Liebeswahn (McEwan, Ian)
"Du bist vielleicht ein Hornochse. ... - Liebeswahn (McEwan, Ian) Belletristik

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Kurzbeschreibung: Diogenes Verlag

 
 

"Du bist vielleicht ein Hornochse. ...

Produkt:

Liebeswahn (McEwan, Ian)

Datum: 12.03.06

Bewertung:

Vorteile: psychologischer Aspekt; Entwicklung; Spannung; Fachwissen; Sprache; Showdown; authentisch; etc.

Nachteile: nichts;

... Manchmal bist du so rational, daß du wie ein Kind wirkst.“ [Clarissa zu Joe]


Joe und Clarissa leben ein Leben, wie es sich andere nur erträumen könnten: er ist Fachjournalist im Bereich der Physik und auch wenn er immer wieder dem Gedanken nachhängt, er hätte seine Begabung in die Forschung investieren sollen, so ist er mit seinem Beruf doch glücklich. Sie Literaturforscherin, die in ihrer Arbeit vollends aufgeht. Das Wichtigste dabei ist aber: sie können gemeinsam über ihr Schaffen sprechen, den anderen an richtiger Stelle kritisieren, ohne das der daran denkt, dies übel zu nehmen, und schaffen damit eine innige Verbindung.
Sogar die Tatsache, dass Clarissa keine Kinder bekommen kann, beide aber diesen Wunsch nie ganz loslassen konnten, tut ihrer Liebe keinen Abbruch – im Gegenteil: sie bestärken sich gegenseitig, um die Situation zu meistern.

In diese Idylle wird der Leser hineinversetzt, es wird erzählt von einem liebevoll zubereiteten Picknick, das die beiden miteinander genießen wollen. Doch wie sollte es anders sein, diese Idylle wird gestört: ein mit Helium gefüllter Ballon scheint abzustürzen. Die im Park anwesenden Menschen, unter ihnen Joe, machen sich sofort daran zu helfen, denn nach dem relativ sanftem Aufprall scheint der Ballon wieder gen Himmel fliegen zu wollen: gemeinsam versuchen sie, den Ballon auf der Erde zu halten. Als dies nicht gelingt, lassen alle los bis auf einen: John Logan. Der wird mitgerissen und als ihn seine Kräfte verlassen, fällt er aus über hundert Meter Höhe auf eine Wiese und ist sofort tot.
Hierbei handelt es sich um die Schlüsselszene des Buches, denn zu diesem Zeitpunkt treffen Joe und Parry aufeinander: Parry glaubt in jenem Moment, Joe würde ihm Avancen machen und fordert ihm deshalb zu einem gemeinsamen Gebet auf. Als Joe jedoch ablehnt, weiß er noch nicht, dass das nicht der letzte Kontakt zu Parry war.

Dieser ruft Joe in der darauffolgenden Nacht um zwei Uhr an und gesteht ihm seine Liebe. Verwirrt und durch den Schock gefühllos nimmt Joe diesen Anruf nicht allzu ernst, weshalb er auch Clarissa erst zwei Tage danach davon erzählt. Dadurch entsteht zwischen den beiden vom ersten Moment an ein Mistrauen, was auch durch die nachfolgenden Schilderungen von Parrys Belästigungen nicht durchbrochen werden kann: Clarissa glaubt, Parry sei eine Einbildung und das Ergebnis des Traumas aufgrund des Ballonunglücks und nimmt ihren Mann nicht ernst. Zudem fädelt Parry seine Avancen geschickt ein: er lässt sich bei Clarissa nie blicken und auch Telefonanrufe stellt er schnell wieder ein, womit er der „Einbildung Joes“ entspricht.
Doch das Mistrauen von Clarissa, die ständigen Annäherungsversuche seitens Parry und schließlich die Angst vor Gewalt durch Parry machen aus Joe einen höchst unzufriedenen, in sich zurückgezogenen und kalten Menschen. Nicht nur, dass Clarissa sich von ihm trennt, nein, die Geschichte soll ein höchst spannendes und unerwartetes Ende finden.



