Zeitreiseroman mit viel Situationskomik
Produkt:
Herr Mozart wacht auf - Eva Baronsky
Datum: 13.10.11, geändert am 13.10.11 (90 Lesungen)
Bewertung:
Vorteile: Gute Idee, witzig umgesetzt
Nachteile: Nichts
Wiederum möchte ich einen Zeitreiseroman vorstellen, der viel mit einer Stadt, unserer Gesellschaft und ihrer Veränderung im Laufe der Zeit zu tun hat. Doch diesmal reist der Protagonist aus der Vergangenheit in unsere heutige Zeit und ist auch kein Niemand, sondern eine berühmte Persönlichkeit, von der wohl jeder schon einmal gehört hat.
Als ich Eva Baronskys Roman "Herr Mozart wacht auf" das erste Mal in Händen hielt, war ich zunächst skeptisch, was mich erwarten würde. Mit klassischer Musik komme ich nur bedingt in Berührung und ich weiß auch nicht sehr viel über das Leben und Werk von Wolfgang Amadeus Mozart. Sicher kenne ich einige Stücke von ihm, die populärsten eben, "Die kleine Nachtmusik" und einige andere, die eben so jede/r kennt. Aber, was für ein Mensch er eigentlich war, welchen gesellschaftlichen Hintergrund, welche Träume und Ideen, das wußte ich nicht. Daher ging ich denn auch -- wie es heute so schön modisch heißt -- erst einmal völlig vorurteilsfrei und unbelastet an diesen Roman heran und gebe zu, mich beim Lesen köstlich amüsiert zu haben.
So etwas hatte ich nicht erwartet. Der Klappentext verhieß einen Zeitreiseroman, der Mozart 200 Jahre in eine ihm unbekannte Zukunft führt und das konnte ich mir schon ziemlich aufregend vorstellen, allerdings ja eigentlich für jeden Menschen aus der Vergangenheit. Warum wohl hatte die Autorin ausgerechnet so einen Menschen als Protagonisten gewählt, von dem ja selbst mir bekannt ist, dass er ein musikalisches Genie war und seiner Zeit zumindest in dieser Hinsicht weit voraus?! Es musste an diesem Roman also noch etwas anderes interessant sein und das wollte ich gerne herausfinden.
Zunächst aber:
***Die sachlichen Buchdaten:***
Autor: Eva Baronsky
Titel: Herr Mozart wacht auf
Originaltitel: -
Erschienen: 23. Juli 2009
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN-10: 3351032722
ISBN-13: 978-3351032722
Seitenanzahl: 319
Einband: HC
Größe und/oder Gewicht: 21,8 x 13,4 x 3 cm
***Autorenportrait***
Eva Baronsky, 1968 geboren, lebt im Taunus. Für ihren ersten Roman »Herr Mozart wacht auf« (2010) erhielt sie den Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe. Im Frühjahr 2011 erscheint ihr zweiter Roman »Magnolienschlaf«.
Quelle: Verlagsseite
Auf der Seite des Verlages gibt es auch noch weitere Informationen zum Buch und auch eine Leseprobe:
www.aufbau-verlag.de/index.php/herr-mozart-wacht- auf.html
***Buchcover und allgemeine Gestaltung***
Normal großes Buchformat, gute Hardcover-Bindung, sehr handlich. Recht ansprechendes Coverbild auf dem Schutzumschlag in weiß mit aufgedruckten Häusern und Strommasten, welches aber keinerlei Aufschluß darüber in sich birgt, worum es in der Geschichte wohl geht.
***Mit meinen Worten***
Ein Mann namens Wolfgang Amadeus Mozart stirbt im ersten Kapitel und wacht wirklich buchstäblich über 200 Jahre später im zweiten Kapitel wieder auf, mit dickem Kopf vom Trinken und völlig desorientiert, wo, wann und später dann auch vor allem warum er sich in unserem 21. Jahrhundert befindet.
