trieben und Gefühlen beherrscht; wer diese steuern kann, macht sich den Menschen zum
Sklaven, ohne daß es bemerkt wird.



6. DIE „KLASSISCHE KONDITIONIERUNG“ (KK) – DAS VERFAHREN

Das „Klassische Konditionieren“ ist eine (behavioristische) Lernmethode, die über Zuordnung von Reizen zu angeborenen Reaktionen, den Menschen zu dem gewünschten Verhalten bringt (zwingt).

Der Pawlowsche Hund:

Das pawlowsche Experiment ist nicht nur wegen seiner Erkenntnisse von Bedeutung. Huxley selbst verweist in „Schöne neue Welt“ indirekt hierauf. So liegt das Entkorkungszimmer im gleichen Gebäude wie die „Kleinkinderbewahrungsanstalt. Neo-Pawlowsche Norminierungssäle“

Der Psychologe Pawlow beobachtete (1904) das Verhalten eines Hundes bei der Nahrungsaufnahme. Ihm fiel auf, daß der Hund schon Speichel absonderte, sobald dieser das Futter erblickte.

P. überlegte, ob es möglich wäre, diese angeborene Reaktion (Absonderung von Speichel) auch unter anderen Bedingungen auszulösen. So läutete er jetzt während der Fütterung jedesmal eine kleine Glocke. Am Ende des Experimentes setzte der Speichelfluß beim Hund auch dann ein, wenn ausschließlich die Glocke erklang. Allerdings hielt dieses neue, erlernte Verhalten nicht unbegrenzt an. Nach einiger Zeit unterblieb es, Speichel wurde beim Glockengeläut nicht mehr abgesondert. Erst als wieder zusätzlich Futter gereicht wurde, setzte die angeborene Reaktion erneut ein. Dann aber kam es wieder zum erlernten Verhalten, auch wenn lediglich die Glocke ertönte.

Dieser Versuch beinhaltet den typischen Ablauf einer KK:

- an einen natürlichen Reiz (Futter) wird zunächst ein neutraler Reiz gekoppelt (ein neutraler Reiz - hier: Glockenläuten - ist ein solcher, der nicht das ursprüngliche an den „richtigen“ Reiz gebundene Verhalten – hier: Speichelfluß - auslöst)

- es setzt die Wiederholungsphase ein (neutraler Reiz wird immer wieder zusammen mit dem natürlichen Reiz präsentiert) >
- letztendlich wird aus dem neutralen Reiz (Glockengeläute) ein „erlernter“ Reiz, der dasselbe Verhalten (Speichelfluß) auslöst, wie der natürliche Reiz (Futter)

Weitere Experimente ergaben, daß sich der stärkere Reiz immer durchsetzt (z.B. Lärm = Angst/Todesangst verdrängt bunte Farben = angenehmes Gefühl/Freude).

In dem Roman treffen wir im zweiten Kapitel auf dieses Lernverfahren. Den Deltas wird dort (u.a. aus wirtschaftlichen Gründen) der Haß auf Blumen und Bücher anerzogen.

(Zur Klarstellung: Dort werden die Kinder zusätzlich mit Elektroschlägen behandelt; das ist aber keine Methode der KK, sondern gehört zum sogenannten „Operanten Konditionieren“.)

In einem Normierungssaal werden acht Monate alte Kinder mit bunten Kinderbüchern und duftenden Rosen in Berührung gebracht. Unter „freudigem Lallen und aufgeregtem Schreien“ streckten diese begierig ihre Hände nach den Büchern und Blumen, berührten und ergriffen diese. In diesem Moment läßt die Oberpflegerin einen heftigen Knall ertönen, Alarmsirenen schrillen, laut Sirenen heulen. Die Kinder erschreckten sich enorm und fangen zu schreien und zu heulen an. Das Verfahren wird zweihundert Mal wiederholt. Nach Abschluß dieser Behandlung fangen die Kinder schon beim bloßen Anblick von Büchern und Blumen entsetzlich an zu schreien und versuchen deren Anblick zu entweichen.