~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Clérambault-Syndrom ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Ian McEwans Buch 'Liebeswahn' verarbeitet ein Krankheitsbild, das wahrscheinlich den wenigsten bekannt sein dürfte, das Clérambault-Syndrom. Diese „homoerotische Obsession mit religiösen Untertönen“ (1) führt dazu, dass der Betroffene glaubt, eine andere Person, gleichgültig ob gleichgeschlechtlich oder nicht, sei in ihn verliebt. Diese Gefühle werden vom Betroffenen erwidert, die Religion bietet hierbei eine direkte Verbindung zur Person. Den bisher beobachtbaren Fällen nach bleibt dieses Krankheitsbild bis zum Tod des Betroffenen bestehen, keinerlei Therapieansätze konnten bisher einschlägige Wirkung erzielen.
Grotesk am Clérambault-Syndrom ist, dass der Betroffene die Ablehnung der anderen Person (manchmal sogar Hass etc.) als weitere Zustimmung seiner Person, keineswegs aber als Abwehr ansieht. Er ist fest davon überzeugt, eng mit der Person verbunden zu sein, wenngleich vielleicht noch nie ein Kontakt bestanden hat.
Im Nachwort wird einer der ersten Fälle dieses Syndroms vorgestellt: eine „53-jährige Französin, die sich einbildete, König Georg V. Von England sei in sie verliebt.“ (1) Schon damals sei das „Motiv“ des Vorhangs, das für die Betroffene ein eingebildetes Verständigungsmedium zwischen ihr und ihrem Wunschpartner darstellte (sie meinte, der König würde ihr mittels des Vorhangs Zeichen geben, wodurch sie erkennen konnte, dass er sie liebe), von Bedeutung gewesen, wie es auch Ian McEwan neben den anderen charakteristischen Merkmalen des Syndroms aufgenommen und verarbeitet hat.
[Neben den genannten Auffälligkeiten gibt es noch eine Reihe anderer Symptome, die im Nachwort des Buches näher erklärt werden.]


Dass Ian McEwan eine Krankheit in der Form verarbeitet hat, dass er eine sich zugetragene Geschichte niedergeschrieben hat, scheint neben seinen anderen Büchern ein völlig neues Konzept zu sein. Da man diese Tatsache aber erst nach dem Lesen im Nachwort erfährt, könnte man sich auch vorstellen, McEwan hätte diesen Roman durch viele Recherchen und Talent entstehen lassen. Damit soll seine Arbeit nicht ungewürdigt bleiben, im Gegenteil – durch diesen Roman lässt er den Leser nicht nur die Angst, Wut und Trauer Joes mitfühlen, sondern auch noch einiges über eine aktuelle, aber nicht immer so sehr beachtetete Krankheit erfahren und das mit so einer Intensität, dass man sich schon fast vor jeglichem menschlichen Kontakt fürchtet, wenn man das Buch beendet hat.

Denn was wäre ein Buch von Ian McEwan ohne eine nervenaufreibende Entwicklung, in der sich der Leser sicher wiegt, er wüsste den weiteren Verlauf der Geschichte, wonach er sich jedoch mehrmals eines Besseren belehren muss. Ian McEwan gelingt es durch geschickt eingefädelte Handlungsabläufe der Geschichte ganz besondere Wendungen zu geben. Die erste dürfte in der anfangs belanglosen Tatsache zu sehen sein, dass Clarissa Joe die Sache mit Parrys Anruf nicht abnimmt. Das Paar vertraut sich alles an, kann über alles reden und nun scheint etwas im Anmarsch zu sein, dass es auf diese Beziehung abgesehen hat und von Clarissa kann nur ein abwertendes, ja schmunzelndes Augenrollen erwartet werden.
Oder die Situation im Restaurant, als Clarissa trotz der Trennung mit Joe und ihren Freunden Geburtstag feiert, plötzlich Männer ins Lokal stürmen und einen Mann am Nachbartisch anschießen. War es Absicht, oder eine Finte? Oder sollte gar Joe derjenige sein, den es treffen sollte?

In Momenten wie diesen erzählt Ian McEwan gemächlich, ja fast etwas zu gemächlich, man könnte den Eindruck gewinnen, ihm macht es Spaß, sich den Lesenden vorzustellen, wie er dasitzt, Zähne knirschend und darauf wartend, welchen Ausgang das Ganze jetzt haben könnte, wohlwissend, dass eigene Mutmaßungen wohl eh in die falsche Richtung zielen würden.
Gerade das macht den Reiz an „Liebeswahn“ und an vielen anderen Büchern von Ian McEwan aus. Er schreibt genüsslich, nicht gehetzt, er schöpft den Moment der Spannung vollends aus.

Hinzu kommt das bereits von seinen anderen Büchern bekannte Fachwissen, was der Autor einbaut, wobei man dieses Mal nicht ansatzweise gelangweilt weiterliest und hofft, die Passage sei bald zu Ende. Hier ist es ihm gelungen, das Fachwissen klug einzubauen, was man in „Saturday“ nicht behaupten kann – es wirkte im letzteren Werk an manchen Stellen sogar unpassend und langatmig, zum Beispiel, als der Protagonist Tennis spielen geht und der Leser ausführlichst über die Regeln usw. informiert wird, die aber für den Verlauf mehr als unwichtig sind.
Um den Eindruck aus „Liebeswahn“ zu verdeutlichen, hier ein kleines Beispiel: als Joe zuletzt mit kleineren Kindern zutun hat, kommen sie beim Anblick des Meeres auf die Zusammensetzung des Wassers. Eines der Kinder möchte Genaueres darüber wissen und er erklärt es im Kontext (und in diesem Beispiel sogar kindgerecht).

