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Kurzbeschreibung: Genre: Krimi/Thriller / Jahr: 2007 / Kommissar Jan Reuter hofft, mithilfe eines Informanten die Hinterleute eines millionenschweren Gemälderaubs überführen zu können. Doch dann taucht das Bild wieder auf, das bestohlene Museum hat Lösegeld gezahlt. ... mehr
Wo Polizisten zu Mördern werden
Produkt:
Königsallee - Horst Eckert
Datum: 01.07.07
Bewertung:
Vorteile: Action, Witz und Spannung, vielschichtig und dicht erzählt, erstklassige Unterhaltung
Nachteile: Vorerst nur in Hardcover erhältlich, d.h. deutlich teuerer als Taschenbücher
Internationale Firmen und Investoren stehen Schlange, um sich in der Stadt am Rhein niederzulassen. Auf oberster Verwaltungsebene hat man aber ein Problem ausgemacht: Es gibt nicht genügend repräsentativen Büroraum. Darum hat Oberbürgermeister Dagobert Kroll persönlich durchgesetzt, dass der allseits beliebte Biergarten „Gecko Beach“ im Düsseldorfer Hafen platt gewalzt wird und ein internationales Bürohochhaus, ach was, ein Kongresszentrum mit 5-Sterne-Hotel und Wellness Oase entstehen soll. Und wenn die kanadischen Investoren kurzfristig abspringen, dann hat OB Kroll einen russischen Oligarchen aus der Teilrepublik Transnistrien als Investor in der Hinterhand.
Oh, Düsseldorf, oh, deine Fortuna! Kein Verein hat größeres Anrecht auf den Fußballthron in der Champions League. Keiner!
Das schönste Stadion der Welt steht ohnehin schon in den Rheinauen und wurde unverschämter Weise nicht als Austragungsort der WM 2006 berücksichtigt. Und was hast du, holde Fortuna, in OB Kroll einen edlen und umsichtigen Ritter am Kopfe deines Aufsichtsrats. Dieser hat mit dem Oligarchen Wladimir Turin einen neuen Sponsor für dich gefunden, der mit seinem Milliardenvermögen die Stars wie Podolski und Klose, aber natürlich auch Ronaldo, Kaka und David Beckham an den Rhein holen wird.
Düsseldorf, Stadt der Künste, Stadt der Muse: die Kulturbeflissenen preisen deinen Namen!
Und wenn einmal ein Kunstwerk gestohlen wird, dann scheuen die Stadtväter keine Kosten und Mühen, um das Diebesgut wieder zu beschaffen. So geschehen mit Max Beckmanns Epochalbild „Nachtwerk“, das vor zwei Jahren aus der Kunstsammlung gestohlen wurde. Während die Polizei nur zwei Ukrainer stellen konnte, die das Bild entwendet hatten, das Gemälde selber aber verschwunden blieb, konnte ein bekannter Anwalt mit den Hintermännern ein „Lösegeld“ von 3 Millionen Euro vereinbaren.
Düsseldorf – Stadt der Mode. Was sind schon Paris, Mailand, New York gegen deine KÖNIGSALLEE?
Und wenn die Frauen des russischen Geldadels sich unter die Neureichen Düsseldorfer mischen und auf deiner Flaniermeile die Boutiquen leer kaufen, dann wissen wir, dass die Zeit deines Untergangs langsam gekommen sein wird.
Düsseldorf, Düsseldorf, Düsseldorf – wo Polizisten zu Mördern werden.
