Fiasko (Lem, Stanislaw)
Schwere Kommunikation - Fiasko (Lem, Stanislaw) Belletristik

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Kurzbeschreibung: Taschenbuch - 428 Seiten (2000) Suhrkamp, Ffm.; ISBN: 3518396749

 
 

Schwere Kommunikation

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Fiasko (Lem, Stanislaw)

Datum: 09.04.01, geändert am 09.04.01 (81 Lesungen)

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Der spätere Roman "Das Fiasko" ('85/'87) von Stanislaw Lem ist eine Phantasie über die deprimierenden Versuche einer Kontaktaufnahme mit außerirdischer Intelligenz / Vernunft. Aus diesem eigentlich sehr abgegriffenen Thema macht Lem eine reizvolle Darstellung seiner Zivilisationskritik in nüchternem, fast emotionslosen Erzähltstil.

In einer nicht näher bestimmten Zukunft landet der Raumpilot Parvis auf dem Titan, einem Mond des Saturn, um Fracht abzuladen. Er erfährt, sein früherer Ausbilder und Freund Pirx sei hier verschollen seit einer versuchten Rettung weiterer nicht Zurückgekehrter in einer vulkanisch unberechenbar aktiven Region. Wie seine Vorgänger macht sich Parvis in einem überdimensionalen Roboter auf den Weg dorthin und wählt in einer lebensbedrohlichen Situation die ultima ratio: Die "Vitrifikation", ein grausiges Verfahren, welches den menschlichen Körper tötet und im Idealfall so konserviert, daß er später wiederbelebt werden kann.

Viele Jahre später werden hier unter Eismassen begraben sechs vitrifizierte Leichen gefunden. Bei zweien mit sind die Gehirne erhalten, sie sind blutgruppenkompatibel und ihre anderen lebenswichtigen Organe reichen für die Wiederherstellung EINES menschlichen Körpers. Aus Resten von gefundenen Pässen weiß man nur, daß die beiden Parvis und Pirx sind, aber nicht, welcher von den beiden nun wer ist. So erwacht dann ein total zusammengeflicktes Wesen menschlicher Gestalt, dessen Gehirn das begünstigte der früheren Piloten Parvis oder Pirx ist. Es erinnert sich später seiner Identität, behält dies aber gegenüber den anderen für sich. (Diese Stelle ist nach meinem Verstehen nicht eindeutig beschrieben, so daß auch für den Leser ungewiß bleibt, wer der neue Mensch mit dem neuen Namen Tempe nun wirklich ist. Wer das Buch gelesen und zuhause liegen hat: Im letzten Absatz des 4.Kapitels ist dieser Schlüsselsatz)

So findet sich Parvis/Pirx/Tempe in der Raumstation Eurydike auf e
iner Umlaufbahn des Titan wieder, wo man die letzten Vorbereitungen eines großen Forschungsprojektes trifft – SETI, search for extraterretrial intelligence. Grundüberlegung dabei: Es muß unendlich viele Planeten geben, auf denen sich vernunftbegabte Wesen entwickelten. Nach der Entstehung einer Kultur intelligenter Wesen setzt jedoch (für geologische und kosmische Maßstäbe) eine rasante Entwicklung ein, die innerhalb von ein bis zwei Jahrtausenden entweder zur kriegerischen Selbstvernichtung oder zur Auswanderung auf andere Planeten führt. Angesichts zig-jahrelanger Flugzeit in Richtung des Planeten einer Lebensform, die schon so entwickelt ist, daß sie Funksignale aussendet, bleibt nur ein winziges Zeitfenster, um sie vor dem Stadium der Selbstauslöschung oder Emigration überhaupt zu erreichen.

Tempe gehört zu der Crew von Astronomen, Physikern, einem ökumenischen Berater für ethische Fragen und anderen Wissenschaftlern, die sich auf den Weg machen, um der Quelle von Funksignalen einer fernen Galaxie auf den Grund zu gehen. Sie finden den gesuchten Planeten, dessen Oberfläche Zeugnis abgibt von lange zurückliegender Zivilisation, aber zunächst frei von sichtbaren Lebewesen ist. Die Haupthandlung dieses Romans besteht nun in den Versuchen der menschlichen Besatzung, als Außenstehende die Signale und Reaktionen einer Kultur zu deuten, deren Entwicklung bereits weit fortgeschritten ist. Die sich ergebenden Möglichkeiten sprengen den Rahmen der natürlich anthropozentristisch orientierten Phantasie der Erdbewohner.

Doch selbst aus dieser "menschlichen" Perspektive gibt es eine Reihe entscheidender Fragen: Gibt es mehrere Fraktionen auf diesem Planeten? Stehen sie friedlich zueinander, gibt es ein Kräftegleichgewicht oder führen sie Krieg? Führt eine Einmischung zu einem plötzlichen Übergewicht von einem der Machtblöcke und somit zu einer rasanten Beschleunigung der selbstzerstörerischen Entwicklung? Stammen die Signale von einer diese
r Fraktionen und ist diese als Repräsentant von den anderen autorisiert? Besteht ein autoritäres Regime, welches bei den ursprünglichen Bewohnern gar nicht die technischen Möglichkeiten einer eigenständigen Signalaussendung zuläßt? Gibt es universelle Kennzeichen von friedlichem oder feindlichem Kontakt?

Man sollte Spaß daran haben, sich in detaillierte physikalisch-astronomische Ausführungen reinzudenken, sonst ist einem "Das Fiasko" einfach zu technisch orientiert. Fast nebenbei wirft Lem in dieser Unterhaltungsliteratur Fragen auf zu aktuellen Erscheinungen weit fortgeschrittener Zivilisation: Technische Machbarkeit wächst schneller als ethisch vertretbarer Umgang damit (die Auswahl von einem der beiden Wiederbelebbaren). Der Einbezug künstlicher Intelligenz in menschliche Entscheidungsfindung (der Haupt-Bordcomputer wird sicher nicht ohne Zufall "GOD" genannt, wenn auch in der Bedeutung "General optional device"). Der Forscherblick, der Neues an Vertrautem mißt. Wettrüstung und die Entwicklung von Waffensystemen.

Viel Spaß! Sorry, ging irgendwie nicht kürzer.

Fazit:

Name des Mitglieds: nightonearth