Harte Realität
Produkt:
Hard Feelings - Jason Starr
Datum: 06.03.10
Bewertung:
Vorteile: geht unter die Haut
Nachteile: geht unter die Haut
Es ist ein ganz normaler Tag für Richard Segal, als er auf der Fifth Avenue einen kurzen Blick auf einen vorbei eilenden Mann wirft, diese Begegnung verändert sein Leben auf verheerende Weise.
Ein lange verdrängtes traumatisches Erlebnis aus seiner Kindheit schwappt unvermittelt an die Oberfläche und wirft Richard vollkommen aus der Bahn. In seinem Job ist es in letzter Zeit ohnehin nicht gerade toll gelaufen, er rechnet beinahe täglich mit dem Rausschmiss, da kommt seine Frau Paula mit der Nachricht nach Hause, sie sei befördert worden. Statt sich zu freuen sieht er es als erneuten Rückschlag, er beginnt wieder zu trinken und stellt Michael Rudnick, dem alten Bekannten, der da unvermittelt in der Fifth Avenue aufgetaucht war, nach.
Auf seiner Arbeitsstelle wird es wegen seiner fahrigen Art immer schlimmer und auch zu Hause ist Ärger angesagt, es kommt so weit, dass er im Suff seine Frau so hart gegen die Wand stößt, dass sie arge Blessuren davon trägt.
Richard macht für alle seine derzeitigen Probleme Michael Rudnick verantwortlich, in seinem Frust und seiner Angst vor der Zukunft und vor allem in der Angst vor dem Versagen sieht er ihn, der ihn als Kind sexuell missbraucht hatte, als Wurzel allen Übels. Und er will Rache.
Der ersten Erleichterung nach der Rachetat, die für Richard wie ein Befreiungsschlag ist, folgt eine Zeit in der ihm scheinbar das Glück wieder hold ist, aber diese Zeit währt nicht lange.
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So viel zur Geschichte, hier eine kurze Leseprobe:
"Noch ein letzter, prüfender Blick - soweit ich sehen konnte, war alles in Ordnung. Meine Hände, vor allem die Handinnenflächen, hatten noch einen rosa Schimmer, aber der würde sich leicht verbergen lassen. Also rückte ich Perücke und Sonnenbrille zurecht und hielt dann wieder auf die Stationslichter zu.
Ich war jetzt viel ruhiger und fühlte mich schon fast wieder normal. Auf der Treppe zum Bahngleis, an dem die Züge nach New York hielten, ging ein Mann im Anzug rechts an mir vorbei, als ich schon fast oben war. Ich blickte rasch zur Seite, damit er mein Gesicht nicht genau erkennen konnte.
Ich ging über den Bahnsteig, vorbei am Fahrkartenschalter und einer Bank, auf der einige Leute saßen und warteten. Ich hätte es vorgezogen, in die andere Richtung zu gehen, doch wollte ich in den letzten Waggon des nächsten Zuges einsteigen, weil dort vermutlich die wenigsten Fahrgäste waren. Im Vorbeigehen blickte ich zu Gleisen hinüber, so dass mein Gesicht möglichst nicht zu sehen war.
Am Ende des Bahnsteigs stand niemand...."
(Seite 143/144)
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Der Autor, Jason Starr, wurde am 22. November in Brooklyn (New York City) geboren, über das Geburtsjahr sind sich die verschiedenen Seiten nicht ganz einig, während die deutschen Websites 1968 als sein Geburtsjahr angeben, steht an gleicher Stelle im englischen wikipedia 1966. Die beiden Jahre können mir aber eigentlich egal sein. Er fing jedenfalls schon im College an Kurzgeschichten zu schreiben, später hat er dann Theaterstücke und Drehbücher verfasst, aber davon leben konnte er lange Zeit nicht und musste sich mit diversen Jobs über Wasser halten. Davon kann heute aber keine Rede mehr sein - hier ist eine Liste seiner bisher erschienen Romane:
1997 - Cold Caller, dt. Top Job, Diogenes (1998)
1998 - Nothing Personal, dt. Die letzte Wette, Diogenes (2001)
2000 - Fake I.D., dt. Ein wirklich netter Typ, Diogenes (2000)
2002 - Hard Feelings, dt. Hard Feelings, Diogenes (2003)
2002 - Tough Luck
2004 - Twisted City, dt. Twisted City, Diogenes (2006)
2006 - Bust (zusammen mit Ken Bruen), dt. Flop, Rotbuch (2008)
2006 - Lights Out
2007 - The Follower, dt. Stalking, Diogenes (2009)
2007 - Slide (zusammen mit Ken Bruen), dt. Crack, Rotbuch (2009)
Ich habe aus dieser Liste bisher nur "Hard Feelings" gelesen, werde mich aber so bald wie möglich seinen anderen Werken widmen.
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Das hat zwei Gründe - das Buch ist mir richtig an die Nieren gegangen und hat mir zwei schlaflose Nächte bereitet. Ihr denkt sicher eine Nacht hätte es auch getan, die dreihundert Seiten müsste ich dann doch durch haben....stimmt, aber ich war auf so unangenehme Art aufgewühlt, dass ich es beiseite legen musste. Trotzdem habe ich es wieder zur Hand genommen, ich konnte mich der Faszination die davon ausgeht nicht entziehen. Es war fast wie bei einem schweren Autounfall - man weiß, man sollte den Blick eigentlich abwenden man tut es dennoch nicht, es ist peinlich, aber unvermeidlich. Das hat etwas mit der menschlichen Natur zu tun, als ob wir uns, einerseits vergewissern wollen, dass nichts Schlimmes passiert ist, andererseits aber gleichzeitig danach lechzten das Chaos zu sehen.