KÖNIGSALLEE, so heißt der neunte Kriminalroman von Horst Eckert. Und keiner der Vorgänger ist so kraftvoll und wuchtig, dass er es mit KÖNIGSALLEE aufnehmen könnte. Eckert hat verschiedene Preise für seine Romane erhalten und die Kritik hat auch in der Vergangenheit die Vergleiche zu den ganz Großen der Kriminalliteratur nicht gescheut. Da wurde sein Stil mit dem eines James Ellroy verglichen, mit Hammett und Chandler. Auch als deutscher Hitchcock wurde er schon bezeichnet. Der geborene Oberpfälzer und Wahldüsseldorfer lässt sich von so viel Lob aber nicht beirren. Die besondere Qualität des Autors ist es, immer wieder mit neuen, frischen Charakteren aufzutrumpfen, die jeweils ihre ganz privaten Probleme mit sich tragen. Dadurch wird natürlich ihr Handeln beeinflusst, dadurch wirkt jede Figur besonders authentisch. Und Eckert versteht es nach wie vor geschickt, eine Vielzahl von Erzählsträngen miteinander zu verknüpfen und so seine Leser schon sehr früh zu fesseln.
Für den Clan um den russischen Milliardär und Industriemagnaten Wladimir Turin wird es in der Transnistrischen Heimat eng. Er beschließt, sein Glück in Deutschland zu suchen und nistet sich in einem Hotel an der Königsallee ein. Er schickt den Düsseldorfer Koksbaron Böhr mit ein paar Milliönchen ins toskanische Exil und übernimmt dessen Diskotheken, Restaurants und den hauseigenen Sicherheitsdienst. Für zwei Großdealer ist der Düsseldorfer Drogenmarkt einfach zu klein.
Aber ein Kleindealer fällt vielleicht nicht so sehr auf. Böhrs Türsteher Robby betreibt einen Handel mit Liquid Ecstasy, das er auf Sexparties, sogenannten Gang Bangs, unter die zahlungskräftige Kundschaft bringt. Und nicht nur das Rauschgift liefert Robby: Während seine alte Freundin mit einem Baby zuhause auf ihn wartet, ist seine neue Freundin Rike der Star dieser Gang Bangs. Keiner weiß, dass Rike die Tochter von Richter Andermatt ist, der als zukünftiger Innenminister von NRW gehandelt wird.
Zeitgleich hat der umtriebige Oberbürgermeister Kroll einige Probleme zu meistern. Gerade erst hat er gegen heftigen Widerstand aus der Bevölkerung einen Szenebiergarten geschlossen, um an dessen Stelle ein Bürozentrum zu errichten, als ihm der Investor aus diesem Prestigeprojekt aussteigt. Und um die sportliche und finanzielle Zukunft der Fortuna sieht es alles andere als rosig aus. Da kommen die schmutzigen Milliarden des Turin-Clans gerade recht.
Bei der Düsseldorfer Polizei geht der einst leuchtende Stern des jungen Kommissars Jan Reuter gerade in den Sinkflug über. Seit zwei Jahren ermittelt er verbissen an einem Kunstraub, der der organisierten Kriminalität zugerechnet wird. Reuter vermutet Koksbaron Böhr als Drahtzieher, kann aber nichts beweisen. Kurz nachdem ihm sein Informant, der Türsteher Robby davon erzählt, dass Böhr all seine Geschäfte verkauft und Düsseldorf verlassen hat, lässt sich ausgerechnet Reuters Bruder, der Anwalt Edgar Reuter, von der Presse für die Wiederbeschaffung des Bildes „Nachtwerk“ feiern. Angeblich hat er den Kunsträubern dafür 3 Millionen Euro aus der Stadtkasse bezahlt. Jan Reuter fühlt, dass es da einen Zusammenhang geben muss, findet aber keine Beweise und kann auch aus seinem Bruder nichts heraus kitzeln.
Kommissar Norbert Scholz ist vor einem Jahr strafversetzt worden und muss auf der Hauptwache Nachtdienst schieben. Ausgerechnet Jan Reuter hat ihm in dessen alter Funktion beim Inneren Dienst die Unterschlagung von Beweisen angelastet, was Scholz nicht entkräften konnte. Nun hat ihn seine Frau verlassen, er muss sich mit Besoffenen und Kleinkriminellen rumschlagen und ausgerechnet Jan Reuter hat seinen alten Posten übernommen.
