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Kurzbeschreibung: Autor: Jeffrey Eugenides / Genre: Romane / In einem griechischen Bergdorf am Hang des kleinasiatischen Olymp fing alles an. Ein junger Mann und eine junge Frau, die Geschwister Eleutherios und Desdemona Stephanides, fliehen vor den Türken nach Smyrna und, als ... mehr
Hermaphroditen?!
Produkt:
Middlesex - Jeffrey Eugenides
Datum: 02.09.03, geändert am 02.09.03 (170 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: Phantastischer Roman, absolut lesenswert, unterhaltsam.
Nachteile: Die deutsche Ausgabe ist recht teuer.
Hermaphroditen?!
Hermaphroditos, so erzählt uns Ovid, badete einst in einem See, der der Nymphe Samacis geweiht war. Diese Samacis, als sie den unbedarften Jüngling im Wasser baden sah, verliebte sich sofort unsterblich in denselben und es trachtete sie danach, mit ihm vereint zu sein. So schlich sie sich an ihn heran, umfing ihn mit den Armen und berührte ihn mal hier mal dort. Doch Hermaphroditos wehrte sich, in der Liebe noch unerfahren, gegen die Avancen der Nymphe und suchte, sich aus ihrem Griff zu befreien. Samacis jedoch, die seinen Widerstand spürte, rief die Götter an, auf dass Hermaphroditos nie mehr von ihr getrennt sei. Und so geschah es, dass beide Körper nun in einer Gestalt miteinander verbunden waren. Als ein Doppelgeschöpf steigt Hermaphroditos nun aus dem See, weder Mann noch Frau und fortan soll er Namensgeber für alle Zwitterwesen auf dieser Erde sein.
In Jeffrey Eugenides' mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnetem Roman ?Middlesex? finden wir einen solchen Hermaphroditen. Als Mädchen geboren und aufgewachsen, muss Calliope in der Pubertät feststellen, dass sie sowohl Junge als auch Mädchen ist und sich für eine Identität entscheiden. Doch ich greife vor, denn Calliopes Geschichte beginnt eigentlich viel früher, nämlich 1922 in Smyrna.
Damals musste das griechische Geschwisterpaar Desdemona und Lefty vor den nahenden Türken fliehen. Dem brennenden Smyrna um Haaresbreite auf ein Schiff nach Amerika entwischt, entdecken die beide unerlaubte Gefühle füreinander. Und da sie auf dem Schiff niemand kennt, fällt es leicht, diesen nachzugeben: Sie erfinden sich neue Identitäten, spielen ein erstes Kennen Lernen und folgende Rendezvous vor und heiraten schließlich. So erreichen sie nicht mehr als Bruder und Schwester Ellis Island, sondern als Mann und Frau. Einquartiert bei ihrer Cousine Sourmelina erleben wir zunächst, wie Desdemona und Lefty versuchen, sich eine Existenz in Detroit aufzubauen. Doch was das Wichtigste für die
Geschichte unseres Hermaphroditen ist: Sowohl Desdemona als auch Sourmelina werden schwanger. Desdemona bringt einen Sohn, Milton, zur Welt, Sourmelina dagegen ein Mädchen, Tessie. Cousin und Cousine wiederum entdecken 20 Jahre später ihre Leidenschaft füreinander und heiraten ebenfalls. Milton übersteht die Armee, betreibt eine Kneipe, kommt zu Geld als diese abbrennt und zieht mit Kind und Kegel in die Middlesex, die dem Roman seinen Namen gibt. Denn in dieser Straße spielt sich von nun an die Handlung ab, die bald um Calliope, die Tochter von Tessie und Milton kreist.
Calliope wächst zunächst als ganz normales Mädchen auf ? dabei hätte es Anzeichen für ihre Andersartigkeit gegeben. Desdemona, die sonst zielsicher das Geschlecht von Kindern voraussagen konnte, zögerte über dem schwangeren Bauch von Tessie. Dr. Phil, als er das Geschlecht des Neugeborenen feststellen sollte, war von der attraktiven Krankenschwester abgelenkt und schenkte der ungewöhnlichen Beschaffenheit von Callies Genitalien keine große Aufmerksamkeit. Und auch als Klein Callie bei der Taufe Father Mike gekonnt ins Gesicht pinkelt, fällt niemandem auf, dass dies eher in den Begabungen von Jungen liegt. Und so ist Callie eben ein Mädchen ? zunächst.
In der Pubertät kommt es allerdings zu Schwierigkeiten. Während alle anderen Mädchen ihrer Klasse sich verändern, bleibt Callie flach wie ein Brett, schießt dafür aber in die Höhe. Sogar ein Oberlippenbärtchen stellt sich ein, die Periode bleibt dafür aus. Doch immer noch wird niemand misstrauisch. Nur Callie merkt, dass mit ihr irgend etwas nicht stimmt, doch traut sie sich nicht, ihre Befürchtungen auszusprechen. Erst als sie nach einem Unfall in ein Krankenhaus gebracht wird, fällt dem behandelnden Arzt ihr Zustand auf. Er überweist sie an Dr. Luce, einen Experten auf dem Gebiet. Dieser stellt zwar fest, dass Callie ein Junge ist (sie/er hat ein XY Chromosom), beschließt aber aufgrund ihrer Erziehung das Problem des Geschlechts op
erativ zu lösen und sie weiterhin als Mädchen leben zu lassen. Als Callie jedoch zufällig den Arztbericht liest, läuft sie in einer Kurzschlusshandlung davon.
Was geschah danach? Callie wird zu Cal. Von nun an lebt das Mädchen als Junge. Und heute erzählt uns der Ich-Erzähler, lebe er in Berlin und habe Probleme mit Frauen, da er nie weiß, wie er seine besondere Beschaffenheit erklären soll...