Auch hier finden wir – wie im Hundeexperiment – die typische Vorgehensweise bei der KK:

- an einen natürlichen Reiz (Lärm) wird zunächst ein neutraler Reiz gekoppelt (ein neutraler Reiz - hier: bunte Bücher und farbige Blumen - ist ein solcher, der nicht das ursprüngliche an den „richtigen“ Reiz gebundene Verhalten – hier: Schreien/Angst - auslöst)

- es setzt die Wiederholungsphase ein (neutraler Reiz wird immer wieder zusammen mit dem natürlichen Reiz präsentiert)

- letztendlich wird aus dem neutralen Reiz (b
unte Bücher und farbige Blumen) ein „erlernter“ Reiz, der dasselbe Verhalten (Schreien/Angst) auslöst, wie der natürliche Reiz (Lärm)

Die Kinder haben somit gelernt, vor Büchern und Blumen Angst zu haben.


------------- Einschub ------------------------------------
In unserem heutigen Alltagsleben – und hier zeigt sich das Visionäre bei Huxley – finden wir die Anwendungsgebiete der KK in der Propaganda und, wie bereits erwähnt, vor allem auch in der Werbung. Bedenkt man die Erkenntnisse aus den beschriebenen Experimenten, erklärt sich leicht die Präsentation von leicht bekleideten Frauen in den Werbesendungen.

Zielgruppe sind hier die Männer (da diese im Regelfall über das höhere Einkommen verfügen). Die spärlich bekleidete Frau (natürlicher Reiz) löst beim Mann ein angenehmes Gefühl/sexuelles Verlangen (angeborenes Verhalten) aus. Der „Witz“ ist nun, daß dieses Gefühl/Verlangen auf ein Verkaufsobjekt übertragen wird (einem Objekt, bei dem diese Gefühle üblicherweise nicht auftreten), z.B. einem Auto.

Die Automarke (neutraler Reiz) wird immer (Wiederholungsphase) in Verbindung mit Frauen (natürlicher Reiz) vorgestellt. Sieht der Mann nach Abschluß der erfolgreich durchgeführten Klassischen Konditionierung die beworbene Automarke, breitet sich in ihm ein angenehmes Gefühl, günstigstenfalls sexuelles Verlangen aus. Der Mann wird sich das Auto kaufen. Einfach, aber wirkungsvoll (wenngleich die Reiz-Reaktions-Abläufe in diesem Fall nur sehr verkürzt dargestellt wurden; zum grundsätzlichen Verständnis müßte es aber genügen).

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Es versteht sich beinahe von selbst, daß hier nur ein grober Überblick über die Methode der KK gegeben werden konnte. Das Betätigungsfeld ist endlos, viele Einsatzgebiete sind denk- und machbar. So kann Menschen natürlich auch Haß- und Angstgefühle gegen Einzelpersonen, (politischen) Person
engruppen, ja selbst gegen ganze Völker und Rassen anerzogen werden, so wie die Delta-Kinder in „Schöne neue Welt“ lernten, Blumen und Bücher zu fürchten.



7. KLEINES LEXIKON ZU „Schöne neue Welt“

Bokanowskyverfahren =
über mehr oder weniger stark abgestufte Unterbrechungen des embryonalen Entwicklungsprozesses durch Sauerstoffentzug, Alkoholbeimischung, Nährstoffsteuerung, Bakterien und Chemikalien werden biologisch die Kastenzugehörigkeit der Menschen festgelegt

Hypnopädie =
eine Form der Suggestion; Prinzip der Schlafschulungen; Einflüsterung während des Schlafes; wurde in Utopia erstmals 214 n.F. angewandt zur Verhaltenssteuerung und Schärfung des jeweiligen Kastenbewußtseins; Dauer: 12 Jahre

Normierung =
Festlegung auf eine bestimmte Kaste mit typischem Kastenverhalten durch biologische und psychologische Verfahren

