Relax (Hennig von Lange, Alexa)
Erste Sahne Persönlichkeitsspaltung - Relax (Hennig von Lange, Alexa) Belletristik

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Kurzbeschreibung: Rowohlt Taschenbuch Verlag

 
 

Erste Sahne Persönlichkeitsspaltun g

Produkt:

Relax (Hennig von Lange, Alexa)

Datum: 28.12.03, geändert am 28.12.03 (126 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: --

Nachteile: --

Und jetzt ein Beitrag zu „Wenn ich groß bin und zufällig nicht Musikkritikerin werde, werde ich Literaturkritikerin und entscheide über Leben und Tod.“

Der Roman „Relax“ von Alexa Henning von Lange erschien 1997 zum ersten Mal bei Rogner und Bernard und 1999 als Taschenbuch beim Rowohltverlag. Als selbiges hat es knapp 310 Seiten und einen Preis von 8 Moneten 90, es sei denn man kauft es bei Ebay.

Die Autorin ist 1973 geboren, hat eine zeitlang die Kindersendung Bimbambino moderiert und arbeitet auch als Drehbuchautorin fürs Fernsehen und als Interviewerin von der Brigittefürjungezeitschrift „Young Miss“. Sie lebt in Hamburg und Berlin.
Von ihr außerdem erschienen: „Mai 3D“, „Ich habe einfach Glück“ (Deutscher Jugendliteraturpreis 2002) und „Lelle“, ein Kinderbuch mit Zeichnungen von ihr selbst.

Im Roman geht es genau um ein Wochenende, dass der gute Chris, Protagonist, wie immer mit seinen Freunden in unnatürlichem Zustand, d.h. betrunken, bekifft, bekokst, bepillt und irgendwie nicht mehr vorhanden verbringt.
Es geht um ein Wochenende, an dem seine Freundin („Die Kleine“) zu Hause hockt und wartet, dass er sie besuchen kommt, wenn er genug vom Feiern hat. Wie jedes Wochenende eigentlich.
Es passiert nicht wirklich viel. Chris muss Balu, dem Türsteher eine Runde Pillen ausgeben, hat nur seine Badelatschen an, fällt von einem Baum, kauft an einer Tankstelle alle Sorten Zahnpasta und ist in Gedanken immer auch ein bisschen bei der Kleinen.
Die Kleine wartet zu Hause, besäuft sich mit ihrer Freundin Barb, beschließt, dass der Nil im Atlas eigentlich der Amazonas ist und holt sich in ihrem Zimmer, dass sie wegen der vielen Lichterketten Las Vegas nennt, mit dem grünen Vibrator namens Harald einen runter. Dabei, liest sie Vampirellacomics, wartet auf Chris’ Anruf und denkt dran, dass sie in später in Las Vegas heiraten will.

Klingt mager für über 300 Seiten, aber ich schwöre beim Leben meiner Großmutter, dass wirklich nicht viel mehr passiert. Es geht nur um das eine Wochenende, aus der Sicht von zwei Personen, wobei es bei Chris eine sehr verschwommene Sicht ist.
Und wie kriegt man damit jetzt einvierteldutzendtausend Seiten voll? Ganz einfach. Man teilt das Buch in zwei Teile, für jeden Protagonisten einer, und beschreibt das Wochenender aus deren Sicht und zwar mithilfe eines Inneren Monologs.
Innerer Monolog bedeutet, dass aus der ersten Person, also der Ich-Perspektive geschrieben wird, und im Präsens, so als ob man in der Person ist und zusammen mit ihr und ihrer Gedankenwelt gerade die Geschichte erlebt. Man liest also jeden Scheiß, den diese Person denkt, sei er auch noch so blöd.
Das dadurch die Geschichte ein bisschen einseitig bleibt und nur das sieht, was der Protagonist auch sieht, ist klar und dadurch bleibt leider gerade Chris’ Charakter auch ein bisschen schemenhaft. Andererseits wird seine Zugedröhntheit mit all seinen Verrücktheiten, Sprunghaftigkeiten und Wirrungen sehr gut dargestellt, was Leser im Normalzustand vielleicht ein bisschen langweilt. Im großen und ganzen hat man in Chris’ Teil sowieso das Gefühl, dass ganze würde sich endlos hinziehen und nichts passiert außer schemenhaftes, Drogen und nicht zuendegeführte Gedanken.

Doch hat man sich durch die ersten 130 Seiten gewühlt, erwartet eine eine Überraschung. Die Kleine bleibt nämlich einigermaßen clean und gibt uns während ihrem Warten einen sehr guten Einblick in ihr Innenleben, denkt über allerlei Unsinn nach, erinnert sich, hat verqueres Zeug im Kopf, das amüsiert. Zwischendurch übt sie Tabledance am Türrahmen, denkt über den ihr hinterherspannenden Nachbarn nach (und hat beim Einkaufen Angst von ihm vergewaltigt zu werden) und benimmt sich genauso, wie wir es von skurrilen Figuren lieben. Das Skurrile dabei: Eigentlich ist die Kleine eine ganz normale Mittzwanzigerin und heimlich sind wir alle nicht anders, nur habe ich es selten so gut auf Papier gebannt gelesen. Es ist wirklich zum Heulen authentisch!

Chris’ auswuchernder Drogenkonsum ist im übrigen auch authentisch, genauso wie der flappsige Sprachstil, nur ist das kleine Problem, dass 130 Seiten zugedröhnt nicht wirklich spannend sind, 160 Seiten innere Skurrilität dagegen schon. Deshalb spaltet sich das Buch nicht nur in zwei verschiedene Perspektiven, sondern auch in zwei verschiedene Güteklassen.
Wir akzeptieren den experimentellen Charakter, der dem Roman anhaftet, finden aber, dass das keine Entschuldigung für Langeweile ist, aber eine für diesen hervorragenden zweiten Teil. Auch die Authenzität, die das Buch durchzieht und das Leben von den goldenen Zwanzigern (das sind Leute, die so um die 20 sind; auf neudeutsch: Twens (Dreißigjährige: Thirsts, Vierzigjährige, Fourts (Fords), Fünfzigjährige: Fifts... Zum Glück gibt’s Englisch!)) gut wiedergibt, gefällt uns und doch geben wir (ich und mein Ego) nur drei Sterne, weil die anfänglichen Längen schon gehörig stressen. Die Anzahl der Kapitel ist nämlich beschränkt und Absätze gibt es inneren Monologen nicht, das ist schon sehr gefährlich für schwerkranke Leseratten und führt zu Kreislaufzusammenbrüchen wegen zu wenig Schlaf!

Was sagen wir also dazu? Drei Sterne und eine Empfehlung an die, die sich trauen, mal etwas experimentelles zu lesen und dabei Abstriche machen können. Und das billige Bücherkaufen ist seit ebay ja auch kein Problem mehr! Wer allerdings hochwertige Lektüre haben will oder solche, die als durchgängig gut empfohlen kann, sollte lieber auf von Langes drittes Werk, „Ich habe einfach Glück“, ausweichen, dass einen ähnlichen Schreibstil wie die Kleine hat, ihn aber das ganze Buch lang durchhält und wieder wunderbar normal-skurril ist.


Fazit:

Name des Mitglieds: mary-p