Dann wird Robby auf dem Beifahrersitz seines Autos erschossen. Rike, die es schafft, dem Kugelhagel zu entkommen, fährt den Wagen direkt zum Polizeipräsidium. Am nächsten Tag aber schon wird die geschändete Leiche der Tochter aus gutem Hause auf einem Waldparkplatz gefunden. Und wiederum nur kurz später wird Edgar Reuter zusammengeschlagen ins Krankenhaus eingeliefert.
Führt dieser Ausbruch der Gewalt den unter Druck geratenen jungen Kommissar endlich auf die Spur der Kunsträuber? Doch auch die Ermittlungen geraten konfliktreich, denn hier trifft Reuter auf Scholz und es zeigt sich, dass die beiden nur gemeinsam die Drahtzieher fassen können.
Allein aus dieser Zusammenfassung erhält man ein Bild davon, wie äußerst vielschichtig der Roman KÖNIGSALLEE ist. All diese Handlungsstränge miteinander zu verweben und dabei zu keinem Zeitpunkt aus dem Auge zu verlieren, dass die Geschichte vorangetrieben wird – das ist wirklich höchste Krimikunst. Und Eckert beherrscht diese Kunst wie momentan in Deutschland kein zweiter. Nachdem er sorgfältig die Anreise der Russen und die Sorgen des Oberbürgermeisters dargelegt hat, beginnt der mit der eigentlichen Kriminalerzählung. Sobald Eckert diesen Faden aufgenommen hat, lässt er ihn nicht mehr los.
Die ersten Romane von Horst Eckert waren reine Polizeiromane. Die Protagonisten waren Polizisten mit großen und kleinen Problemen in ihrem beruflichen oder privaten Umfeld. Seit seinem siebten Roman „Purpurland“, der sich um einen aus Afghanistan heimgekehrten Soldaten dreht, bekommen seine Romane auch einen politischen Anstrich. Nach „617 Grad Celsius“, der im NRW-Wahlkampf spielt, schrieb Eckert u.a. eine Kurzgeschichte im Vorfeld der Fußball-WM 2006. In dieser „Wege zum Ruhm“ betitelten Story tritt erstmals OB Dagobert Kroll auf, der durch einige krumme Geschäfte mit seinem Cousin, dem eine Baugesellschaft gehört, einem insolventen Bauträger das Düsseldorfer Fußballstadion abkauft und dabei massiv in die eigene Tasche wirtschaftet. Der echte Düsseldorfer Oberbürgermeister bezeichnete diese Kurzgeschichte als „parasitäres Geschreibsel“ und verhinderte alle geplanten Lesungen in den öffentlichen Einrichtungen der Stadt.
In KÖNIGSALLEE wird Eckerts Kritik an der Politik subtiler: Auf der einen Seite thematisiert er das Kostensenkungsprogramm, unter dem die Polizei leidet. Besonders schwer von diesem Programm ist die Kriminalkommission Organisierte Kriminalität betroffen, der für ihre besonders aufwändigen Ermittlungsmethoden zunehmend die Zustimmung durch Politik und Staatsanwaltschaft verwährt bleibt. Auf der anderen Seite ist man anscheinend eher bereit, eine Zahlung von mehreren Millionen für das gestohlene Bild zu leisten und die Verbrecher ungestraft und unerkannt entwischen zu lassen. Die Krone setzt dem ganzen jedoch die persönliche Referentin des Oberbürgermeisters auf, die sich auf dem denkmalgeschützten Kopfsteinpflaster des Rathausvorplatzes die Absätze abgebrochen hat. Sie lässt im Stadtrat durchsetzen, dass die Fugen gefüllt werden und als ihr das im ersten Anlauf nicht reicht, müssen die Fugen im zweiten Anlauf noch höher gefüllt werden. Eckert – so hat es jedenfalls den Anschein – setzt der Politik einen Zerrspiegel vor.