Malthusischer Drill =
wird z.B. bei fruchtbaren Frauen vom zwölften bis zum siebzehnten Lebensjahr 3x wöchentlich durchgeführt, um den Gebrauch von Verhütungsmitteln anzuerziehen

Die Abtreibungsklinik =
sollte es bei den nicht sterilisierten Frauen zu einer (verbotenen) Schwangerschaft kommen, steht die Klinik für Abtreibungen zur Verfügung; das Gebäude ist ein rosafarbener Glasturm, der jeden Diensttag und Freitag angestrahlt wird

Moribundenklinik =
eine Sterbeanstalt (Hospiz), in der die Menschen unter angenehmen Bedingungen in den Tod begleitet werden; dient auch zum Aberziehen der Todesangst bei Kindern; Normung erfolgt durch Gewöhnung an den Tod

Ektogenese =
Verfahren, um die Menschen vor „gräßlichen“ Gefühlen zu bewahren; gräßliche Gefühle sind solche, die innere Konflikte bereiten wie z.B. wahre Liebe, Liebeskummer, Eifersucht, persönliches Glück statt gemeinsam erlebtes Glück

Soma =
Gesellschaftsdroge, die im Auftrag des Weltaufsichtsrates von 2000 Pharmakologen und Biotechnikern entwick
elt wurde; kann über mehrere Tage wirken; Wirkung: euphorisierend, narkotisierend, ruft Halluzinationen hervor; Einsatz gegen Ängste und Hemmungen

Duftorgel =
ein Geruchsinstrument, welches fein auf einander abgestimmte Aromen in genau dosierten Mengen nach einer einer Musikkomposition ähnelten Reihenfolge verströmt; im Anschluß ertönt Beifall

Fühlkino =
ein Ort, in dem „Super-Stereo-Ton-Farben-Fühl-Filme“ unter Begleitung von Duftorgeln vorgeführt werden; über Metallknöpfe werden das Gehirn, die Haut und die erogenen Zonen simultan zum Filmgeschehen stimuliert

Synthetofon =
Lautsprecheranlage, über welche die Menschen bei Bedarf mit beruhigenden Worten berieselt werden;

Sexualhormonkaugummi =
dient der (dauerhaften) sexuellen Stimulanz; soll im lustlosen Zustand sexuelle Erregung hervorrufen

TLE-Behandlung =
„Tolle-Leidenschaft-Ersatz“, Voraussetzung für vollkommene Gesundheit; Verfahren zur Anregung der Adrenalindrüsen

Panglandulin =
Ein Drüsennährzwieback; auch als Keks verfügbar

Pneumatisch =
wird meist als anerkennende und wohlwollende Bezeichnung für weibliche Formen gebraucht

Der „Große Henry“ =
die Singhallenturmuhr, verkündet stündlich aus Goldtrompeten die Zeit; pro volle Stunde ertönt das Wort „Ford“



8. UTOPIA – Die schöne neue Welt: Gemeinschaftlichkeit – Einheitlichkeit - Beständigkeit

Zu Beginn des Romans führt uns Huxley in das Gebäude der Brut- und Normierungsanstalt. Hier werden die gesellschaftlichen Grundlagen des Weltstaates Utopia geschaffen. Regiert von dem zehnköpfigen Weltaufsichtsrat, leben im Jahre 632 n.F. (nach Ford) 2 Millionen Menschen in einer Wohlstandsdiktatur, in der Krankheiten, Seuchen, Kriege und Versorgungsmangel unbekannt sind. Äußerliche Alterungserscheinungen im herkömmlichen Sinne wurden überwunden. Die Utopianer werden durch verschiede
ne medizinische Verfahren künstlich auf der biologischen Stufe von Dreißigjährigen gehalten bis sie im sechzigsten Lebensjahr sterben.

Die schöne neue Welt ist hygienisch rein. Sterile Sauberkeit gilt als Ausdruck höchster Form von Zivilisation. Die Ungeziefer wurden schon vor mehreren hundert Jahren ausgerottet.