Er muss bald feststellen, dass er in einer WG gelandet ist und sich ganz offensichtlich nicht mehr in seinem Jahrhundert befindet. Zunächst glaubt er, er befände sich in eine Art Zwischenreich und habe, bevor er vollständig und endgültig sterben dürfe, von Gott noch eine Aufgabe zugeteilt bekommen.
Diese Aufgabe kann seiner Meinung nach nur darin bestehen, sein Requiem selbst fertig zu komponieren und er ist entsetzt und erbost, als er feststellt, was sein Schüler Süßmayr daran seiner Ansicht nach verhunzt hat.
Auch, als Mozart dann doch allmählich realisiert, dass er einfach nur eine Zeitreise vollzogen hat, geht er innerlich nicht davon ab, dass dies vom Schöpfer mit der oben genannten Absicht bewerkstelligt worden sei. Dementsprechend sind alle anderen Dinge, die ihm so widerfahren, eher zweitrangig und er nimmt sie trotz großem Staunen fast schon gelassen hin. Für uns als Leser liegt allerdings viel Situationskomik darin, wie jemand reagiert, der noch nie eine Dusche, Wassertoilette, elektrisches Licht oder Miniröcke gesehen hat.
Was heißen soll, dass Mozart sich in der modernen Großstadt Wien natürlich nicht problemlos zurechtfindet. Lediglich der Stephansdom und dessen unmittelbare Umgebung erinnert ihn noch an seine eigene Zeit, ansonsten erscheint dem Musiker doch alles ziemlich bizzar und fremd. Ein Fuhrwerk ohne Pferdeantrieb versetzt ihn natürlich in Erstaunen und naiv wie ein interessiertes Kind fragt er den Besitzer, wie das Gefährt denn ansonsten funktioniere. Doch dieser fasst Mozarts ernstgemeinte Frage als Kritik an seinem Kleinwagen auf und erklärt nichts, sondern faucht beleidigt ob der vermeintlichen Herabwürdigung seines Gefährts gleich erbost zurück.
Unterstützt wird Mozart eigentlich nur durch Piotr Potocki, einen polnischen Straßenmusiker, mit dem er sich gleich am ersten Tag seiner Ankunft anfreundet und der ihn auch bei sich wohnen lässt. Der stört sich auch nicht besonders an Mozarts Ausdrucksweise, vermutlich, weil er ja selbst (noch) kein reines Hochdeutsch redet. Lediglich Mozarts laxe Auffassung vom Geldverdienen teilt Piotr nicht und ohne ihn wäre das musikalische Genie in unserer duchtechnisierten Welt auch oft völlig aufgeschmissen. Er verschafft ihm eine Anstellung unter dem Namen Wolfgang Mustermann und tritt mit ihm in Lokalen auf, in denen Mozart mit seinem Klavierspiel und seinen Musikinterpretaionen nicht nur ankommt, sondern auch selbst am Jazz Gefallen findet. Auch verliebt er sich heillos in Anju, die im Verlauf des Romans sogar ein Kind von ihm erwarten wird. Doch sein Requiem fertigzustellen, ist immer noch Mozarts Antrieb und er arbeitet versessen daran. Allerdings wird ihm auch immer klarer, dass er sich nicht als er selbst - und auch nicht als Zeitreisender - zu erkennen geben darf und der Roman wird fast schon etwas tragisch, als er es doch letztendlich tut.
Mehr soll zum Inhalt nicht mehr verraten werden, um den eigenen Lesespass nicht zu schmälern.
***Stilistische Besonderheiten***
Das Auffälligste an diesem Buch ist die Kapiteleinteilung. Beginnend mit dem "Präludium", in dem Mozarts Sterben geschildert wird, ist jedes Kapitel genau mit den Titeln versehen, in die Mozarts Totenmesse eingeteilt ist. Das Requiem ist also der rote Faden, der sich durch die gesamte Geschichte zieht, sowohl als selbstgestellte inhaltliche Aufgabe Mozarts, als auch rein äusserlich in der optischen Titeleinteilung.
