Gefangen in Deutschland - Katja Schneidt
Nicht ganz offensichtlich, aber es war zu ahnen... - Gefangen in Deutschland - Katja Schneidt Belletristik
Nicht ganz offensichtlich, aber es war zu ahnen... - Gefangen in Deutschland - Katja Schneidt Belletristik

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Kurzbeschreibung: Genre: Biografien & Erinnerungen / Jahr: 2011 / Wie mich mein türkischer Freund in eine islamische Parallelwelt entführte

 
 

Nicht ganz offensichtlich, aber es war zu ahnen...

Produkt:

Gefangen in Deutschland - Katja Schneidt

Datum: 06.02.12

Bewertung:

Vorteile: Interessanter Einblick in eine Parallelgesellschaft im eigenen Land

Nachteile: keine

Was ich mit meinem Titel sagen möchte - später; erst möchte ich den Inhalt des Buches zusammenfassen:
Katja Schneidt lernt mit 18 Jahren den jungen Türken "Mahmud" (Name von der Autorin geändert) kennen - nach Dienstschluss ihres Abendjobs in einer Kneipe, den sie neben ihrer Ausbildung zur Berufskraftfahrerin zur Gehaltsaufbesserung hat.

Mahmud ist am Anfang sehr liebenswert, steckt aber schon früh sein Revier ab und macht Katja klar, dass seine Partnerin nach Möglichkeit zu Hause bleiben und den Haushalt schmeißen soll - alle Aktivitäten außer Einkaufen wie Freunde treffen sollen da möglichst unterbleiben.
Nachdem sie sich anfänglich weigert, verlässt er sie nach kurzer Zeit. Doch die Sehnsucht ist stärker, und sie kehrt zu ihm zurück. Nicht aber, ohne nochmals auf sein Frauenbild hingewiesen zu werden. Doch die Liebe lässt sie an eine Chance für die Liebe glauben. Katja lernt nach und nach Mahmuds Familie kennen, und wird dort - zumindest von den Frauen - integriert.

Heimlich, still und leise muss sie sich dann immer mehr in die türkische Kultur einfügen - von der züchtigen Kleidung bis hin zum Kopftuch. Auch die Sprache muss sie lernen. Letztlich alles für die Familie und deren Ehre, wie Mahmud so schön sagt.
Auch hat eine Frau nicht zu arbeiten - findet Mahmud. Mit immer schärferen Methoden sorgt er dafür, dass Katja alle Jobs wieder "verliert", und damit auch ein Stück Unabhängigkeit. Denn Geld, so meint Mahmud, könnte sie von ihm haben.

Lehnt sie sich nur minimal auf oder zeigt sie aus Sicht von Mahmud "Fehlverhalten", so wird dies mit Schlägen bestraft. Am Anfang noch trennungswillig, resigniert sie zum Schluss hin fast völlig, und erträgt beinahe stumm ihr Leid. Dabei ist sie nicht nur einmal im Krankenhaus, und nimmt aus Angst vor Rache weder die Angebote von Ärztinnen und Polizei an, ihr zu helfen.
Sie taucht in eine Familie ein, in der Gewalt gegen Frauen so normal ist wie woanders die Tagesschau, und Kinder schon im vorpubertären Alter miteinander verheiratet werden. Besser gesagt die Mädchen sind vorpubertär, denn die Männer könnten mindestens ihre Väter sein.

Als sie fast gänzlich zerbrochen ist, hat sie ein Schlüsselerlebnis, welches ihr über ihre "Familie" die Augen öffnet, und ihr einen inneren Antrieb für eine Flucht gibt. Was, soll der interessierten Leser herausfinden... ein bisschen Spannung muss sein!
Hierbei hört sie dann auch nicht mehr auf die Morddrohungen ihres Ex-Lebensgefährten, die sie während der Beziehung so gut wie täglich erleben musste.

Ich habe das Buch an einem Abend ausgelesen. Es ist mit Sicherheit kein Kandidat für den Literaturnobelpreis, was es sicher auch nicht sein möchte. Aber es ist sehr spannend zu lesen, und bietet einen interessanten Einblick in eine Parallelwelt vor unserer Haustüre.
Zum Titel meines Berichts: obwohl ich Katja Schneidts Schicksal schlimm finde, und so etwas niemandem wünsche, habe ich mir spontan eine Frage nach dem Lesen gestellt: Was für Illusionen hat sich diese Frau gemacht?

Mahmud hat ihr von Anfang an klar gemacht, dass seine Partnerin nur für ihn da sein soll, und sein Frauenbild eher "traditioneller" ist. Er hat ihr das nach der ersten Trennung so in aller Deutlichkeit gesagt, und keinen Zweifel daran gelassen, dass sich das ändern wird.
Das ist mit Sicherheit keine Entschuldigung für die Schläge, Gewalt und Isolation, aber aus meiner Sicht ein Drama, das nicht ganz unvorhersehbar war.

Es öffnet vielleicht mancher Frau die Augen, auf die kleinen Signale am Anfang zu achten, da niemand "Ich schlage Frauen" auf der Stirn stehen hat. Dass das aber nicht nur bei türkischen/muslimischen Männern vorkommt, sollte jedem klar sein.
Insgesamt daher eine klare Leseempfehlung für alle, die authentische, lebensnahe Berichte schätzen.

Fazit: Absolut lesenswert!

Name des Mitglieds: Stevie-1984