Etwa ein Drittel der Bevölkerung lebt in ländlichen Gebieten, wobei ein Dorf jeweils in einem riesigen Hochhaus, einschließlich der Stallungen, untergebracht ist. Die Städter bewohnen ebenfalls farbige Riesenhochhäuser, welche - wie die Arbeitsstätten - hunderte von Stockwerken vorweisen können.

In der Brut- und Normierungsanstalt werden über das Bokanowskyverfahren, die Hauptstütze der Gesellschaft und wesentlicher Bestandteil zur Sicherung der Stabilität, die Menschen biologisch den fünf verschiedenen Kasten zugeordnet:

- die Alpha-Kaste:
ist die oberste Führungskaste; Angehörige der Kaste sind überdurchschnittlich intelligent

- die Beta-Kaste:
die zweite Führungskaste; ihre Mitglieder sind von hoher Intelligenz

- die Gamma-Kaste:
oberste der drei unteren Kasten; mäßig intelligente Menschen üben niedere Tätigkeiten aus, tragen teilweise aber auch mittlere Verantwortung

- die Delta-Kaste:
vorletzte Kaste; dumm, schon eingeschränkter Sprachschatz

- die Epsilon-Kaste:
die Angehörigen der untersten Kaste verrichten die niedrigsten Tätigkeiten, sie sind Halbidioten, die weder Lesen noch Schreiben können und verfügen kaum noch über ein Sprachvermögen


Eltern oder Familien gibt es nicht mehr. Die Embryos werden in Flaschen gezüchtet und dort auf Vorrat gehalten. Die Kinder erzieht man in Gemeinschaftssälen und füttert sie maschinell mit pasteurisierten Lösungen. Begriffe wie Vater und Mutter führen bei den Bewohnern Utopias zu schallendem Gelächter. Der Gedanke an Geburten erzeugt große Scham und Ekelgefühle.

Neben dem biologisch-chemischen Bokanows
kyverfahren erfolgt die Normung über die Hypnopädie, mittels Ektogenese, malthusischem Drill und Konditionierung. Normung bedeutet aber weit mehr als die Zuordnung zu einer Kaste. Genauso wird Konsumverhalten, Sexualverhalten und Gefühlsvermeidung angezogen.

Gefühlsvermeidung heißt in erster Linie das Aufkommen von „gräßlichen“ Gefühlen (z.B. Liebeskummer, Eifersucht, Trauer, tief empfundene Freude und andere individuelle Gefühle) zu verhindern.

Nach der Normierung sollte keiner in der Lage sein, etwas anderes zu tun und zu fühlen, als das, was er tun und fühlen soll.

Doch obwohl bereits seit dem frühsten embryonalen Stadium die Normung einsetzt, kommt es hin und wieder – wenn meistens nur für Augenblicke – zu abweichendem Verhalten und zu unerwünschten Gefühlen. Zur Korrektur und Wiederherstellung der inneren und gesellschaftlichen Stabilität dient dann die Droge Soma, welche kostenlos in großen Mengen zur Verfügung steht und ständig von den Bewohnern mitgeführt wird. Notfalls greift die Polizei ein und versprüht Soma mit ihren Waffen oder setzt, wenn auch das nicht mehr hilft, Betäubungswaffen ein. Völlig „uneinsichtige“ Menschen kommen in die Verbannung auf abgelegene Inseln.

Wir treffen in dem Normierungsgebäude auch auf zwei Hauptfiguren des Romans, den Psychologen Sigmund Marx und die Pflegerin Lenina Braun.

