Herbstfrucht - Magdalena Reiswich
Auf Adelers Fittichen - Herbstfrucht - Magdalena Reiswich Belletristik
Auf Adelers Fittichen - Herbstfrucht - Magdalena Reiswich Belletristik

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Kurzbeschreibung: Genre: Biografien & Erinnerungen / Jahr: 2008 / Flucht und Vertreibung - die dramatische Geschichte einer ungewöhnlichen Frau

 
 

Auf Adelers Fittichen

Produkt:

Herbstfrucht - Magdalena Reiswich

Datum: 12.07.09, geändert am 15.09.10 (280 Lesungen)

Bewertung:

Vorteile: Wichtige Lektüre. Schön geschrieben.

Nachteile: Siehe Bericht.

/// "Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
der dich erhält,
wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?"
(Joachim Neander, Kirchenlied, 1680)

/// Einführung

Dies Buch handelt von keiner berühmten Persönlichkeit. Im Gegenteil: Es erzählt von einer Frau, die ihren Umständen entsprechend ein "normales" Leben geführt hat. Somit ist es ein Buch über eine Zeitzeugin. Über eine Zeugin einer Zeit und von Orten, die nur wenigen so bekannt sind. Wenn wir schon so viele Biographien im Buchhandel erhalten, stellt sich doch die berechtigte Frage, ob wir nicht weniger Biographien über Nullmenschen wie Dieter Bohlen und stattdessen über richtige Menschen wie Magdalena Reiswich lesen sollten. Die Frage werde ich am Ende mit einem Ja beantworten.

/// Die Autoren

Magdalena Reiswich (geb. Hecker) wurde 1928 in München bei Odessa (Ukraine) geboren und wuchs dort bis zu den Jugendjahren auf. Seit 1974 lebt sie in der Bundesrepublik Deutschland. Mehr zu ihr im Folgenden. Reiswich hat ihr Leben aber nicht selbst aufgeschrieben, sondern ihrer jüngsten Tochter Maria Kreiser (geb. 1961 in Sibirien) diktiert, die es dann verschriftlicht hat.

/// Der Inhalt

Erzählt wird - wie bereits erwähnt - das Leben der Magdalena Reiswich. Das Buch unterteilt sich in drei Kapitel plus Epilog:

I. 1928-1941
II. 1941-1952
III. 1952-1974
EPILOG

Auf 186 Seiten wird das bewegte Leben geschildert, so zum Beispiel die Kindheit im deutschen Dorf München bei Odessa unter Stalins Regime. Sie erzählt, wie sich die deutsche Minderheit der Schwarzmeerdeutschen (Odessa liegt ja bekanntlich am Schwarzen Meer) dem kulturvernichtenden Regime beugen und sich dem Elend aussetzen mussten. Die deutschen Lehrer in den Schulen wurden verdrängt und durch russische ersetzt. Die Kulaken (Großbauern) wurden enteignet, wobei man als Kulake schon mit bescheidenem Wohlstand gelten konnte. So war auch Reiswichs Familie davon betroffen. Ihr Großvater wurde dabei erschossen. Reiswich schildert eindrucksvoll, wie die Armut die Menschen getroffen hat. Dabei bleibt einem manchmal der Atem stocken. Als 1941 dann das Deutsche Reich den Krieg gegen die Sowjetunion erklärt hatte, befanden sich die Schwarzmeerdeutschen in einem Zwiespalt. Einerseits waren Sie sowjetische Bürger, andererseits hat ihnen der Sowjetkommunismus die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht genommen. So waren auch viele von ihnen froh, als ihr Gebiet durch das Deutsche Reich besetzt wurde. Kam aber mit den Nazis die Befreiung vom Kommunismus, so fand auch der Antisemitismus seinen Weg ins Land der Schwarzmeerdeutschen. Das von alters her - meist - friedliche Zusammenleben mit den ukrainischen Juden fand ein jähes Ende. Jeglicher Aufstand dagegen, auch durch Magdalena Reiswichs Vater, wurde unterdrückt und bestraft. Nun begab es sich sogar, dass mancher Schwarzmeerdeutsche vor der Besatzung in der sowjetischen Armee war und danach in der deutschen (bis zur SS).

Die militärischen Erfolge des Deutschen Reichs währten nicht lange und so mussten sich die Deutschen zurückziehen. Die mittlerweile ins polnische besetzte Gebiet repatriierte Familie Hecker hat sich lediglich auf Drängen Magdalenas zu einem Rückzug ins Deutsche Reich entschieden. Sie kamen nach Brandenburg - Magdalena wollte eigentlich südwestwärts, ihr Bruder war in der Pfalz stationiert. Dort wurden sie aber aufgegriffen und nach Sibirien in ein Arbeitslager (GULAG) gebracht. Die Mutter sowie ihre Schwestern sind auf der Flucht bei Bombenangriffen gestorben.