So habe ich mich auch beim Lesen dieses Buches gefühlt. Ich habe Richard bedauert, gewünscht es käme für ihn wieder alles in Lot um wenig später entsetzt zu sein über sein Verhalten.
Es war vermutlich so seltsam, weil ich noch nie ein Buch gelesen habe das ausschließlich aus der Sicht des Täters geschrieben wurde. Das, und die, beinahe banale, Ehrlichkeit mit der Richard sich dem Leser offenbart, machte die Lektüre so faszinierend.
Dieser "Krimi", an anderer Stelle wird "Hard Feelings" gar als "Psychothriller" bezeichnet, zeichnet sich durch eine Schnörkellosigkeit und Einfachheit aus, die ich bei vielen so genannten Thrillern vermisse. Jason Starr kommt in diesem Buch ganz ohne die offensichtlichen Psychospielchen und dramatische Effekthascherei aus, trotzdem geht es, mir zumindest, viel stärker unter die Haut, als Bücher in denen einem haargenau auseinandergesetzt wird wie der Psychopath sein Opfer filetiert.
Für mich ist diese Geschichte das Psychogramm eines Mannes im steilen Abwärtsflug. Er glaubt sich durch einen dramatischen Schlag von allem Negativen in seinem Leben befreien zu können, und zunächst sieht es auch fast so aus als ob es ihm gelingen könnte, aber dann beginnen seine Eifersucht, seine Paranoia und seine Versagensängste ihn wieder ein zu holen. Er kann ihnen nicht entkommen und gerät immer tiefer in den Sog der ihn in den Abgrund befördert.
Eine Lüge führt zur anderen und überall sieht er sich verfolgt und in die Enge getrieben, ob nun bei der Arbeit, auf der Straße oder auch zu Hause bei seiner Frau. Die Angst davor entlarvt zu werden macht ihn verwundbar und das bricht ihm letztendlich das Genick.
Jason Starrs Stil ist sehr einfach und gradlinig. Er lässt den Leser direkt an Richards Gefühlen teilhaben, ohne jeden Umweg. Das bindet einen emotional an den Täter, man empfindet Verständnis, sogar Mitleid und Sorge für ihn, aber es macht ihn keineswegs sympathisch. Ich wollte ihn am liebsten anschreien, er möge sich doch Hilfe suchen, zur Psychoanalyse gehen, zur Beichte, oder zumindest mit seiner Frau sprechen. Zeitweise habe ich beim Lesen seiner Frau eine Teilschuld an Richards Dilemma gegeben, weil sie ihn so unter Druck setzt und seine Eifersucht, wenn wohl auch unbewusst, schürt. Das liegt aber alleine an dieser sehr subjektiven Erzählweise aus der Ich-Perspektive. Richard gibt eben allen anderen die Schuld und das überträgt sich auf beängstigende Weise auf den Leser.
Die hohe Kunst des Thrillers - den Leser so tief in die Geschichte zu ziehen, bis er selber meint die Schritte hinter sich zu hören und beim Klingel des Telefons erschrocken auffährt und erstmal den eigenen Herzschlag beruhigen muss....das ist hier, meiner Meinung nach, hervorragend gelungen.
An der Übersetzung durch Bernhard Robben habe ich auch nichts zu meckern, mir sind keine Logikfehler aufgefallen, auch Satz, oder Druckfehler habe ich nicht bemerkt - aber solche entgehen mir meistens sowieso. Das Druckbild ist sauber und gut lesbar, was auch an der ausreichenden Buchstabengröße und nicht zu engen Zeilen liegt. Dadurch kann man es gut lesen ohne die Augen allzu sehr zu ermüden.
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Für all jene die immer so gern etwas über die Äußerlichkeiten eines Buches erfahren:
Dieses ist im kassischen schwarz/gelb der Diogenes-Krimis gehalten mit einem Titelbild von Tomi Ungerer, dem ich eigentlich einen eigenen Beitrag schulde, aber wohl an anderer Stelle. Es ist im Rahmen einer Sonderedition 2008 erschienen zu der u.A. Krimis wie "Topkapi" von Eric Ambler, "Der große Schlaf" von Raymond Chandler und "Der dünne Mann" von Dashiell Hammett, gehören. Alleine in diese Reihen aufgenommen zu werden muss für einen Krimiautoren eine große Ehre sein. Jedes Buch der Sonderedition hat damals 6 Euro gekostet, hier und da kann man sie noch neu, aber ganz sicher antiquarisch, erwerben.
Ach ja, das Bild hier bei dooyoo ist die Ausgabe von 2005, ich weiß ganz sicher, ich habe beim Produktvorschlag das richtige Bild angegeben, aber was soll´s....
Abschließend kann ich "Hard Feelings" nur die volle Punktzahl geben und eine Leseempfehlung aussprechen. Es ist eine sehr gelungene Charakterstudie aus der Perspektive eines Mörders und das macht dieses Buch schon zu etwas besonderem. Wer allerdings bei jedem Thriller mindesten fünf Leichen und irgendwelche abartigen Triebtäter braucht sollte doch eher zu den gängigen Bestsellern in diesem Bereich greifen.
Broschiert: 304 Seiten
Diogenes Taschenbuch Nr. 23704 - Sonderedition von 2008
Unter dem gleichen Titel 2002 in den USA erschienen beim Vintage Books Verlag in der Black Lizard Serie
ISBN-13: 978-3257237047
Preis 6 Euro - bei jokers.de als Restexemplar 2,95 Euro
Katz® im März 2010
Fazit: Das Fazit versteckt jetzt erst mal alle scharfen Messer im Katzenhaus.....
Name des Mitglieds: Katz
Weitere Testberichte: im Bereich Belletristik




05.07.10
Mal wieder ein klasse Bericht von Dir. Wie gewohnt eigentlich.