Eckerts Romane kennen keine Superhelden. Die Protagonisten der alten Romane sind entweder verstorben oder haben in den Reihen der Polizei Karriere gemacht, tauchen dann nur noch als Randfiguren auf. Was Eckert immer wieder thematisiert: die Verlockungen im Alltag eines Polizisten. Wie oft bieten sich den Polizisten Gelegenheiten, selber Recht und Gesetz zu beugen? Ein ums andere mal können Eckerts Romanfiguren diesen Versuchungen ihres Berufs nicht widerstehen. Beweise verschwinden zu lassen ist da noch das Geringste. Wie schnell kann man den Teil einer Beute aus einem Überfall in der eigenen Tasche verschwinden lassen? Wie leicht ist es, mit sichergestelltem Rauschgift einen eigenen, florierenden Drogenhandel zu eröffnen? Wie verlockend erscheint die Situation, einen Widersacher an einer Kugel sterben zu lassen und es als Notwehr darzustellen? In den Reihen von Eckerts Düsseldorfer Polizei gibt es kaum einen Beamten, der nicht eine solche Leiche im Keller hat.
Markenzeichen des Düsseldorfer Autors sind äußerst greifbare, lebensechte Protagonisten. Und er bringt immer wieder neue Charaktere hervor. Vielleicht ist auch gerade dies das Geheimnis Eckerts: Er konstruiert nicht etwa zuerst seine Handlung und baut dann ein paar passende Charaktere ein, sondern für ihn kommt zunächst die Erfindung einer Figur und dann die darauf passende Geschichte. Oft sind neben dem Haupterzählstrang gerade auch die Nebenerzählungen so interessant, dass man auch hier gespannt die weitere Entwicklung verfolgt. Spannendste Nebenhandlung bei KÖNIGSALLEE sind die Erlebnisse von OB-Referentin Simone Beck, die von Dagobert Kroll lernt, wie man erfolgreich verhandelt und stets als Sieger heimkehrt.
Gekennzeichnet sind die Romane ferner durch eine moderne, lebendige, schnelle Sprache. In einfachen, plakativen Sätzen, schnörkellos, knallhart, direkt und teilweise auch mit entkleidender Brutalität findet Eckert auch durch seinen Stil immer wieder mit Leichtigkeit das richtige Tempo, um der Erzählung Temperament und Spannung zu verleihen. Für Abwechslung sorgen die als Artikel aus der lokalen Boulevardpresse aufgemachten Einschübe, mit denen die einzelnen Tage der Handlung jeweils beginnen.
KÖNIGSALLEE ist der bislang komplexeste und auch am meisten ausgereifte Kriminalroman von Horst Eckert. Er bringt seine gewohnt hervorragenden Polizeigeschichten zusammen mit einer beißenden Sozialkritik, die mitunter groteske Züge annimmt. Hinzu kommt, dass er sich mit dem russischen Clan, der sich in der Landeshauptstadt von NRW niederlässt, sicherlich genug Stoff für mindestens drei weitere Krimis erschlossen hat. Bei kaum einem Autor ist über 9 Romane eine stetige Steigerung zu erkennen. Eckert hat sich konstant weiterentwickelt, sich niemals auf seinem Können ausgeruht. Mit KÖNIGSALLEE belohnt er sich und seine Leser, die einen Eckert in Bestform erleben dürfen.
Der Dortmunder grafit-Verlag hat die Erstauflage von KÖNIGSALLEE erstmals im Hardcover gedruckt. Die dichte und ungemein unterhaltsame Erzählung ist jedoch jeden Cent wert, den dieses Buch mehr kostet als ein Taschenbuch. Meine Empfehlung für KÖNIGSALLEE gilt ohne Einschränkungen.
Fazit: Auch eine Investition in die Hardcoverausgabe lohnt sich. Allerbeste Krimiunterhaltung.
Name des Mitglieds: t.kuerten
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik


28.10.11
Die Krone passt. (später Kommentar, ich weiß)