Eugenides' ?Middlesex? ist stark beworben worden und immer dabei herausgestellt wurde die Hermaphroditen-Thematik. Dennoch ist dies nur ein Teil der Geschichte (Callie wird auf Seite 300 überhaupt erst gezeugt). ?Middlesex? ist eine Familienchronik, die circa 80 Jahre umspannt ? in ihrer fesselnden Magie etwa mit ?Das Geisterhaus? (Isabel Allende) oder ?Hundert Jahre Einsamkeit? (Gabriel Garcia Marquez) vergleichbar. Die Personen, die Geschichten, die kleinen Begebenheiten und die liebevollen Details ziehen den Leser in seinen Bann und trotzdem ist die Sprache hier moderner als bei Allende oder Marquez. Wir haben es mit einem Ich-Erzähler zu tun, der trotz seiner eigenen Involviertheit in die Geschichte alles weiß. Er überblickt die gesamte Handlung von einem fernen Punkt und knüpft Verbindungen, zieht Vergleiche und beschwört damit die Unabwendbarkeit der unterschiedlichen Schicksale. Seine eigene Geschichte beschreibt er als die eines Gens, das seit 250 Jahren nur darauf gewartet hat, dass sich die Möglichkeit ergibt, an der Oberfläche zu erscheinen und sichtbar zu werden. Alle Schritte bis zu dieser Sichtbarwerdung waren schicksalhaft, aber notwendig.
?Middlesex? ist eine 700 Seiten umfassende Geschichte von Identitäten und wie diese sich wandeln. Geschwister werden zu Eheleuten, Griechen werden zu Amerikanern, Kinder werden zu Erwachsenen und Frauen werden zu Männern. Und die Frage nach der Identität endet nicht textintern im Roman. Eugenides verwebt geschickt seine eigene Identität mit der seiner Hauptperson. Er selbst stammt wie Cal von gri
echischen Einwanderern ab und auch er wohnt wie Cal in Berlin. Doch damit nicht genug. Das Autorenbild auf dem Buchrücken macht deutlich, dass Eugenides und Cal sich auch äußerlich gleichen wie ein Ei dem anderen. Dieses Erforschen von Identitäten gipfelt in Callies Geschichte und damit in der hochaktuellen Gender-Diskussion. Was bestimmt ein Geschlecht? Obwohl Callies Chromosomen sie eindeutig als Mann ausweisen, hat sie die Erziehung eines Mädchen genossen. Sie hat mit Puppen gespielt, Ringelsöckchen getragen und ist auf eine Mädchenschule gegangen. Doch welche Identität ist nun die vorherrschende? Die biologisch determinierte oder die gesellschaftlich anerzogene? Eugenides beantwortet diese Frage zwar für Cal(lie), lässt jedoch genügend Fragen unbeanwortet, um die Diskussion um die geschlechtlichen Identität wieder ins Gespräch zu bringen.
?Middlesex? ist trotz seines Umfangs ein Buch, das nicht zu Ende gehen sollte. Die Geschichte ist fesselnd, sie entwickelt nie Längen oder Hänger und die Figuren sind durchweg überzeugend gezeichnet, und liebenswert noch dazu. Doch was ebenfalls zum berechtigten Erfolg von ?Middlesex? beigetragen hat, ist die vollendete Sprache. Eugenides erzählt virtuos, er verbindet seine epische Geschichte mit modernen Erzähltechniken. Nicht nur einmal borgt er Methoden beim Film und beschreibt Zeitraffer, Zooms oder Montagen. Diese Passagen sind perfekte Übertragungen vom Medium Film in das der Literatur und suchen ihresgleichen. Eugenides Erzählstil ist so flüssig, dass seine Sätze im Mund zergehen. Wer ein Faible für guten literarischen Stil hat, der wird an ?Middlesex? seine Freude haben, je mehr man davon liest, desto berauschender wirkt die Lektüre. Immer wieder streut er metaliterarische Passagen ein, wenn er auf literarische Konventionen anspielt, um sie dann bewußt zu brechen (kleiner Hinweis: Man achte auf den Nagel an der Wand bzw. die Waffe unterm Kopfkissen). Solche Stellen sind das Sahnehäubchen auf seinem ohnehin gera
dezu perfekt durchdachten Roman.
Familienchroniken sollte man schon mögen, wenn man ?Middlesex? zur Hand nimmt. Auch eine Vorliebe für sprachliche Virtuosität wäre von Vorteil. Trifft beides aufeinander, wird man von ?Middlesex? begeistert sein. Eugenides schafft es, eine fesselnde Familiengeschichte sprachlich perfekt zu verpacken. Die Symbiose gelingt fehlerlos ? nirgends passiert ihm ein Patzer. ?Middlesex? ist ohne Frage ein literarisches Highlight, das die Saison sicherlich überdauern wird. Fast mag man fürchten, dieses Niveau wird Eugenides nicht toppen können. Aber die Hoffnung sei gestattet, dass er es halten kann.
(Wer sich nicht mit meiner laienhaften Erzählung um Hermaphroditos zufrieden geben will, der sei an die Originalquelle verwiesen. Die Geschichte findet sich in Ovids ?Metamorphosen?, Viertes Buch 328-386.)
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Allgemeine Infos:
Jeffrey Eugenides
?Middlesex?
Rowohlt, 2003
ISBN 3498016709
734 Seiten
gebunden, 24,90 Euro
Fazit:
Name des Mitglieds: Gothic_Girl
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik


30.09.03
Eine wirklich tolle Besprechung, die Lust auf das Buch macht.