Sprachlich ist der Roman aus der Perspektive Mozarts geschrieben und zwar so, wie es zu Mozarts Lebenszeiten en vogue war. Diese Erzählweise sorgt dafür, dass man als Leser das gesamte Staunen des Protagonisten über z.B. einen CD-Spieler erlebt und quasi mit Verzögerung den Aha-Effekt geniessen kann, wenn man diese Alltagsgegenstände identifiziert hat. Zum Anderen verführt es zusätzlich zum Schmunzeln, wenn von ihm sprachlich altmodische Floskeln auf neuzeitliche Situationen oder Gegenstände angewendet werden.
***Fazit***
Eva Baronsky hat mit diesem Roman meiner Ansicht nach ohne Frage eine tolle Idee gehabt, die sie einfach meisterlich und mit viel Situationskomik gewürzt umgesetzt hat. Liebevoll detailliert gezeichnete Protagonisten, die einem sofort ans Herz wachsen und eine fantastisch ausgearbeitete Story.
Wer bei dem Buch nicht lächeln muß, hat eigentlich selbst Schuld.
Hält man sich vor Augen, was es alles vor 200 Jahren noch nicht gab, wird auch schnell klar, worin der größte Teil des humorig geschriebenen Buches seinen Ursprung findet. Einfach köstlich, wie alle, mit denen Mozart ab seinem Erwachen zu tun hat, ihn ob seiner für heutige Zeiten gestelzten Sprache für einen verschrobenen Kauz halten. Zum Schmunzeln, wie der Compositeur sich mit für uns alltäglichen Dingen wie Autos, U-Bahnen, WC und Elektrizität auseinander setzt. Menschlich lebendig beschrieben, wie er mit der freizügigen Kleidung und dem Auftreten von heutigen, modernen Frauen versucht fertig zu werden und ebenso nachvollziehbar menschlich eitel, wie er sich über die stümperhafte Fertigstellung seines Requiems durch seinen Schüler Süßmayr ärgert und er gerne seine Version zu Ende bringen und der Nachwelt überlassen möchte.
Die Situationskomik, die der Roman birgt, wenn ein Mensch, der bislang nur Kerzen als Lichtquelle kannte, plötzlich mit Lichtschaltern konfrontiert wird, hätte allerdings auch mit jedem anderen Menschen aus der Vergangenheit funktioniert. Natürlich birgt das einige humorige Situationen oder manchmal auch geradezu einen regelrechten Kulturschock, wenn man sich vorstellt, dass ein Mensch einen plötzlichen Zeitsprung um 200 Jahre aus der Vergangenheit macht.
Interessant, wenn man selbst in Form eines Gedankenspiels darauf gestoßen wird, welche Annehmlichkeiten im ganz normalen Alltagsleben wir alle schon als selbstverständlich hinnehmen. Fließendes Wasser, Zentralheizung, die gesamte Infrastruktur gehört für uns zu Dingen, die einfach funktionieren müssen.
Dass darüber jemand staunt, finden wir amüsant und kauzig. So sehr man jedoch oft schmunzeln muss über Amadè Mozart und sein ehrfürchtiges Staunen über alle Errungenschaften menschlichen Technikgeistes, CDS, DVS, Autos, Jeans, sexy Kleidung u.ä., schafft es Eva Baronsky doch auch auf verblüffende Weise, mich trotzdem nachdenklich zu machen. Es ist eben nicht n u r witzig oder komisch, wie die Autorin uns durch ein noch so amüsantes Buch doch im Grunde den Spiegel vor Augen hält, zu was sich unsere Gesellschaft verändert hat. Das kommt keinesfalls seicht daher, wenn man sich klar macht, wie abhängig wir uns von manchen Dingen gemacht haben und was wir heutzutage alles so für selbstverständlich halten. Denkt man da mal ernsthaft drüber nach, kann es doch sein, dass man auch ziemlich erschreckt.