Sigmund ist ein hoch intelligenter Alpha-plus Mann, der aber aufgrund eines Fehlers bei der biologischen Normierung – versehentlich erhielt er eine Dosis Alkohol – von der körperlichen Erscheinung her einem Angehörigen der unteren Kasten ähnelt. Er muß ständig um Anerkennung nicht nur bei seinen, sondern auch bei den tiefer stehenden Kastenmitgliedern kämpfen und leidet deshalb unter Minderwertigkeitskomplexen. Sexuell ist er gehemmt und steht wegen seines zurückhaltenden Geschlechtslebens bei Kollegen und Vorgesetzten in der Kritik. Er mag Lenina. Zugleich leidet
er aber auch an ihr, weil sie so normal ist, also vollkommen im Einklang mit den gesellschaftlichen Spielregeln lebt.

Lenina Braun ist nicht sterilisiert, hat rotblondes Haar und eine sehr „pneumatische“ Figur. Sie ist deswegen sehr beliebt und wird häufig von den Männern zu sexuellen Vergnügungen gebeten, die sie nur allzu gern annimmt. Lenina mag zum Erstaunen anderer Sigmund; sie findet in „drollig“ und lobt seine aufreizenden Schulterbewegungen. Jedoch bemängelt sie an ihm seine Zurückhaltung, seinen „krankhaften Trieb, nichts in der Öffentlichkeit zu tun“. Seine Scheu vor Öffentlichkeit stößt bei ihr auf Unverständnis. Als er ihr seinen Wunsch nach richtigen Gefühlen und Selbständigkeit offenbart, ist sie über diese Blasphemie entsetzt.

Blasphemisch ist Sigmunds Verhalten, weil er sich mit seinem eingeschränkten Sexualleben außerhalb der Gemeinschaft stellt. „Jedermann ist seines Nächsten Eigentum“ ist ein Schlafmerksatz, der schon kleinsten Kindern immer und immer wieder eingetrichtert wird.
Das beinhaltet auch - zur Stärkung der Gemeinschaft - uneingeschränkte sexuelle Verfügbarkeit und häufigen Partnerwechsel. Kinder, die kein Verlangen nach Lustspielen mit ihren Altersgenossen haben, werden der psychologischen Aufsicht unterstellt. Diese untersucht die betroffenen Kinder dann auf Abnormitäten.

Gemeinschaftlichkeit wird nicht nur über die Sexualität hergestellt. Die globale Einheitssprache ist ebenfalls ein Ausdruck davon. Gemeinschaftlichkeit heißt aber auch, daß alle unterschiedslos am totalen Luxus teilhaben und jeden Kastenangehörigen gleichermaßen der Zugang zu den materiellen Gütern offensteht.

Ebenfalls steht die gesamte Unterhaltungspalette jeder Kaste zur Verfügung: Elektromagnetisches Golf, Hindernisgolf, Rolltreppenkegeln und Riemannisches Feldtennis spielen die unteren Kasten ebenso wie die Führungsschichten, wenngleich auch nie gemeinsam.

Trotz der
Kastentrennung und scharf abgegrenzten Aufgabenteilung gibt es keinen Neid zwischen den verschiedenen Kasten. Von Kindesbeinen an ist allen das Einsehen in die Existenzberechtigung aller angenormt worden.

Hinzu kommt ein breitgefächertes, vom Staat und den Wirtschaftsmanagern organisiertes Urlaubs- und Reiseangebot. Alle Regionen der Welt können kurzfristig mit Raketen und Hubschraubern schnellstmöglichst bereist werden. Die Urlaubsgebiete sind oftmals verschwenderisch ausgestaltet und bieten jeden erdenklichen Komfort.


Und eines Tages nimmt Lenina aus Abenteuerlust eine Einladung von Sigmund zu einem Urlaub der besonderen Art an. Sie fliegen gemeinsam in das Reservat...