Magdalena Reiswich hatte überhaupt in ihrem Leben sehr viele ihrer Geschwister sterben sehen müssen. Während der Hungerszeiten unter Stalin sind ihre Geschwister (ihre Mutter war regelmäßig schwanger) im Kindsbett, oft an Hunger, verstorben. In Sibirien blieben nur noch sie und ihr Vater. Niemand sonst war geblieben. Nun hatten sie in Sibirien nicht nur ihre Liebsten verloren, sondern auch ihre Kultur. Die deutsche Sprache wurde konsequent unterdrückt. Magdalena, die nur durch ihren (katholischen) Glauben (daher das einleitende Liedzitat) sich am Überleben halten konnte, beschloss zuerst sich von der aktiven Teilnahme am sozialen Leben abzuwenden, entschied sich dann aber um, als sie ihren zukünftigen Mann, den Wolgadeutschen Christian Reiswich kennenlernte. Mit ihm bekam sie, die von Ärzten als unfruchtbar erklärt wurde, zwei Töchter. Da sie ihren Töchtern nicht dauerhaft ein Leben antun wollte, in dem sie nicht frei denken oder glauben und auch ihre deutsche Identität bewahren können, entschied sie sich mit ihrem Mann, einen Ausreiseantrag in die BRD zu stellen. Dieser war vor allem für die Kinder mit zahlreichen Schikanen verbunden, doch da sie eine faire Sachbearbeiterin hatten, gelang die Ausreise 1974 in das (so Reiswich) "gelobte Land".

/// "Freiheit ist ein wahrhaft elementares Gut. Doch erst, wer auf dieses Gut verzichten muss, weiß, was es bedeutet." (Mein Lieblingszitat aus dem Buch, Seite 180)

/// Lesbarkeit des Buches

Da das Buch eine Verschriftlichung der Erinnerungen von Magdalena Reiswich ist, ist es in einem eher mündlichen, erzählenden Ton gehalten. Aber in einem sehr guten Deutsch. Es lässt sich dadurch sehr einfach und sehr schnell lesen. Sprachlich ist es also dem Thema vollkommen angemessen und für jedermann geeignet.

/// Daten

Das Buch ist 2008 im Verlag Herder erschienen und basiert auf der 2003 bei Germans from Russia Heritage Society, Bismarck, North Dakota erschienenen Ausgabe.
ISBN 978-3-451-03018-5
Das Buch enthält keine Bilder außer dem Titelbild, das aber nicht aus Frau Reiswichs Sammlung stammt.
186 Seiten
Broschiert mit Klappen

/// Kritische Anmerkungen

Im Klappentext wird Magdalena Reiswich als Wolgadeutsche bezeichnet. Das ist sie natürlich nicht. Sie ist Schwarzmeerdeutsche. Ihr Mann allerdings ist Wolgadeutscher. Dies ist ein unverzeihlicher Fehler, da er davon zeugt, dass hier über ein Buch geschrieben wurde, dass der Klappentextautor entweder nicht gelesen oder - noch schlimmer - nicht verstanden hat.

In einem Abschnitt, in dem Reiswich ihre Verbannung ins sibirische Exil beschreibt, bezeichnet sie die deportierten Deutschen aus dem Russischen Reich als Russen. Das sind sie natürlich nicht. Es widerspricht auch sonst den Ansichten Reiswichs, womöglich war ihr - oder wahrscheinlicher: ihrer Tochter - diese sprachliche Finesse nicht bewusst. Die Deportierten Deutschen von der Wolga, Krim, vom Kaukasus etc. waren von der Staatsangehörigkeit her formell Sowjetbürger, aber Deutsche nach der Nationalität. Diese Unterscheidung wurde in der UdSSR bzw. Russland immer gemacht, anders als in Deutschland.

Wieso das Buch denn nun Herbstfrucht heißt, wird nicht ganz ersichtlich aus dem Inhalt. Ein Titel wie meiner für diesen Bericht wäre passender gewesen, vor allem da sich das Zitat ja auch im Text selbst findet.

/// Fazit

Alles in allem ist dies ein wunderbares Buch. Reiswich beschreibt ihr Leben und man liest es voller Spannung und Interesse. Diese Frau hat keine großen Leistungen in ihrem Leben vollbracht, sie ist "lediglich" Opfer der Geschichte geworden. Und das macht die Geschichte der Frau so faszinierend. Dass sie Mensch geblieben ist und ihre deutsche Identität immer hochgehalten ist, ist dann aber doch eine große Leistung - unter den gegebenen Umständen. Ein gutes Buch, weil es auch einen Teil der deutschen Geschichte beleuchtet, den fast niemand kennt. Wenn es dann ein Buch gibt, das so gut geschrieben ist, dass es auch jemand lesen könnte, der sonst nichts darüber erführe, dann ist dies eine gute Sache und verdient volle Punktzahl!

/// "Wenn ein Pferd in einem Kuhstall ein Junges bekommt, dann ist das Junge noch lange keine Kuh, sondern immer noch ein Pferd. So ging es auch uns in Russland. Wir sind dort geboren und sind doch Deutsche." (Seite 186)

Fazit: Geschichte, die gelesen werden muss.

Name des Mitglieds: Ottibaer