Der wirkliche Mozart war zu seiner Zeit nicht gerade arm, wie man leicht selbst recherchieren kann - was ich für mich selbst zumindest versucht habe - und galt als ziemlich eitel. Der größte Teil seiner materiellen Hinterlassenschaft soll - abgesehen von den Kompositionen natürlich - aus seiner extravaganten Kleidung bestanden haben. Als er 200 Jahre in unsere Zeit versetzt wird, hat sich sein Anspruch nicht verändert, weder an sich selbst noch an andere. Die Autorin hat meiner Meinung nach sehr gut herausgearbeitet, welchen Wert sich Mozart selbst zugemessen hat und der Pole Piotr ist mir persönlich im Roman eine ganze Menge sympathischer gewesen.
Mozarts ideelle Hinterlassenschaft bestand aus seinem musikalischen Werk und dem trägt auch Eva Baronsky in ihrem Buch Rechnung, finde ich. Der fiktive Mozart im Buch wirkt nicht gerade uneitel, geht mit dem Geld, das er durch Auftritte in einem Jazz-Keller verdient, doch recht lässig um und wirkt ganz allgemein allen Genußmitteln und Wonnen des Lebens doch recht aufgeschlossen. Ob der Mensch Mozart wirklich so war, wie ihn die Autorin zeichnete, sei dahingestellt. Ich gehe einfach mal davon aus, dass es stimmt, was ich in einem Interview mit der Autorin gelesen habe, wo sie erzählte, dass sie sich intensiv mit dem Leben und Werk dieses musikalischen Genies auseinandergesetzt hat und demzufolge sauber recherchiert hat. Allerdings ist es meines Erachtens aber auch so gut wie unmöglich, da übergenau zu sein. Das muss ein belletristischer Roman ja aber auch gar nicht leisten.
Warum hat sich die Autorin aber wohl ausgerechnet einen Mann wie Mozart herausgesucht? Darüber kann ich natürlich nur spekulieren.
Mozart galt, kurz gesagt - und gilt immer noch - als musikalisches Genie. Und er wußte auch ganz einfach, wie genial er war. Der Pole Piotr wird ihm im Buch ein echter Freund, der verhindern will, dass Mozart ins soziale AUS gerät und umgekehrt lernt Piotr auch von Mozart, dass es mehr gibt im Leben als nur Arbeit und Verpflichtungen. Er ist der bodenständigere Gegenpart zu Mozart und als Freunde ergänzen sich beide optimal.
Die völlige Hingabe Mozarts (in seinem Fall zur Musik) ist ein Geschenk, eine Fähigkeit, die wir durch viele oberflächliche Reize oft verschütten und es kann beim besten Willen nicht schaden, wenn wir uns dessen -- und sei es durch das Lesen dieses humorvollen Buches -- hin und wieder mal wieder öfter bewusst werden. Meiner Meinung nach ist ein menschliches Leben im Grunde genommen nur dann ja auch wirklich lebenswert, wenn man das, was man tut, aus ganzem Herzen und mit ganzer Leidenschaft tut. Schön, wenn man die Möglichkeit dazu hat, schön aber auch, wenn man sich ein wenig mehr darüber im Klaren ist, dass es nicht schaden kann, etwas dankbarer über ein Talent zu sein und andere, die nicht so begabt sind sondern sich alles hart erarbeiten müssen, nicht als minderwertig anzusehen.
Aber, wie man sieht, ändern sich manche Charaktereigenschaften in Gesellschaften im Grunde eben doch nie bzw. marginal.
Nett gemachter Roman, den man rasch mal nebenbei lesen kann und dessen Humor ein recht großes Publikum ansprechen dürfte. Die Geschichte hätte aber auch - oder sogar noch besser - mit jeder anderen bekannten Persönlichkeit funktionieren können. Mir zumindest wären da noch einige Persönlichkeiten eingefallen, bei denen ich mir eine Konfrontation mit der Zukunft ebenfalls interessant denken könnte. Man merkt dem Roman an, dass die Autorin sich intensiv mit Mozart und dessen Werk auseinandergesetzt hat und so empfinde ich ihn auch als eine hommage. Wäre es eine andere berühmte Persönlichkeit gewesen, könnte man sich ähnliche Situationen denken, die aber nichtsdestotrotz genau so interessant hätten sein können. Viel Spaß beim Selbstausdenken, was passieren könnte, würde man z.B. Jesus, Newton, Leibnitz o.ä. Personen in die Gegenwart holen.
Herzlichen Dank für das Lesen und Bewerten meines Berichts
Hedwig_2010
Als ich Eva Baronskys Roman "Herr Mozart wacht auf" das erste Mal in Händen hielt, war ich zunächst skeptisch, was mich erwarten würde. Mit klassischer Musik komme ich nur bedingt in Berührung und ich weiß auch nicht sehr viel über das Leben und Werk von Wolfgang Amadeus Mozart. Sicher kenne ich einige Stücke von ihm, die populärsten eben, "Die kleine Nachtmusik" und einige andere, die eben so jede/r kennt. Aber, was für ein Mensch er eigentlich war, welchen gesellschaftlichen Hintergrund, welche Träume und Ideen, das wußte ich nicht. Daher ging ich denn auch -- wie es heute so schön modisch heißt -- erst einmal völlig vorurteilsfrei und unbelastet an diesen Roman heran und gebe zu, mich beim Lesen köstlich amüsiert zu haben.
So etwas hatte ich nicht erwartet. Der Klappentext verhieß einen Zeitreiseroman, der Mozart 200 Jahre in eine ihm unbekannte Zukunft führt und das konnte ich mir schon ziemlich aufregend vorstellen, allerdings ja eigentlich für jeden Menschen aus der Vergangenheit. Warum wohl hatte die Autorin ausgerechnet so einen Menschen als Protagonisten gewählt, von dem ja selbst mir bekannt ist, dass er ein musikalisches Genie war und seiner Zeit zumindest in dieser Hinsicht weit voraus?! Es musste an diesem Roman also noch etwas anderes interessant sein und das wollte ich gerne herausfinden.
Zunächst aber:
***Die sachlichen Buchdaten:***
Autor: Eva Baronsky
Titel: Herr Mozart wacht auf
Originaltitel: -
Erschienen: 23. Juli 2009
Verlag: Aufbau Verlag
ISBN-10: 3351032722
ISBN-13: 978-3351032722
Seitenanzahl: 319
Einband: HC
Größe und/oder Gewicht: 21,8 x 13,4 x 3 cm
***Autorenportrait***
Eva Baronsky, 1968 geboren, lebt im Taunus. Für ihren ersten Roman »Herr Mozart wacht auf« (2010) erhielt sie den Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe. Im Frühjahr 2011 erscheint ihr zweiter Roman »Magnolienschlaf«.
Quelle: Verlagsseite
Auf der Seite des Verlages gibt es auch noch weitere Informationen zum Buch und auch eine Leseprobe:
www.aufbau-verlag.de/index.php/herr-mozart-wacht- auf.html
***Buchcover und allgemeine Gestaltung***
Normal großes Buchformat, gute Hardcover-Bindung, sehr handlich. Recht ansprechendes Coverbild auf dem Schutzumschlag in weiß mit aufgedruckten Häusern und Strommasten, welches aber keinerlei Aufschluß darüber in sich birgt, worum es in der Geschichte wohl geht.
***Mit meinen Worten***
Ein Mann namens Wolfgang Amadeus Mozart stirbt im ersten Kapitel und wacht wirklich buchstäblich über 200 Jahre später im zweiten Kapitel wieder auf, mit dickem Kopf vom Trinken und völlig desorientiert, wo, wann und später dann auch vor allem warum er sich in unserem 21. Jahrhundert befindet.
Er muss bald feststellen, dass er in einer WG gelandet ist und sich ganz offensichtlich nicht mehr in seinem Jahrhundert befindet. Zunächst glaubt er, er befände sich in eine Art Zwischenreich und habe, bevor er vollständig und endgültig sterben dürfe, von Gott noch eine Aufgabe zugeteilt bekommen.
Diese Aufgabe kann seiner Meinung nach nur darin bestehen, sein Requiem selbst fertig zu komponieren und er ist entsetzt und erbost, als er feststellt, was sein Schüler Süßmayr daran seiner Ansicht nach verhunzt hat.
Auch, als Mozart dann doch allmählich realisiert, dass er einfach nur eine Zeitreise vollzogen hat, geht er innerlich nicht davon ab, dass dies vom Schöpfer mit der oben genannten Absicht bewerkstelligt worden sei. Dementsprechend sind alle anderen Dinge, die ihm so widerfahren, eher zweitrangig und er nimmt sie trotz großem Staunen fast schon gelassen hin. Für uns als Leser liegt allerdings viel Situationskomik darin, wie jemand reagiert, der noch nie eine Dusche, Wassertoilette, elektrisches Licht oder Miniröcke gesehen hat.
Was heißen soll, dass Mozart sich in der modernen Großstadt Wien natürlich nicht problemlos zurechtfindet. Lediglich der Stephansdom und dessen unmittelbare Umgebung erinnert ihn noch an seine eigene Zeit, ansonsten erscheint dem Musiker doch alles ziemlich bizzar und fremd. Ein Fuhrwerk ohne Pferdeantrieb versetzt ihn natürlich in Erstaunen und naiv wie ein interessiertes Kind fragt er den Besitzer, wie das Gefährt denn ansonsten funktioniere. Doch dieser fasst Mozarts ernstgemeinte Frage als Kritik an seinem Kleinwagen auf und erklärt nichts, sondern faucht beleidigt ob der vermeintlichen Herabwürdigung seines Gefährts gleich erbost zurück.
Unterstützt wird Mozart eigentlich nur durch Piotr Potocki, einen polnischen Straßenmusiker, mit dem er sich gleich am ersten Tag seiner Ankunft anfreundet und der ihn auch bei sich wohnen lässt. Der stört sich auch nicht besonders an Mozarts Ausdrucksweise, vermutlich, weil er ja selbst (noch) kein reines Hochdeutsch redet. Lediglich Mozarts laxe Auffassung vom Geldverdienen teilt Piotr nicht und ohne ihn wäre das musikalische Genie in unserer duchtechnisierten Welt auch oft völlig aufgeschmissen. Er verschafft ihm eine Anstellung unter dem Namen Wolfgang Mustermann und tritt mit ihm in Lokalen auf, in denen Mozart mit seinem Klavierspiel und seinen Musikinterpretaionen nicht nur ankommt, sondern auch selbst am Jazz Gefallen findet. Auch verliebt er sich heillos in Anju, die im Verlauf des Romans sogar ein Kind von ihm erwarten wird. Doch sein Requiem fertigzustellen, ist immer noch Mozarts Antrieb und er arbeitet versessen daran. Allerdings wird ihm auch immer klarer, dass er sich nicht als er selbst - und auch nicht als Zeitreisender - zu erkennen geben darf und der Roman wird fast schon etwas tragisch, als er es doch letztendlich tut.
Mehr soll zum Inhalt nicht mehr verraten werden, um den eigenen Lesespass nicht zu schmälern.
***Stilistische Besonderheiten***
Das Auffälligste an diesem Buch ist die Kapiteleinteilung. Beginnend mit dem "Präludium", in dem Mozarts Sterben geschildert wird, ist jedes Kapitel genau mit den Titeln versehen, in die Mozarts Totenmesse eingeteilt ist. Das Requiem ist also der rote Faden, der sich durch die gesamte Geschichte zieht, sowohl als selbstgestellte inhaltliche Aufgabe Mozarts, als auch rein äusserlich in der optischen Titeleinteilung.
Sprachlich ist der Roman aus der Perspektive Mozarts geschrieben und zwar so, wie es zu Mozarts Lebenszeiten en vogue war. Diese Erzählweise sorgt dafür, dass man als Leser das gesamte Staunen des Protagonisten über z.B. einen CD-Spieler erlebt und quasi mit Verzögerung den Aha-Effekt geniessen kann, wenn man diese Alltagsgegenstände identifiziert hat. Zum Anderen verführt es zusätzlich zum Schmunzeln, wenn von ihm sprachlich altmodische Floskeln auf neuzeitliche Situationen oder Gegenstände angewendet werden.
***Fazit***
Eva Baronsky hat mit diesem Roman meiner Ansicht nach ohne Frage eine tolle Idee gehabt, die sie einfach meisterlich und mit viel Situationskomik gewürzt umgesetzt hat. Liebevoll detailliert gezeichnete Protagonisten, die einem sofort ans Herz wachsen und eine fantastisch ausgearbeitete Story.
Wer bei dem Buch nicht lächeln muß, hat eigentlich selbst Schuld.
Hält man sich vor Augen, was es alles vor 200 Jahren noch nicht gab, wird auch schnell klar, worin der größte Teil des humorig geschriebenen Buches seinen Ursprung findet. Einfach köstlich, wie alle, mit denen Mozart ab seinem Erwachen zu tun hat, ihn ob seiner für heutige Zeiten gestelzten Sprache für einen verschrobenen Kauz halten. Zum Schmunzeln, wie der Compositeur sich mit für uns alltäglichen Dingen wie Autos, U-Bahnen, WC und Elektrizität auseinander setzt. Menschlich lebendig beschrieben, wie er mit der freizügigen Kleidung und dem Auftreten von heutigen, modernen Frauen versucht fertig zu werden und ebenso nachvollziehbar menschlich eitel, wie er sich über die stümperhafte Fertigstellung seines Requiems durch seinen Schüler Süßmayr ärgert und er gerne seine Version zu Ende bringen und der Nachwelt überlassen möchte.
Die Situationskomik, die der Roman birgt, wenn ein Mensch, der bislang nur Kerzen als Lichtquelle kannte, plötzlich mit Lichtschaltern konfrontiert wird, hätte allerdings auch mit jedem anderen Menschen aus der Vergangenheit funktioniert. Natürlich birgt das einige humorige Situationen oder manchmal auch geradezu einen regelrechten Kulturschock, wenn man sich vorstellt, dass ein Mensch einen plötzlichen Zeitsprung um 200 Jahre aus der Vergangenheit macht.
Interessant, wenn man selbst in Form eines Gedankenspiels darauf gestoßen wird, welche Annehmlichkeiten im ganz normalen Alltagsleben wir alle schon als selbstverständlich hinnehmen. Fließendes Wasser, Zentralheizung, die gesamte Infrastruktur gehört für uns zu Dingen, die einfach funktionieren müssen.
Dass darüber jemand staunt, finden wir amüsant und kauzig. So sehr man jedoch oft schmunzeln muss über Amadè Mozart und sein ehrfürchtiges Staunen über alle Errungenschaften menschlichen Technikgeistes, CDS, DVS, Autos, Jeans, sexy Kleidung u.ä., schafft es Eva Baronsky doch auch auf verblüffende Weise, mich trotzdem nachdenklich zu machen. Es ist eben nicht n u r witzig oder komisch, wie die Autorin uns durch ein noch so amüsantes Buch doch im Grunde den Spiegel vor Augen hält, zu was sich unsere Gesellschaft verändert hat. Das kommt keinesfalls seicht daher, wenn man sich klar macht, wie abhängig wir uns von manchen Dingen gemacht haben und was wir heutzutage alles so für selbstverständlich halten. Denkt man da mal ernsthaft drüber nach, kann es doch sein, dass man auch ziemlich erschreckt.
Der wirkliche Mozart war zu seiner Zeit nicht gerade arm, wie man leicht selbst recherchieren kann - was ich für mich selbst zumindest versucht habe - und galt als ziemlich eitel. Der größte Teil seiner materiellen Hinterlassenschaft soll - abgesehen von den Kompositionen natürlich - aus seiner extravaganten Kleidung bestanden haben. Als er 200 Jahre in unsere Zeit versetzt wird, hat sich sein Anspruch nicht verändert, weder an sich selbst noch an andere. Die Autorin hat meiner Meinung nach sehr gut herausgearbeitet, welchen Wert sich Mozart selbst zugemessen hat und der Pole Piotr ist mir persönlich im Roman eine ganze Menge sympathischer gewesen.
Mozarts ideelle Hinterlassenschaft bestand aus seinem musikalischen Werk und dem trägt auch Eva Baronsky in ihrem Buch Rechnung, finde ich. Der fiktive Mozart im Buch wirkt nicht gerade uneitel, geht mit dem Geld, das er durch Auftritte in einem Jazz-Keller verdient, doch recht lässig um und wirkt ganz allgemein allen Genußmitteln und Wonnen des Lebens doch recht aufgeschlossen. Ob der Mensch Mozart wirklich so war, wie ihn die Autorin zeichnete, sei dahingestellt. Ich gehe einfach mal davon aus, dass es stimmt, was ich in einem Interview mit der Autorin gelesen habe, wo sie erzählte, dass sie sich intensiv mit dem Leben und Werk dieses musikalischen Genies auseinandergesetzt hat und demzufolge sauber recherchiert hat. Allerdings ist es meines Erachtens aber auch so gut wie unmöglich, da übergenau zu sein. Das muss ein belletristischer Roman ja aber auch gar nicht leisten.
Warum hat sich die Autorin aber wohl ausgerechnet einen Mann wie Mozart herausgesucht? Darüber kann ich natürlich nur spekulieren.
Mozart galt, kurz gesagt - und gilt immer noch - als musikalisches Genie. Und er wußte auch ganz einfach, wie genial er war. Der Pole Piotr wird ihm im Buch ein echter Freund, der verhindern will, dass Mozart ins soziale AUS gerät und umgekehrt lernt Piotr auch von Mozart, dass es mehr gibt im Leben als nur Arbeit und Verpflichtungen. Er ist der bodenständigere Gegenpart zu Mozart und als Freunde ergänzen sich beide optimal.
Die völlige Hingabe Mozarts (in seinem Fall zur Musik) ist ein Geschenk, eine Fähigkeit, die wir durch viele oberflächliche Reize oft verschütten und es kann beim besten Willen nicht schaden, wenn wir uns dessen -- und sei es durch das Lesen dieses humorvollen Buches -- hin und wieder mal wieder öfter bewusst werden. Meiner Meinung nach ist ein menschliches Leben im Grunde genommen nur dann ja auch wirklich lebenswert, wenn man das, was man tut, aus ganzem Herzen und mit ganzer Leidenschaft tut. Schön, wenn man die Möglichkeit dazu hat, schön aber auch, wenn man sich ein wenig mehr darüber im Klaren ist, dass es nicht schaden kann, etwas dankbarer über ein Talent zu sein und andere, die nicht so begabt sind sondern sich alles hart erarbeiten müssen, nicht als minderwertig anzusehen.
Aber, wie man sieht, ändern sich manche Charaktereigenschaften in Gesellschaften im Grunde eben doch nie bzw. marginal.
Nett gemachter Roman, den man rasch mal nebenbei lesen kann und dessen Humor ein recht großes Publikum ansprechen dürfte. Die Geschichte hätte aber auch - oder sogar noch besser - mit jeder anderen bekannten Persönlichkeit funktionieren können. Mir zumindest wären da noch einige Persönlichkeiten eingefallen, bei denen ich mir eine Konfrontation mit der Zukunft ebenfalls interessant denken könnte. Man merkt dem Roman an, dass die Autorin sich intensiv mit Mozart und dessen Werk auseinandergesetzt hat und so empfinde ich ihn auch als eine hommage. Wäre es eine andere berühmte Persönlichkeit gewesen, könnte man sich ähnliche Situationen denken, die aber nichtsdestotrotz genau so interessant hätten sein können. Viel Spaß beim Selbstausdenken, was passieren könnte, würde man z.B. Jesus, Newton, Leibnitz o.ä. Personen in die Gegenwart holen.
Herzlichen Dank für das Lesen und Bewerten meines Berichts
Hedwig_2010
Fazit: ... schaut auf das Fazit im Bericht
Name des Mitglieds: Hedwig_2010




22.10.11
Herzlichen Glückwunsch zur verdienten Krone.