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„Je mehr sich politische und wirtschaftliche Freiheit verringern, desto mehr pflegt sich die sexuelle Freiheit kompensatorisch auszuweiten. In Verbindung mit der Freiheit des Tagträumens unter dem Einfluß vom Rauschmitteln, Filmen und Rundfunk wird die sexuelle Freiheit dazu beitragen...Untertanen mit der Sklaverei, die ihr Los ist, auszusöhnen.“ (Aldous Huxley)
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9. SCHLUSSBEMERKUNG

Vieles wird in dieser Meinung angesprochen, doch längst nicht alles. Es wäre kein Problem gewesen, diese Meinung auf 50 Seiten zu erweitern. Doch was gäbe es dann für Euch noch zu entdecken? Diese Meinung befaßt sich hauptsächlich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in Utopia und den Fragen der Manipulation von Menschen. Aber selbst hier werden nur Ausschnitte gezeigt. Die Handlung wird, wenn überhaupt, nur angedeutet. Die Religion, der 9jährige Krieg und Personen wie der Weltaufsichtsrat für Westeuropa Mustafa Mannesmann erfahren keine nähere Betrachtung.

Der utopische Roman „Schöne neue Welt“ arbeitet auf unterschiedlichen Ebenen. Diese erschließen sich den Leserinnen und Lesern, je nach ihrem
Empfängerhorizont und Bildungsstand, in mehr oder weniger starkem Umfang. Für einige mag er zur Kategorie der gehobenen Unterhaltungsliteratur gehören. Wieder andere werden hier auch ein wissenschaftliches Werk erkennen. Lesenswert ist „Schöne neue Welt“ auf jeden Fall.

Sie fliegen gemeinsam in das Reservat...


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„Groß ist die Wahrheit, größer aber, vom praktischen Gesichtspunkt, ist das Verschweigen der Wahrheit. Indem...Propagandisten gewisse Dinge nicht erwähn(t)en...beeinfluß(t)en sie die öffentliche Meinung viel wirksamer...“(Aldous Huxley)
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10. WEITERFÜHRENDE LITERATUR

„Wiedersehen mit der schönen neuen Welt“ („Brave World Revisited“), Aldous Huxley, geschrieben 1959, erschienen 1987 im Piper & Co Verlag, München, ISBN 3-492-02194-8;

Dort sind folgende Kapitel besonders interessant:

- Propaganda in einer Demokratie
- Die Kunst des Verkaufens
- Unbewußte Beeinflussung
- Hypnopädie

Leseprobe:

„Vielleicht sind die Mächte, die heute die Freiheit bedrohen, zu stark, als daß ihnen sehr lange Widerstand geleistet werden könnte. Es ist dennoch unsere Pflicht, alles, was in unseren Kräften steht, zu tun, um ihnen Widerstand zu leisten. Aldous Huxley.“
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„Die Pforten der Wahrnehmung – Himmel und Hölle“, Aldous Huxley, Serie Piper 6, 134 Seiten, in Deutschland dort 1984 erschienen; hier sind die beiden Bücher zu H’s Drogenerfahrung in einem Band zusammengefaßt worden.
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„Psychologie der Massen“, Gustave Le Bon, frz. Arzt, 1841 – 1931, Alfred-Körner-Verlag, Stuttgart, Taschenbuch, ca. 160 Seiten, ISBN 3-520-09915-2; Le Bon gilt als Begründer der Massenpsychologie. Er vertritt u.a. die Auffassung, daß der Einzelne in
der Masse auf die Stufe kindlicher Kritikfähigkeit herabsinkt und deshalb Massen sehr leicht manipulierbar sind.
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„Gesammelte Abhandlungen – Über tierisches und menschliches Verhalten“, Band I, überarbeitete Ausgabe, Konrad Lorenz, geschrieben 1965, Piper & Co Verlag, München, 1974, ISBN 3-492-01385-6; hier schildert der Nobelpreisträger u.a. sein berühmt gewordenes Experiment mit Gänsen.
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„Verhaltenslehre – Materialien für den Sekundarbereich II, Biologie“, Gerhard Hornung/Wolfgang Miram, Schroedel Schulbuchverlag GmbH, 1987, Hannover, ISBN 3-507-10522-5; enthält auch Grundzüge zur Zwillingsforschung
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Fazit:

Name des Mitglieds: streckerzwo