Was an Ian McEwans Büchern immer sehr gut ist, ist die anspruchsvolle Sprache. Er gibt sich nicht mit Floskeln oder Stereotypen zufrieden, sondern verleiht den Charakteren durch seine Ausdrucksweise ein Gesicht. Sie bleiben nicht verworren und unerkennbar für den Leser, nein, sie erhalten Persönlichkeit, man kann ihre Emotionen und Reaktionen nachvollziehen, mit ihnen fühlen.
Die genaue Ausarbeitung der Charaktere lässt auch schon sehr früh auf charakteristische Merkmale des Clérambault-Syndroms schließen. Bestimmte Tätigkeiten/Eigenschaften/Ansichten werden als Symptome aufgefasst, zum Beispiel die immense Bedeutung der Religion für den Betroffenen. Insofern ist das Nachwort zwar noch einmal eine schöne Zusammenfassung für (Psychologie)-Interessierte, jedoch wäre das durch die einwandfreie Ausarbeitung nicht mehr nötig gewesen.

Typisch für Ian McEwan ist zudem der Schluss. Der Autor ist bekannt für seine phänomenalen Showdowns, die er unvermittelt einleitet und damit den Leser überrascht.
Auch in „Liebeswahn“ wird er diesen Erwartungen völlig gerecht, auch wenn das Ende in Anbetracht der Vorgeschichte und der Thematik etwas mehr abzusehen war als in anderen Büchern. Spannung bleibt jedoch noch genügend über, denn schließlich kann man auch aus Situationen, die erwartet werden, etwas Aufregendes machen.

„Liebeswahn“ wirkt auch deshalb sehr authentisch, weil es in der ersten Person verfasst ist. Zwar enthält das Buch hin und wieder Briefe von Parry und Clarissa, doch die mindern nicht, sondern verstärken das Gefühl der Echtheit dieser Story.
Das Hineinfühlen in die Personen fällt hier wirklich sehr einfach, weil Ian McEwan den Leser durch einen Irrgarten der Gefühle der Protagonisten führt, was ohne seine eigene Art zu schreiben unmöglich wäre.

Um noch einmal kurz auf den Vergleich mit „Saturday“ zurückzukommen, so ist „Liebeswahn“ wieder genauso ein Buch, welches sehr viele Genres vereint: Romantik, Krimi und Action. Zusammen mit dem psychologischen Hintergrund, den Ian McEwan dieses Mal hat einfließen lassen, ist ein sehr ansprechender Roman entstanden.


(1)Ian McEwan, Liebeswahn



~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Eckdaten ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Titel: Liebeswahn
ISBN: 3-257-23162-8
Seitenanzahl: 356

Preis: 9,90€
weitere Informationen unter: www.ianmcewan.com/

weitere Bücher von Ian McEwan:
-Erste Liebe, letzte Riten
-Abbitte
-Der Zementgarten
-Saturday
-Der Trost von Fremden
-Amsterdam
-Ein Kind zur Zeit
-Der Tagträumer
-Unschuldige
u.v.m.



~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Autor ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
McEwan, geboren 1948, verbrachte seine Kindheit in England, Singapur und Nordafrika. Zwischen Abitur und Philologiestudium arbeitete Ian McEwan als Müllmann. An der University of East Anglia nahm sich Malcolm Bradbury seiner an - McEwan war der erste und in jenem Jahr einzige Student, der dessen Kurs in kreativem Schreiben belegt hatte. McEwans Magisterarbeit bestand aus einer Reihe von Kurzgeschichten, die später unter dem Titel >Erste Liebe, letzte Riten< veröffentlicht wurden und ihm den Somerset-Maugham-Preis einbrachten. 1998 erhielt Ian McEwan den Booker-Preis für Amsterdam.

[entnommen von http://www.literaturschock.de/biografien/000314]



~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Fazit ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Mit „Liebeswahn“ ist Ian McEwan ein ansprechender und vor allem gut recherchierter, fundierter Roman gelungen, der es Wert ist, gelesen zu werden. Er verbindet verschiedenste Genres und weist zudem eine angenehme Art und Weise des Schreibens auf.
Zusammen mit den perfekt eingefädelten Wendungen und dem eingebauten Fachwissen stellt „Liebeswahn“ mit Sicherheit eines der besten Bücher von Ian McEwan dar.

Fünf von fünf Sterne für dieses Buch.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Daniela.


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Fazit: sehr empfehlenswert

Name des Mitglieds: dani___