Amelie Nothomb, Mit Staunen und Zittern
Produkt:
Mit Staunen und Zittern (Nothomb, Amelie)
Datum: 09.12.00, geändert am 09.12.00 (48 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: scharfzüngig, hintergründig - einfach alles, was ein gutes Buch braucht
Nachteile: Wenn ich es so recht bedenke, war der Roman etwas kurz. Ich hätte gerne noch ein weiteres Jahr mit der Heldin genossen
Eigentlich nicht so ganz meine Thematik, dachte ich zuerst. Eine Frau, die ein Jahr lang in einem japanischen Unternehmen arbeitet. Naja, dachte ich zuerst, was ist daran so besonders?
Aber dann erinnerte ich mich daran, dass ich vor Jahren schon einmal einen Roman von dieser Autorin gelesen hatte, "Der Professor" und mir dieser ob seines Sarkasmus unheimlich gut gefallen hatte. So nahm ich also "Mit Staunen und Zittern" zur Hand und muß gestehen, dass mir dieses Buch unheimliches Lesevergnügen bereitet hat.
Doch vorerst zum Inhalt:
Amelie, eine junge Belgierin, die ihre frühen Kinderjahre in Japan verbrachte, entschließt sich, auf begrenzte Zeit in einem japanischen Unternehmen als Dolmetscherin zu fungieren. Als Dolmetscherin wohlgemerkt, denn schon an ihrem ersten Arbeitstag muß sie erkennen, dass sie leider aus zweierlei Gründen ziemlich gehandicapt ist. Erstens ist sie Europäerin, eine "Westlerin" sozusagen und zweitens - und bis jetzt wurde mir noch nicht klar, welcher der schwerwiegendere Grund ist: eine Frau. Anfangs Kaffeeserviererin (sie begeht den fragwürdigen Fehler, bei einer Sitzung fließend japanisch zu sprechen als sie dieser Tätigkeit nachkommt) arbeitet sie sich systematisch nach unten um schließlich die letzten sechs Monate ihres Dienstverhältnisses als Klofrau zu verbringen. Wer jetzt glaubt, das wäre keine so gute Karriere hat bestimmt recht. Und trotz alledem, aller Erniedrigungen und Schwierigkeiten aller Art klingt scharfzüngig aus jedem Satz eine unterschwellige Belustigung heraus und nicht zuletzt eine gehörige Portion Rebellion.
Starten wir am besten mit Seite eins:
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"Herr Haneda war Herrn Omochis Vorgesetzter, der Herrn Saitos Vorgesetzter war, der Fräulein Moris Vorgesetzter war, die meine Vorgesetzte war. Was mich anging, so war ich niemandes Vorgesetzte. Man könnte es auch anders ausdrücken. Ich stand unter Fräulein Moris Befehl, die unter Her
rn Saitos Befehl stand und so weiter, wobei zu ergänzen ist, dass die Befehle auf ihrem Weg von oben nach unten die hierarchischen Ebenen überspringen konnten. Kurz, in der Firma Yumimoto stand ich unter jedermanns Befehl. (...)"
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Oder, wer hätte gedacht, dass es eine gewaltige Herausforderung sein kann, Kalender up to date zu halten?
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"(...) Ich hatte eine Idee, die mir in meiner Naivität wie eine Erleuchtung vorkam: Bei meinen Wanderungen durch das Unternehmen hatte ich bemerkt, dass in jedem Raum mehrere Kalender hingen, die fast niemals a jour waren, entweder weil man den kleinen roten Rahmen nicht auf den richtigen Tag vorgerückt oder weil man die Monatsseite nicht umgeblättert hatte.
Dieses Mal vergaß ich nicht, die Erlaubnis einzuholen:
-Darf ich die Kalender a jour halten, Herr Saito?
Er bejahte, ohne zu überlegen. Ich dachte, nun hätte ich eine Aufgabe.
Am Morgen ging ich durch alle Büros und verschob überall den kleinen roten rahmen auf das Tagesdatum. Ich hatte eine Stellung: ich war Kalenderbetreuerin.
Nach und nach begannen die Mitarbeiter der Firma sich für mein Treiben zu interessieren. Sie fanden darin mehr und mehr einen Born der Erheiterung.
Man fragte mich:
-Wie geht?s? Ermüdet Sie diese anstrengende Tätigkeit nicht zu sehr?
Und ich antwortete lächelnd:
-Doch. Furchtbar! Aber ich nehme Vitamine.
Ich liebte diese Plackerei. Sie hatte zwar denNachteil, zu wenig Zeit in Anspruch zu nehmen, doch erlaubte sie mir die Benutzung des Fahrstuhls und damit den Sturz in die Aussicht. Außerdem amüsierte sie mein Publikum.
In dieser Hinsicht wurde der Höhepunkt beim Übergang vom Februar in den März erreicht. Den roten Rahmen vorzurücken, genügte an diesem Tag nicht; ich musste die Februarseite anheben und herausreißen.
Die Angestellten in den verschiedenen Räumen empfingen mich wie einen Wettkämpfer. Mit großen Samurai-Gesten machte ich den Februar
nieder, wobei ich einen Kampf auf Leben und Tod gegen das großformatige Foto des verschneiten Fuji-Bergs mimte, mit dem dieser Monat im Yumimoto-Kalender bebildert war: Dann verließ ich den Kampfplatz mit erschöpfter Miene und bewies den nüchternen Stolz des siegreichen kriegers, unter den Banzai-Rufen der begeisterten Zuschauer. (...)"
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Soviel sei noch zu verraten: Amelie verlängert den Arbeitsvertrag natürlich nicht, kehrt aber um ein ganzes Stück weiser wieder nach Hause zurück.
Und mein persönliches Fazit?
Sollte in absehbarer Zeit wieder ein Roman von Amelie Nothomb erscheinen, werde ich blind einfach zu lesen beginnen ohne vorher auch nur einen Blick auf den Klappentext zu werfen. Um mich nochmals vom Inhalt irritieren zu lassen? So weit käme es noch! Denn ihre Romane sind es hundertprozentig wert gelesen zu werden.
Fazit:
Name des Mitglieds: LadyAmalia
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik


